Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2110 (4.1.1925)
- Date
- 1925-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. m o W«r. Wiener Moesrn-eltu««. 4. Jcknrwr 1936 ' Durch seine einzigartige Herstellungsweise ist Kathreiners Kneipp Malzkäffee der vollwertige Ersatz für den unerschwinglichen Bohnenkaffee Seit 34 Jahren in jedem Haushalt glänzend bewährt. Oesterreich, Frankreich, Italien, Deutschland beschäftigen stch mit dem Aufbau. Unter welchen Umständen zum Beispiel baut Frankreich seine zerstörten Provinzen wieder auf? Sie befinden sich fünfzig oder sechzig Kilometer von Paris entfernt. Im Paris ist die ganze französische Intelligenz, der ganze administrative Apparat, sind alle Kenntnisse, Erfahrungen und Traditionen eines Volkes konzentriert, das auf seiner Schotte lebt, seine Kultur hat und seine Sprache spricht. Attc Sympathien der Welt konzentrieren sich auf diesen Aufbau; ich spreche gar nicht vom Geld. Wir aber leiten den Aufbau eines Landes, welches Tausende von Kilometern von dem Volk entfernt ist, welches den Aufbau leiten sott, bc* Volk selbst ist auf der ganzen Erde zerstreut. Zwei Drittel des Volkes liegen heilte in cinenl Blutbad, fast zertrümmert. Trocken: erwarten wir von dem Judentllin, von den jüdischen Gemeinden in Texas, in San Franzisko, New-Aork, Wien, Warschau, Lemberg, von jeder jüdischen Zelle, an welchem Punkte der Erdkugel iminer, daß sie Geld mld Menschen schaffen für den Aufball eines Landes, das sie nicht gesehen haben; wir verlangen das von Menschen, die keine entsprechende Tradition habell, in Ghettokerkern eillgepsercht warem Und wir verlangen Geld. Ich glaube, wenn wir auch über Geldmangel klagen, dürfen wir doch sagen, daß cs vielleicht noch keinem Volk der Welt gelungen ist, auf der Basis freiwilliger Arbeit zahrein jahraus Millionen in ein Land hineinzugießen, die von einem armen, zerstreuten Volk stammen, weil die Reichsten und Stärksten dieses Volkes sich der Bewegurlg nicht a n g e s ch r o s s c n, sondern ihr sogar entgegengearbeitet haben. Unter diesen schweren Umständell wird unsere Arbeit geleistet, »nd nun sotten die Kritiker sagen: Ihr habt nicht genug geleistet! Gewiß, aber den Kritikern spreche ich das Recht ab, das uns ins Gesicht zu sagen. Man baut auf und man hat das Land beschrieben, und ich kann, ohne auf Einzelheiten und Ziffern mich zu versteifen, sagen: Nach Angaben, die kontrolliert sind» gibt es in dem heutigen Palästina in den Grenzen, wie sie. vom Mandat festgelegt wurden, Platz genug, um anderthalb bis zwei Millionen Menschen hineinzubringen, ohne die Interessen der Bevölkerung zu schädigen, die jetzt schon im Lande wohnt. Wenn man fragt — uinh das ist einte natürliche Frage: Eignet stch das Lanid dazu, in ein Geibvet vevlvandok Zu wecken, auf wülchem jüdische Menschen oin natürliches, aufrechtes und reines Leben führen können, so Lmn man, ahne PropheZeinngen sesizuilegen, wieder ans Grund der Erfahrungen antworten: Wir kMnisieren in Pail-ästina nicht erst seit geistern, sondern es sind schon zjwei Generationen, isünstzig Jahre verflossen. Unsere Vorgänger haben begonnen ’uotfo wir setzen fort. Uind Sie können heute konstatieren und ich darf wieder unparteiische Beobachter anrnsen, daß durch die jüdische Leistung dieses versandete, vernachlässigte Land in Bezug auif Agrikultur, jeder europäischen oder amerika- .