Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2099 (23.12.1924)
- Date
- 1924-12-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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€Wle 4 Dien. Dienstag Mitteilungen ans dem Publikum. MODENHAUS »Zum Schmetterling“ 'Wiezu XI. Taborstraase 31 Kammgarn. 130 cm breit .... 65 0«0aufw, Oabardin, 130 cm breit.#8 000 aufvv. Velours, 140 cm breit.IsJSoOoaufw. j ut.' is tu5/a' non.T Kelinersakkos Arbeitsmünte l, Overall-Anzüge, Schlosseranzüge, Fleischhauersacken, Windjacken u. s. w. VII. Burg nasse Nr. 81 — Tel. 340-2) leiche, und es ist verboten, eine solche am Tage zu trans« portieren" Auf meine weitere Frage: „Gibt es denn hier keine Lazarette für Pestkranke?" wird mir die Antwort: „Das isr unmöglich, man müßte ja nicht nur Lazarette für jede Religionsgemeinschaft, sondern für jede Kaste einrichten. Brahminen und „Giani" würden eher sterben, als daß sie sich von Menschen einer anderen Kaste behandeln ließen, da sie fest überzeugt sind, daß diese Behandlung nur auf eine Vergiftung abzielcn könnte. Die Engländer haben wohl den Versuch gemacht, Soldaten zum Transport der Cholera- und Pestkranken abznkommandieren; aber dieser Versuch führte zu einer Massenerhebnng des Volkes, so daß die Behörde es vorgezogen hat, aus diesem Weg nicht weiterzugehen." Ter Führer erklärt uns noch, daß Pest und Cholera von der Hungersnot begünstigt werden, die in schlechten Ernlejahren durch die Unregelmäßigkeit der Niederschläge verschuldet und unter der Bevölkerung Indiens, hauptsächlich der südlichen Provinzen, furchtbar, ausräumen. Jede Hungersnot fällt mit einem Neuaufflammcn der Epidemie zusammen, die die schlecht ernährte Bevölkerung dezimiert. Nach der Statistik der nationalistischen Presse starben von 1910 bis 1923 20 Millionen Inder am Hunger und den dadurch bedingten Seuchen. Das Gouvernement von Bombay hat zwar die Ziffer selbst beanständet, aber keine Richtigstellung versucht. Man muß indessen billigerweise anerkennen, daß auf Anregung des Unterhauses die Engländer in den letzten 20 Jahren einen systematischen Feldzug gegen die Mißernten und den Hunger organisiert haben. Man hat eine Hilfskasse gegründet, die den Einwohnern bei Mißernten große Mengen Mehl zur Verfügung stellt. Die Regierung von Delhi hat darüber hinaus ein großzügiges Programm der Bewässerung durchgeführt, um das Uebel an der Wurzel zu fassen. Die wohltätigen Folgen dieser Bewässerungspolitik machen sich im Pendschab bereits augenfällig bemerkbar. Auf unserem Wege begegnen wir dann weiteren schwankenden' Fanalen ntti der Gefolgschaft von weißen Schemen und den verhängnisvollen länglichen weißen Paketen. Im Pendschab werden keine Bahren verwendet; man begnügt sich vielmehr mit einem Leichentuch. Aus einem Platz biegt ein Zug schreitender Kamele im gemächlichen Trott in die Straße ein. Jedes der Tiere trägt auf jeder Seite des Sattels eines der länglichen Pakete. Aus dem Leitkamel hockt unbeweglich der Führer, in einen weißen Mantel gehüllt und eine Nute in der Hand. „Sechzehn Leichen", murmelt der Bakus. „Pest?" „Pest oder Cholera, das weiß ich nicht." Vor einem Hause sehen wir eine Menge Menschen. Auf meine Frage, was hier vorgeht, antwortet der Führer: „Es ist eine