Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2110 (4.1.1925)
- Date
- 1925-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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fefftl Men, Sonnka- PELZWAREN JEDER ART -IN EElNStER„ AUSFÜHRUNG QllflGSt BEI' GEBRÜDER BR AININ WIEN. II. GL0CKEN6ASSE Ö /fCL45.4-3V Kn deutsches „Kabinett -er KSvfe". Dr. Marx soll eine „überpartetttche Regierung^ bilden. — Deutschnationale Kandidaten für das Geschäftsministerium. (Vigendienst der ,Moner MoMnzettuing.) Berlin, 3. Jänner. Reichstnzser Dr. Marx versuchte TNute durch Besprechungen mit den Führern der ReichSwgsfraktton die Grundlage für ein Mehrheit?- ka b i n e t t zu schaffen. Die Verhandlungen sind gescheitert. Da 'lach der von bau Fraktionen eingenommenen .Haltung die Bildung einer auf p a rlameutarischer Mehrheit beruhenden Regierung nicht möglich ist, hat der Reichspräsident den ReichMnrzler Dr. Marx beauftragt, eine dieser parlamentarischen Lage Rechnung tragende R e i ch s r e g i e r u n g zu bilden. Dadurch erhält der Kanzler die Freiheit, unabhängig von den Parteien sich seine Mitarbeiter zu suchen. Es wird aber jetzt schon erwartet, daß für diesen Fall auch dem neuen Kabinett die me i st e n der bisherigen Minister angeboren k.verden. In parlamentarischen Kreisen wird der Versuch des Kanzlers, ein solches Kabinett zu bilden, o p t i m i st i s ch beurteilt, und eS wird bereits damit gerechnet, daß sich das neue Kabinett spätestens am D i e n s t a g dem Reichstage werde vorstellen können. Ein solches Gcschäftsministerium würde dann mit einem ganz bestimmten Programm vor den Reichstag trete!» u>ivd auf Grund dieses Programms die P e r t r a u e u s f r a g e stellen. Bezüglich der in das „Kabinett der Köpfe" neu auszunehmenden Persönlichkeiten werden bereits wieder bestimmte Namen genannt, darunter auch der Name des den Dcutschnationälen nahestehenden Freiherr» G a y l und des früheren Staatssekretärs Bergmann. Von demokratischer Seite wird aber gegen diese beiden Persönlichkeiten bereits o pponiert und angekündigt, daß die Unterü ü h u h g eines solchen Kabinetts für die Demokraten u i ch l tu Frage käme. Tic Ueberreichung der Note an Deutschland verzögert. Berlin, 3. Jänner. (Wolfs.) Im auswärtigen Aussu-.'ß des Rcichsrates gab, wie in parlamentarischen Kreiverlaniet, Neichsanßenminister Dr. S t r e s e m a n n eine ausführliche Darstellung der gegenwärtigen äußeren 2 a n e. Hiebei fnm zur Sprache, daß die Note der A l l i i e r t e u betreffend die Räumung der Von Jakoö Krausz. ' 2.*) Die Ehe des roten Lämel mit der schivarger» Hexe Ziperl hatte alle Hoffrmngen der Eheleute erfüllt. Ziperl hrrcschte in ihrer neuen Domäne wie die Königin der Hölle, der a>le bösen Geister bedingungslos untertan sind, die sich aus cin.'n Schrei der Herrscherin aus den armen Büßer itürztcn, um ihn das Büßen zu lernen Dieser Schrei Iiperls war in der ganzen Gasse gefürchtet. Man wußte, daß dieses krähenartige, heisere, das Mark 'des Hörers erschütterude Anskreischen nur die Introduktion zu einer järmnrrerweckenden Kantate aus Inferno sei, dem roten damel gewidmet, der sich diese Hölle selbst geschaffen. Me Arten und Abarten der Verwünschungen, die einem veroitrrrteu Weib in der Indengasse geläufig sind, sausten, sich überstürzend, wie eine .Kaskade auf das Haupt Lämeks nieder. In der Indengafse ist nran rmt den Segens wünschen und den Verwünschungen in gleicher Weise freigebig. Der alte Volksglaube, daß man nie wissen könne, wann die Vorsehung geneigt fei, ein Gebet zu erfüllen, bringt es mit sich, daß man so oft wie möglich gute Wünsche ausfpricht und selbst in der höchsten Erregung nicht vergißt, bei einem gegen einen Nahestehenden