«ischen Landwirtschaft gleichkommt. Schm: .honte sind an der Küste von Jaffa nach Haifa nach Nocken und Süden Stetten, wo auf zwei Quadratkilometer tausend Menscheu woihnen und von der Arbeit ihrer Hände leben. Was in Petach, Tiikwah, in Rischon, Chederah uljw. geschahen ist,.das kann fünfzig undsechzigmal wiade rholt wecken, und es kann eine agrikulturelle jüdische Bevölkerung geschaffen werden, wo die Ansätze schon Vorhände:: sind, die der lalisornischen, siüdfranizösischeu, jeder europäischen oder amerikanischen landwirtschalftilichen BovöKevmiig im selben Klima gleichkvmmen. Die Zweifel, die die n icht jüdische Welt hatte und die auch die Juden hatten, die am nteisten Von den nichtfüdischen Zweiflern lernen, diese Zweifel sind in Saron, in Esdveolon, auif den Hügeln Judäas ein für allemal ans der Walt geschaffen worden. Heute ist die jüdische landwirtschaftliche BevöKerung 'in: Wachsen Hegriffen und ich brauche nur zu wiederholen, was ein amerikanischer kompetenter Beobachter, Herr Meed ans Kalifornien, neulich erklärt hat: Es ist möglich, in de:: Geigenden wo die Inder: zu arbeiten begönnet: habe», eine Bevölkerung zu schaffen, welche als Mister nicht nur für die Juden, sondern als Muster für die ganze Welt dienen kan». Es ist gleichgültig, olb wir Jude»: Minister, Professoren oder Schornsteinfeger schaff.'»:. Die Hanplfache ist, wenn wir imstande sind, den jüdischen B a»»e r n zu schaffe»:, in seinem iMmitteGaren Verhalten Zur Scholle, zum Feld, zur Kuh, kurz, zu allem, »vas das Leben 'braucht. Ob wir auch dieses schaffen köirneu? Darauf hat Palästum in seiner nioderuen Eutwicklimg Antwort gegeben. Sie sehen doch Hunderte und Taufe n de junger Juden aus de»n Ghetto »mb nicht aus dem Ghetto, Assimklante»: unrd Nichtassiinrlanten, ans reicher» u>:d arme,: Familien »rach Palästina wandern. Man hört förmlich das TvcHben dieser jungen.Menschen durch die Straßen der ganzen Welt, durch die Steppen Rußlands, durch die Misten Sibiriens, »vie sie alle den: Schwarze»: Meer zrrstreben »md die Häfer» aufsu-chen, um irach Palästina Zu gelangen. Mau hört, daß sie Steine behauen, Bäume pflanzen, Felder bebauen, kurz, alles das tun, »vas sie im Ghetto niemals getan haben. Wir haiben selbst nicht geglaubt, daß sie es jemals tun wecken. U»:d es geschieht heute das Wrmderbare und es ist viel wunderbarer, als alle politischen Erfölge, als Aussprüche großer Staatsulärnrer, Zustin:nru-»r.gen von Nichtjnden zu nlöferen: Werk. In Erez Israel sind die Zustimmungen in Stein geharven, in den Bode»: geschrieben, mit Blut rmd Schwert bestärkt. Das ist die Bestätigung des Mandates, die das jüdische V ol>k sich t.»»: Lande P a läst i n a s c l >b ft holt. (Beifall.) Das tvaren aber nur materielle Dinge. Es harvdelte sich un: Land, mr: Wege, um Bäume, um Kühe. Das ist aber nur der Rahmen, in de»: ein ungeheures moralisches Werk eiingcfügt »vird, and »oenn ich nun diese moralischen Güter schildern soll, die sich ooirf dieser materiellen uns politischen Basis cvufb<men, so müßte ich vor alle»»: mit einer Sache begirrirs»:. Die Divergerrz der Lerrite, die nach Palästina gehen, die Verschiedenheit ihrer Erziehung, ihrer Kultur mck Herkunft führt dazu, das eiserne Band, das sie Zusammenhält, »v i e d k x znf a m m >e n z n fchml e den. Das ist die - Sprach«. und sogar unsere uinsre-imdlichen.Beobachter, tvie Ballod, die hingegangen sind, um uns zu fluche»:>, mußten segnen und vor unserer Leistung den Hut ziehe»:. Die Sprache ist hebräisch, das Leber: ist hebräisch, der Verkehr ist hebräisch und das Denken ist hebräisch. Diese neuen Forme»:, die Heute, dort goschmipdat werden, die noch cur der Wiege eines avrnen kleinen Kolormts entstehen, dies« Formen sind cs, die den letzten Rest des Ghettos vertilgen, diese Formen sind es, die der: Juden zu einem Menschen niachen, »vie es jeder andere Mensch ist. . Es ist kein Wunder, sondern eine natürliche Folge, daß parallel mit dieser ikoloirisatorischen, materiellen Eurwicklung