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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-07 · Heft 2113 (7.1.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2113 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9t. mt «»». MKwaP_ Roch fein Kabinett in Deutschland. Die „überpneteilichen" Deutfchnationalen lehnen ab. Berlin, 6. Jänner. (Wolfs.) Me die Blätter zur Frage her Regierungsbildung im Reiche betonen, werden die Verhandlungen vom Reichskanzler sortgcführt. Ein positives Ergebnis wurde nicht erzielt. Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, hat ebenso wie Landtagsabgeordneter v. Kries auch der für das überparteiliche Kabinett in Frage gekommene Ministerialdirektor a. D., N e u h a u s, wenigstens 5 n r 5 «11 den Eintritt in eine solche Regierung abgelehnt. Reichskanzler Dr. Marx hat hellt« in Besprechungen mit den Funktionären die Absicht geäußert auf eine schnelle Erledigung der Regierungskrise zu dringen. Er werde morgen in neuen Verhandlungen eine endgültige Entscheidung der Deutschnationalen verlangen. Die preußische Regierungskrise. Berlin, 6. Jänner. Das Wolffsche Bureau meldet: Me wir aus parlamentarischen Kreisen hören, hat das Preußische S t a a t s m i n i st e r i u m in seiner heutigen Sitzung gegen die Stimmell der beiden volksparteilichen Minister beschlossen, nicht zurückzutreten. Daraufhin halben die Minister Dr. B ö l i tz und v. R i chter ihren Austrittans demKabinett erklärt. Der Kampf um das Reichstagspräftdium. Berlin, 6. Jänner. (Wolfs.) Wie aus Parlamentarischen Kreisen verlautet, hat die deutschnationale Reichstagsfvccktion beschlossen, bei der morgen stattfindendeu Wahl des Reichstagspräsidiu m s toiederum Wallraf alö Reichstags-Präsidenten vorzuschlagen. Die demokratische Reichstagsfraktion wird für den Sozialdemokraten L 0 e b e als Vertreter der stärkstell Fraktion sttmmerr. Deutschland antlvortet aus die Räumungsnote. Berlin, 6. Jänner. (Wolff.) Das Reichskabinett kst heute zusammengetreten und hat die A n t w 0 r t auf die Note d.er Alliierten bezüglich der Räumung Kölns -beraten. Das Ergebnis der Kabinettssitz-ung war, daß heute abends eine Note der deutschen Regierung an . die in Berlin weilenden Vertreter der alliierten Machte überreicht wurde, in der gegen die Nichträumuug der Kölner Zone Protest eingelegt und die Unstichhält-igkoit aller gegen Deutschland erhobenen Vorwürfe ausführlich dargelegt wird. Die Note wird voraussichtlich Donnerstag veröffentlicht werden. Der: endgültige Bericht der Kontrollkommission. London, 6. Jänner. Das Reutersche Bureau berichtet, die Frage der Veröffentlichung de's Vollberichtes -der interalliierten Kontrollkommission, «der noch n-ichterngegangen sei, muffe zwischen den verschiedenen Regierungen erwogen werden. Bisher fei keine Entscheidung darüber erzielt worden. Der sibirische Battiftiui. Einer wahren Begebenheit nacherzählt von E. G. Fried. Der Vorhang im Theater zu Irkutsk fiel zum letzten Rdaile über Massenets reizend sentimentaler Oper „Werther". Durch den* rauschenden Applaus tönte imnrer wieder der Ruf: „Bravo, Srococcinil" Ich hatte schon viele schöne Ba-ritoustiMinen gehört, doch sÄten eine so bezaubernde wie die, deren Besitzer von beit Beifallsstürmen und Zurufen immer wieder vor den Vorhang gezwungen ivu-rde. ,Mir nvüssen gehen, Si-naida Jewsejewm wartet auf uns mit dom.Abendessen." — Die Stimme meines Jökirtsker Gastfreu-ndes riß mjch aus -der Trän-merei, m die mich das wu-ndervolle Organ des Säugers versetzt hatte. „Nun. wie gefällt Ihnen unser sibirischer Baitistini?" — wandte sich Sina'ida Jewsejewna, die Frau meines