ansgestoßenen Fluch in Parenlhrsr einzuschalten: „Allen Bösewichtern gesagt!" Ziperl aber unterließ sehr häufig solche einschränkende Einschaltungen. Wenn sie gehetartig, fast flehend die Hände rang u'.:d ausrief: „Du guter Gott, nimm ihn doch endlich schon zu dir!", so war es ihr dabei ehrlich ums Herz. ,Me komme ich dazu, den ganzen Tag mit mir Mbst hevumzuftreiten? .ich schreie, schimpfe, schelte und er bleibt still und stumm bei.Tag und-bei Nacht wie ein Golem und denkt sich dabei: „Rcdc zu der Wand!" Einstürzen soll sie auf ihn!" Ging das Konzert im Hause Ärmels an, so traten Nachbarinnen auf den Gang und gaben zu jedem unfromme» Wunsch Ziperls ihren Kommentar. „Gott soll kein jüdisches Kind fo hart strafen!" sagte die Nachbarin von der anstoßenden Wohnung rechts. *) Siehe „Wiener Morgeuzeitwug" vom 3fi. Dezember 1904. Wiener Morgenzeitring. ■i. Jänner 1923 Nr. tflO K ölner Zone noch nicht e i n g c t r o s s e n s e i» ihr Eingang aber erwartet werde. Jur Diskussion gelangte ferner die Frage der Handelsverträge. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. (Die Ueberreichung der Note hat sich, wie aus London gemeldet wird, verzögert und dürfte erst anfangs nach st er Woche erfolgen.) Ae interalliierten Schulden. Kein Verzicht Englands zugunsten Amerikas. London, 3. Jänner. Das Reutersche Bureau gilaiuibt bezüglich der interalliierten Schulden "fi wissen, daß die Politik Großbritanniens in dieser Frage unverändert sei. England würde sich nicht widersetzsn, wenn die Vereinigten Staaten Frankreich Bedingungen stellen würden, wie sie ihnen belieben, aber es würde sich freie .Hand behalten, mit Frairkreich Vereinbaningen emHUgchen, unabhängig von denfenigon, die Frankreich mit den Vereinigten Staaten treffen könnte. Engla>nd bedinge sich einzig und allein aus, daß. wenn seine Schuldner Vereinbarungen für ihre Gläubiger eingingen, England daraus rechnen könne, bezahlt zu werden. Die Finanzkonferenz. Paris, 3. Jänner. Die Finarrzkonfereuz der Alliierten wurde um einen Tag verschoben. Sie wird am 7. d. eröffnet werden. Churchill wird erst am Montag im Mnisterrat die -nötigen Instruktionen erhalten. Der Nnowkev-NUef. London, 3. Jänner. (Reuter.) Rukowski hat den englischen Außenminister Chamberlain davon in Kenntnis gesetzt, daß angesichts der Weigerung Großbritanniens, die Frage der An 1 henzität des S inow jew-Br ieses einem Schiedsgericht zu unterbreiten, der Zwischenfall abgeschlossen ■f«i ' __- Kämpfe vor Tetnan. Paris, 3. Jänner. (Havas.) ,>Petit Parisieu" meldet aus Madrid: Nach Berichten aus englischer Quelle ist es in der Umgebung von Tetuan zu einem 11 n st « n K a m p s zwischen den Spaniern und den Anfftändischen gekommen; dir letzteren hätten schwere Verluste erlitten. 3000 Rebellen stellen östlich von Tanger massiert sein, in Erwartung neuer Operationen. ABZIEHBILDER fflr die gesamte Industrie und Reklantewesen. — Atietneneugung CZERNY fi BAZANT, Wien, Ifl. Arenbergrlng Nr. 7 wurde, wie die Polizei erklärt, ein Brief des ermordeten Führers des muzedonischen Komitees, Todor Alexaw d ro w, gesunden, der an Radic gerichtet und für ihn fc&t ikompromittiere-nd sein soll. Aus aller Welt. Berlin, 3. Jänner. Rach dam „Vorwärts" trat geistert in BMel das Internationale sozioilistifche Buren«! unter dem Vorsitz Vanderveldes zummmren. Dentisch>I«N!d ist durch Wells. Oe st erreich durch Dr. Bauer vertretet; als Sekretäre sind Adler und Tom Shaw an« weffend Das Bureau besprach Frauen des Gen s e r Brot o« to «I{ i und das Problem des A ch t st u u d e tt t a g e s. Bcvmui' sich wird der Bericht der enMchen GewerksHastsdele^ation über Rußland Mr Sprach« kommen. Schan-thai, 9. Dezember. (Reuter.l T s ch i S i H n