Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2103 (28.12.1924)
- Date
- 1924-12-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2108 , Men, Seuntag Fehler der Zionisten zu verfallen, und die Pallüsti>nasrage crils lokale polästinenstsche Angelegenheit zu behandeln, indem sie etwa nur von den Rechten der palästinensischen Christen und der. palästinensischen Araber sprechen. Die sprechen und handeln im Namen der großen Christenheit und des großen arabischen Bo'lkes. Das erzwingt ihnen Achtung und Aufmerksamkeit. Sie sprechen wie einst die -nationale, zionistische Weltorganisation sprach, damals, als sie das P a l ä st i n a m a n d a t errang! Auf der einen Seite mächtige, istu Dienste großer Idee! arbeitende Feinde. Auf der anderen Seite eine immer schwacher werdende zionistische Organisation, welcher der Lebenswillen fehlt, die ein natiomales Postulat nach dem anderen fallen läßt rund »uw das Problem kennt, wie der Bedarf der kolonisatorischen Arbeit zu decken ist. Eine Organisation. die danach lechzt, sich der nationalen Führerrolle und zu entledigen und. in Form der entnationalisierten Jewish Agency^ die Führung einer mehr oder minder willigen neutralen Fudervschaft zu übertrage.«, welche vielleicht G"ld geben, itte aber de>n großen volitischen Ka-ni-pf für die Sicherung des nationalen Erfordernisses wird führen können und wollen. Diese Gegenüberstellung muß. die. schwersten Sorgen für die nächste Zukunft, unseres tiationa'lvn Heimes auslosen. Die Situation erfordert, meiner Ueberzeugung nach. Umstellung der Politik der zionistischen Bewegung zum Zwecke der Erhaltung und des Ausbaues der nationalen Zionistischen Weltorganisation. Die nöt'gen Kräfte und Mittel müffen fteigemacht werden, seiesauchu-mden Preis, daß in der nach st e n Zeit der Zu ström der Mittel für den kolonisatorischen Aufbau eine Verminderung erfährt. Dieser Schaden ist gntFUmachen. Der Schaden aber, den der Verfall der Organisation verursacht, ist unübersehbar. - * Ich weiß., daß ich mit dieser Auffassung der Dinge im Gegensätze zur heutigen Majorität im zionistischen Lager stehe. Ich fühle mich verpflichtet, dieser Situation dadurch Rechnung zu tragen, daß ich auf meine verantwortliche Stelle in der Weltorganisation verzichte. Ich kann nicht weiter die Verantwortung für eine Politik tragen, de, meiner tiefsten Ueberzeugung nach Katastrophen nach' sich Zieht. Sehe ich tritt Gespenster, um so besser. Dann aber ist mein Schritt uan so gerechtfertigter, denn in die Leitung einer großen Bewegung gehören nur. Menschen, die klare Augen haben. Für Gespenstevseiher ist da kein Platz. Wiener Mornenrelkrtnft. Tie Jewish Agency. London, 25. Dezember. (I. T. A.) Der Vertretertag der englischen Juden hat am 21. Dezember mit Zweidrittelmehrheit beschlossen,' in. dos Statut die Bestimmung auszunehnien, daß der Board of Dcputics sich zmn Zwecke der Ausführung des. britischen Mandats für Palästina sich mit jeder anderen jüdischen Körperschaft verbinden solle. Cuvzons Bolschewikenrede. In der Sitzung ' des Deputiertentages gelangte ein Brief Lord C u r z o n s zur Verlesung, der sich aus dessen' bekannte, in der WälMmpagne gehaltene Rede bezieht. In dieser Rede hatte Lord Curzon gesagt, die russische Regierung bestehe in der Hauptsache aus Iudenstämmlingen, die sich wie Geier aus den russischen Volkskörper stürzten. In seinem Briefe gibt Lord Curzou die angeblichen Unterlagen für seine Behauptung bekannt. Der Board beschloß. durch