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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-25 · Heft 2101 (25.12.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2101 (25.12.1924)
Date
1924-12-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SlOf Wien, Donnerstag präzise V28 Uhr abends r Koiizertliäussaal Hugo Zuckermann. Zu seinem zehnten Todestage. Wiener' Movaenzeituns. 25. Dezember 19Al tzetie S Karten im iöureau des Aonkstischen Uandeslcomitees, l. Bez., Kärntnerstrasse 28 sis @r ist HM oder dveiviertel.oder siobenachtel vevAesssn; das „Reiterlied", weil che s zu Kri-egsbegvnn seinen. Namen in alle von KriisgslilteraturästHc>tik triefenden Münder brachte, .ist heut« edensoweinig Wtgemäß wie im Jahve 1912, also zwei Jahve vor dem Kriege, da es entstanden war. Und bai jüdischen Rezitationsa'beniden wird auch nur mehr höchst selten das Makkabäevgedicht vorgsbracht, das dieser Hugo ZuLermann, «in blmdgutes, spielerisches K'uch, Ve-vlvnndet, mitten im HLllenbrand einer galizischen Schlacht niedevgeschrwben hatte. Die wenigen BeUse seines nachgelassenen Gedichtbuches, die völlig schwevlos seine Freude M Licht und Ton widdergeben, etwa di« drei Stvophen „Salzburger Diarium" und noch drei bis vier Strophen van Lichterglanz und Farbenspiel, die sind A zart' gewebt, um dem, der sie gedichtet, Unsterblichkeit bei den Tagmenschen zu verleihen. Die ausgezeichneten Ueberitrogungen jüdischer Dichtimg, welche Zuckermann geschaffen hat, sind bis auf die Nachdichtung von Per«;' „Die Nacht auf dein alten Markt" unbekannt, da sie wahrscheinlich weder ein Verlvgerisches Kriegsnoch N-achkriegsgeschäft sind. Was bleibt also für den Tag als das Vergessen? Diese Zeilen sind sedoch nicht geschrieben, um die landesübliche „Pietät für den ungebührlich vergessenen Dichter" wachzurufen; sie wollen bloß erinnern, daß vor zehn Jahren «in jüdischer Mensch,'kaum 35 Jahve alt, dahmgehen mußte, dessen Tcd allen, mit denen er jung war und die durch ihn jung wurden, ein Stück Jugend nahm. Es' gibt für -Trauerfälle, ob .entgeltlich oder nicht, ein verlogenes. WorMschee: das Ableben des Hinz oder Kunz reißt eine „Lücke" in das Leben der andern. Hier bekommt der abgegriffene Laut Inhalt: denn rm Löben jedes Menschen.gibt es Mitmenschen, die ihm, wenn sie der Tod ereilt hat, von da ab immer,.immer fehlen, nach denen er in seinen besinnlich stillen Stunden wehe Sehnsucht verspürt. Hugo Zuckermann, der wie das Leben durch das Leben ging, aus rauschender Freude stets neue Freude empfangend und gebend, er fehlt allen, die ihn kannten, wie uns unsere Jugend fehlt, die wir plötzlich , eines Tages, verloren hüben. So seiner gedenkend 'erinnern' wir uns,' daß.' er/ vor zehn Jahren Uns entrissen wurde', die Jugend unserer Jugend. Denn Hugo Zuckermann war der Gefährte, der Mitmensch unserer Jugend, der glücklichste und glückspendende Mitgenießer unserer Freude. Und fehlt uns heute, und stets, da sein ^od den Glanz, der mt unser Leben lag,: getrübt hat ... . Siegfried Schmitz. Bo» Selbstmorde» «nd Selbstmörder». Bon S. Meiseis. UebmMtigend schaurig schildert Sebn-a Lagerlöjf in der wundewollen Erzählimg „Der Fuhrinann des Todes" den .Totenlarven, der durch die Welt rattert. Es ist ein altes, vumpliges Gefährt mit gebrochenon Näderachsen und lose sitzenden Radkränzen, ein abgeschabter, von der Zeit zerfressener Karren, der rattert und knattert und knirscht und ächzt, daß man toll werden könnte. Dieses elende Fuhrwerk wird von einer einäugigen Schindmähre gezogen, die, steiifbeinig und störrisch, sich nicht