Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2103 (28.12.1924)
- Date
- 1924-12-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9fr. ÄW «tot, Mkener MovgenzeUun^ ZS. Dezember ISST 6ef& i SckMnp. Tcneruttp, Leomtengklialte. Aeutzerungen des Bundeskanzlers Dr. Ramek. Das „Grazer Bokksblatt" veröffentlicht ein Gespräch fernes Wiener Vertreters mit dem Bundeskanzler Doktor Na me k. von dein ein großer Teil das TouerwUHAPvoAem behandelt, u. a. heißt es dort: Dem Bedenken, daß der Schilling eine neue Teuerungswelle l-ervorrnsen werde, kann ich mich nicht anschließen. Es ist freilich auch Sache der Oeffentlich'- feit selbst, dafür M sorgen, d: sz nicht das neue Geld 3 u nt Vor w'a n d u n b e r e ch t i g t e r P r e i s st e i gerungen genommen tverde. Ich möchte bei diesem Anlasse ganz allgemein darainf bin weifen, daß die von der Regierung unternommene Aktion gegen die Teuerung nur dann zu dem van allett g-ewüttschten Ziele geführt werden kann, wenn die gesamte Oefletttlichkeit sich in dieser Aktion als Mitarbeiterin der Regierung süblt und LetüLigt. Von der Negierung darf man ans dem Gebiete der Preispolitik allerdings Lerne Wunder erwarten. Die Teuerung ist leider ein allgemeines onrepä-isches Problem und es ist vorweg tlicht erstaunlich, daß Oesterreich Zwangsläufig in LaS Getriebe der Preissteigerungen a>nf dem Weltanarkte hirwingrzogen wurde. Rur -ans die i nländische K o m Ponente der TeuerungLkurve vermögen wir Einflnß zu üben. Rur durch die DtaWisiernng der Preise und Ein- -däiniruung der Teuerung ist auch dem so schwierigen B eamtenproblem beientommen. Ein glatter Betrug an unserer Staatsbeamtenschaft wäre es, wenn die Negierung eich: Politik der Sentimentalität, der Popnlaritäts-läscherei und der finanziellen Leichtfertigkeit betreiben wollte. Die Wirkungen würdlert sich zu allererst an den Beamten selbst rächen. Man kann dies ntit um w größerer Bestimmtheit prophezeien, als hurtdertfältige Erfahrungen der Vergangenheit den nnlösbaren Zusammenhang zwischen den Bewegungen der Preise und der Gehälter bezeugen. Ich gebe mich aber der bestimmten Hoffnung hin, daß es gelingen wird, die Teuerung zum Stillstand zu bringen und dadurch die Lebens-Haltung der Beamten zu erleichtern. M Besetz««« der Wiener Lehrkanzel für experimeatelle Pathologie. Wie wir erfahren, ist für die Stelle nach dem verstorbnen Professor Paltauf vom Senat der Wiener Universität ein Vorschlag unterbreitet worden, nach welchem Professor Dörr und Professor Joanovie vrimo loco porgeschlag.'n wurden. Die Enlschedung von seiten des U ule rrich l sministeriums ist fo\§ jetzt hiMusZ'.fchoHen worden, da es eine Aenderung des Sludier.iplcmes dnrchznfiihren beabsichtigt, in deren Rahmet« die Kanzel für exper'.'ment>elle Pathologie in eine Kanzel für klinische Propädeutik uni gewandelt werden soll. Diese Einführung soll nach Prager Mustor erfolgen, wo eine solche Kanzol von Professor Die dl ge-leilet wich. Diese Kanzel durfte, -abgesehen von den ausgedehnten Laboratorien, auch einen Belag von 60 bis 60 Belten erhal'en. Als Vorstand dieses neu zu scha'feniden Instituts soll, wie mit-geteill -wird, der erste Assistent der Klinik Wenckebach, Professor Doktor E pp i ng e r, ausersthen sein. r-. IWIFNVIIKAISERSTR-111-1151 veranstaltet von Montag, 29. Dezember 1924 bis inklusive Samstag, 3. Jänner 1925 einen grossen Inventnrverkanf und werden sämtlichj Restbestände des streng modernen Winterlagers vornehmer Kostüme, Mäntel, Pelze und Kleider su spottbilligen Preisen abgestessen. Durch diese aussergewöhnHche Veranstaltung wollen wir jedermann die Möglichkeit bieten, zu nie wiedeikehrend billigen Preisen erstklassige Qualitätswaren zu erstehen. Prüfen Siel Es lohnt sich! Eilen Sie! „Generalkonsul" Pollarek enthaftet. Parts, 26. Dezember. (Havas.) Die gegen den hier verhafteten Generalkonsul einer süldaimerikanischen R publik in Prag, Otto P o l l a c e k, eingeloitete Untersuchung hat die Haltlosigkeit -der gegen ihn Vorgebvachten Beschuldigungen wegen Entführung einer Minderjährigen ergeben. Pollacok ist Mf freien Fuß gesetzt worden..Er hat die 30.000 Franken sowie die Juwelen, die er im Augenblick seiner Berhaftunig bei sich hatte, zurückerhab.