liobcuswürdigen Gastgebers, an mich, als w'r an dem geschmackvoll gedeckten, w.ohlbesetzten Tische saßen. „Der sibirische Battisti-ni?" — wiederholte ich, noch i-ntmer iit die Träumerei gebannt, diesich an die MUberhafte Stiuune rankte. „Diesen Namen haben Sr-ocoeemi unsere Musikeuthusiastelt nnd unsere Nwsikkri liker gegeben", erklärte -mir mein Freund. ,ßk übertreibt nicht", erwiderte ich, „ich halbe Battistini selbst ritt „Wcr-ther" gehört. Es ist eine der Glanzvollen des greßen Künstlers und ich muß gestehen, daß Ihr Srococeini nsben ihm in Ehren bestehen ca tn." „Das soll wohl heißen, daß wir in Sibirien doch mulsikailifchon Geschmack -halben", 'warf die Fran «des Hanfes ein. „Daran habe ich nie gezweife-lt, Srna-ida, .Jewfejewrta! Doch sagen Sie mir, wer ist dieser Srocoev'-m?" ,^in Verbrecher," antwortete mein Gastgeber. ,Mn politischer?" ,Mn Krrmmalverbwrher." ..." Wiener VkorzenrettrtNG. «e Aktion ge,ea die Aadtr-Pattki. Belgrad, 6. Jänner. (Tschecho-flow. Preßbureau.) Nach bisher unbestätigten Meldungen wurden in Subotiea die aus ungefähr zrvanzig Personen bestehende ungarische Parteileitung und in Sehenico gegen 3 00 kroatische Bauern verhaftet. In Da'bina bei Bircvitica in Slawonien wurde der Ausnahmsz u st a n d erklärt. Rttdie' Verhandlungen mit Ungarn. Nach einer Meldrutg des regierungsfreundkichen Blattes „Wreme" sei im Geheimarchiv R ad i e' unter Privatbriefen zahlreicher hevvorra-gender Potttiker aus England, Frankreich, Italien und Rußland auch eine umfangreiche Korrespondenz mit der ungarischen Regierung über die 20s tre nnu ng Kroatiens aufgefun-den worden. Diese Korrespondenz stelle das schwerwiegendst« An klage material gegen Radie -dar, weil sie seinen .Hochverrat offe-nkuMg Nachweise. Werkmannr kntMuogen. Budapest, 6. Jänner. (Ungar. Tel.-Korr.Mtreau.) Das führende L e g i t i nt i st e n 0 r g a n emzeti ttjföfl" veröffentlicht heute eine Erklärung von koinpeteutester Stelle, die das vor einigen Tagen veröffentlichte Dementi bezüglich des i ü n g st e n B -u ch e 's K a r l Werk m anus aufs kategorischeste aufrechterhält. Es wivd neuerlich als grundlose Erfindung bezeichnet, daß das Buch mit Wissen oder gar Zustimmung der allerhöchstein -Stelle erschienen sei. Das Buch köttne nicht einen Augenblick als Nachlaß des Königs Karl angesehen werden. Es enthalte offenkundig -unrichtige Aufzeichnungen. Es müsst noch hinzugefügt werden, daß allsällige, für das Familienarchiv bestimmte Aufzeichnungen auch dann nicht ^hätten veröffentlicht werden dürfen, wenn sie tatsächlich vom verstorbenert Köttig herrühren, denn sie konnten infolge der e i n st i g e rt Vertrauensstellung tatsächlich in den Besitz Werkmanns gelangt sein, doch sei er zur Veröffentlichung in keinerlei Fornt «berechtigt gewesen. Dieses legitiriristische Dementi ist keine Freundlichkeit für .Horthy. Unter bcm Schein einer Entkräftung wird hier gesagt, daß Werkmann zur Veröffentlichung nicht befugt war, daß er aber doch die authentischen Aufzeichnungen besitze. Sie zaristische Provagaada. Der bestochene „Telegraaf". ' (Eigendienst der „Wiener Morgenzoitung".) Amsterdam, 6. Jänner. In dem Beleidigungsprozeß der Tageszeitung telegraaf" gegen die sozialistische Zeitung „Het Volk" wurde ,Het Volk" zu einem Schade nersatz v on 50 Gulde n verurteilt, wahrend die Kosten des Verfahrens von beiden Seiten zu gleichen Tellen zu tragen sind. Me se>ine"zeit berichtet, «bildete den Anlaß zu der Klage ew Artikel des „Het Volk" vom 1-7. Jänner vorigen Jahres, worin dem ,Selegraaf" der B 0 rwurf d e r Bestechung durch die russische Regierung gemacht wurde, weil der ,Selegraaf" Ende