Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2115 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Geiß» t_Wien. Frei!«- Set volttlfche flatttuf in Italien. Ein Manifest der Opposition. Rom. 8. Jänner. (Stefa-ni.) Die Oppositionsparteien hielten heute unter dem Vorsitz des Abgeordneten d i C « s a r o eine Versammking ab, a-n der ettva 80 Abgeordnete te'rlnahmen. Di Eesaro verlaß einen Aufruf an das Land, der unter lebhaftem Beifall genehmigt wurde. Das Ministerium des Innern hat der Presse heute nachmittags die kommentarlos« Wiedergabe dieses Manifestester Opposition gestattet, dessen Veröffentlichung von der römischen Präfektur unter Androhung der Beschlagnahme der Zeitungen untersagt worden ivar. Die Oppositionsparteien beharren in dem Manifest zunächst auf ihrem unversöhnlichen Standpunkt in der Beurteilung der moralischen Mitschuld der Regierung an den faszistischen Gewalttaten, insbesondere an der Ermordung M a t t e o t t i S. Die Regierung gebe sich vergeblich der trügerischen Hoffnung hin. verwickelte inoralllche und politische Streitfragen durch brutale Einschüchterung der öffentlichen M e i n u n g des Landes zu lösen. In den zwei Jahren der faszistischen Diktatur feien die Erfahrungen des italienischen Volkes zu einem unwiderruflichen Urteil gereift. Es muß |djon setzt gesagt werden, heißt eS tveiter in dem Manifest» daß auch die Wahle n, mit denen die Regierung droht, die Lösung der italienischen Staatskrise nicht bringen werden. Sie würden nur eine Besiegelung des faszistischen Ge« waltstreiches bedeuten und die Krise auss äußerste verschärfen. Die s ch ä r f st e P h a s e in dem Konflikt zwischen der faszistischen Diktatur und dem Willen der Nation hat Legomren. Die Maske der Verfassungs- Mäßigkeit und Normalisierung ist gefallen. Die Regierung tritt dieGrundsätz« der Verfassung m it Füßen, unterdrückt mit unerhörter Willkür die Preßfreiheit und das .Koalitionsrecht, mobilisiert bewaffnete Parteikräfte, verfolgt Vereine, duldet aber mit verschränkten Armen Verwüstungen und Brandstiftungen, die ihre Gegner treffen und die Italien in den Augen der zivilisierten Welt entwürdigen. Vergeblich sucht die Reaktion Vorwände und Ablenkungen. Das Land sieht und hat verstanden, daß die Regierung, von ihrer moralischen Schuld bedrängt, eine äußer steAn streng ung macht, um sich dem Wahrspruch der öffentlichen Meinung zu entziehen und den Weg zu verstellen, der zur Wahrheit und Gerechtigkeit führt. Die Verbrechen sind in der Atmosphäre entstanden, welche von dieser Regierunggeschasfen wurde. Ekn Haftbefehl. Rom, 8. Jänner. (Wolff.) Nach dem „Popolo" hat die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen den Konsul der nationalen Miliz wegen Ermordung des katholischen Geistlichen M i nzoni erlassen. Ae interalliierte Flnanzkonserenz. Private Besprechungen. Paris, 8. Jänner. (Havas.) Schatzkanzler Winston Churchill hatte heute vormittags mit dem Finanzminister C l e m e n t e I eine neuerliche, mehr als anderthalb. Stunden dauernde Besprechung, der auch die Sachverständigen des britischen Schatzamtes, Philipp und L e t h r ö ß zugezogen worden waren. Churchill hafte ferner Unterredungen mit dem italienischen Finanzminister D e S1 e f a n i, mit dem amerikanischen Beobachter L o g a n sowie mit dom belgischen Ministerpräsidenten und Finanzminister Theunis. Bor der Vollsitzung traten die französischen, englischen, amerikanischen, italienischen, belgischen unb japanischen Delogierten zu einer Besprechung au« sammen. Die Vollsitzung der Fimmzkonlferentz, die um 5 Uhr nachmittags begann, dauerte im ganzen eine halbe Stunde. Es