Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2110 (4.1.1925)
- Date
- 1925-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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l) 9 K A .Polen 20groml Wien: Zum Abholen io der Expedition, II. Taborstr. 1*3, oder io einer Verschleisatelle (TraHk) monatl. K 40.000 Straaaenverkanf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1.8er. Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien n. Oeaterr. monatl. K 40.000 v v Tscheeho-SIowakei '/ Mon. K20. |o?oslawien: Mon. Dinar60. Polen: Mo». 3% Zloty, Deutschland: '•> Mon. Goldmark 4, Fr ankr^ ■f Belgien: Mon. Frea. 15 W* NiehubiDDt«« *WW bei PVaiaerhübnneeii vMrhebalt«i Wiener orgenseilung I P reu K 1WOO England: Mon.4SehilBng, Italien: Monatl. 15 I irc, Rumänien Mon. 1501 ei, Bulgarien Mon. HO Lewa,' Schweiz nnd das uhrige Aasland monatlich Frea» 4. Redaktion w. Administration! Wien, I!„ Taborstr. 1—sl Telephone: 44-U-38,43-3-19,! AhSUhrabds. 21 -102.25-282! IX. Universitatsstrasse 6—8 (Druckerei Steinmana) I Oeaterreichischea Postspar» ka*sen- Konto Nr. 150.698 Sr. 2110 «Bien, Sonntag. 4. Sännet 1925 7. Stofttnnnn v Sie Moral des Aittijudentums. —y. W i e n, 4. Jänner. Die Vorgänge in der letzten Tagung der Mandatslontttttffton des Völkerbundes Haben die volle Entwicklung der antijüdischen Front gezeigt. Sie Haben aber doch das Gute im Gefolge gehabt, daß sie auch die Aufmerksamkeit der nationalen Judenschaft auf die politische Seite der Frage gelenkt haben. Sie bringen es jedem jüdisch--bewußten Menschen zum Bewußtsein, daß die neuen Schwierigkeiten zwar auch nur die alten in neuer Fassung .ft-nb, daß sie aber heute die Situation in breiterer Linie angveifen, die sich um die ganze Welt schließt. Die Arbeit, die das Judentum zu leisten hat, muß deshalb an allen Punkten der Gegenfront einsetzen und mit doppelter und dreifacher Anstrengung geleistet werden. Die.Zahl und die Intensität der retardierenden Momente wächst in geometrischer Progression und deshalb darf die Tätigkeit der Mischen Gemeinschaft keinen Augenblick lang erlahmen. Der Antisemitismus hat seine Basis veickreitert. Er hat ehedem nur das Judentum in den Verbannungsländern angegriffen, ihm das volle Recht als Bürger des Staates streitig gemacht. Er wendet sich heute gegen die vom Völkerbund sanktionierte Losung der Judenfrage und er macht dem Judentum auch sein volles Recht als Voltsindividualität streitig. In jÄ>em Juden wird die Gesamtheit, in der Gesamtheit der Mische Einzelne bekämpft und, ob die antijüd'rsche Bewegung hier oder dort unter Betonung von . Sonderpunkten vorgeht —- sie ist doch stets ein geschloffenes. Sy- - stem, das seine Methoden den jeweils herrschenden politischen oder sozialen Verhältnissen anpaßt, aber niemals das Endziel aus dem Auge verliert, das Judentunt zu verdorren, seine Kraftquellen zu. verstopfen und ihm alle Möglichkeiten zu einer freien und oigenberechtigten Zukunft abzusperren. Diese Situation unissen wir klar erkennen und frei von jedem Sentiment beurteilen. Wir müssen erkennen, daß gegen uns nicht bloß die Unmoral.des international organisierten Hakentreuztums auftritt, sondern daß gegen die Mische Position in Erez Israel auch hochmoralisch schillernde, in ihrer scheinbaren Unbefangenheit sogar bestechende Argumente angeführt werden. Es tut nichts zur Sache, daß diese gar so moralisch tuenden Faktoren die Verelendung der europäischen Wirtschaft nur unter dem Gesichtspunkt der politischen und ökonomischen .Rentabilität betrachten, daß sie nichts Ernstes und Seriöses zur Behebung des Minoritätenunrechtes unternehmen, daß sie die Brandstifter nnd Brunnenvergifter überall gewahren lassen, wenn sie ihr Handiverk nur im Namen des nationalen Patriotismus oder einer Weltherrschaftsidee ausüben. Phrase und Tat klaffen himmelweit auseinander und kein ästhetisie rendesKulturgeschwätz verhindert es, daß es noch Völker gibt, die als Eingeborene behandelt und in Einflußsphären zerschnitten werden. Jur Gegenteil, es