de's Jahves 1916 mehrere Sonderbeilagen herauSgegeben hatte, wo- ,Mn Kri-Mma'liderbrecher," «wiedechMe meän Gastgeber kurz. „Und wo ist er früher ausgetreten?" „Früher war er nicht bei der Bühne." Wo hat er sein« Gefangsstudi-en gemacht?" „Im Kerker von Alexa-udrowsk." „Unntögli'ich! Ich «begreife nicht . . . «Welcher M-tionalität gehört er all?" „Er ist ein Jude. Svococcini ist bloß sein Theater- -uamc . . . Aber wozu erst länge davon sprechet? Morgen ist Sonntag, «da speist Srococcini bei uns; kommen Sie her, da können Sie ihn kennett icvucit und er wird Ihnen seim Lebe nsge schichte ethäihlen." Den -nächsten Tag saß ich mit Srococcini im Rauchzimmer und bescheiden nn«d offen-herzig erzählte er mir von seiner traurigen Bergange-n-hvit. ,^Jch war ein Opfer unseres F«lNatis-mus, lieber Fretmd." -begann Äjew Ossipowitsch mit bitterem Lächeln seine Geschichte. ,^Keuinen Sic die Kreisstadt Stvokozk in Kongreß- Polen? Dort bin ich geboren. Dort verlor ich -tneme Eltern, als ich acht Jahre alt -war, dort besuchte ich zufamnu'cn -mit all «den übrigen avme» jüdischerr Waisenkindern die Tälnm'd-Thora-Schule, litt Hunger, giltg in Fetzen gekleidet, war' bleich und dürr ... twfib dort war ich zwei Jahre Chasan in der großen Schult. Das, Borbeteva-mt übernahm ich als Sr>be nach dem alten Ehafan Reb Bevisch Schl)kawer. er ruhe in Frieden, bei den: ich länger als zehn .Jahre ttn Chor gesungen hatte, erst als Sopran und, nachdem ich Mttiert hatte, als Bariton. Es waren ntei-ne schönsten, meine glücklichsten J-itgendsahre. Reb Berisch Schykawer hatte nvich ganz in sein Herz genortuttett. Er ltn-d seine Frau hisltelt mich wie ein eigenes Kin-d. Ihre einzige Tochter Chanel« -war mir. wie eine Schwester. Die Zeit flog msch -da-yiu, ich ivllchs hemn, aus de-M Sopran lvurde eilt Baeiwu nttd ich wurde der erste Chorsänger des Chasan van StvokozL Eines Tages chtzs rM mmt --- für er von der russischen Regierung 60.000 Gulden erhalten haben soll. Wie aus der Urteilsbegründung hervorgeht, -hat das- Gericht eine K r i t i k der .Handlungsweise des „Telegraaf" in der -Hauptsache für gerechtfertigt erklärt. ,Hek Stoff' -habe jedoch die Grenzen -der erlaubten Kritik überschritten und deshalb fei ein Schadenersatz von 50 Gulden als angemessen zu erachten. In der Urteilsbegründung heißt es, die Beilagen seien vom ,^Telegraaf" unter dem Anschein hewuSgegeben worden, als ob sie von der Redaktion selbst herrührten. Es sei verschwiegen worden, daß matt «S hier mit einer von der russischen Regierung bezahlten Veröffentlichung zu tun habe. In Anbetracht -dessen, daß die W a -h r h e i t b 11 Richtschnur für eine g-ute Presse fein müsse, habe der „Telegraaf" gegen diese Richt-schliur verstoßstt. Die Suteruattouale und der Seufer Pazifismus. Die f 0 z i a l i st i s ch e I n t e r rt a t i 0 lt a l e -hat auf der letzten Sitzung de's Bureaus in Brüssel ein ft i mmig eilte Da-gesordnung angenommen, in der das Geuse r Protokoll des V ö -l k e r b -lt n -d e s über die A br ü stu n g -und das Schiedsgericht als bem-erkelts- -tverter Fortschritt für die -Sache des Weltfriedens bezeichnet u-nd allen sozialistischen ArbeiterverÄMigungen zur Pflicht gemacht -wird, ihre Bemühungen auf Ratifizicrung des Genfer Protokolls ztt richten. Mit diesem Beschluß und -den -darin «nthal-teneu Feststellurtgert hat es eine eigene Bewandtnis; denn die sozialistische Jitterttationale spricht hier ettvas aus. was eigentlich Volt einem Teil ihrer Mitglieder i-n der Praxis negiert wird. Die deutsch e utld insbesondere die österreichische Sozialdentokratie sind 'bisher in allen ihren Enunziationen