Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2105 (30.12.1924)
- Date
- 1924-12-30
- Page
- Seite 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■'*nm -w WM r Ä MkNSAY »'-. x Meirer Vivraenzerrunsi. o\). 'sxrgomiuvi 1V2M vvr. xsm LverbeMt. Set neue Borstand der Wiener H Kultvsgemeinde. Wahl des Präsidiums und Vertretttkollegiums. Gestern fand die konstituierende Sitzung des am 9. November gewählte« Vorstandes, der Wiener KuLlrrSgemeiirde statt. Zum Präsidenten wurde Universilätsprosestor Dr. M-oiS Pick, zu Vizepräsidenten wurden die Herren Doktor Jeckob Ornstei« und Dr. "Josef Löwenherz, ins Vertreterkollegium die Herren Dr. Desi-der Friedman«, Baurat Wilhelm Kempler, Gemerndevat Dr. Leopokd P l a s ch k e s, Kourmertzialrat Siegmund Kauders, Wolf Pappe «he im, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, Dr. Josef Ticho und Dr. Erwin Bader gelvahtt. Nach erfolgter Wahl gaben die verschiedener« im Kirltusvorsta-nd vertretenen Parteien pragra-nrmatische Erklärungen ab, worauf die Sitzung geschlossen tvurde. Aiko« Fsraelsohn gestorbe». ' Irr BvuM starb, wie I. T. A. berichtet» im Alter von <8 Jahren der weitbekannte, «ms Rußbmd stammende O r i e «* -talist Jakob JsraelsohN. Der Verstorbene war in Wbau grbvren, studierte in Petersburg uidd bildete sich noch m jungen Jahren zu einer Autorität in der Wissenschaft und den Sprachen des Orients auS. Sein Sondergebiet waren die alten j.ndäo-arabischen Literaturen. Er verosfeEchte zahlreiche Schriften, die in der wisser^chasllichen Welt diel Beachttmg fanden. Bekannt ist die Rolle JsraeHohns -im Kiewer Berlis- Prozeß, wo er der Verteidigung das wissenschaftliche Rüstzeug MN Widerlegung der Ritualmordlvgende lieserte. Im Jahre 1988 verließ er SowjetMßlcmd. Einen Hm anWbotenen Posten eines Bibliothivkars der Mischen RbtMmg der Staats-ibl-iochek lehnte er ad. Lbenaibiaer KU iu Semfoltai ottoffiett. Jerusalem, 99. Dezember. (I. T. A.) Ms der soeben von ferner Reise nach AmerÄa und Europa zmückgekchvte Oberrabbiner von Palästina A. I. Kak an dem Hause der Jeschiwah Ohrl Moschee voÄeigmg, warf em JeschiwaWKmy a us einem Fenster des Gebäudes einen mit Wasser gefüllten k-upserne« Krug noch chm. Glücklicherweise MH Rabbi Kuk -unverletzt. Diese Attacke rief große Erregung unter -er jüdischen Bevällerung hervor. Unter der Beteiligung von IM Rabbinern und führenden Bürger« der Stadt wurde eim Protestversammlung oLychÄten, in der die Attacke scharf devuttellt und dem OberraDbmer Kuk die SynHvthie V:r gesamten BevöAeruny ausgedrückt wurde. . ßrösfmmg des SuMntr für jüdische ÄifsenschMen. Am 22. Dezember, nachmittags, wurde in Irr«- fatem das Institut für jüdische Wifsenschufte« bei der hebräischen UniveLsität feierlich eröffnet. Anlvesend waren neben zahlreichen hervorragenden Mschm Vertretern auch hohe Regierungsdeamte,' die ouÄLMschen Konsuln in Jerusalem mck Vertreter der imHammedamischen umd christlichen JMtErmen. Der jetzt in PaWina wohnende ehemaLige PrLsAient der Nsw-Aoiker Mischen Gemeinde, Dr. I. L. Magn e §, der einen hervorragmrden Anteil an der Gründung des Instituts Hai, hielt die Eröffnungsrede und führte aus: Die Mische Wissenschaft hat unter allen Völkern liefe Wurzeln geschlagen. Wir halben mit dem Institut für jüdische Wissenschaften eine neue Stalle des Fsolche n s und Lernens ohne Angst im-d ahne Hach geschaffen. ^Das Institut wird der Bertiesuing des jüdischen Geistes dienen und aus diese Weise auch das allgemeine geistige Leben der Menschen vertiefen und bereichern helfen. Hieraus begrüßte der britische Oberkammissav für Palästina, Sir Herbert Samuel, das neuigegründete .Institut. Er führte aus: Me großen Dinge im Leben kommen vom Geiste. Bon