Totenwache. Wollen Sie sich's ansehen? Dabei können wir gleich Kasse trinken. In das Haus eines Toten darf jeder ein treten." — „Ist der auch an der Pest gestorben?" frage ich. — „Nein", antwortet der Bahus. „Bei den Opfern der Cholera, der Pcs! und des Aussatzes ist die Abhaltung einer Totenwache verboten." Wir treten in ein niedriges Zimmer, das von einer schwelenden Petroleumlampe schwach erhellt wird. Etwa zehn Personen, ausnahmslos Mohammedaner, die teils auf Stühlen sitzen, teils nach türkischer Melle aus der Erde kauern, sind hier versammelt. Sie sind weiß gekleidet und in den weiten Pendschabmantel ans K.nnelbaarwolle eingehüllt. Der beißende Rauch der Nargilehs benimmt uns den Atem. Die Wasserpfeifen gurgeln in vergoldeten Schalen. Nach dem Beispiel unseres Freundes reichen wir allen die Hand, die dann dreimal, mr Brust, zum Mund und zur Stirn, geführt wird, während wir das sakramentale „Allah rmch Mab" murmeln. Dann nehmen wir schweigend Platz. Ein Diener reicht uns eine winzige Tasse Kaffee. Der Tote liegt in einem Winkel, auf einem Divan gebettet und in ein Leinentuch eingehüllt, das die Körperformen scharf abzeichnet und das Gesicht sreiläßt. Aus dem benachbarten Raum klingt ein Geheul wie von geprügelten Hunden. Es sind die Klageweiber, die die ganze Nacht hindurch vereint mit den Frauen der Familien heulen und schreien. Andere Personen treten ein, grüßen und erhalten ihren Kaffee. Ter eine nimmt dos Ambramundstück seines Nargilehs aus dem Mund und reicht es dem Babus, der einen Zug tut und es mir reicht. Auch ich entrichte der mohammedanischen Brüderlichkeit den schuldigen Tribut. Wäre nicht das ohrenmarternde Geheul Wiener Morgen lektunft. 28. Dezember 1924 Nr. ES Ne verfallende Wiener Universität Unter ver Herrschaft des Hakenkreuze«. Daß die Wiener Hochschulen, statt Pstegesbätten der Wissenschaft zu sein, Hochburgen der Reaktion und des frechsten Antisemitismus sind, ist hinlänglich bekannt Von den gwßen, jeder Beschreibung spottenden Exzessen, die bisher alle ungejühnt geblieben sind, soll hier nicht die Rede sein. Es gibt Kleinigkeiten, die zu einem Ganzen zusammengefaßt, ein erschreckend deutliches Bild uinserer höchsten Bildungsstätten geben. Ausschreitungen, die nicht an die große Glocke gehängt werden, scheinbare Kemigkeiten, von denen aber jede einzelne geeignet ist, den jüdischen Studenten, gegen den sie gerichtet sind» psychisch und materiell schwer zu schädigen. Bon diesen sollen hier einige vevmcrlt sein und den Universitatsbehörden, falls sie sich ihrer Kennt'-'" '"leben. nachdrücklich^ bekannt-gegeben werden. Da existiert zum Beispiel ein Kulturamt der oeutschen Studentenschaft, an dessen Spitze der Diplonrkausmann Robert Korber steht, 33 Jahre alt und erst voriges Jahr mit seinem Studium fertig geworden. Der Krieg und das Hakenkreuz waren dazwischen. Seine -kauftuämrische Tätigkeit besteht darin, wüste anti» semitische Propaganda zu betreiben. Mit dem Worte A m t wird überyarcpt ungeheurer Mißbrauch getrieben. Es stempelt die Institutionen zu etwas Seriösem und führt den unwissenden Hörer irre. ES gibt ein Wirtschastsamt, ein Kulturamt und ein Ausland Samt. Alles Falschmeldungen, denn von einem Amt ist kein« Spur zu finden, aber dafür um so