wurde das Arbeitsprogramm festgelegt und beschlossen, vor M o n t a g keine BoWtzung mehr abzuhalien, um den Delegationen die Möglichkeit zu geben, die offiziösen und Privaten Besprechungen fortzusetzen, ftttltarfomW in Sngland i London, 7. Jänner. Der Innenminister Johnson Hicks, eines der einflußreichsten Mitglieder des .Kabinetts Baldwin, fordert in einem offenen Brief die englischen Protestanten auf, den Versuchen enhgegerpMveten, das Werk der Reformation tu der englischen Staatskirche rückgängig zu machen^ Der Minister behauptet, daß mit Zustimmung der Bischöfe die meisten Geistlichen mit Erfolg bemüht seien, den Gottesdienst in der englischen. Staatstirche immer mehr dem römisch-katholischen Gottesdienst crnzugloichen. Dieser Ausruf, dev möglicherweise zu einem scharfen Glaubensstreit führen kann, ist die .Kriegserklärung ei.nes Politisch einslußveichen Laien gegen den Versuch des Erzbischofs von Canterbury, auf Umwegen die EinheiMrche für die ganze Welt herzustellen. Sie flrienfteife Ar Alfred Monde. London, 7. Jänner. (I. T. A.) Das Mitglied des Unterhauses und frühere Innenminister, Sir Alfred Mond, hat am Sonntag an Bord des Dantpfers „Sphinx" die Reise nach Aegypten angetreten. Bon Aegypten aus begibt sich Sir Alfred Mond nach P a l ä st i n a. Mener Morgenzeilu«-. n. firner m.im An MnderhMsMinett Marx? 0r. Man versucht Arekemann ab,uschMleln. — verhandluaara llier eln zentrnm-vemottUen- Bureaulraten-Kabinett. — Reue llchmeriglelten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 8. Jänner. Dr. Marx hat den Versuch unternommen, ein Kabinett ohne Unterstützung der Deutschen Volkspartei zu bilden, dem also Stresemann nicht angehören würde. Diese Konzeption soll so aussehen, daß das Kabinett nur unter Mitwirkung einer Minderheit des Reichstages (Zentrum und Demokraten) gebildet würde und die Unterstützung der Sozialdemokraten, der bayrischen Bolkspartei und der Wirtschaftspartei erhallen soll. Die Rechnung — die nie stimmt, da ja die Gegensätze in beit ebizelnen Parteien keine Sicherheit für einheitliche Abstimmungen geben — wird so gemacht, daß dem Kabinett theoretisch 270 Stimmen von den 493 des Reichstages zur Verfügung stchen sollen. Die Zusammcu^tzung des Kabinetts, detn eine Reihe von Beamten angchören soll, ist folgendermaßen gedacht. Das Außenministerium soll Reichskanzler Dr. Marx selbst übernehmen. Die Vizekanzlerschaft und das ReichSinnen- MlNisierium soll dem Führer der Demokraten Koch übertragen werden. Reichswehrminister bleibt Dr. Gehler und Dr. Luther behält voraussichtlich das Reichsfinanzministcrium. Auch Arbeitsminister Dr. Brauns verbleibt auf seinem Posten. Für die Neubesetzung des Wirtschafts- und Postministeriums werden die Staatssekretäre Trendelenburg und Sauter genannt, für das Justizministerium Staatssekretär Dr. Joel, für das Perkehrsministerium Staatssekretär Dr. Kr oh ne, für das Landwirtschaftsministerium Graf K a n i tz. Heute mittags standen die Aussichten für diese Kombination nicht eben schlecht und es bestand Aussicht, daß Dr. Marx noch heute dieses „Fachkabinett" beisammen haben und morgen im Reichstag die Regierungserklärung akgeben werde. In den Abendstunden siird jedoch neue Schwierigkeiten aufgetaucht und die Fortführung der Verhandlungen wurde auf tu o r g e n erstreckt. Es ist eben nicht so leicht, einen Stresemann loszuwerden. Die Reichstngssihung. .. Zu Beginn der heutigen Reichstagssitzung brachie der Präsident dem Hause das Protesttelegramm Aegyptens zur Kenntnis. Dann wurde das deutsch-polnische Abkommenüber Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen dem Außenausschuß