der materiellen KMur des Mett Judäa sind mit Ruinen geblieben, jedoch die geistige Kultur dieses Landes, die Propheten und die Lehre des Judaismus, wurden Besitz der ganzen Menschheit. Das Institut für jüdisch« Wissenschaften wird eine Brücke sein, die den Äten mtt dem Westen verbindet. Am Schlüsse seiner Rede -ruckte Sir Herbert SaiMÄ die Hosisibuintz aus, daß das Institut eine arabische Abteilung einrichten wird.... Begrüßungsreden hielten daun Prof. Jod or für das biochemische Institut der hebräischen Universität, dessen Leiter er ist' Prof. Gra wford im Namen der amerikanischen Universität M Beirut,- Dr. Aulbright «m Rcmren des a-mervkamfchen archävboFischen Jnstttuts rn Jevusäkem; Pvof. Herzverg im Namen des deutschevangelischen Instituts zu Jerusalem. ES sprachen daun im Namen ihrer Organisationen: Herr M. Ussischki n, der Präsident des Jüdischen Nationälfonds; Dr. Artur Ruppj«^ Mitglied der.paläst-i-nensisch-Hion-jstifchen Exekutive; Dr. Thon vom Rationalrat der PaiiästinenstsAn Juden (Waad Leum-i). ' ' '''' " Schriftliche Begrüßungen sandten der englische Bischof in Jerujsalmr-'Dv. M a es n u e §/ der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Ch. Weizmaun, Baron Edmond de Rothschild, AchaÄ Haam, der Oberrcchbiner von England Dr. I. I. H. Hertz, Louis Marshall, . Felix M. War burtz, Richter Juiliau W. Mack, Dr. Chms Adler, QberrEner Doktor Ehajes. „Her Held der Studentenschaft." Jassy, 39. Dezember. (U. T. K.-B.) Die Pol-iza'i hat nach tiiteJjr tägigen N-achforschmlgen vier Hochschüler verhaftet, foi>c Bilder des UrviveisitätWrerS Codreänu, des Mörders des Polizei Präfekten Maneiu, m der Staidt Vevbveätsden. Die Bilder tragen die Aufschrift „Der Hel>d dar Studenten-!s ch a f t". Die vier Studenten umvden dom Gericht eingolisfevt, dos aus Grund des neuen. Gesetzes über die Sicherung der staatlichen Ordnung das Urteil fällen wird. Die trogen dvr Ernwrdung Mancius in Untersuchungshaft befi-ndlichen Studenten haben den Hungerstraik ein gestellt. Ser Haamann von Münsterberg. Die Polizei mutz sich wieder entschuldigen. BreSla«, 29. Dezember. (Wolff.) Bon amtlicher Stelle wird über die Münsterberger Morde berichtet: Der -die Unterfuchuing leitende Oberstaatsanwalt erklärt, daß,- soweit sich der Tatbestand übeMicken lasse, die Münsterberger Poilizeikeinerlei Berschiulden treffe. Daß die Verbrechen Denk es so lange verborgen blieben, sei damit zu eMiren, daß er bei der Bevölkerung im denkbar 'besten Rufe stand und niemand m sei-ne Lebensweise Einblick hatte, da er sehr zurückgezogen lebte. Fünf Morde soien nunmehr festgestellt, einige werden ge mutmaßt. Die Zahl der Opfer Denkes beträgt ^wahrscheinlich mehr al's 15. Gehirn und Mageninhalt des Mörders werden gegenwärtig in der Universitätsanatomie in Breslau untersucht. Aehnlich wie im Falle Haarmann wird auch hier in der Bevölkerung Münsterbergs behauptet, der Mörder habe von dem Fleisch seiner L^>fer auch an andere Personen abgegeben und eine Frau hat sich bereits der Poliizei gemeldet, mit der Angabe, Denke habe ihr Fleisch geschenkt. Es stcht auch bereits fest, daß Denke ebenso wie Haarmann mit den Kleidern seiner Opfer Handel trieb und an ärmere Leute auch Kleidungsstücke verschenkte. Bon der Haut seiner Opfer benützte Denke felöft die kleinstenSMe. Sogar feine Schnhriemen ftrtigte er aus Monfchenhaut an. Er hatte auch Hosenträger aus Menschenrau b. Anter den Opfern Denker befinden sich Männer jegKchen Alters, sogar ein 70j ährLg er Grei's und Vater von fünf Kindern. Denke hat' wiederholt große Reisen unternommen, und es i st noch völlig unaufgeklärt, was er «ms diesen Reisen getrieben hat. Die Durchsuchung der Wohnung des Menschensreflers hat noch einen interessanten Fund zutage gefördert. Es wurde eine kleine Schachtelm it Ton Plättchen in Münzen form entdeckt, die Dencke sich selbst angefertigt und mit Zahlen versehsn Hatte. Es wird angenommen, daß -er Mörder auf diesen Daselchen die Zahl seiner L^fer vermerkte. A«f der Fahrt zur Hochrett tödlich venmMiv. Klausenburs, 29. DeZemIber. (U. T. K.