auch ein ungeheurer moralischer Ausban gcht. Die ganze jüdische Jugend ist in unserer Schule, alles, »vas mit der jüdische»: Scholle organisch verwachsen ist oder was mit ihr verwachsen soll, gcht durch diese Schule mit» genau so wie der Chaluz mit dem Spaten den Felsen Palästinas besuchst, so bekämpft der Lehrer mit Wort und Feder jene moralischen Verheerungen und Verwüstuugxn, die tausendjährige Wairderrmg in: Herzen der Juden angerichtet Haben. Der Lehrer kolonisiert das freie jüdische Leben, er legt kleine Zellen »:ud Keime '»md errichtet daraus die neue Kultur, die das Land beseelt. Um es nur kurz zu skizziere»:: .Ist es nicht ein Wn»:der, daß vckn haute in. z»vo: Monaten, vielleicht zum nächste»: Osterfest, derselbe Staatsmann, der mitten im Kanonendonner Zeit, Verständnis nnd Kraft.ge!fu»:den hat, uns die Balsour-Deklaration zu gebe»: — ich hoffe, wir erleben es noch alle seine erste Pilgerfahrt nach Palästina uuternchmen wird, begleitet von den Wünschen der gesamten zerstreuten und genmrterten Jude»:hc>it, um dort auf dem Oelberg, von de»»: aus die Rö»»:er Jerusalem belagert Haber», das. zu eröffnen, »vas die größte Festung und Stärkung des Judentums fein wird. Balfour wird zu Pessach die jüdische Universität eröffne». (Beifall.) Ir: zwei Monaten also »vird etwas gsschohen, dessen Tragiveite wir nie überschätze.»: tö»:nen; de»:n die WiMichkeit ist viel Murdeckgrer als also Wunder, die uns geschildert werden. So »vick im »reuen Palästina eine neue Hag ad ah geschrieben werden, sic wird von neuen Menschen .geschrieben werden, aibcr ihr Inhalt »vird immer, derselbe bl eibest Das ist cs, »vas sich heute in: Palästina abspiolt. Es ist ein Staat, eine Gemeinschaft in dynamischer Form, de»»»: das Jckeutmu ist »:icht statisch, es befindet sich iw fortwährender Bolvoguug. Heute »»andern 2000 ein, morgen schon 2500 oder 6000. Die Zahl »vächst stetig, man braucht sich »me die Statistik der J>il»»»Mat'lon z»r bescher: nick »nau kam: dava»»s evkeirueu, »vie es der JuderthcHi . iu der ganzen Welt geht. Gcht es den Jriden in Salo»:sti schlecht, so steigt die Im- „»igratior:; werten in Pole»: Wetze geschaffen, die die J»rdrn bedrücken, so steigt die JnruliNvation; geht es den Jude»: m Marokko schlecht oder arbeitet^ der M-M»»;Mau in Amerika allzu e»:ergifch, so steigt die Jrrvinigratiou. Mau braucht über« hanvpt keine Zeitungen z>: lesen, svrckern sich nur die Zahl der Judu: anzufehe»:, die sich melde»:, u,m nach Palästina zu ge>hen, und mau wird sofort sehen, daß in dem oder jenen: Lacke et.»vas nicht mit rechten Dingen hergoht. Gestern war es München, heute ist es vielleicht Brrkarest, morger: Warschau, Lodz oder Saloniki; ich will von Wien nicht sprechen, da ich hier als Gast »tKife. So strönren aus aller Herreu Länder die Aie»:sche>: hhwm, manche gestoßen, manche gezogen, die meisten gestoßen und gezogen. Beides ist eine uaiürliche Bewegung. Ich frage nun Sic, die Sic hier als Vertreter einer starken jüdischen Gerneinde versamruelt sind, die eine alte Tradition besitzt. Sie haben ja gehört, wie ich Ih,:cu die Dinge zu schildern versuchte, ich frage Sie: warum, in Gottes Namen, »varmn soll es m:t meine Vermittlung sein und nicht Euer aller Werk? Warum soll es nur das Werk eines Häufleins sein, das das schivere Kreuz auf sich nehmen soll — es handelt sich um jüdische Arbeit, aber ich muß trotzdeu: hier von einem Kreuz sprechen. Sie, die Vertreter einer »:ach Hunderttausenden zählenden jüdischen Gemeinde, sitzen hier »md werden Beifall klatschen; vielleicht gefalle ich Ihnen, vielleicht auch nicht. Ich »vitt Sie nicht beleidigen, aber »vas ich zu sagen habe, das sage ich: Warn»»: soll es mrr unsere