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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-25 · Heft 2101 (25.12.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2101 (25.12.1924)
Date
1924-12-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Cflfe 4 Wleil DonnerSlag Meyer Mc»rgenzc'tung. 287 TiezeM» lt)24 Nr,-SM ans seiner Wohnung aus die Straße; das Motiv der Tot war der GlaubenSwechsel felntcd emziigen Sohnes, eines praktischen Arztes in Hütte-ldorf. Bor der Tat schrieb der Mann eine um» fanpreiche Abhandlung: „Der dreifach zureichende Grund für die Berechtigung meine? Selbstmordes " eilte Schrift, in der er den Nachweis führte, daß sein« Tat „sowohl nach den Natur» und Vernunft»» als auch nach den allgemeinen ethischen Gesehen kein Verbrechen sei". Die Frau aber, die sich tötet, stlvbt wie in ehwitt expressionistischen Roman: Plötzlich — ein Schuß — Stille." Harte Men. All« West ist sich einig darüber. Die Zelten sind hart rmd werden noch viel schwerer werden. Wenn evst der „richtige" Muter kommt^ der Winter mit Schnee und EiS, wenn di« Teuerungswelle der neuen Warenzölle über umS herembrichl, wenn die „Abfindungen" der Arbeitslosen verbraucht sind, dann wird es noch viel schlechter um unS stehen. Schon fetzt haben Riesenbetrieb« ihre Pforten ge. schloffsn, Hainde-lShairser, die fester schienen als Berge und Felsen, find ms Schrvanken geraten, di« Jndrtstri« liegt Lrurmeder der Handel siecht dahin, das Heilte ist trostlos, baS Morgen mit dichten Schleiern völliger Hoffnungslosigkeit verlangt. Die Zabl der Selbstmorde steigt geradem unheimlich an» man wäre versucht, zu sagen: der Selbst» mord wird zu einer Dolksgewohnhoit. Und 90 Prozent dieser Verzweiflungstaten haben Not und Arbeitslosigkeit als Ursache. Freilich wird bei uns, gewissonb'ft wie wir mm einmal sind, der Obdachlose, der zweimal Selbstmordversuche unternimmt, der psychiatrischen Klinik zugeführt, weil seine wiederholten Bemühungen, diesim Leben Valet zu sagen, den Verdacht erweckten, daß er geisteskrank sei — als ob ein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, bei dem Gedanken, des Abends kein Dach über seinen Kopf zu haben, etwa nicht versucht sein könnte, der Qua-l ein Ende zu machen. Der Ja-mmer der Arbeitslosen, der Hungernden und Frierenden, die Angst vor der nächsten Zukunft widerhallt in den Schilderungen der Presse. Niemand kann sich einem Zweifel darüber hingeben, daß wir in einer Avise leben, und eine ungleich schlimmere uns bevovsteht. Sorgenvoll und warnenerzählt der Chef seinen Angestellten von Zahlungsverweigerungen, von Geld, das man ihm schuldig bleibt, und daß er dvvum den anderen schuldig bleibon muß, der Staat verweigert seinen Beamten den seit Baterzeiten üblichen Wethnachts'-nschuß, Mangel, Sorgen, Angst erfüllt die Stuben und Straßen der Stadt. Wie m den ärgsten Hungerzeiten kommen von Freunden und Verwandten aus der Ferne, die ZeitumgSberichte gelesen haben, bcsvrgle Anfragen. And dann führt einem der Zufall an einem klaren Winterabend in das Herz der Stadt. Es „weihnachtet" in allen Straßen. Gin Lichtermeer empfangt den Kommerden. Strahlend erleuchtete Schaufenster, die Straßen von Licht erfüllt. LichtvekßImen Nettem an den Mauern empor. Und tn dorn Glanz alles Schöne, Herrliche, Kostbare, das sich ausdenkem' laßt. Kostbare Steine glitzern äuS ‘ ihren Samt-. polsterchen hervor, weiche, stolze, glanzende Seide, Blumen, ^erlesene Leckereien, Schuihvttk, von dessen Eleganz frühere ^Zeiten nicht einmal träumten. In den Straßen gut ge. Neides, fröhlich erregte Menschen, mit Päckchen und Packen beladen, von der Freude des KkmfenS erfüllt. Man erhascht Gesprächsstoff wie:..