Herrn Luc reu Wolf eine Prüfung der m:tgeteilten Tatsachen vornehmen zu lassen. Barlaffina beruft M auf die „Weise« von Äon". Jerusalem, 25. Dezember. (I. T. A.) Das Organ der Palästinensisch-Arabischen Exekutive ,/Felestin" sowie datz Organ des lateinischen Patriarchen in Palästina „Rakib Sion" veröffentlichen beide am 21. Dezember Artikel, in denen vor dem Anschluß an die vor kurzem gegründete Freimaurerloge gewarnt wird. Bekanntlich nimmt die neu-gegründete Freimaurerloge Christen, Juden und Mohammedaner als Mitglieder Draa'fj'bronn des neaen Paläst-na-Films Keren Kajemeih Lejisrael Keren Hajessod „Das alte Palästina — Das neue Erez Israel" (Aufnahmen vom Jahre 1924) Am 4. Jänner 1925, Vs11 Uhr vorm., im Opsrn-Kino,!., Elisabethstr. 3; Oer Film zeigt die Irtelge dee |ö tischen Buflciraerks Restliche Vorverkaufskarten im Bureau des Keren Kajemetb, I., Kärntnerstrasse 28, in der Buchhandlung R. Lövrit, I., Rotenturrnstrasse 22 U"d an den Tageskassen 26. Dezember 19^4' Gelte 3 aus und hat sich zum Ziel gesetzt, den Frieden untere den verschiedenen Gemeinschaften Palästinas zu f ö r d e r n.; Die erwähnten Organe erklären, das Freimaurertum sei. nur eine jüdische Angelegenheit. Die Juden benützen die! Loge als Werkzeug, um die Judenherrschaft in der ganzen^ Welt zur Geltung zu bringen. Das beweisen die „P r o to-' kolle der Weisen von Zion". Judaismus und! Freimaurertum sind Werkzeuge der Idee, in der ganzen Welt die jüdische Herrschaft anszuvicht-en. Der indische RationalkonMeb. London, 27. Dezember. Wie aus Belgaum gemeldet wird, 'hat der i u d i s ch e N a t i o u a l k o n g r e ß eine Entschließung angenommen, durch die das Abkommen zwischen Gandhi und den Swarajisten (den Anhängern der Non-ooporation-Bowegung) ratifiziert wird, das die parlamentarische Mitarbeit -geftattet und den Swarajisten erlaubt, den Natwnallongveß ü» Parlament zu vertreten. Herrio!» Mehrheit. Paris, 27. Dezember. Die sozralistische Kam» merfraktion hat heute vormittags zu dem Amnestiegesetz Stellung genommen, das der Senat mit Abänderungen genehmigt hat. Mit 16 gegen 8 Stimnren wurde beschlossen, den Text des Senats an zu nehmen, jedoch hat der Abgeordnete Blum den Auftrag erhalten, in einer Erklärung von der Regierung weitere Verhandln rigen mit den Eistnibahngeisellischasten zu verlangen, damit die entlassenen Eisenibaihnavbeiter wieder" eingestellt werden. Am Dienstag wird das Plenum der Kammer sich mit dem AmUestiegesetz beschäftigen. Inzwischen werden die vier! Fraktionen, die das Kabinett Herriot unterstützen, sich auf eine gemeinsame Verhaltungsli-nre eimgep Horthys Gerichte. Budapest, 27. Dezember. (Tel. der „Witter Morgen- Zeitung".) Der baptistische Geistliche Walther in Oedew burig fuhr im vergangenen Jahre nach Budapest und sprach aus der Fahrt mit den Mitreisenden. Angeblich sagte er, daß er an dem m Stockholm stattfindenden Kongreß der Baptisten teilnehmen und dort die Wahrheit über den in Ungarn herrschenden Terror sagen werde. Wegen dieser angeblichen Aeußerung wurde gegen ihn der Prozeß wegen S chmähung der. ungarischen Nation amgestvengt und er Zu sechs Monaten Ge-, f ä n g n i s und 600.000 Kronen Geldstrafe verurteilt. präzise '/,8 Uhr abends Karten im Bureau des Zionistischen Landeskomitees, I. Bez., Kärnmerstrasse 28 515 II Mar Wilde. Don S. Mcisels. In fünf sauber gedruckten und reizvoll ausgesta-tteten Bänden legt der Verlag Deutsche Bibliothek im Berlin Oskar Wildes Werke vor. In der