mt-d in ihrer gattzen politischen «Einstellung stets bent Ge da nken des Völkerbundes -undder von ihmveLtretettenMethodett zur Erreichung -des Weltfr/todens feindlich gegenübergestanden. Die -deutsche Soziuldemotratie hat -stets eifrig ins deutsch nationale Horn geblasen, aus dem immer wieder die Vorbehalte gegen einen Eintriitt in -dett Völkerbttnd tönten; und gar die österreichische lt Sotzialdenrokratert! Ihre Agitation, ihre Dheor-ieu, ihre Presse, ihre politischen Vertreter haben sich nie gölt-ug tun können in spöttisch überlegenen und «hLrabwürdigenden Aeuß-ernrtgen über de» Völkerbund und seine Ziele, seine Methoden und Maßnahmen. Und nun wird plötzlich -vorn Bureau der sozialistischen Internationale allen Mitgliedern, also auch den deutschen und österreichis-che-n Sozialdemokraten, zur Pflicht gemacht, «für die Durchführung eines vom Völkerbund ausgearbeiteten Planes zur Sicherung^ des Weltfriedens alle Kräfte ai-nAUifetzen; dieser Beschluß wird einstimmig, also auch mit «den S t i m m e n der deutschen u n b österreichischen Mitglieder des sozialistischen Bureaus gefaßt. Me die Durchführuicg die-ses Beschlusses ausfe-heu wird, wenn ihn die der Brüsseler Internationale aitgeschlossenen soZialdemdkratischen Organisationen Dsutschla-nd, Oesterreich und auch von Polen und Ungarn -weiter nach ihren Methoden iterpvetieven wcrdetv, iist klar. Die Vertreter «dieser Organisation haben in Brüssel ihre für die häusliche Tätigkeit au-fgemutzten Argumentati-onen gegett den Bölkevbund nicht vorgebracht und auch ihre Srintme Rsb Bevisch in sein Zrmme-r, blickte mich eine Weile schweigend an «und begann dann: „4>ötf zu, Lekbusch'. Drr bist, Gott sei es gÄlagt, e-iu Waisenkind, verlassen wie ein Stein. Ich bin schon alt, die Siebzig sind schon vorüber, meine Kräfte schwinden, meine Äimme will mir nicht «mehr gehorchen, die Füße tragen mich kaum, tvenn ich vor «dem Altar ste-he; ich fühle, daß ich heimgr-vufen werde. Und 'rneine gufe Me wird Witwe bleiben, Chanele eine avrtre Waise. Begreifst du das, Leibufch? ... So glaube ich, es wäre am -besten, zu guter Stunde einen Vevlobun-gsbri-eis zu schreiben. GeG habe ich köins, der im Himmel ist mein Zeuge. Aber eine Mitgift kann ich dir ge«ben . . . Hier, Leilbusch, hier ist ein Brief vom Gemeindevovstand, der 'besagt, daß du Stadtchasanwerden sollst sobald tot Ehanele geheiratet hast. .Hast -W verstanden? Was in diesem AugeM-icke «in -meincnr Herzert vorgrng, kan» ich nicht mit Worten wiedergeben. Ich hing an der alten Frau des Chasan und liebte Ehanele innig. «Schweigend streckte ich Reb Bevisch meine .Hand entgegen und ans meinen Augen sielen- Mi -heiße Tränen ans rmfere Hände Noch am selben Ave-nd wurde die Berilobung geseier-t und einen Monat später gab es Hochzeit. Ich wurde Stadtchasan; Re!b Bevisch hatte -noch die Freude, seinen. Schwiegersohn zum ersten Male das Nemnondgebet singen zu hören und verschied bald -nachher still und zufrieden. Skrokosk war entzückt über den -neuert Chasa-n und dein jungen.Paare, -herzlich zugewrt. Nur Mi Menschen in der Stadt haßten mich. Der eine war Chaxim Baß, der -hei R-vb Berisch im Chor s«ang und daun bei mir im Chor Web, der andere Zvmach, der Gememdüdiener. Chajim Buß hatte schon lange ein Auge auf Chanel« gehabt; es «toM also selbstverständlich, daß er mein Todfeind wurde. Zemach der Tempeldisner hatte eine kra-nke Tochter, die er gern verheiraten wollte. Er hatte einen Schadchen zu «mir geschickt, mir tausend Gulden Mitgift und M4 Jahre Dohmmg und Kost in seinem iWttzwchvrh doch ich hatte dieses Mick ausge-

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