Verantwortung sein, warum nicht die Veranttvort»»ngallerJuden? Ich hoffe, Sie gestatten mir ein Wort, das ich in der ganzen Welt zu sagen habe; »nein Metier besteht ja darin, daß ich die ganze Welt durchkreuze und dirrchquere »md sog-.:, was »nir am Herzen liegt. So sage ich denn: Die Zeit ist nicht fern, wo die aufgeklärte Meinung der Welt die Juden der ganzen Welt zwingen wird, den Aufbau Palästinas in ihre Ha»:d zu nehme». Dieselben Völker, deren Vertreter Sie heute bei Ihnen begrüßt haben, die die Höflichkeit hatten, zu Jh»:en zu komn:er:, mn Ihrer Versammlu»:g beizutvohnen, die werden Ihne»: sagen: Wir Völker der Welt, »vir wollen an den Juden das gut machen, was »vir an Ungerechtigkeit in der Vergangenheit begangen haben, und wir geben euch eine Gclegercheit, hier in dem Lande, das mit eurer Tradition, mit eurer Geschichte und mit eurem Blute getränkt ist, ein neues Leber: zu beginnen. Hier sind die besten eurer Söhne, zu Tausenden strömen sie hin, junge, starke, kräftige, intelligente Leute. Sie wollen Gelegenheit haben, zu arbeiten, wir haben ihner: die Tür geöffnet, wir haben unter Schtvierigkeiten das Land nach bestem Wissen und Gewissen bereitet, ihner: die Möglichkeit gegeben, zu arbeiten: ein Jahr, zwei Jahre, drei, fünf und zehn Jahre. Die Juden haben die Möglichkeit und J»rtelligenz und haben das Geld; niemand »vird beharrpten, daß sie kein Geld haben. Sie haben bewiesen, daß sie die Geschäfte anderer immer sehr gut leiten könne»:. Wern: Ihr jetzt dieses Werk nicht leistet oder nicht zu leisten versteht, so werdet Ihr vielleicht die größte Bekräftigung zu der schwersten Beschuldigung geben, die uns von antisemitischer Seite e»:1gegengehalten wird: Was werden sie sagen? Sie sagen: Ihr Juden könnt Vermittler sein, köm:t »uir immer da weiter arbeiten, wo schon eine Zivilisation vorhanden ist. Ihr kommt im»ner um ein paar Züge später, Ihr habt nie grundlegende Dinge geschaffen, die zum Aufbau der Zivilisatio»: gehören. Es gibt im Lande keine Wege, es gibt dort keine Sprache, es gibt dort keine Gesetzgebung, es gibt dort keine Bevölkerung, Ihr könnt das alles schaffen; Ihr habt Geld, Kenntnisse und Erfahrungen. Warum schafft Ihr es nicht. Seid Ihr wirklich nicht fähig dazu? Wir Zionisten spielen »:ur die Rolle der Demo»:- stranten, »vir haben nur die Demonstrationen geführt, die den Juden Wiens, Warschaus, Londons die Möglichkeit gebe»: sollen, den Weg zu betreten. Ihr werdet ihn betreten. Das ist der Sinn besten, was man heute Zionismus nermt. Un: nun zum Schlüsse zu kor»:men: All' das tangiert nicht »rur die Juden, die nach Palästina gehen; es ist ein Problem, das den Juden der ganzen Welt gestellt wird und von den Juden der ganzen Welt gelöst werden mutz. Ich »vill nun zum Schlüsse einen Wunsch in For»n eines Dankes aussprechen: Ich tvünsche den Juden Wiens, daß es ihnen gelingen möge, iy vornehnier, ehrlicher Weise den Beitrag am Aufbau Palästinas zu leiste»:, der ihrer Gemeinde wert ist. (Stürmischer Beifall, die Versammlung erhebt sich und stimmt die „Tikwah" an.) Prrästdent Dr. Ehrlich: Es ist nicht »neine Absicht, den Eindruck der Worte Professor Weizmanns durch A»lseina»:dersetzungen zu beeinträchtigen. Die Ansprache, die er uns gehalten hat, bereitete uns eine »vahre Erholung, und ich danke ihm herzlichst für seine Worte. Ich »vill nur den Wunsch aussprecher:, daß der Appell, den er a»: die Juden Wiens gerichtet hat, Gehör finde»:, und daß stch a»:ch die .Judenschaft Wiens der große»: Pflicht bewußt werden möge, die sie der jüdische»: Gemeinschaft gegenüber zu erfülle»: hat. Ich danke nochmals herzlichst unserem.Präsidenten Prof. Weizmann nnd schließe hiemst die BersavMWA.