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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-04 · Heft 2110 (4.1.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2110 (4.1.1925)
Date
1925-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Vme 2 SSrttt, Sonntag Wiener Morgenzeitung. ' 4. ,Jänner 1925 Nr, 8119 Der Präsident nach Prag abgereift. «Saale des Niederoskrreichischen Gewerbe- Vereines fand gestern nachmittags sine Verfanmrlmrg der Vorstände aller zionistischen Korporationen Wiens und der. Bundesländer statt. Präsident Wel-zman «, der mit stürmischen Kundgebungen begrüßt wurde, gab in längerer Rede Aufklärungen über die aktuellen Vorgänge rM Leben des Zionismus und in Erez Israel utti> betonte mit vollem Nachdruck die Notwendigkeit, die jüdische Position in Palästina mit allen Mitteln gegen Rückschläge zu sichern. Das gesamte Judentum müsse das Seine daw tun und eS fei die ernste Aufgabe der Zionistischen Organisation, mit gutem Beispiel nationaler und sozialer Initiative voranzugehen. Er beantwortete sodann eine Menge von Fragen, die aus der Mitte der Versammlung an ihn gerichtet wurden und nahm die Gelegenheit wahr, der italienischen Atomstischen Organisation für ihre mustergültige Aufklärungsarbeit zudairken. Er appellierte schließlich an die österreichischen Zionisten, alle Kraft in den Dienst der nationalen Regeneration zu stellen. Die Versammlung nahm seine Ausführungen mit begeistertem Dank entgegen und der Vorsitzende, .Herr Dr. Jakob Ehrlich, konnte dem Präsidenten das Vertrauen aller crusdvücken. Die Versammelten erhoben sich von ihren Sitzen und bereiteten Herrn Weizmann eine jubelnde Ovation. * Abends sprach Weizmann in öffentlicher Versammlung zum Wiener Judentum. Für 8 Uhr abends war der Beginn der Veranstaltung cmgesetzt worden. Der Zuzug des Publikums pit Konzerthaus begann jedoch schon vor haLb 7 Uhr und in kurzer Aeit war der weite Raum des großen Saales in allen Rangen dicht gestillt. Von der Tribüne bot der elegante, in Rot und Gold gehaltene Raum ein prachtvolles, faszinierendes Bild. Kopf an Kopf saßen die Zuhörer, ein Meer von weißen Gesichtern sah zum Podium hinauf. Parterre, Seitengänge, Logen und Balkons ein einziges Antlitz, das auf den blaffen Mann gerichtet war, atemlos jedes Wort in sich hineintrinkend. Weizmanns Rede war in Aufbau und Durchführung ein rhetorisches Meisterwerk, besten Wirkung noch durch seine Art verstärkt wurde, die ihm nicht geläufige deutsche Sprache zu meistern und ihrer Spröde den prägnantesten knappsten Ausdruck für den Gedanken abzugewinnen. ck Nach Schluß der Rede kam der Abschied. Wieder. stand die Versammlung wie eine Mauer. Durch ein mühsam, improvisiertes Spalier mußten Ordner und Funktionäre der zionistischen Bewegung dem Führer den Weg;u seinem Automobil bahnen, lausende Sande streckten sich Weizmann entgegen und. der Ruf „Lchitraoth!" begleitete ihn bis aus die Straße. Um dreiviertel 10 Uhr abends reisten Weizmann und Feiwel nach Prag ah, um die zionistische Arbeit in der tschecho-slowakischen Republik zu inspizieren. Das Landeskomitee geleitete sie zum Ostbahnhof und nahm hier nochmals herzlichen Abschied. * Hier der Verlauf der Versammlung: ' Um Punckt 8 Uhr erschien W e i z m a n n, geleitet von den Herren Dr. Ehrlich, Direktor E p l e r, Doktor Feiwel und Dr. Goldhammer, auf der Tribüne. Die ganze Versammlung erhob sich zu einer j ub e ln den Begrüßung und es dauerte einige Mieten, bis sich der Vorsitzende Dr. Ehrlich verständlich machen konnte. Er begrüßte zunächst den Vertreter des Bundesministerimns des Aeuße-rn, .Sektionschef Lukefch, den englischen Gesandten Ackers Douglas (stürmffcher Beifall. Rufe: „Hoch England! Hoch Balfour!"), den Vertreter der polnischen Gesandtschaft, Legationsrat Dr. Parnes (Beifall) und das