Ue^bersetzungskunst erprobte Schriftsteller, wie A. B r i e g e r, W. F r ed, Felix P<M Greve, Otto Hauser, Rudolf Lothar, Max M a h e r s e l d, Alfred Neu nt a n n, Frida lt h l und Pauk W e r t h e i m e r, haben die einzelnen Werke treu und schön ins Deutsche übertragen und so insgesamt öinen dem Oringinal ebenbürtige^ deutschen Oskar Wilde einer breitevn Oeffentlichkott zugänglich geinacht. Freunde einer exklusiven, rein im Künstler!scheu verwurzelten, rein im Aesthe tischen sestgebannten Kunst werden sicherlich das Gesamtwerk Wildes in dieser wohlgeltmgenvn Ücbcrsetzung mit viel Behagen genießen. Es soll billiges eise nicht verschwiegen werden, daß namentlich in den Gedichten, die von Otto Hauser übersetzt sind, der Ton n'cht immer rein und die Sprache nicht frei von Härten ist. Aber bei Uebersetzungen von Gebichteu sind Unebenheiten geradezu unvermeidlich; da wird, d'e blumige Allee fast immer durch manchen steinigen Seitenweg unterbrochen. Sonst ist aber hier das Gesamtwert Wildes in allen seinen Teilen ganz ausgezeichnet übersetzt und in der se-iustgeprägten Form Wiede rgegoben. Ganz vortrefflich ist Philipp Aronsteins biographisch-kritische Skizze, -be das Ge^am-ttvork e'nleitet. Sie ist eine der besten Wilde-Biographien, die ich kenne, und unterscheidet sich vorteilhaft von allen anderen, die bekannt sind. Vielleicht hier zum ersten Male fm'ben wir einen Wilde-Biographen, der sei-n Nichlcraint mit kluger Zurückhaltung ausübt und es in wohlmeignender Absicht unterlaßt, den ,^kam>ilerdicner -der L-i-teratuvgeschichle" abzu-- geben, der uns den Dichter in Unterhosen zeigt. Aronstein beschäftigt sich in erster Linie mit Wildes geistigen Erzeugnissen und behandelt sein Loben, „ohne etwas zu verschtveigen oder zu.be'chönigen", im Geiste eines, ruhigen Beurteilers, um so zu volleren und besserem Verständnis des Menschen und Künstlers zu gelangen. Bei Oskar Wilde ist diese Art der Behandlung die zuträglichste. Denn Lier. lktebt der int-elligible Mensch. hoch über dein empirischen, hie-r steht das Werk unvergleichlich höher, als der Meister, der es schuf. . Sagen wir es offen: Oskar Wilde — der Mensch, versteht sich, nicht der Dichter— ist keine soudeblich fesselnde Ercheinung; weder hat er in Größe gelebt noch ist er m Schönhetit gestorben. Sein Werk jedoch, obgleich nicht immer groß, ist durchgängig schon, herrlich schön, und das ist das Ausschlaggebende. Nur so wett er der Schöpfer seines Werkes ist, geht Wilde die Nachwelt an. Es zeugt nicht gerade von starker Pietät rmd , auserlesenem, Geschmack, das Leben oder gar das Sterben Oslar Wildes mit allen seinen begleitenden gräßlichen und häMichon Umstanden bis ins kleinste zu schildern, wie es jüngst «vn Freund des Dichters in einer vielbesprochenen Publikation getan hat. KleinLrämer von Biographen^ deren Lust, zum Detaillieren der Gier nach Sensationen auf HÄbem Wege erttgogenkommt. glauben allüberall den letzten Schleier Wften zu müssen-; ihre im Mmutiösen schwelgende Desessenheit verleitet sie, den Ada-m im Künstler selbst dort zu enthüllen, wo das rein künstlerische Kunstwerk gäntz abseits vom gelebten Leben entstanden ist. Tatsächlich stoht das Werk Oskar Wildes zu, seinem Leben wohl in einem Verhältnis, aber m keiner Beziehung. Kunst Mld Leben, sie scheinen sich bei Oskar Wilde zu fliehen. Das ist kein Wildesches Pawdoxon, sondern eine aus feiittc-m Gesamtwerk sich ergebende Fcststellung. Wohl hat der Dichter es versucht, seine