„Na ja, ich Hin ihr doch ein« kleine' Aufmerksamkeit schuldig, und die Gallsvase um «ne ganze M;'U ja rem.geschenkt. .. Ich sage dir: Lu bist ein Glückspeter. Noch vor einem halben Fahr hättest du für die Perlen mindestens fünfzig gezahlt und jetzt bekommst dn sie um zehn . . . Wenn ich sicher wüßte, daß Opposium Mr^e bleibt» möcht' ich jo die drei Millionen riskieren. Das ist ja kein Gell». .. Englische Pelze sind viel fescher Aber der Reger ließ nicht locker. Könntest du dir vorstellen, daß Gott" — dann, nach ein-gem Zoocrn — „ja, ich weiß schon, daß du lachen wirst, ich kenne dich gut — daß Gott mir ähnlich sicht?" Mafia hatte in der Tat richtig vorherge.aat, was geschehen würde: John hielt sich die Seiten vor Lachen^ Und, als er sich beruhigt hatte, brach eaus ihm heraus: „Was für ein toller Spaß! DaS mußt du heute abend auf den Brettern ausnützen!" „-Fa. du hast gut lachen, aber ich frage dich noch eurmai: -wie stellst' du dir Gott vor?" „Was-redest du denn da herum? Fm Grund Hab' ich immer gesehen, daß man den lieben Gott als einen ehrwürdigen Greis mit weißem Bart darstellte. DaS ist doch sonnenklar!" „Als einen Weißen also?", frag Mafia mit aufgtrifienen Augen und wütend zuckender Unterlippe. „Wie? Dir war's am Ende lieber gewesen . . .?" u d John lachte von neuem. „Mach' nur deine besoffenen Witze", sagte der Rege«', die Angen ans die Kerze geheftet; „aber, wenn dein Gott bi' absoli nicht schwarz erscheinen kann, so kann es nur wieder aar nicht in den Sinn kommen,, tnß er weiß fern sollte . . . Was willst du? So ist's eben!" ,,^ar nicht so dumm!", antwortete Jostn, gerührt fciPt* die strikte Lo-oik seines Freundes, Gewiß, ich kann mr ihn gar nicht schwarz denken — ha Hai Und verstoß auch, daß er dir absolut nicht weiß Vorkommen kann. Es :st wirklich komisch für den einen wie für den anderen. Wenn ich die Wahrheit sogen soll', so Hab' rch über so eine rruste Sach. noch nie nachgedacht." Der Neger nickte mit dem Kops, so weit befriedigt. Sie blieben noch einen laugen Augerblick schweigsam, 7.n j>er in seine Gedanken ver'unken, rin ^k'oer in seinom B.»' 6in Mörder, der MenscheafleW Ißt. Wie aus Breslau berichtet wird, wurde in M ü nste r be rg in Preußisch Schlesien vor einigen Tagen eine furchtbare Entdeckung gemacht, die fatale Ähnlichkeit mit dem Fall« des Hann Veran-ers Haarma-nn hat, ja diesen C" Ab.Herrlichkeit m mancher B^ziehrmg noch übertrifft. In Münsterberg bewohnt der Landwirt Karl Denke, ein älterer, unverheiratet r Mann, ein ziemlich abgelegenes Anwesen. Am letzten Sonntag sprach ein wandernder HaardwerkL'bursche bei Denke vor und bat ihn um eine Gabe. Denke lud den Bittsteller in se-i-n Haus und setzte chm Essen vor; als der Bursche bei Tische saß, schlug sein Gastgeber mit einer Spitzhacke auf ihn los. Mit einer schiweren Kopfwunde entfloh der Handwerksbursch.' und machte die Anzeige bei der Polizei. Dort wurden seine Angaben recht skeptisch ausgenommen, da Denke wohl als merschenschoner Mann mit Somderlings-ge-baren, aber als gutmütig und wohltätig bekannt war. Schließlich aber entschloß sich die Polizei doch zu einer Untersuchung und verhaftete den Denk:. Er hat sich am gleichen Abend, da er ins Untersuchnngsgestingnis eingelicfcrt wurde, dort erhängt. Die Hausdurchsuchung bei Denke hatte ein grausiges Ergebnis: In der Scheune wurden mehrere große Töpfe mit gepökeltem Flei ch - Srlbslmorv «ach der Verhaftung. gefunden, das von den medizinischen Sachverständigen ali Moiischenfleisch festgestellt wurde; in der Wohnung fand mal: Teile von geröstetem Menschenfleisch, so daß angenommen tverden muß, daß Denke sich da- Fleisch z u b e r e i t e t und davon gegessen hat. Knochen wurden auffallenderweise nirgends gefunden. Ferner wurden im Ha<e zahlreiche Answeispapiere von Haudlverksburschen gefunden; daraus ist zu schlichen^ daß Denke mehrfach Handwerks burschen in sein .Hans gelockt und dort ermordet hat; das Flei'ch der Leichen hat er dann eingepökelt und wahckchrinlich verzehrt. Die gefundenen Papi.re zeigen, daß e8. sichvorwiegend um landfremde Personen handelt. Das Verschwinden solcher Personen kommt na» tunaemäß viel später zur Kenntnis der Ortsbebörden. Die Polizei von Münsterberg behaupt.t. daß ihr bisher keine' Abgängigkeitsanzeigen zugek-mmen sind. Nachspiel zum Haarmann-Prozeß. Berlin, 84. T^omber.. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Hannover, als Nachspiel zum Prozeß Haarmann. sei. in mehr als 20 Fallen gegen Personen, die imVev-, laufe des Verfahrens belastet wurden, das Strafverfahren eingeleitet worden. als Stadtpelze. Und um fünf Ganze acht bekommst du schon etwas recht Gutes . . Die schönen und guten Sachen stehen also nicht nur im Schaufenster, sie werden auch gekauft. Vielleicht nicht ganz so fleißig und freigebig wie sonst, aber, immerhin — sie werden gekauft. Die Leute haben Zeit, Geld, Stimmung, sich mit Weihnachtssorgen abzugeben. Witzworte durchschwirren die Stadt. Kein Bekannter, der einem nicht von den wilden VolkLstämmen und Sekten erzählte, die jeyt W en bevölkern, von den „Schnorrmannen, Prolongoibarden und Wechselpvöteftanten". keiner, dem die- Laune fehlte, den Humor des „Oi-weh"-W tzes zu würdigen oder sestznstellen, daß Wen ,/mf den Hund gekommen ist", weil sich die Zahl der Hunde bei uns verdoppelt hat. Draußen in den dunklen Vorstädten hungern, frieren, verzweifeln die Menschen. Im strahlenden Zentrum muffen sich die beklagenswerten Opfer der Zeit emschvänken und können nur „sehr bescheidene" Weihnachtsgeschenk« kaufen, herabgesetzte Perlenschnüve. unmoderne Pol>ze, preisgestürzte Abendkleider. An den Jdmmer der Abgebauten, der Arbeitslosen, der Alten, Kranken. Blinden, gluu-t die Phäakenstadt nicht und fertigt .alle Klagen mit emW Hinwt«is ab. daß Oute '„redet schlechter dvan ist"'als früher. „Aufmerksamkeiten" für Bekannte und Bevwcmdte sind vorgesehen, Hilfe für die hungernden Brüder nicht. Die fröhlube Waihnachtsstimmung läßt di« Gedanken an das Elend nicht auffommen. Harte Zeiten . . . Klara Mautner. Sttf&iftt« an dke «edattim fsislt «nverlang» einlangende« Mannlkripten welle «an stets «ückperte brilege«, da sonst eine Beaulwerinng, he-lehnngewelle Aücksrndnng «ich» «eloige« kan«. „Nun frag' ich mich oben immer", begann der Neger wi.der, ..wie Gott eigentlich auSsieht. Stundenlang schon rrgt mich dieser Gedan'ke auf." ^chön, schon, Alter; aber von wem willst du ein" genau« Auskunft bekommen?" ftug John, halb im Scherz, aber zugleich überrascht von dieser Plötzlichen ernsthaften Entdeckung seines Kameraden. „Bor dem Tod kann man es doch nicht erfahren..." „Nein, nein, gewiß nicht", bekräftigte Mafia seufzend. „Und merk dir's: das Philosophieren macht eine schlechte Laune» dann wird man närrisch..." „Auch das ist wahr", pflichtet« ihm der Neger bei. „Aber es gibt so viele Rätsel!..." „O fterlich. die gibt's! Aber zerbrich dir doch mcht den Kopf darüber. Und vor allem, Mer, blas' die Kerze auS: wir müffen schufen." fand auch der Neger. Und der schwarz« Kopf näherte sich immer mehr der Kerze, um sie aus-zulöschen. „Sag. Johnny: wenn du nun Gott als Roger sahst, würdest du ihm treu bleiben?" „Nein" erklärte John ganz entschieden, indom er sich unter die Decke verkroch. „Also, wenn das so ist. mußt du auch verstehen, daß ich wieder nicht an einen weißen Gott glau'beu kann... Ich tät's nicht, und wenn man mir eine Gage für ein ganzes Jahr vorausbezahlen würde!... Und auch nicht, wenn man daraus schließen müßte, daß er mehr als einen Gott gibt... We. .r man darüber nachdenkt, so geht'S einem wirklich an'S Herz und