gibt immer noch eine Anrufung der hochgelobten europäisch-arischlateinifchen Zivilisation, die von einer höheren Auffassung des Moralischen Expansion betreiben muß und deshall» sich über kleinliche Dinge hinwegsetzen darf. Aber der Sturm gegen die Mische Zukunft ist mit einer Menge solcher Dittlich'keitssprüchlein ausgestattet. Da ist das Sekbstbestilmnungsrecht der Araber; es ist jüdisches Interesse, die Freiheit und Kultur des Brudervolkes nicht anzubasten und keinen Konflikt dieser Art hervorzuvufen. Trotzdem ist diese Lüge aufgetaucht und interessanterweise in Ändern, die sonst die Integrität der arabischen Stämme unter das Geschützvisier nehmen. Dann sind die heiligen Stätten in Palästina ein sehr beliebter Vorwurf. Das'JudentlMl hat nichts mit ihnen zu tun, nimmt an ihnen höchstens ein historisch-wissenschaftliches oder touristisches Interesse. Aber der mächtige Schützer dieser Stätten, der den Mischen Standpunkt sehr genau, kennt und auch die Realitäten der Politik haarscharf zu ^beurteilen Weiß, hat das ganze Laud als heilige Stätte erklärt, die -seinem Einfluß unterstellt-, und von der jüdischen Vesichlmrg verschont bleiben muß. Das hat, wie man sieht, keine Raison, klingt aber dem mit den Verhältnissen unverdauten Publikum, sehr plausibel und vor allem moralisch. Diesen beiden gesellt sich, ebenfalls von Mussolini droht der Apposition. Die krllLrum des Ministerpräsidenten in der Kammer. — Mussolinis Tagesordnung angenommen. — Sie Kammer vertagt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Rom, 3. Jämrer. Der heutigen Rede Mussolinis anläßlich der Wieder e r ö f f n u n g der. Kammer.sah man mit Spamrung, entgegen.. Schon lange vor Beginn der Sitzung övaren sämtliche . Tribünen. überfüllt. Sofort nach Eröffnung der Sitzung, ergriff Muffolim das' Wort. Er führte aus: „Ich wünsche kein neues Bertrauensvotmn, deren ich schon genug erhalten habe. Artikel 47 der Berfaffung gibt der Kammer das Recht, die Minister in A nk l a g e z u st a u d: zu versetzen.. Ich frage, ob es in oder außerhalb der Kammer jenranden gibt, der mich in Am Aagezustand versetzen will. (Lebhafter Beifall der Mehrheit.) Mussolini lohnt entschiedeu die ihm in der DenLschrfft Rossrs zuge sch rie be ne Verantwortung für die Ueberfälle auf Amendola, Miffari und Form und für das Verbrechen an Mattcotti ab. Er erinnert an seine Ver ühnungsrede und versichert, Achtung für Matteotti. gehabt zu ha'bsstt, dessen Jü-telligenz' utofc’ BeharrL-chkeit.er-^schatzte. Er gibt zu, daß die Aähänger der Gewaltmechoden ihn beeinftüffett tvollte»^ aber er habe sie inumr äbgeschütE. Muffolim fährt fort: „Dem Feldzug der Opposition habe ich bis zur äußersten Gresize der Gchust» ÄD...sich nicht nur die Faszisten, . sondern auch viele andere Bürger fragten, ob noch eine Regierung bestehe, griff ich mit den bekannten Einschränkun-gsuraßnahnreir ein. Italien will Frieden, Ordnung und fruchtbringende Ruthe. Diese Ruhe und Ordnung tverden wir ihm mit Liebe und nötigenfalls mit Gewalt geben. 48 Stunden nach niemer Rede wird die Lage auf dem gangen Felde geklärt stiin. Me mögen wissen, daß dies nicht aus persönlicher Laune oder Wollust am Regieren geschieht, sondern daß mich nur grenzenlose Vaterlandsliebe leitet. Die Anhänger Giolittis, die Parteigenossen Orlandos und die Kriegsteilnehmer brachten eine Weirmanns Borttag. Im überfüllten großen Konzerthaussaal fand gestern abends der Wiener Bortrag des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Dr. Ehaim W e i zm a n n, statt, der sich zu einer machtvollen Kundgebung des Wiener Judentums für den Aufbau von Erez Israel gestaltete. Dem Bortrage wohnten unter attberen der englische Gesandte Ackers Douglas, Vertreter der polnischen und der österreichischen Regierung bei. Weizmann wurden bä seinem Erscheinen und nach Beendigung seines Vortrages minutenlange, stürmische Ovationen bereitet. Seine Rede, die starken Eindruck machte, wurde vielfach von Beifallsstürmen unterbrochen. Präsident Weizmann reifte