a «. der lm Dezember vom Posten des MilttLrgouverneurs von Kianq Su avgeietzt wurde, bat N a n k i n g p l ö tz l i ch v erlas s e n und ist nach Schanghai geflüchtet, Nack seiner Flucht wurden von seiner L e i b w a ch e, die keinen Sold erbalten hatte, die großen Seiden Warenlager von Nanking geplündert und gebrandschatzt. Der Schaden beträgt 0 0 0.0 0 0 D o l l a r. Washington, 2. Jauner. fReuter.) Präsident Coolüdige ist nicht tfiir eilte internationale Wirtschaits^ und Abrüstungstoufcreuz unter Anschluß Deutschlands und Rußlands, wie sie vorn Senator Doral!) veMgaschlaaen wurde. Covliidge ist ->-'i>icht, dass eine solche Konferew; ein zu wett gestecktes Ziel M verfolgen hätte, um praktische Ergebnisse erzielen zu können. ' Sie Liquidierung der alten Sefterreich. Prag, 3. Jänner. Das Finanzmimsterium 'hat ein Arbeitsprogramm für 1925 ausgearbeitet. Das Programm der A u s l a n d s f i n a rr z p o l i t i k umfaßt folgende Fragen: 1. Durchsühvtmg der Bewertung der vom alten Oe st erreich nach Artikel 191 des Trianoner Friedens- Vertrages erworbenen Staatsgüter. 2. Abkommen über die ö st e r r e i ch i s ch e P o st s P a r ka s se. 3. Abkommen über die ungarische Postsparkasse. 4. Durchführung der P e n sio n s v c rtrag e. 5. Durchfiihrung des Gesetzes über die Forderungen aus K r i e g s l i e f er tt n g e n. 6. Verhandlungen mit Polen und R W' m ä v. i c n über eine Reihe von finanziellen Fraget:. Ae Aadik-Barlei und Ihr Führer. Radie ln Ungarn? ßttty, 3. Jänner. Me die,^Tagespost" aus B e l g r ad meldet, sei fsstgestellt worden, daß sich Rad i e n i ch t i n Jugoslawien cmfhailte,. sondern nach Ungarn geflüchtet sei, i 1 Die Verhaftungen. Ueiber die Verhaftungen der Radic-Leute wird uns aus Belgrad gemeldet: Die ganze Leitu ng d e r Radie-Partei außer dem Präsidenten selbst und einem MzepräfÄenten, Koiwacevie, befindet sich nnnmchr in Haft. Die'MorgeMätter melden zu der in Agram durchgeführten Hausdurchsuchung in der Wohnung Radie', daß sie sieben Stunden gedauert und e.in großes Material zutage gefördert habe. In der Wohnung des Präsidenten der kroattschen Bereinigung, Dr. L o r k o v i r, Wachsende Arbeitslafigkeit. Nach der letzten Zählung beträgt die Zahl der unterstützten Arbeitslosen inWien 6 6.2 1 5, da8 ist um nicht tveniger als 9 2 8 2 Personen mehr als bet der vor eniem halben Monat erfolgten Zählung. Gegenüber dem Anfang des vorigen Jahres ist die Arbeitslosigkeit in W i e n um fast '^Prozent gestiegen; anfangs Jänner 1924 gab es in Wien nur 47.247 Arbeitslose, also um 13.968 weniger als int Jänner 1925. Am stärksten ist die ArbeitSlostgkeit in Wien ider M et a l l i n d u st r i e (13.079 Personen), ferner in der Hol zi n d u st r i e, Bauindustrie (8111), Schuhindustrie, Bekleid ungs- und Webwarenerzetrg n n g und in der H o t e l b r a n ch e. In Niederö st erreich (außer Wien) gibt eS 8832 Arbeitslose, um 1632 mehr als bei der vorigen Zählung. ^Ich weiß nichts was sie will, diese schwarte Hexe Was schvett sie fo herum, wie wenn sie die Tochter" des Rösch Hakohol wäre! Diel hat sie Lämel aufzuhe-ben gegeben! Möchtt wissen, wer sie schon ist, MalVe HaUsiererins ungeratene Tochter!" „Dabei ist doch der arme Lämel die gute Seele selbst", schloß sich eine dritte den Ausführungen der Borrednerinnen an, ,/rnn hört ihn nicht und sicht ihn kaum. Gottergeben trögt er fein Schicksal u-nd verfuMgt sich nie durch fo gottlose Reden wie dieses fluchwürdige Weib — in lernem jüdischen Haus fei «S gedacht!" n&ty habt leicht reden", mischte sich fetzt eine Frau vom anderen Ende des langen Ganges in das weibliche Gerichtsverfahren Über die Nachbarin ein. ,Ich bmi ihren Schmerz und ihre Wut nachfühlen. Ich bin auch mit