Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2102 (27.12.1924)
- Date
- 1924-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seil« 8 _Men, Samstag_ Wiener Mortzenzellung. 27. Dezernber 1924 Nr. 8198 Wem das ein Jude wäre! ~ Wie Horthy feint» König betrog. Welt, Vor allein aber in den Kreisen, die, auf antisemitisches Programm gestellt, die Scheuß-lichkoiten des organisierten Indenmordes mit begeistertem Applaus begrüßten. Horthy und die Seinen waren der rächende Arm, der im Minien der Gesellschaft das bolschewikiM, unpatriotische, lügnerlschc. asoüale Iudentmn cm der Kehle faßte. Sie halten eine Mission zn erfi'illen, zu der ihnen vom hohen katholischen Klerus bis hinunter zu Ludendorff alles gratulierte, was zu Kreuz und Hakenkreuz steht und dein Judentum den Tcd wünscht. Dieser Satan ist ja inzwischen oft genug beleuchtet worden. Bon keinem anderen aber so grell wie von seinem betrogenen König. So wie dieser Horthy ist seine ganze' Richtung, der nassenfck'ützlerisä e, christlich-nationale Haufen von Banditen und Erpressern. 8er AMand in Albanien. Die Hauptstadt im Besitz der Aufständischen. Belgrad, §5. Dezember. (Avala.) Die Besetzung von Tirana durch die Truppen Ahmed Zogous nach einem erbitterten Widerstand der Anhänger Fan Nolis wird durch die letzten Meldungen amtlich bestätigt. Aus Prizr « nd wird gemeldet, daß die Regierungstruppen unter dom Kommando Bayram Zurs im Norden Fortschritte gemacht und im Laufe des gestrigen Tages die Lime Kukus—Ämmtküssa—Bisane wiederbe setzt hätten. Gleichwohl darf dieser Vorteil nicht da'hin gewertet werden, daß er den entscheidenden Erfolg Ahmed Zogous gefährden konnte, dessen Anhänger gegenwärtig ganz Zentralalöanien in Händen haben, indem sie den Drin und die Hauptverkehrs, linien beherrschen. Rach den letzten Meldungen ist Ahmed Z o g o u durch die Besetzung von Tirana, wohin er die Mitglieder der früheren Regierung berufen hat, heute Herr der Lage in ganz Albanien. Die Anhänger derfrüherenRegierung haben Skutari und Elbassan verlassen. Im Süden und Osten wird kein ernsterWiderstand geleistet. Fan Noli soll nach Durazzo geflohen sein, um sich dort einzuschissen. Desinterefsemeutserklarungen Jugoslawiens imb' Italiens. Minister'dos Mußem Nineie gab den Vertretern der Presse bezüglich der jüngstem Ereignisse,» Albanien eine ErKavung ab, in dar es rrnter anderem heißt: Unsere Politik gegenüber Mkamen z-irlt darauf ab, zur Entwicklung deS unabhängigen albanischen Staates Leizutragen, und wir betrachten die gegenwärtigen Ereignisse als eine rcin . innere Angelegenheit Albaniens. Obwohl das gegeniwärlige albanische Regimdurch g:gen urnser Königreich gerichtete tendenziöse Nachrichten eine herausfordernde Gesinnung uns gegenüber bekundet hat, bleibt unsere Haltung nichtsdestoweniger diejenige eines desinteressierten Beobachters und dies scgar ungeachtet der fort-esehten Einfälle von Banden aus unser Gebiet und der Beziehungen, der Anhänger der Regierung Fan Nolis zur Dritten Internationale. Diese Politik, die auch die der italienischen Regierung ist. wird durch die sehr günstige Entwicklung unserer Bezsehungen zu Italien seit der Unterzeichnung des F r e u n dschaftspaktes von Rom erleichtert. Eine Politik, deren Ziel eS ist, die freie Cntwickln'ng eines unabhängigen Albaniens zu beqüwstiigen, wird sicherlich dir Z u st i mmung aller Mächte finden. Die gefangenen serbischen Soldaten. Die Meldung der Regierung Fan Nolis. daß