zugewiesen. Morgen soll sich der Reichstag mit den eingelaufenen GeschäftSordnungs- und Amnestieanträgen beschäftigen. Mandatsnioderlegungen. Wie das Nachrichtenburcau der Zeitnngsverleger erfährt, haben die dein Z e n t r u m angehörenden Reirhstagsabgeordueten Dr. H ö f l e und L a n g e - H e g c rin a n n ihre Reichstagsmandate niedergelegt. (Höfle, der Reichspoftminister ist, erscheint durch die Finanzskandale stark kompromittiert; Hegermann hat dem Barmal-Konzern in leitender Stellung angehört.) Der Preußische Landtag. Berlin. 8. Jänner. (Wolff.) Der preußische Landtag wählte heute mit 201 Stimmen den sozialdemokratischen Abgeordneten Bartels zum Landtags- Präsidenten. Auf den Gegenkandidaten v. K r i e 5 (deutschnational) entfielen 178 Stimmen. Bartels n"dm ■ die Wahl an. Der Ebert-Prozeß. Berlin, 8. Jänner. (Wolfs.) Die neue V e r h a n dl u » g des Magdeburger Prozesses wird Ende F es bruar und Anfang März stattfinden, da sowohl der Reichspräsident als auch die Staatsanwaltschaft um die möglichste B e s ch l e n n i g u n g des Verfahrens, angcsncht haben. Die Wirtschaftsverhandlungen mit Frankreich. Parks, 8. Jänner. (Tel. Komp.) Handelsminister Rainaldy teilte in dem heutigen Ministerrat, der unter Vorsitz des Ministerpräsidenten stallfand, mit, daß der Führerder deutschen Delegation v. Trendc Icn&urgmorgen zur Fortführung der deutschfranzösischen Wirtschaftsverhandlungen wieder inParis eintreffe. Unter Hinweis auf das zwischen Italien und Deutschland abgeschlossene M e i st b e g ü n st i g u n g s a b k o in» men erklärte der Minister, Frankreich könne die McistbcgünstigtUrg an Deutschland nicht gewähren, da dies mit den französischen Gesetzen in Widerspruch stünde und außerdem wenige Monate nach Abschluß eines Mcistbegünstigungsvertrages mit Deutschland die Arbeitslosigkeit in Frankreich in katastrophalem Maße überhandnehmen würde. Svr Ausweisung der ökumenischen Patriarche« aus Konftantinotzel. Aus Konstantinopel wird uüs geschrieben: Die vor einigen Tagen berichtete Ausweisung des ökumenischen Patriarchen, ehemaligen Metropoliten dort Derkos, K o u ft a n 11 n, erregt in hiesigen politischen Krei- ' fen das allergrößte Aufsehen. Nicht nur wegen der Ausweisung an sich, sondern auch wegen der Fornr, in der dies geschalh. Wenige Tage vor Weihnachten war Konstantin von der Synode der griechisch-orthodoxen Kirche zum Patriarchen von Konstantinopel gewählt worden und Zwei Tage später j wurde er mit zwei seiner Metropoliten kollegen zum P o l izeichef von Stambul geladen und vor die Subkommission für den Austausch der Griechen gebracht, da ihm nachgewiesen wurde, daß er nach 1918 nach Konstantinopel kam und ldaher un t e r d i e Austauschbestimmungen des Lausannes Vertrages falle. Die Kourmission ivurde beauftragt, dem Patriarchen schleunigst einen Paß auszustellen, damit er abreisen könne. Die Berufung auf den Laufanner Vertrag hat in , diesem Falle internationale Bedeutung, weil die türkische Regierung mit diesem Schritt den Vertrag ad absurdum zu führen trachtet. Der Lausannes Vertrag bestimmt die Bclassuug des Patriarchats in Konstantinopel, die Angora- - rogievung jedoch unterscheidet zwischen Patriarchat und Patriarchen. Das Patriarchat muß sie formell dutderr, über den Patriarchen weist sie aus. So wird auch das Patriarchat 'illusorisch gemacht. Allerdings kann die Regierung nach der Vertreibung des eigenen Kalifen und bei der im Zuge befindlichen Laisierung von Staat und Schule nicht ohne Erschütterung ihrer Machtstellung eine christliche Zentralbehörde in Stambul dulden._ Sie Mische MInoritöt in Vuiyaeien. London, 