mehr vom .Hakenkreuz. Sache des Rektorats wäre es. diesem Unfug ein Ende zu bereiten. Für alle diese Ae-mter gibt es in der Universität Räume, schöne, große, lichte Raume, die, wenn es sich um freiheivliche Borträge handelt, i m m e r b e se tz t sind und daher nie zur Verfügung sielen. Das Wirtschaftsamt der deutschen Studentenschaft Hot sich im ehemaligen Slawischen Institut, neben dcm Turnsaal, eingonistet. Dort «mürbe eine aus der Schweig, dem Balkan, zum Beispiel Bulgarien» Griechenland oder Albanien kommen, entsprechen 'l'umer diesen Anforderungen. Jüdische Studenten, dve m Ungarn oder Polen dem Numerus clausus weichett mußten, brauchen Ma tur itäts < eug nif se mit Auszeichnung und obendr-kM bat das deutsche Kulturamt eine Jngerenz aus die Aufnahme. Ein eigenes Kapitel sind die Anschlagekasten. Was da an Schmutz und Geifer unter d e n A u g e n der akademischen Behörden geleistet wird, ist schwer zu schildern. Immer mehr Kästen gibt es, die das Hakenkreuz ziert und die Zeitungsausschnitte aus nicht genehmen Blättern beherbergen. Das Meifterstückchen -ist wohl ein Tisch, der einige Tage vor der Qnästur stand, auf dom Schmutzliteratur der ärgsten Sorte tetfrrjv boten wurde, so da sind: Duster: „Lie Sünde wder das Blut", „Der Talnmdj-ude" von Rohling, „Die Rassenkurvde" des Germanen Krajecek. Der große Schriftsteller K e r ch n a b e und natürlich die „Weisen von Z -i o n" «waren auch vertreten. Es ist ganz ausaoschlossen, vatz di'ser Tisch ohne Bewilligung des Rektorats ausa?- stelit werden konnte. Anscheinend haben sich boo.) ein'ge hueit aus dem Prosessoreuk ollegi uzn geftmo-m, bir yu verstehen gaben, daß dieser Skandal n'cht weiter gehen kann. S>.'t einigen Tagen ist dieser Tisch ver'chmuuden Man sagt ein Opfer der Stagnation. Das Geschäft geht nicht. In der Aula selbst sind Anschlag-' ver Srudeutenschoft verboten. Zwei große Tafeln m.-'ün auf das K.utu.'' amt der deutsck-en Studentensck-aft hm. Aus der Rampe, K' feit den letzten Krawallen nicht in eh r a ka de m ifch.-r Boden ist, werden anlisemll'-ch.> Hetzblätter von Kolporteuren mit hakenkreuM schmückten Kappen seiilgeboten: „Der eiserne Besen, das muß jeder Arier lesen" (welche Poesie!), der „Nationalsozialist". das einzige judmfeindliche Blatt usl.v. Auch hier geht das G ' sMcht- Frühstiick- und ein« Rasierstube Das amtliche Nationale, errichtet, die nur arischen Studenten zugänglich ist. Geldspenden in xe-dcr Höhe dürfen auch Juden -leisten, jedoch nur ungenannt, sonst wird nichts angenommen. Jmnrer Ehrenmann! Für in der rr'ssenschaftlichen Welt ganz ob sture Leute, aber dafür in der Halenkrouzgikde um so bekannter, .sind immer Dortragssäle frei, für eine Ofner-Feier, einen Goldschmied, oder Max- Adler-Vortrag ist in der ganzen großen Universität kein Raum zur Verfügung. Der größte materielle Schaden wird zweifellos den jüdischen Ausländern zugefügt. Die neuen A-ufnah.nsbestimm-ungen besagen nämlich, d.iß Hörer ans dcm Osten, nur ausgenommen werden können, wenn sie den cllgemr:nen Anforderungen entsprechen, b«* an einen öfter» reichischen Maturanten gestellt werden. Studenten, dir auf dem früher mit Typendruck die Rubrik „Volkszugehörigkeit" hinzugefügt wurde, ist jetzt ganz in Druck mit diesem Vermerk erschienen. Die