-B.) Die Schcmspükerm Elisabeth K ü-vt h h, die sich in Begleitung mehrerer Kollegen und Kolleginnen in einem Autobus hierher begeben wollte, um sich am Sonntag mit einem TexttlsÄbvikaniten zu vermählen, fft tödlich verunglückt. Das Auto,- welches infolge eines Defektes, eine dreistündige Vorspätun-g hatte mch infolgedessen mit großer Schnelligkeit dahinsuhr, durchbrach bei «inor scharfen Kurde das Gelände einer Wer den Samosfluß führenden Brücke und stürzte sechs Metar -tief Ms die Eisdecke des Musses. Der Autobus <wu-rde vollkommen z sr tr ümme-rt und die Passagiere blieben besinnMgslos auf dem Eis l'tSgen. EH nach mehreren Stunden kam Hilfe herbere. Die Schauspielerin Elisabeth Beneze war -bvvelits tot. ClisMih Kürthy wurde samt jhr-em Bruder ins hiesige Spital gebracht, wo sie, ohne die Bestnnunig wieder zu erlangen, derschlied. Zwei Schauspi-Äer haben sich Mm-, bezjehungs- -wsijse Beinbr,üche zugezogLN. kin Kindesmord. Aus Baden bei Wien wird uns gemMet: Am Abend des 24. d. ha-t -die 35jähri>ge Hausgehilfin Maria Ohmacht Ln einem Hobel in Baden bei Wien ihren dreijährigen Sohn Herbert ermordet. Nach voMrachter Tat stellte sie sich selbst der PoNzri. Man fand in dem Hotelzimmer das Kind im Bette tot aus. Aus dem Tische lag «in von -der Ohmacht geschmebener Zettel, auf welchem sie be-kauutga'b, daß sie ihr Kind ermordet habe., Auch ein ffawgeg Küchenmesser lag auf dem Tische; die OWracht beabsichtigte, zuerst das Kind abzufchlachten, vorher versuchte sie es jedoch mit Leuchtgas zu töttn, was ihr aber nicht gelang. Darauf nahm sie sin Handtuch und erdtosselte das Kind. ' Sie gab an, daß sie die^Absicht gchabt habe, sich selbst -mit dem Kücheumiesser nach voMrachter Tat umzubringen, ihr jedoch der Mut dazu gefehlt habe. Das ermordete Kietd war böi einer Schuhm-ach-ermeistersgattin in Baden seit Juni 1923 i>n Pflege und Ä!-e Mutter hatte es von dort äbgcholt. Das Motiv fofft Untat ist noch nicht aufgek l ä r t. iXSr-'tSSZJ'Zpi’ » Sie Leichtgliiubigkett der Auswanderer. Warnung vor der Kuba- und Mexikoroute. Das Stuttgarter Deutsche A-us'lanÄsinstituit schvsibk uns: Die polnischen Schiffahrtagenten haben Mter AM Auslvan'derungslustigen Polens viele Gutgläubige gefunden, indem sie den NordamerikaauAvanderevu, die bei Schluß der Auswandererquote keine Pässe und- Visa wehr erhielten, die Möglichkeit des Witzes über Kuba eröffneten. 6000 solcher Auswanderer sitzen jetzt auf Kuba fest, weil man ihnen gesagt hatte, von Kuba aus wäre eS em leichtes, nach den Vereinigten Staaten Pässe und Bisa zu «Halten. Ihre Lage schildert ein Vertvauen-Nmann a l S trostlos. Nachdem die Leute gemerkt haben, -daß sie ihrer Leichtgläubigkeit zum Opfer gefallen sind, versuchen sie, auf Kuba selbst Arbeit zu bekomnun. Diese Insel aber leibf* schon fett Jahren unter Arbeitslosigkeit, weil sich dort Taufende und aber Taufende von WuSwau* derern angesammelt haben. Diese Tatsache wird auch durch einen soeben von, .Havanna gekommenen Vertreter der deutschen Handelskreife bestätigt. Das Schicksal der Ausiwandever gestaltet sich somit recht bedauernswert. Ohne menschliche Uuter- : kunfis- und Ernährungsmöglichkeiten gehen viele Familien allmählich buchstäblich zugrunde. Selbst diejenigen, die verdienen, sind äußerst schlecht daran. Das Essen allein kostet auf Kubabei bvscheidenstzer! Lebenshaltung 1,20 Dollar täglich, während der Verdien^ beim Eisenbahnbau oder in den Zuckerplantagen höchstens. 