7. Jänner. (I. T. A.) Seitens der bulgarischen Gesandtschaft in London wird der I. T. A. mitgeteilt, daß die soeben vom bulgarischen Parlament ratifizierte Deklaration über den S ch u tz der Minderheiten nur die Griechen betrifft, sich jedoch auf die jüdische M i n d e r h e i t n i ch t b e z i e h t., Die jüdische Minderheit in Bulgarien, wurde 'hinzugefügt, wird freundschaftlich beihandell und bedarf keiner speziellen Garantien, * Di« freundschaftliche Behandlung konnten die Juden im Vorjahr an der mazedonischen Erpresseraffäre erkennen. Abgesehen davon aber wäre es es höchst leichtsinnig, sich ans Versprechungen einer Regierung zu verlassen, die vielleicht morgen nicht mehr besteht. Das Komitee der jüdischen Delegation beim Friedenskongreß wird da eingreisen müssen, um die Gleichrvertigkeit der Juden imd Griechen im bulgarischen Gesetz zu sichern. Sin ständiger Bertreter Kanada» beim BSIkerbaad. Senf, 8. Jänner. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die kanad!» s ch e Negierung hat dem Völkerbundsekretariat miigeteill, daß sie beschlossen habe, die Stelle eines ständigen Vertreters .Kanadas beim' Volk e s bund zu schaffen und W. A. R i d d e l dafür ausersehen habe. Hitler bei Held. Ein« Warnung des bayrischen Ministerpräsidenten. München, 8. Jänner. (Süddeutsches Kon.-Bur.) Gegenüber den Angaben des „Miesbacher Anzeigers" über den Empfang Hitlers beim bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Held wird von unterrichteter Seite festgestellt, daß der Empfang über dringendes Ersuchen Hitlers und durch Vermittlung von Gewährsmännern zustande gekomiuen sei, wofür auch Hitler dem Ministerpräsidenten feinen Dank ausgesprochen habe. Bei dem Empfang unterbreitete Hitler zunächst dem Ministerpräsidenten die Bitte um Begnadigung seiner noch inhaftierten Freunde. Irgend »velche Verabredungen politischen Inhalts sind bei dem Empfang nicht getrosseVr worden. Jin weiteren Verlause des Gespräches legte Hitler dein Mnisterprüsidentert dar, tvas er nunmehr b e a b s i ch- 1 ige, bezichnugÄveife nicht beabsi cht ige. Ter bayrische Ministerpräsident Dr. Held hat HiUer keinerlei Zweifel darüber gelassen, daß er Verhältnisse, wie sie sich vor und nach dem 9. November ergeben habe», unter keinen Umständen dulden werde, daß von ihm vielinehr die S t a a t S a u t o r i t ä t nsit allen Mitiesn gegen jedemnann gewahrt werden würde. Aus aller Welt. London, 8. Jänner. Wie aus Kalkutta genleivet wird, sind die englischen Behörden zwei Ovganisationvn für Wa fife n i ch m u gge t na ch I ud i c >n aus die Spur ,u'' kommen. In Durban, Schanghai und Singapore seien mehrere' Schiisssiladlmgen mit Waffsn. die nach Indien geschmug^el! werden sollten, beschlagnahmt worden. Die eine der beiden Geihennorganssationen soll ihren Sitz in Deutschland, die andere in Ostasien l)abrn. München, 8. Jänner. (S. K.-B.) Der BersassungS' LilÄschttß deS bayrischen Landtages hat heute mit 16 Stimmen der bayrischen VotksPartel, der Dentschnationalen und des Banernbundes gegen 12 Stummen der Komntnndsten, der Sozialdemokraten, der Völkischen und eines Abgeordneten der deutschen VoM'artei dem Mantel ge setz zum Konkordat und zu den Verträgen mit den evangelischen Landeskirchen und somit diesen Verträgen selbst seine Z u st i m» inuufl erteilt. Ein demokratischer Abgeordneter enchielt sich der Avstimimlng. London, 8. Jänner. (Wolff.) Ans Kairo wird berichtet, das Ministerium des Aeußern vnt HedschaS habe die Konfuln in Dschedda benachrichtigt, daß die Küste von S ü d h e d s ch a s blockiert sei und daß alle Schiffe innerhalb der BlvckadezWe beschlagnahmt lverden.