sich unter den Gesanaenen drei serbische Soldaten befänden, ist unrichtig. Die Regierung Fan Nolis meint mit diesen Gefangenen Deserteure der jugoslawischen Armee, die di« jugoslawische Gesandtschaft vergeblich in die Heimat ^.lvückzubrmgen versucht hat. gllgllslawien und Bulgarien. Belgrad, 86. Dezember. (2Mb.) Der bulgarisch« Mrristovpräsidertt Zamiküw ist heute früh in Belgrad eingetroffen. Er wurde im Bahnhof v?n Außenminister Dr. N i n c: e. mit dem er ebenso wie mit dem Mmisteepräsidentien P a s i c eine lan-ze Unterredung hatte, empfangen. Diese hat, wie vom Außonimmisteriuim mttgetei.lt wird, zu der Feststelluing geführt, daß die noch bc>st»hsn-den Hinderniss e bei ss."tam Dillen leicht beseitigt und die gutnachbarlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern hevI-estellt wenden könnten. Im Lau*« der Unterredung wurden die beide Skaten borühven'den Fragen, darunter die k o m m -un ist if che Gefahr, erörtert» Fragen, die eine Zusammenarbeit der beiden Länder ermöglichen, ohne daß diese Zu^mmenarlelt den Inte vesssu anderer Eintrag tun könnte. Mn Zwischenfall bei der Ankunft Zankows. DaS Blatt „Novosti" berich'.et' über einen Zwischenfall, der sich anläßlich der Ankunft Zankows nicht wert dom Bv-Hnchef abgespielt hat, wo einige Manifestanten, die feindselige Rufe ausgestoßen hatten, zerstreut wurden. Die Polizei Verhaftetdrei Personen, umd Mar einen Studenten, einen Beamten und einen Attbeiter. Die zwei letzteren wurden zu zehn Tagen Gesangnis verurdeiU. Der Sekretär des verstorbenen Exkaisers jdarl, Herr W erkm rnn, hat sein sei! taingom angettmdigtes D-tnk „Aus Kaiser .tdarls Nachlaß" ■tan Verlag für Kullnripolitick in München erscheinen lassen. Die „Neue Freie Presse" u>nd die „Reichsr»st" veröffentlichen daraus die vom Exkaiser i f t irrten Noti z e n üt&r-.- seine erste Reise nach Ungarn, die er von Pra ngins aus zu Ostern 1921 unternachin. Wir g^oen diese Mitteiluwaen in der Fassung der „Reichspost" wieder nind bciinerlen. daß die „Rene Freie Pres s e" die für Horthy höchst kompromittierenden Stellen <dte wir im Druck hervochebcn) g e st r i ch vn hat. Der Exba isec er- Mlte das Mgende: Am Bnvgtvr erwartete mich Hauptunomm Magas« hazy, der FlügelaLju-tant des ReichSvevwefers, in feld- Mäßiger Uniform, mit rot-weiß grüner FeDbinde. Er führte mich in ein Appartement der Burg. Es war eisig kalt, 'ungeheizt, ich sowiafo schon durchfroren. , Ich erklärte, direkt zu»m Reichsverwvfer gehen zu ^.vollen. Als ich inS F^geladttitantenzimmer e'mtrat, merkte ift sofort, was für sine Gesimmng hier herrsche: korrektes Fvontmachen, aiber alle Blicke voll erbitterter Feinseligkeit. Da kam mir bereits Horthy mit verstörter Miene entgegen. Er sagte sogleich in seinem Arbeitszimmer (es war fttiher meines): „Das ist ein Unglück. Eure Majestät müssen sogleich weg, müssen sofort in die Schweiz zurück!" Ich evtviderte Horthy sehr freundlich, davon fei keine Rede, ich könne es auch g'« wicht, da ich durch meine Reise alle Brücken hinter mir abgebrochen hätte. N'.m begann ein über zwei Sttmden dauerndes Ringen rinn die Macht, bei welchem ich, dort im Gegensätze zu Horthy über keine Gewehre verfügend, trotz verzweifelter Anstrengungen der treulosesten, vaterlandSverräterischen «nd niedrigsten Herrschsucht Horthys erlag. Ich dankte zuerst Horthy aufs herzlichste für olles, waS ex für König und Nation gttam. ich zähilte seine Verdienste auf und versicherte ihn, daß König