rascher bewegt als ein Kind, das aus dem Boden kriecht, und dennoch allerorten dahergerasselt kommt, als ginge es in: Flugs durch die Welt. Gelenkt -aber wind der alte Gaul durch einen Fuhrmann, der gebückt und jammervoll auf dem wackeligen Brett sitzt. „Er hat blcmschwarze Lippen und fahle Wangen, und. die Augen sind dunkel und wie ein zerbrochener Spiegel. Er trägt einen langer:, versteckten Mantel mit einer großen Kapuze, die er -tief ins Gesicht Hereingozogon hat, und in der Hand hält er eine'rostige, schartige Sense an einem langen Stiel. Der Mann, der da ans dem Karren fitzt, und den Gaul an den zerlumpten Zügeln lenkt, ist kein gewöhnlicher Fuhrmann, sondern steht im Dienst eines gestrengen Hern:, der der Tod-gerwnnt wird." - Im letzten Jahrzehnt ist der Fuhrmann des Todes, getreu nach dem Bilde, das die Phantasie der großen Dichterin von ihm gezeichnet, mit seinem lahmen Gaul und dem alten RumpEasten - durch die Welt 'geraffelt und hat reiche, allzu reiche Ernte -schalten. Er ist mit seinem Karren über brausende Meere gefahren, wo große Schisse zum Sinken geibvacht wurden; er - ist ,Mrch jäh himWührende Gvubenschachte geradenwegs in die Eingeweide der Erde hinein-ge-fahren"; er hat sich ins Feuer und in den Rauch hineingetraut und ist „mitten durch brennende Städte .gefahren, wo auf allen Seiten ein Flanvrnenmeer loderte"; er ist mit seiner mageren Schindmähre ^FelÄwände hinaufgeklettert und hat sich bis über den Rand von Abgründen hinausgotvagt" — kurz, der Fuhrmann des Todes ist im letzten Jahrzehnt viel in der Welt herumgekommen und hat überall, wohin er kam, grausig gründliche Arbeit getan. NunMchr scheint der Fuhrmann des Todes — um im Lagerlässchen Bilde ziu bleiben -7v-an der jahrelangen allzu emsig betridbenM Avbeit evinijidet und sein.Arm schlaff und kraftlos geworben zu fein, denn er läßt heutzutage an seiner rostigen Sense, -di«: er sonst fest in dar Hand hielt, gar zu viele frei und nach Willkür herumm-anipulieren; heute lausen dem Tode viele freiwillig in die Arme. VerAweisÄt-e und LeibensüberdrüffM wollen nicht warten, bis der Fuhrmann mit seinem Karren zur Stelle ist; sie kommen Hm vielmehr sogusageu auf hälbe-rn Wege entgegen. Sie encheben den Fuhrmann seines Amtes, sie entwinden dem Sensenmann seine Sense und mähen selbst frühzeitig die Halme a!b, die ihm für späte« als Ernte bestimmt lvaren. Aus der poetischen in dre gemeine Sprache übersetzt, heißt es: Sie begehen Selbstmord. Die Flucht aus dev: Leber: hat letzchiu nahezu epidemischen Charakter angenommen. Es vergeht kein Tag, ohne d>atz die Zeitung zu berichten hätte, daß baW» hier, bald dort ein LeibvnAübevdrüffiMr ans ven Totenkarren sprang. Dabei muß die SelbstnwrdstatistA auch viele F r a u e n s e l b stmorde verzeichnen. Das ist nicht das Schrecklichste — denn ein Menschenleben ist ein Menschenleben, gleichviel welchen Geschlechtes es ist —, aber es ist das Neueste. Der Frauenselbstmovd ist nmnilich eine Erscheimurg unserer Zeit. Vormals war die Frau bei übler GcMMdufelei, die ihr sonst eigner, doch der nüchternere, auf die Folge:: bedachtere T"il; sie fühlte sich fester an das Lüben gebunden als der Mann. In früheren Ze iten war der Frauonselbsttnord etwas so Sölten es, daß der Gedanke an ihn ssllbst in die Phantasie des Dichters keinen Eingang jucken konnte. Goethe wäre es bei Abfassung seines „Wercher" (auch abgesehen von dm bestm:mtm Fällen, die seiner Erzählung zugrunde lagen) unmöglich erschienen, statt Wercher Lotte durch Selbstmord md-en zu lassen.; es tuäre ihn: dies wahLschemitich als eine