-en. Dem Ansuchen um AuAiesevunz wird nicht stattgegeben werden. Ile ewige Lheaterkrise. Ein neuer, Konflikt. Die Lage in den Theatern hat^ sich abermals v e r-, schlechter t. Die vom D i r e k t o r e n v c r ba n d ge» ge bette Darstellung des Konfliktes wegen des Kollektiv Vertrages wird vom B ü h n e n v e r e i n als unrichttg bezeichnet. Die Direktoren H ock und Beer sollen sich nicht nur verpflichtet fallen, für die Annahme des Zwölf-Mon-'is-Verlrag.s nn Direktorenverband emzutreten, sondern für die Annahme des Kollekt'.vvertraaes als solchen. Präsident Stärk des Bühnenver-eines hat gestern seine D e* Mission gegeben, d.e schließlich entgegengenommen wurde. Ms einfaches Mitglied des Brrstau'des stellte Stärk dann den Antrag, dem Raimund-Theater, dem Deutschen Bolkstheater und dem Josefst ä d t c r Theater eine Entschädigungssumme für den durch den angekündigten Streik entstandenen schlechten Besuch zuzuwenden. Der Ausfall in den drei Theatern wird von den Dirrktorerr mit 2 00 Mlbrionen beziffert. Es wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, über diese' Zuntutmtg zur Tagesordnung überzugehen. Zur Frage des Kollekttvvertrag.es wird eine heute um halb 11 Uhr etu* berufene Versammlung der Betriebsräte des 'darstellenden Personals Stellung nehmen. Ter Verband österreichischer Theaterdirektoren teilt uns mit, daß die Herren Dr. Hock und Dr. Beer die Erklärung, di« dahingeht daß sie in den Beratungen nicht gegen die Zwöif-Monats-Da.uer des Vertrages sprechen werden und den Theatern die A nnahme des Vertrages empfehlen «werden, ist jMaler Weise erfüllen werden. Verhaftung des Berliner Darieteuntemehmers Wreschinslh. Wie die Berliner Blätter melden, ist der Bankier und mon^en.'Vvin'.'sche Konsul Siegfried Wreschtnsky, der seit Juli dieses Jahres steckbrieflich verfolgt wwd, am 25. d. m seiner Berliner Wohnung verhaftet worden. Der Verhaftete, der fest alleiniger Besitzer der Aktien des Berliner Lunaparks ist. hatte diese Aktien mit Schecks bezahlt, die sich später als wertlos erwiesen, da die Deckung fehlte. Es besteht der Verdacht, daß Wreschinsky sich auch beim A-ukauf von Aktien anderer Gos-'llscha-ften des Betruges schuldig gemacht hat. Wreschinsky hatte sich bekanntlich auch um das Wiener A p o l l o t h e a 1. e r beworben, war fevoch seinen Vevpflichhier nicht rechtzeitig nachgokommen. Dar Großsrver aus tcr ffcifufSite. Ter Brand, der vorgestern abends den Dachstuhl des Hauses Seikerstätte 16 einäscherte, war einer der größten, die tn der letzten Zeit im Stadtbezirk gewütet haben. Er dürfte in der Wohnung der Schneiderin Helene Oram zum Ausbruch gekommen sein. Frau Oram, eine gebürtige Czernowitzerin, hat die Wohnung im Kuppelbau im Mai 1922 zugewiesen erhalten. Sie hat sie vor kürzer Zeit gründlich reinigen lassen. In der Wohnt»ng stand ein eiserner Ofen auf drei Füßen. Er hatte seinon Standplatz auf einem Linoleumftück. Frau Oram hat die Wohnung vorgestern um etwa 4 Uhr Nr Weife. Min hellenisches Märchen.) B.n W. Dorosch wit'ch. Aus dem Russischen von B. Galin. Der Böotier Axelos, Hellene von Geburt und in der Seele Barbar, ürar in geschäftlichen Angelegenheiten in Athen. Ev besuchte die Akropolis. „Akropolis, tunt ja! —Hoch gelegen." Er war im Theater d.s Dionys. „Ein schönes- Theater. Mit weißem Marmor ausge- Aeidet." Er hörte die besten Nhetcren auf der Agora. „Sie reden zu viel!" Und es verlangte ihn, mit Sokra-tes zu sprechen. „Athen b. sucht und mit Sokrates nicht gespr.chm zu haben. Wozu hat dann der Mensch seine Zunge?" Ein Vorübergehender zeigte chm einett kleinen Mann mit unansehnlichem Gesicht, der unter den Säulen der Akademie auf und ab ging. „Das ist Sokrates." - „Ein so großer Mann