1,50 Dollar beträgt, somit für Wohnung, Bekleidung unh sonstige Ausgaben kemeswegs ausveicht. Die Wohnunge^^ bieten darum einen schauderhaften Anblick. Biese Persomn, Männer sowohl wie Frauen, hausen! mit oder oft ohne Betten in einem Zi-mrner. Dazu kommen die ungünstigen klimatischen und hygienischen Verhältnisse: tropische Hitze, Fieber, Geschlechts- und" Hautkrankheiten wüten unter diesen Aermsten der Armen und fordern immer neue Opfer. Manche hoffen, über die mexikanische Landesgrenze nach den Vereinigten Staaten zu kommen. Sie fallen oft schon hei.der Landung in Mexiko organisierten Rauberbanden in die Hände. Aber selbst für den Fall eines glücklichen Gntrinnens sind die Zustän'de für die Answanderer -nt Mexiko ebewsalls traurig. Die häufigen Unruhen in diesem Lmäe haben zu einem StAstand in Handel und Jndusttte und damit ebenfalls zu Arbeitslosigkeit geführt. Auch die Laudesgvenze der Bereinigten Staaten ist neuerdings st re n g b e wa ch t. Jedenfalls sollte sich kein Auswanderer verleiten lasten, nach den Vereinigten Staaten auf dem Umweg über Kuba ober Mexiko auszuiwaudevn. Die Lage der Aerzte in Sintzland. Der Münchener GhnÄkologe Prof. Theilhaber, welcher über Einladung der Sowjetregierung dem allrussischen Gynäko-Iogenkongreß in Moskau beiwohnte, berichtete im Münchener ärztlichen Verein über seine rustischen Reiseeindrücke, vormhmlich über seine Beobachtung auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Aerzte in Rußland sowie der russischen Medizin übcr'lanpt. Me Prof. Tcheilhaber anZiführt, geht es den russifchen Aerzttn sehr schlecht, seitdem sie verstaatlicht wurden. Der Arzt bekommt im Monat ein Fixu m'vo u 26 Rubeln (das sind 600.090 K.) Anfangsgehalt, datz mit den Jahren steigt, so daß sin Direktor eines Kranketrha-ufes 62 Rubel (das sind 1,770.000 K.) monatlich er-- hält. Die meisten Aerzte sind o h n e N e b e n ein k ü n s t e und leben nur von ihrem „schönen" Fixum. Neuerdings ist zwar durch den BoMo-mimistär Pros. Semaschko die Privatpraxis wieder erlaubt, ist aber so versteuert, daß nichts übrig bleibt. Selbst für das ärztliche Schild muß hohe Steuer gezählt werden, so daß vielle Aerzte es bereits abgeschafft haben. Besonders schlecht liegen die Verhältnisse auf dem Lande. Bücher sind für die Aerzte bei ihrem miserablen Gehalt unerschwinglich. Der Wohnungsmangel fft fast noch großer als bei uns, Rußland legt großen Wert aus Prophylaxe.. Waldschulen, Sanatorien und Kindevkrippen sollen errichtet werden. In einem Institut für Sozialhygiene wird die Entstehung der JnfektionskrauEheiten, Geschlechtskrankheiten und Tuberkulose gezeigt und die Mittel zu ihrer Bekämpfung und Verhütung werden vorgeführt. In der Finidelanstalt befindet sich ein Museum für Mutter- und Kindesrecht. Jnteresiank ist die Stellung der rustischen Regierung zum Abortus artesicialis. Es ist dort erlaubt, daß die Leute aus fina-nziellen oder sozialen Gründen ihre Kinder in den ersten zwei Monaten abtreiben lassen. Als nach Elnsührung dieses Gesetzes viele Todesfälle v-orkamen, ist es den Hebammen und Badern verboten worden. Auch darf die Frühgeburt nur mehr in einem Krankenhaus eingeleitet werden, nachdem eine aus Frauen gebildete Kommission ihre Erlaubnis gegeben hat. Da aber im Krankenhaus nur.relativ wenig Betten sind, ist das Gesetz praktisch sehr eingeschränkt, da nur ein geriger Teil Schwangerer die Möglichkeit hat, in den Hospitälern untevz-ukommen. Erwerbs maß ige Abtreibung ist gesetzlich verboten. Die teueren LebenZverhWniste lasten schwer auf Yen Drzteu^ die viel weniger -verdienen als die Mvbeiter»