Unwcchnscheiülichkeit erschienen, als 'eine unheimliche Tat, die allen inneren Gesetzen der Frauennatur widerspricht. In den Werken Shakespeares, wo Morde und Selbstmorde doch so zahlreich sind, findet man außer der Kleopatr-a keine einzige SMstnwrderin. Auch Julie spielt -im GrMve nur einen Selbstmord vor, u-m in verjMgter Herrlichkeit zu neuem Leiben zu erwachen; erst als sie ihren Romeo als Leiche erblickt, gibt si-e sich freiwillig dm Tod (dieser Tod ist also nicht frei gewählt, sondern erztvungen durch dm Willen, mst Romeo zu stovben). Erst in unserer Zeit der FvauenemanZiPation hat sich die Angileichunig der Frau an den Mann auch nach dieser Richtung hin vollzogen. Die Frau hat es gelernt, mit der, Waffe umZugchvn und sie im Wahne der Verzweiflung gegen sich sellbst zu richten. Demioch — die Frau, die in einem Augenblick der Verzweiflung trotzig von: Wagen des Lübens albspringt, tut dies MV mckers als der Manu. In den meisten Fällen ist sich der Mann bewußt, wie und aus welchem Grunde er zu dam Schluß gelangt, der einen Schuß bedeutet. Daß der Marm mit dem Gedanken spielen und trotzdem die Tat noch ausführen kann, das gibt der Bezeichnung des Selbstmordes als Freitod ebne gewisse Berechtigung. Ich möchte hier Mi besonders charakteristische Falle erwähnen, die sicher noch vielen in Erinnerung sind. En: berühmter Wiener Finanzmann, der auch im Pol:-, tischen. Leber: eine bedeutende Rolle'spielte,, beging Selbstmord. Einige Stunden vor der Tat, als der Gedanke bereits zum Entschluß gereist war, empfing er. einen BevnMollegen, mit dom er in aller, Gemütsruhe einige finanztechnische Fragen erörterte.. Dann, setzte er sich hin und schrieb nicht weniger als zchü, uan-. fongreiche Abschiedsbriese, hieraus las er, fast.die ganze Nacht hindurch, in irgend einem Werke. Schopenhauers, und bevor der Morgen graute — fiel ein Schuß. Noch merkwürdiger ist folgender Fall: Vor Jahren stürzte sich ein zwemndsiöbzigjähriger Wischer RÄigionslehrer und Bibolfo-rscher in Men ^ungeEhepanrß KaufenChiftone, Leinenwarsn,Bett- Kann L FHpü tiw*> WlenntBlvo¥SBUSIi§^u.Tisthu8sct!e infolge Kleiner Regien bexanntüchbiilis bei AallU ® riluUze«84ü (im Hotel Der schwarze Aviv». Bon Hermann Heijermans. Maffo ivar ein Neger, ein großer, derbknochiger Reger, ein schwarzer Riese mit P^attgedrückter Nafe. Sein Schädel war von Kraushaar bedeckt, nnd seine dicken roten Lrppen glichen einem frisch abgeschnitten-en: Stück Fleisch. M-affa und John (John war ein Weißer) hätten eine To-urnee durch England, Deutschland und Belgien unternommen, wo sie sich in höchlich -geschätzten Nummern als treffliche Clowns bewährten. Vor allem' Maffa hatte Erfolg. Er schnitt so originelle Grimassen! Wenn die Leute ihn sahen, brachen sie in schallendes Gelächter aus. Vor allem, wenn er seine Mandoline Zupfte und dabei tat,' als verschluckte er seinen angez-ündeten ' Zigarrenstummel, der gleich darauf wieder zum Vorschein kam. Me'er sich nur den Mund nicht verbrannte? Kein sterblicher hat das je begreifen können. Ein reines Wunder! Was für ein Erfolg denn auch auf 'den Brettern! ' Aber nur auf den Brettern. Am Tag, in den Cafes, erging es Maffa nicht gut. Keinen Schritt konnte er machen, ohne daß man ihm nachlief. Einmal mußt« sogar die Polizei in das Handgemenge eingreifen — es-setzte damals einen richtigen Skandal ab wegen einer Schar von Gassenjungen. Glücklicherweise hatte er sich im Zaum zu halten vermocht, sonst hätte er einem der verdammten Schlingel die, Gurgel abgedr-cht. Und dann, wären die. Erwachsenen an die Reihe gekommen. Er sah das Lachen der Frauen: was die -Männner anbetraf, so tvandten diese bc-it Blick zur Seite, wenn er Vorüberging. 