Präsidium der Wiener Jüdischen Kullusgemeinde (Beifall). Redner führt weiter aus: Palästina ist ein Beleg für die Wahrheit geworden, daß die Utopien von gestern Tatsachen von heute sind. Was vor einer ganz kurzen Zeit nur in der GedankeMvelt weniger Personen geläbt hat, was von den NLUmnwlweisen als Schwärmer-ei belächelt wurde, das ist durch die großherzige Balfour-Deklaranon, durch den Beschluß von San Remo, durch die Bestellung Englands als Mandatarmacht deS Völkerbundes für Palästina zur Wirklichkeit geworden. (Lebhafter Beifall.) Palästina ist heute ein internationales Problem vo »größt er Wichtigkeit, nicht nur für jene Staaten, die im Völkerbund vertreten sind, nicht nur für den Völkerbund, der die Verpflichtung aus sich genommen hat, in Palästina ein nationalWisches Heim zu schaffen, sichern vor allem auch van größter ideeller Wichtigkeit für das Judentum, dem Palästina wieder Inhalt in sein Leben getragen hat und dessen Willen i;nd Streben wieder ein Ziel gesetzt wurde. Wir Juden haben früher meist in der Vergangenheit getlebt und nur in unserer Geschichte eine gewisse Stütze gesunden. In den Zeiten unserer tiefsten Erniedrigung haben wir uns ausgerichtet an unserer Geschichte, m den Zeiten unserer größten Nöte und Berfolgungen haben wir Mut und Kraft gefunden in der Erinnerung an eine Zelt, die schon Jahrtausende hinter uns liegt. Und gerade die Besten von uns, die einen Kampf geführt haben gegen den Materialismus, gegen den allgemeinen Verfall, die mußten weit in der Geschichte -uvückblättern» um Mm uttb Ausdauer für diese« Kamps zu finden. Nun, Golk sei Dank» ist eS anders gewoi-on. Wir müssen Nicht mehr zurückschauen, wir haben wieder eine Gegenwart^ »md wir haben wieder eine Zukuwst, der wir mit Mut und Zuversicht entgegenblicken dürfen. Gm Geschlecht tvächst wieder heran, welches die Hochschulen verlassen hat, die dunklen Judcngasscn des Ostens, icm den Boden unserer Väter zu beibauen und in schwerster Arbv'rt Straßen zu bauen, aus einer Wüste einen blühenden Garten zu schaffen. Dieser eiserne Wille unseres DoiKeS, unser Land wieder aufzubauen, verkörpert sich in der eisernen Energie unseres Führers Weizmann. (Stürmischer Bestall.) Wir blicken mit Vertrauen uvd mit Stolz aus ihn und deshalb ist die Zeit seine- Besuchefür uns ein Fest uttfe deshalb heißen wir >ihn hier -ei uns he reichst willkommen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Otto AVeleS: Ich entledige mich der Aufgabe, die mir meine Freunde und die mir unser Führer Weizmann gestellt haben, hier, bevor er spricht, zunächst die Kärrnerarbeit am Königswerk zu vollbringen und hier zu wiederholen, Was der Zionismus ist. Der Zionismus, wie ihn Herz! schuf, setzt den beiden Begriffen Judennot und Judenschicksal zwei neue Begriffe entgegen: Judenvolk und Judenland. Als Theodor Herz! auftrat, erklärten er und die Seinen, daß enicht wünschenswert, nicht würdig und „nicht fortschrittlich* ist, unter den Völkern, die um uns wohnen, restlos verschwinden zu wollen. Er rief damals den Satz hinaus, der schon damals für neun Zehntel des Judentums eine Binsenwahrheit war, aber in den westjüdischen Kreisen mit peinlichen Gefühlen entgegengenommen wurde: „Wir find ein Volk, ein Volk"; der Mann, der in dieser Stadt gelebt hat und hier nach einer ungeheuren Arbeit für sein Volk gestorben ist, er fügte hinzu, es könnte nicht der Sinn der Emanzipation sein, daß wir aufgehen unter den anderen; denn sic stießen uns zurück, als wir es versuchten. Nicht um zu sterben, sind wir aus dem Ghetto gezogen, sondern um zu leben und um uns zu erneuern. Judenland! Die harte Not des Ostens, Pogrom, Knute, Ansiedlungsrayon, waren — das muß festgehalten werden, heute und vor aller Weltgeschichte — Anlaß, aber nicht Ursache. Hinter der östlichen physischen Judennot reckte