noch nachts in Begleitung des Mitgliedes des Keren-Hajeffod-Direktormms Dr. Bertold Feiwel nach P r a g ab. (Den Verlaus der Versammlung sowie die wörtliche Wiedergabe des Vortrages Weizmanns finden unsere Leser aus Seite 2). Tagesordnung ein, welche die Gewalttätigkeiten gegen die Presse und die Ungesetzlichkeiten im Lande tadelt; aber sie konnte nicht verhandelt werden, well Mussolini ihre Vertagung auf sechs Menate beantragte, und dieser Antrag von der Mehrheit sofort angenommen wurde. Schließlilch wurde die Vertagung der Kammer auf unbestiimmte Zei t von derselben Mehrheit beschlossen und die Sitzung geschloffen, so daß die Opposition nicht zu Worte kommen konnte. Nur der sizManische Fürst Lanza dr Tratz i g l i o durfte als erster Unterzeichned der Tagesordnung der Opposition ganz kurz sein Bedauern darüber aussprechen, daß sie beiseite geschoben worden sei. Daraufhin zog die Opposition ihre Tagesordnung wieder zurück. Mirnta in dev Kammer. Rom, 3. Jänner. In der Kammer ist heute a-uch Abgeordneter Ginnta erschienen, der dadurch.die.von der oppositionellen Pveffe verbreitete Nachricht einer Flucht nach Aegypten widerlegte.. Die Wahlreforrn. Rom, 3.'Jänner. UnterMeilungen der Kammer haben heute den Wahlreformentwurs in Beratung gezogen. Ein faszilsti-scher Abgeordneter beantragte, daß aus besonderen Gründen in V e n e z i o - G i u l i a n o ein a nderes System als das des Einmänner-Wahlkverses angewendet werde. Es wurden auch mehrere Anträge für das Pluralwahlrecht eingebvacht. Die Combattantr (Kriegsteilnehmerabgeordneten) wendeten sich gegen die Verhandlung der Wahlvesorm in einer so unklarenpolitisch en Lage. Neue Maßnahmen. Rom, 3. Jänner. (Stefan:.) Sofort nach Schluß der Kammevsitz'ung versammelten sich beim Ministerpräsidenten Mussolini die Minister des Innern und für Verkehr sowie der Oberkommandant der ^lrabrnieri und der Ehes der Sicherheitspolizei. Es wurden Maßnah men getroffen, um je g l i ch e m V e r s u ch e ein er Störung der öffentlichen Ordnung entgegenzutreten. 8ine Lektion für Horthys PogromWn. (Eegendionst der „Wiener Morgsnzeitung.) Budapest, 3. Jämrer. In der Nvchcchrsnacht kam es, wiL- ,/Az Gst" honte berichtet, zu Skandasizonen, Äs sine Gruppe von etwa zehn.Stndenten, mit Gummrknütteln bewaiff-- -net, Passanten von jüdischem Auslsohen zur Vorweisung ihrer Legitimationspaipieve verhalten, wollte. Die antisemitischen Skandaimracher errogim den Unwillerr der Passanten in so hohem Ataße, daß die Menge sich, aus die Studenten stürzte, -ihnen die GmUlNviLn-üttol und Schlagrm-ge entwand und die jungen Leute mit ihren eigenen Waffen jänun-erlich zu verprügeln begann. Ehe die Polizei eingrodsen konnte, waren die übel zugerichteten Ruhestörer v e r s ch w u n d e n. politischer Atoral bis zum Hals durchtränkt, die orthodox So4vjetgesellsck)aft zu. Sie muß unbedingt zur Rettung der russischen Arbeiter vor -Hunger, Pest und Kannibalismus die Orientvölker vor dem JntpevialiAnms des kapitalistischen Westens schützen und wirft sich darum auch mit Eifer aus den Zionismus. Sie läßt diesen Teil ihrer WlltbeZiückungspläne durch gemietete Mische Renegaten besorgen (wie solche sich übr.oens auch an anderen Punkten der großen Log:o:n'r:)Ut hervortun), die^ ihre Pflicht mit dein Enthusiasmus des Neophyren üben,' der seine Herkunft durch Fleiß und gute Sitten übertünchen will. Und diese ganze Welt von Hottchelei und Betrug wird Aufgeboten — zu welchem Zweck? Um dem Siebzehnmillionenvolk der Juden den Weg zu seiner Heimstätte zu verrammeln. Dieses Volk kämpft in einem Ringen, das die Moralisten bei anderen als hellenisch, als künstlerisch vollendet, Preisen würden, gegen sein Schicksal. Es will den Frieden mitsichern und sich seine Wohnung zimmern. Es zieht aus dieser Feindschaft die Lehre, daß es noch mehr zu tun hat als es schon tat, daß es Geld und Menschen nach Erez Israel senden muß, um sich dort mit den eisernen Klammern seiner volksbewußten Jugend zu verankern. VI. Linke Wien* zelle 4u (im Hofe)