1. Am Samstag vor Weihnachten hatte er schon unangenehme Auseinandersetzungen in einem. Artistencase gc- .habt, wo doch eigentlich- ,0 etwas nicht hätte. Vorkommen sollen. Sie hat.en dort nichts Besseres.zu tun gewußt, als V:'N Fn^'rn ü'oers Gesicht zu.fahren und dann unschuldig -verwundert zu fragen: -,Ach, die Farbe geht a-lfo gar nicht ab?" Am Weihnachtstag-e. selbst wuchs sein Groll. Er" war in die Kirche zum Beten, gegangen. John blie"> von so etwas fern, er ab-er tat es gern. Um nichts aus der Welt hätte er diese^Feierlichkeit versäumen wollen. , Nach, der Vorstellung, nahm, er ruhig fernen Grog, machte seinen gewohnten Spaziergang. Md begab sich nach der Kathedrale. Dort setzte er sich in ei-nen. Winkel. Den großen Schädel fro-mm gesenkt, die schwarzen Hände übereinander gekreuzt, mit den Lippen murmelnd. Und dabei ward er nun gestört. .Weiße Buben-und ein kleines Mädel, eins-dicht an das andere-gedrängt, guckten' ihn abwechselnd lachend-an. Vor allein die beiden Lausbuben zeigten sich unausstehlich: - ein ganz kleines Aeffchen und ein anderer, größerer. . . Während er betete, zeigten die Rangen einander seine Kraushaare, seine dicken Lippen,.seine schwarzen Ohren und seine weißen Zähne. Komische Sache -- so ein N-eg-r! Und was für eine Nase er hat! Er ist wohl mal draufgefallen, wie er klein war! Oder nein: seine Mutter wird's g-'wesen sein, die sie ihm plattgedrückt, hat. wie er auf die Welt kam..... Es heißt, daß das alle Negerinnen ihren Kleinen tun. He he he! Al-s er die Kirche verließ, bemerkte er, daß die Leute ihn anschauten und -mit Bezug auf ihn leise Gespräche führten, die er nicht aufzufangen vermochte. Bc: Morgengrau-'en kam er nach'Hause.'Der Tag war im Anbrechen, als er in feiner Wohnung anlangte. Die zwmkernde Kerze beleuchtete das zornige Gesicht des Negers. Seine Haut hatte einen bläulichen Schimmer, und die Gesichtsmnskeln'traten stark hervor. John, der -sich nach einer ausgiebigen KartcnM'tie zu Bett gelegt hatte, war tief unter der Decke vergraben. ,,n' Abend", sagte Maffa zu seinem Kameraden. ,F . Abend", antwortete der im-ersten Schlummer gestörte John. Massa zog sich im Handumdrehen aus und kvoch unter du Decke. Aber der Neger , blieb aufrecht sitzen, was dcrs Austauchen von John's spitzer Nase zur Folge hatte. - „Willst du die Kerze nicht auWschen, Maffa?" ,/Ja", sagte der Neger., Aber er lat nichts dergleichen. Sem dicker Kopf zerch» ne!e sich vom Kalkbewurf der Mauern ab. Seme schwarzen Hände lagen matt auf die Decke gebreitet. „Was halst du denn?", frug John, ,Kber nichts, gar nichts!" „Dann lösch' doch aus; ich bin müde. . Die Lippen des Negers zuckten nervös, allein schwieg. John war ungeduldig, gab Zeichen von'Unruhe. „Ra, heraus damit, Mer?" Der Neger fing, ohne - den Kopf zu heben, erregt zu erzählen an: „Ich war in der Kirche ..." „Das tveiß ich doch." „Und -da geht mir jetzt etivas durch den Kopf . . . ein sonderbarer Gedanke, den ich nicht recht seftpackeu kann . . ' „Wa's denn, Maffa?", ftug John gähnend. Der srimnliche Negerschädel neigte sich näher zu der Kerze hin: Silberfäden glänzten inmitten der dichten schwarzen Haarfüllc, -und langsam, zögernd frug er mit zitternder Stimme: „'Sag'. John, wie stellst du dir das Gesicht vom lieben Gott vor?" . Der Kops des Weißenhob sich Plötzlich aus den Decken. „Hör' einmal, Mer; es, war' schon bester, jetzt zu Olafen!" ' ) iwiw mmumaww»! 1151581

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