man wird..." \ Aber da er merkte, daß John fast wie ein Murmel» tief schlief und schnarcht§ wie ein Menschenfresser, schwieg er still. Einen langen Augenblick blieb er so in Träumereien über allerhand Dinge versunken. , den Kopf-ges'nkt, die Llugrn auf das'zwlnkernde -Licht gehestet, bis die Kerze erlosch und der bleiche "Tag seinen ersten Schimmer in das Zimrner der Clowns sandle. BONAFORM CNTFiTTUNSSPlUKN SCHLANK rvm WILL JEDERMANN V«r«ach«n Sl« dl« gefahrlose Entfettungskur burch Jede! Äpotheks vonvoiKsctsuNOHtiTiArtTttwiuKiNJvi g|| beslehen ein Tierroman von Revmont. Der Nobel»Preis-Träger Wladislaw Reymont hat soeben ein neues Werk, „Verschwörung" betitelt, erscheinen lösten^ welches m die ouzrohenlde künstlerische Spezies d» Tierrmnane einzureihen ist und den Dichter künstlerisch und sprachlich von einer neuen Seite zeigt. Zeigt im Roman |v 7*7* ** k,7 . 7 .. .. seinem neüesien' Werk'vme neue Prägang- -dnich-Vonbendung:- deS JägerdialeNs, den er an manchen Stellen ins Tierhaste biegt. Künstlerisch war der Dichter wenige-r glücklich als in^ den Sprachform. Sem Roman behandelt eine Revolution der Tiere, als Allegorie der sozialen Revolution, die. Rev» mont als eine'Bewegung darstellt, welche ad absuvdum führt. Der in der Gefangenschaft grzähmte Wolfshund Rex kehrt zum freien, wilden' Leben zurück; denn die in ihm seit je wohnende Id« der Welterlösung treibt' ihn dazu, frei zu werden und allen Tieren die Freiheit za bringen (ohne MefiianiSmuS gsht eS nun einmal, in einein polnischen Roman nicht, selbst wenn er ein Tierroman ist). Die Resolution dsr Tiere, die von Re; und seinsu StammeSgenofien, den Wölfen, ausgebt und nach der der Roman seinen Titek »Punt" (Verschwörung) führ:, offenbart di« bekannten Phasen der bolschswikischen Revolution, die furchtbare Menscheufchlachterei. die Zortretung der Kulturgüter, daS Nmherirren inmitten von Hunger un-d Not -- und schließlich Rückkehr rnS frühere J-och, Kmefall vor dem - Affen infolge Fehlens an früheren, wirklichen Macht» hadern. Diese Ironie gegenüber der Mofie der Tiere, iu welcher der Dichter den „mechanistertm" städtischen Pöbels geißeln will, ist ein schweres kn-nstlerifcheS Manko deS Werkes. DaS in diesem Roman gepredigt« Ideal ein-eS individlmlisti» lchen Uedermenfchen fit sehr verschwommen und, wv es dcpt» licher wirb, ungerecht. Es stellt sich in der Dichtung ungefähr so dar: Die Mafien des gehörnten VieheS, die Schioein« und. Schate revoltieren nicht gegen das Joch, sondern gegen dt« Arbeit und di« Fntterunzulänglichkeiten. Auf dem llntergrun'de dieser Krippm und 2 toll ideale heht sich eine Gruppe von lndinidualfitisch angehauchten, sozusagen n-iehschean.fiierenden Wa'fen ab. die zwar an dem Abenteuer teilrüchmen, ober im Grunde der sollen Fl'rm gegenüber gleichgültig stchrn. die der Masse Sättigung und Rechte bringen s"ll. Die Wölfe ernähren sich auf den revolrierten Tdermafien und treiben sie vor sich her. Der übliche Gang der Diu.ge m der Revolution: am Jach wird abgeschütt-elt. um sich nur vor dom zweiten im Staub zu walzen. Rex enrgehl nicht dem üblichen Schicksal. Die der Revolte müde Mafie zerrritt ihn. Die Revolution ist hier nach dem üblichen pcfiimistischen Schema der täglichen Nachrichterei gestaltet, der zu. ihr ge» Mite Kontrast deS Individualismus (mir überdeutlich aufge» bragener 'nationaler Tendenz) durch keine Verschwommenheit wirkungslos. Die Figur deS Wolfes Rex hat übrigens fatale Aohnlichke.il mit Jack Londons berühmten Buck. Verbleibt also alS künstlerischer Gewinn di« Tierschilderung und charakte» .ristische Gestaltung tie-rfichen Wesens, di« Reymont an einzelnen Stellen glücklich, ja sogar meisterhast gelungen ist. E G. F.

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