konnte auch größer von G stakt und ansehnlicher sein. Doch, die Weisen haben dafür kein Berstöndnis," sagte sich der Böotier. j Er ging Sokrates entgegen und verneigte sich tief vor 8 chm. I Sokrates erwiderte höflich den Gruß und ging vor- I über. Der Böotier übccholte ihn und verneigte sich noch einmal. , Sokrates lächelte, verneigte sich ebenfalls und setzte leinen Spaziergang fort. Ta holte ihn der Böotier wieder ein und sagte: ' „Ich grüße dich, den Weisesten unter allen Menschen." Sokrat.s blieb stehen, lächelte mit den Au,gen und ^ägte: „Hast dn alle Menschen auf der Molt gesehen?" ' „N—nein.". , „Sobgld du sie nicht gesehen hast, hast du mit allen Menschen auf der Welt auch nicht sprechen können. Nicht .wahr?" J&j das ist wahr." „Wieso weißt du also, daß ich der Weiseste unter allen ' Menschen bin? Märe es nicht von doin.r Seite vorsichtiger,! zu sagen: Mich dünkt, daß du der Weiseste unkör allen -Menschen bist?" das wäre «wohl gescheiter." „Sobald du aber nicht weißt, inwiefern die anderen Menschen klug sind, ist deine Meinung auf nichts begründet. Fst es nicht so?" „Doch, cs wird so sein." „Aber etwas Unbegründetes können nur Betrüger oder Narren behaupten. Nicht wahr?" „I—ja." „Wolltest du mich betrügen, als du mit sagtest, daß ich der Weiseste unter allen Mettschen bin?" „Nein." „Tu bist also kein Betrüger. Was bist du dann? Urteile selber." „Aber!" dachte der Böotier und sagte: „Was hatte ich tun sollen, wenn dtt nicht sprechen wolltost? Was ist die Rose, wenn sie n'cht duftet, und was ist der Weise, wenn er nicht spricht?" Sokrates läch lte. „Großartig! Saac: ist dem Pferde das Wiehern eigen?" „Das glaube ich!" „Und dem St.er das Brüllen?" „Und ob!" „Und dem Hammel das Blöken?" „Gewiß!" „Und wiehert das Pferd ununterbrochen?" . „Nein." „Und brüllt der Stier - ununterbrochen?" „Nein." ' „Oder blökt vie^eich-t der Hanrmtl ununterbrochen?" „Das auch nicht!" „Und hast du jemals efr Pferd beim Anblick, einer Kuh wiehern goschen?" „Nein." „Oder einen St'er brüllen Beim Anblick eines Schafes; oder eitlen Hammel blöken Leim Anblick eines Pferdes?" („Nein, gewiß nicht!" antwortete heiter der Böotier. „Und wiehert nicht ein Pferd beim Anblick einer Stute?" 1 „Das allerdings," „Und brüllt nicht ein Stier beim Anblick einer Kuh?" „Das ist allen b.kannt." „Und beginnt nicht der Hammel zu blöken, wenn er ein Schaf erblickt?" „Das stimmt!" „Wir können also zusammenfassend sagen, daß das Pferd nur dann wiehert, der Stier mtr dann brüllt und der Hammel nur dann blökt, wenn er ftmesgleichen erblickt?" „Ja. das können wir sagen." „Und sollen wir daraus, daß dieser Regel das Pferd, dir Stier und der Hammel gleich unterliegen, n:cht schließen, daß es sich um ein Naturgesetz handelt?" „Ich meine, wir sollen!" „Und nun sage: wird ein Welser gegen die Gesetze der Natur handeln?" „Ich glaube es kaum." „Und tust recht daran. Jetzt beantworte mir eine Frage." „Auch tausend Fragen, gerne." „Meinst du nicht, daß es dem Wersen ebenso eigen ist, weise Tinge zu verkünden, wie dem Pferde zu wiehern, dem Sti.r zu brüllen und dem Hammel zu blökend „Das meine ich sehr wohl." „Sehr gut! Sobald das Pferd wiehert, der Stier brüllt und der Hammel ttur bei Begegnung mit seinesgleichen blökt, so muß auch der We se nur bei Begegnung mit s.mesgleichen sprechen. Welche Veranlassung hätte ich also, mit dir zu sprechen?" Und Sokrates ging weiter. „Daß mich der Zerberus in Stücke zerreiße!" rie Axelos aus. „Einen Menschen dazu^ zu bringen, daß er sich selbst zweimal einen Narren nennt! Das kann nur etnem Böotier passieren, und auch nur in Athen!" Bald aber sagte er sich: „Wie es sich erweist, ist die Weisheit kein gar so schwieriges Tin-a!" Und um sich nach dem unangenehmen Zwischenfall zu zerstreuen, ging er zu den Hetären. Die Hetäre Chrysis lag am Fenster ihres Haus s, mit geschminktem Gesicht — was ihr Beruf erforderte — und in prächtige Kleider gehüllt, was ihr Beruf durchaus nicht erforderte.