ltntfo Nation dies piema-lS vergessen würden: „Umd jetzt fordere ich Sie auf, mir die Regie-rung zu übergeben." Horthy: ,Mvs bieten mir Eure Majestät dafür, wmn ich jetzt übergelbe?" Ich meinte, schlecht verstanden zu halben: v 1 „Wie meinen Sie das?" Horthy: ,Ia, was geben Eure MaWät mir dafür?" Dakbei streckte er hie offnen« Hand gegen mich ans. Meinte er Geld und Gut? oder war es eine unwillkürliche Geste, die das Bositzergveisenwollen von einer ihm seWst noch nicht klaren G!be bedeuten sollte? In mir stieg ein solcher Ekel auf vor diesem gemeinen Handel, daß mir physisch übel wurde, und nur mit Mühe erwiderte ich: ,/Das wollen Sie denn?" Horthy: „Rm, ich will wissen, s.uas mir Eure Majestät bieten?" Ich: ,Horthy, wenn jemaüd der AnMrer der Tvuippen war, die das LalNd dm dem Boilschewisimus befreiten, wenn es ilhin dann gekiang, der feindlichm Okkupaitton ein Ende zu 'bereiten, wenn er dieses Land treu verwaltet, Ruhe und Ordnung hergestellt hat und es dann seinem: König freiwillig übergibt!, so ist sein P"atz naturgemäß ein sehr hoher, und es Wird auch äußerlich und vor aller Welt zur GÄdung kommen, daß er s-cyusagen der rechte Arm des Kön>igs ist. Dieser Platz, Horthy, gebührt in diesem Fälle Ihnen." Doch Horthy drängte tveiter: „Urch was bieten mir Eure Majösrät noch?" Ich: ,Ich bestätige Ihren sich selbst verliehenen Herzogstitel." Horthy begMn nun plötzlich zu lamentieren. Er fpiekte so schlecht Komödie, daß seMst ich. der ich von den Menschen immer das Gute annehme, keinen Moment ^darüber im Zweifel Web, daß dies nur Theater war. Er jammerte: Er dürfe jetzt nicht an sich denken, sondern nur cm Ungarn — das arme Ungarn! Was werde jetzt mit dem Lande geschehen! Revolution. Hütung der großen und kl-ei-nen Entente, Einmavsch der letzteren, Opposition der Prätendenten und des -Hauptteils des Volles ufw. Glücklich, iibn von dem Lärche und nicht nur van sich sprechen zu hören, kennte ich i-hn über diese Fragen beruiVdgen; ich konnte ihn 'Prvnst für Punkt Widerlegen. SchKeßilich sagte ich: „Es wird alles verfassungsmäßig geschehen. Ich wende jetzt ein Ministerium bilden. Horthy: „Eure Mi.jestät werden keinen Ministerpräsidenten finden. Die Arniee ift unverläßlich, und «S wind zu Blntvergiichen kommen." Ich erwiderte, einen M-mistevpräsidrnten würde ich schon bLkomnwn, ich -hätte jetzt schon prinzipielle Ziagen, sogar von einem von HoMys eigenen Ministern: V a ß. Schießen mtponiere mir gar nicht, ich würde trotz alledem die Regievung übernel-nren und ein Mini-ster'mm bilden. Cs we'de bei der bekannten Treue der Ungarn nicht so schwer sein, hie Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten. Horchh solle jetzt die Macht übergoben! .Horthy sagte, d>zß er für die Uebergabe noch etwas wolle, daß er Armeeoberkommandant fe'm möchte. Ich sah, daß die ganze Unievne-hnwng und das Land auf dem Spiele stehe, wenn ich diese niedrige Selbstsucht nicht befriedigte, auderevs-oits evwog ich, daß es für eimn Atonarchen in meinem Alter und bei dissir außenpolitischen Lage^ unmögllich sei, die Avnree ans der Hand p lassen, um sie noch dazu — toi« ich jetzt entdeckte — in jÄche Hände zu gsbeu. „Sie werden unter mir Oberkommando nt sein. Jetzt aber übergeben Sie!" Horthy: „Ich will aber noch etwas." Ich: „Mas wollen Sie denn noch?" Horthy: ,^ch will wieder Flottenkomma w dant werden." Ich: „Gut, toemt tour wieder einmal eine Flotte haben, sollen Sie Flottenkommandant sein!" Horthy