sich ein großer Lenker auf,, die durch Jahrhunderte niedergebaltene und durch sülche Komprlniierung bis zur Weißglut erhitzte Sehnsucht, sich auf seinem Boden zu erlösen, endlich wieder Brot zu essen, das man selbst gebaut hat. Judenvolk und Judenland als Erlösung von den Begriffen Judennot und gegenwärtiges Judenschicksal — der Mann, dem es Vorbehalten war, dieses Programm zu erfüllen, ist Weidmann. Was die zionistische Leitung unter der Führung dieses Mannes für das jüdische Volk geleistet hat, gehört der Weltgeschichte an. Heute ist ihm noch für anderes zu danken, dafür, daß er, der erste Gestor des Werkes, gleichzeitig sein ergebenster Diener ist. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ellt er in einem Fieber, daß das Werk nur glücke und nur gelinge, wie eS sein muß. .Wir hier wollen ihm verspreche»!, den Dank für sein Lebcnswerk dadurch abzustatten, daß wir uns bemühen, zu handeln, wie er. und zu sein, wie er, und dafür zu sorgen, daß sich das schönste und edelste Wort Theodor Herzls erfülle: „Wir wollen uns hoch aufrich° t e n." (Stürmischer Beifall.) Weizmann besteigt die Tribüne. Die Versammlung erhebt sich wieder. Beifall und Händeklatschen, DüchevsckMnken. Meine Damen und Herren! Gestatten Sie mir. daß ich Ihnen im Namen der Organisation, die ich die Ehre habe zu vertreten, rneinen herzlichsten Dank ausspreche für die so herzlichen Worte und für die Begrüßung, die ich nicht auf meine Rechnung zu setzen habe, sondern auf die Rechnung 'der Organisation, der Bewegung und der Idee, der meine Freunde und ich selbst dienen. Ich bin auch tief gerührt darüber, daß die Vertreter der jüdischen Gemeinde Wiens, der Vertreter der Republik Oesterreich, des polnischen Staates und —• last but not least — der Vertreter meiner eigenen Regierung es für gut gefunden haben, uns mit ihre«! Besuch zu beehren. Ich werde versuchen, in einfacheu, kurzen Worten Ihnen das zu schildern, was den Inhalt und den Kern dessen darstellt, was wir heute zionistische Bewegung und Palästinaaufbau nennen. Ich werde dies tun aus das Risiko hin, daß es schon einmal gesagt worden ist; aber schließlich ist eS ein sehr beschränktes Thema. Ich habe nur eine einzige Rede zu halten, und die halte ich in der ganzen Welt. Es handelt sich um ein einziges Objekt, um die politische Grundlage. aus die sich der Ban des modernen jüdischen Pa- Schuhei mit eingebautem p,B«r*öii“»Guinnii*Ab3Ätz lästina stutzt. Der Herr Bor-sitzende har bereits die Dal« stur-Dvklaratwn, das Mandat und die Mcmdatsinacht erwäbnt Die Valfour-Deklaration ist das grundlegende Dokument, welches das Rc.bi des jüdiischen B-oMes proklamiert, in Palästina sein Heim ausznibouen. Das ist der Inhalt dieses Dokument«-» dazum Gegenstand so vieler Diskufsionen mtd Beratungen irmechälb und außerhalb des Judentums geworden fft.' DaS DoSuinent hat in dem Mandat, welches vom Völkerbund, von den zivilisierten Völkern ganzen Welt bestätigt wurde, seinen Ausdruck und seinen Kommentar gefunden, indem dort gewisse Maßnahmen vorgesehen werden, nach welchen dieser Aufbau, diese Begründung des Heims vor sich gehen wird. Das Mandat siebt vor, daß eine Immigration der Juden nach Palästina stattfinden wird, die von der MmidatSmacht . im Zusammenwirken mit einer jüdischen KSrperschast geregelt werden soll. Der jüdischen Körperschaft obliegt die Verantwortung für die Immigration, daß sie zu einer produktiven und dem Lande nützlichen werde, daß sie dem Zweck dient, dem sie dienen soll, nämlich tan Ausbau deS Heims. ES gibt noch andere Delaivfragen in diesen! Mandat, aus welche ich heute nicht einyugchen brauche. Das sind in aller Künze die politischen Hauptlrmeu, aus welch?u sich unsere Arbeit in Palästina stützt. Ich will gleich vorweg nehmen, daß im Judentum und auch anßerhM deS Inden-. trrmS immer Zweifel, Kommentare, Kritiken und Erklärungen umlaufen. Me es bei uns Juden so oft geschicht. Wir hai!)