Kunsttheorien auf das Leben zu übertragen, seine dNärcheuphantasten in Wirklichkeit, seine Träume iu Dasein umztrsetzen, aber nie^ hat er es unternommen, Leben und Wirklichkeit in der Kunst nachahniend;-u gestalten. Fn keine seiner Schöpfungen ist eine Ader des Lcbensstromes geleitet, in keiinenr seiner Werke ist der Pnlsschlag eines wahren Erlebnisses ZU spüren. („De profundis" kommt hier nicht in .Frage; das ist eiue gewaltige Beken-n-bilisschrift, die jegliches Werturteil hinfällig macht.) Oskar Wilde war irberha-upt der Dichter ohne Erlebnisse. Er hat als Dichter nicht in dem Schasfensrausch, der aus starkem Erleben quillt, seine Gestaltete geformt, sondern mit,kalter lleberlegu-ng nach überspitzten kunsttheoretischeu Nichtlinien seine Meisteriverke gezimmert. Bei lleinem zweiten Dichter sind die N-rspvmlgsquellen so sichtbar, liegen die zum, Bau herheigeschaffteu srenvdeu Qua.vderstei.ne so obenauf wie bei Oskar Wilde. Aber nur die Quardevsteine sind fremde der Bau selbst ist Eigenbau. Das gerade ist es, was 'den Wilödeschen Werken einen eigenen und einen da-uevnden Wert verleiht. Ich habe Oskar Wilde einen Achter ohne Erlebnisse gonanntkIch meine jene Erlebnisie, die vom Leben nur dem Dichter zugedacht sind, die der Künstler zeitlich nicht über-- winden kann, bis er sie nicht im Kunstwerk verewigt hat. Solches Erlebnis blieb ihm fremd. Alles Erleben bei Oskar Silbe war lediglich Kunsterlebnis. Er hat immer nur Kunst in Ku.nst gswandelt. Sslbst historische Stoffe hat er nicht aus der Geschichte, dom geronnenen Leben -der Vergiangenheit, sondern aus den künstlerischen Darstelluingen entnommen. Und im Märchen hat er nicht allein, wie sonst im Märchen, die leblose Natur, sondern anch Werke der Kunst verlebendigt. Es ist kein Zufall, daß in seinem einzigen und einzigartigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gwh" das lebensgroße Bild eines außerordentlich schonen J-üng-, lings gewissermaßen die Ha-uptrolle spielt und als eigent- 'licher Hold durch alle Phasen des Lebens geht. Es ist nicht ohne Bedauttm-g, daß Oskar Wilde zu seiner ,-S^ome" nicht aus der bMschen Geschichte, sondern von einem in Hlchmans Roman A. Rehours bsschviebenen Gemälde von Gustave Moreau die Anregung empfing. Nicht minder ist es für den Märchen-dichter Oskar Wilde bezeichnend, daß in seinem schönsten undsinnvelchsten Märchen „Der glückliche Prinz" eine aus einer hohen Säule arlsgestell^ Statue sich als lebendiger und wahrer Prinz Wunderhold erweist. Und viellelcht gerade deshalb, weil er sein Schassen win auf Kirnst gestellt hatte, gelang Oskar Wilde das Kunistnlärchen so vortrefflich. Oskar Wilde als Märchen- . dichter bedeutet e-'nren Gipfel. Er ist nicht nur ein unvergleichlich phantasievoller Märchendichter, sondem anch ein ganz vorzüglicher Märchenerzähler; das gibt ihm Var vielen anderen einen getvaltigen Borsprung. Seine Knnstmärchen stellen alles in Schatten, Ums bisher ans diesem Gebiete geschaffen wnvde. Diese Märchen sind aus Dnst uird Schönihoit gewirkt, und Strahlen einer edlen Menschlichkoit drl-rchziehen wie Goldfäden ihr zrubriges Gctvvbe. Me zlveri EvcherrsEmlungen „Der glückliche Prinz" und „Das Grauatapfelhaus" bilden Ausam-men eine Wunderwelt voll seelischer Tiefen; sie sagen Jungen wie Erwachsenen gleich viel, denn ihr Sinn liegt ausgeschloffen vor jedermann. Jedes der Wildeschen Märchen hat einen tiefen Gedanken nmd oin-e menschliche Tendenz; und schön sind sie vlle wie ein sonniger Tag.