eittem solchen Schlag von einem Mann gesegnet wie Lämel einer ist. Man ist doch nur ein Mensch und sann nichts für seine Natur. Man hat einmal das Bedürfnis, zu zanken. An wem soll man da seine Wut «mrlaffen. wenn nicht an seinem eignen Mann? Don einem Fluch ist noch niemand gestorben. Ein Schimpfwort gibt das andere, der eine schilt, der andere flucht zurück «ntz so komntt man schließlich zusammen und versöhnt sich, «ber wenn einer dasitzt wie ein Klotz und laßt dich schvetur, daß dir die Lunge hin wird und sich dabei denikt: ,^»rfpring'"; da muß man bersten vor Wut; da kommen <i«« Gotteslästerungen aus die Lippen wie Ziperl." Diese BerteidigungSMe für Ziperl ivar ganz dazu angetan, die Weiber des Hofes aneinanderzubringen und hätte sicher wieder zu ein« jener -wüsten Auseinandersetzungen geführt, die sich kt diesem Hof durchschnittlich eiumal in der Woche aus dm nichtigsten Ursachen abspielten, wenn nicht Ziperl mit dmckklwtem Gesicht und sprühenden Augen mit einer Schüssel Spüttvaffer auf den Gang gestürzt wäre, um es in- Mfflußrohr zu gießen. Die Weiber verschwanden in ihren Wohungen, denn sie wußten aus Erfahmng, daß Ziperl i« solchem Zustand nicht immer ztelsich-r sei und, wenn Hebe Nachbarinnen in -der Nähe sind, deren Köpfe gern mtt dem Abflußrohr verwechselte. Die AusregungSzustLnde Ziperls waren in der Regel von kurzer Dauer. Sie beruhigte sich bald und genoß die Freude aus ihrrr Herrschaft über Lämel und über ihr gut gehendes Geschäft, in dem es ja auch allerlei Vorwände zu Zänkereien gab. Ueber Lämels Lippen kam nie eine Klage. Cr war fast stolz auf seine Ziperl. Für die Qualen, die sein Weib ihm zu bereiten glaubte, hatte er nur ein unheimliches Grinsen, das auch als Dank gedeutet werden konnte. Selbst wenn Ziperl in höchster Ekstase im Trödlerladen ihm in Gegenwart von Kunden einen Scherben an den Kopf warf, registrierte daZ Lämel in seinem Hirn mit einem Abstrich von seinem Sühnekonto. Alles, was um ihn herum geschah, wog und maß er nach dessen Wert und Bedeutung für seine Läuterung. Ging er in die kleine Handwerkerschul', so saß er regungslos mit einem kurzen, zerrissenen, fleckigen Tallis über den Schultern, und seine Lippen bewegten sich nicht. Betete er überhaupt? Konnte er beten? Nieniand wußte es bestinnnt. Wenn er — was selten geschah — zur Thora gerufen lvurde, sprach er die Segcnssprüche kaum hörbar und mit einer Hast, daß die Genieinde gar nicht dazu kam, ihre Spvnsen zu sagen. Eingeweihte erklärten das damit, daß Läutet sich solcher Auszeichnungen unwürdig fühlte. Läniel legte von jeder Einnahme im Geschäfte eilt Zehntel weg, das er an arme Kinder verteilen ließ. Nie aber wußten die Beschenkten, von wem die Gabe herrühre, tveil Lämel den Taukesworten auswich, darnit er nicht in Versuchung käme, sein Büßerleben zu ändern. Zweimal in der Woche besuchte Lämel die Abendvorlesungen des Reb Anschel über die Moralpslichten des Juden. Reb Anschel verstand es, nicht nur die Pflichten des gottesfürchtigen Inden in jeder Lage seines Lebens in überzeugender Weise darzulegen, sondern kannte auch ganz genau die Strafe, die für jede einzelne Pflicht' Verletzung unausbleiblich ist. Diesen Vorlesungen folgte Lämel fieberhaft tvie ein Angeklagter, der dem Plaidoher des Anklägers lauscht. Nach jeder dieser Vorlesungen hielt Lämel mit sich Abrechnung. Er zog sozusagen die Bilanz zwischen Sünde und Sühne. Die Ehe Lämels mit Ziperl blieb kinderlos Meder Lämel noch sein Weib kränkten sich darüber. Lämel, der Kinder außerordentlich liebte und alle seine geheimen Spenden zur Bekleidung und für den Unterricht armer Kinder verwendete, nahm die Unfruchtbarkeit seiner Ehe! als eine der schwersten Bußen ohne Murren hm. Ziperl