?n uirs aus den Zeiten unserer Ghettovasukstiik daran gewohnt, zu' den Kommentaren Kommentare zu schreiben, bis man vor foutet Kommentaren das Mandat selbst nicht mehr sicht. Wir Harn immer gescheite nub nervöse Leute rmd man fragt: Wird wirklich das Mandat duirchgsfühvt werden? Wird wirklich die Mandatarmacht alles einihawen? Wir sind nervös bei jedem Regierungswechsel in England. Gestern tvar eine Arbeiterregicruing, heute sind die Konservativen am Ruder, morgen vielleicht eine andere Regierung. Ich will das alles vorweg nehmen und nach den Erfahrungen unserer Arbeit diese einfache ErWvung äbgciben: Das Mandat mag viel, es mag wenig enthalten — es ist die Basis u nd ich M uhe, inan kann diese Basis für unser - Regeneration <ÜÄ unveränderlich und unerschütterlich ansehen. Bon der Nervosität wollen wir uns ein für allvma» befreien und ich möchte hier in Gegenwart des Vertreters der englischen Regievning sagen: Je stärker eine Regierung, je größer ihr Machtbereich ist, desto weniger kann sie ihre Verpflichtungen ändern. Eine Verpflichtung der englischen Regierung ist ein FelS, «ms den wir bauen. (Stürmischer Beifall.) Ob das viel oder wenig ist, darüber kann man sehr lang», reden. Ich glaube aber, mit Sicherheit behaupten zu dürfen, und das «m-f Grund meiner Erfahrung, daß der wirkliche Kommentar zu dem Mandat nicht in Zeitungsartikeln, nicht in Reden, nicht einmal in den besten Reden ihrer besten Führer gegeben wird. Der Kommentar zum Vlandat und der Inhalt des Mandats wird geschrieben in Worten von Stein ans den Hügeln nnd in den Tälern Palä« stinas, in den Sümpfen, in den Städten, in den Fabrikm, aus den Straßen, kurz in der Tatzeit, die heute das JudentN'N! in Palästina cmsübt. (Stürmischer Beifall.) Was ist diese Tätigkeit, ivorin besteht sie, waö ist ihre Irr-> kunst, toohin kann sie letten? Es ist klar: Um ein Heim aufzu- - bauen, müssen vor allen Dingen zwei Elemente vorhanden sein: Der physische Platz, wohin sich die Menschen stellen können, und die Menschen, di« diesen Platz betreten. P a l ü st i n a ist kein großes und kein reiches Land. Ts Ijat ieine mineralischen Schätze, keine großen Flüsse. Es ist ein Land,' nicht besser und nicht schlechter als viele Länder, die sich am diesen Teil der Mittelmeerküste gruppieren. Ich würde mich einer Uebertrorbung schuldig machen, würde ich versuchen, .Ihnen Palästina mit grellen Farben zu schildnu. Aber es ist unser Palästina, genaal so wie die Juden ein Volk sind, das vielleicht auch Hügel. Täler, Felsen und Steine hat und nicht den Dänen oder den Deutschen oder den Engländern ähnlich ist. Aber es sind unsere Inden, nnd mit ihnen haben wir zu arbeiten. Cs nützt nichts, sich mit Redensarten zu trösten. Palästina ist, tvenn ich in ich so ausdrückeu darf, ein schweres Land, die Juden sind ein schweres Volk und die Zeit, in toölcher wir arbeiten, ist eine s chlv e r e, eine Zeit, wo die Menschheit in Trümmern liegt rmd sich noch nicht erholt hat von den schweren Schlägen, die der Krieg ihr geschlagen hat. Unter diesen Auspizien: schweres Land, schweres Volk, schwere Zeit, beginnen wir unsere Arbeit. Trotzdem darf gesägt werde«, und ' sogar mit Stolz gesagt tuenden: Wenn man mit offenen Augen' in das Land kormnt — und ich glaube, das wird mir jeder Beobachter, vb Jude oder Nichtjude, Zionist, Nichtzionist cder Antizionist bestätigen rnüssen —, wenn man wlrch Palästina reist und alle diese Unhstände in Betracht zicht, darf gesagt werden: das Aufbauwerk, das heute von jüdischen Händen^ in Palästi»a vollzogen wird, darf sich vergleichen mit tan Aufbauwerk, welches andere Staaten heute in ihrem eiMnen Lande vollziehen.

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