begann wieder das Lamentieren über die Folgen. Ich antwortete, ich hätte 'chm dies alles schon erklärt. Er müsse ja erkennen, welch große Vorteile der König dem Lande bringen könne, wenn sich nnr alle loywl hinter ihn stellten. Liebe Horthy Ungarn wirklich, so solle er Übergaben! Eine zögernde Haltung könnet naitürlich schtvere Gefahren bringen. Horthy: „Ich will aber noch etwas halben, wenn ich üibergebe." Ich: „Was noch?" Horthy: „Eure Majestät müssen mir noch eine» sehr hohe» Orden verleihen." Ich vergaß voMcmvmen, daß Horthy Protestant ift, und sagte: „Wenn Sie jetzt übergeben, so verleihe ich Ihnen das Goldene Vlies!" Horthy, frendig bewegt, sagte, dies würde chm passen. Ich: „UeDergeben Sie jetzt die Ddacht!" Horthy: „Unmöglvi'ch! Nein! Ich kann nicht über» geben. Jetzt habe ich wieder cm mich gedacht! An was denke ich denn? Ich habe der National^rsammLung eimp Eid geschworen." Ich: „Sie halben mir zuerst den Eid geschworen". Horthy: „Der Eid gA nicht mehr, er ist überholt." Ich: „Nein, das ist er nicht. Ich habe keinen S o l-. baten ssines Eides «Munden! Sie, Horthy, sind außerdem noch durch einen zweiten, ganz persönlichen Eid a«n sich gchuindenr durch den K ä m m e r e r e i d!" Horthy: „DaS gilt alles nichts mehr. Eurer Majestät gegenüber siihle ich mich nicht mehr gobuniden. Es M mir nur Mehr der letzte Eid: der der Mttonalverfoinlmlung geschvorene." Ich: „Und dieser Eid kann nichts gegen den Könitz enteilten, denn die Nationalvorfammlung hat nicht das Recht, die alte Verfassung Mnzuändevn, und hat es auch nicht getan! Sie selbst haben auf Anfragen von mir und meinen Getreuen, wie Sie diesen Eid auffassen, immer geantwortet: Als Bekräftiguntz des meinem König geschworenen Eides." Nun meinte Horthy, jeher anständige Mensch halte fick" „trotzdem" m den Eid gebunden. Ich erinnerte ihn an den Eid in Schönbmnn. Horthy: ,^Ja, das war damals! Jetzt aber halbe ich die Bevpflichttmg gegenüber der Nation." Ich: ,/Ae halben gar keine Berpflichtnng mehr gegenüber der Nation. DaS Staatsnotvocht erlischt in dem Auyen» Mcke, in dom der gekrönte König wieder im Land ist und die Rechtskonttnimtät wieder ^Herstellen will. Mit meinem Erscheinen hier hat also Ihre Verantiworklichkeit gegenübsr der Natron gänzlich aufgehört. Ich allem Hobe die voll« Vewrrtwortning vor Gott und dem Vaterlande, denn ick / halbe den Krönumgseid geschworen und nicht Sie." Horty scts.visg Mehwend und verdrossen. Ich: „Weigern Sie sich jetzt, die Macht zu übergeben» so ist das einfach Revolntion und das ganze StaatSlöben begilbt sich ab heute ahermlüllä Giuif revolutionären Boden. Also — übergeben Sie!" Horthy: „Nein!" Ich: ,/Herr Admiral, ich befehle Ihnen bei denr den Sie mir als Jhram Obersten Kviegsherrn geschworen halben, sich mir zu unterstellen und mir die Macht §u i'Aergoben!" Horthy: „Nein!" Dann nach einer Panse: „U-ebrigenS, di« Armee ijl auf mich eingefchüvoren und nicht verläßlich königStreu, Eure Majestät dürfen nicht auf sie rechnen." Ich: „Das deckt sich nicht mit den Meldungen, die mir erstattet wurden. Es hieß, Sie hätten die Armee fest in b-et Hand. Sie sind ja ülbrligens von mir a«uch darin -nach Kräften unterstützt worden und halben Macht und genügeich Zeit dafür gehabt." Horthy: „Ja, die Armee halbe ich fest in der Hand, jedoch ist es meine Ansicht, daß Eure Majestät jetzt die Mvcht nicht übeW-ehmen sollen, und ich will auch nicht übergebe». Daher werde ich der aus mich beeidigte» ,