Rubvik muß ausgefüllt werden, eine Ungesetzlichkeit, aus die wir schon semeyzeit hingewiesen haben. Während der Jnfkrittion wurden an einem Schalter Anmeldungen für die Technische Nothilfe en'tgegengenommen. Die hier aufgezählten scheiübareü Kleinigkeiten, die sich beliebig vermehren ließen, bölenchten das System, das letzten Endes zur Berdorfung, zum Numerus clausus bei Schüler, und Lehrerschaft führt. Kemem Professor mit klingendem Namen wird es mehr einfallen, einem Ruf an die Wiener Universität zu folgen. nranar der Weiber, man könnte sich In einen Rauchklub verletzt wähnen, der einem Scheidenden die letzte Ehre erweist. Als wir wieder im Freien sind, begleitet uns der Dabns noch ein Stück Weges. „Hier ist das Gebäude der Pendichab-Universität", erklärt er uns, „eure der berühmtesten Hochschulen Indiens. Sie können letzt rucht meyr fehlgehen. Wenn Sie in den nächsten Tagen noch mcuur Dienste bedürfen, so bitte ich, über mich zu Verfügen." — Damit überreichte er mir eine Visitenkarte, die ich beim Schein der ersten Laterne lese. Sie verzeichnet neben dem Namen unseres Führers Omar Ayal Sadangyar in englischer Sprache die Worte: „Sanitätsinspektor 3. Klasse — Abteilung Pest und Epidemien — Mohammedanischer Friedhof." Ich hatte das Glück, dem rechten Mann zu begegnen. Benzinersah. Ein neuer Autobetriebsstoff. Die Badische Anilin- und S'dafabr'.k in Ludwigs- Hasen hat einen neuen Kraft-wagenbetrieb sst o f f im Inland und in einer Anzahl ausländ'scher Staaten zum Patent ange-mel-det. Es handelt sich um ein aus Kohlenstoff gewonnen es Erzeugnis, mit dem man beabsich''gt ein Drlri-ebs mittel besonderer Art a n Stelle von Benzin z-u bieten. Die Eigentüirll'ch'eit -des neuen Betriebsstoffs «besieht darin, daß durch Zusatz einer wichtigen Verbindung, über deren Z-u lammen'etzwng vorderhand noch nichts in Erfahrung zu bringen ist. die Explosion verlangsamt wird. Infolgedessen w'rd das allenthF'ben so unliebsam empfundene Klopfen vermic-den. Versuche in ähnlicher Richtung wurden auch in -den Vereinigten Staaten unternommen, -wo man -durch Zu ah von Bleiverb'ndunaen gleichfalls etae verlangsamte Explosion zu erstehen hoffte. Die deutche Erfindung, für de^en .Herstellung bereits feit einiger Zeit in Ludwigshafen di-e Vorbere'-tungen getroffen wurden, ist noch in dm Anfängen hegvi'ffen. so daß über ihre technische und gefchäftl'che Auswertung oi-n völlig sicheres Urteil noch nicht äbgege-bon werden kann. Wieder ein Maffenmord. Fra«, Kinder und sich selbst getötet, I« G r o ß wa rdei n hat sich vorgestern ein blutiges Familiendrame abgespielt. Ter Oberbeamte der Großwarde in er Filiale der Stahlwarenfabrik Duisburg. Rudolf B a l e ck, erschoß zuerst seine 24 Jahre alte Ga t t i n, sein drei Jahre alles Tochterchen und sein jnuast-cs, erst drei Monate altes K i n d. Sodann jagte sich Baleck selbst eine Kugel in die Bvust. Alle vier Familienmitglieder -waren auf der Stelle tot. In einem zurnck-ge-lassenen Brief an den Chef der Firma Duisburg teilte Rudolf Daleck mit, daß er über einen Betrag von 110.000 Lei keine Verrechnung ablegen könne. Baleck war österreichischer Staatsbürger, seine Angehörigen wie auch die Familie seiner Frau leben in W1 e n. Mord un der Schw?e«>ermutier. Die Mörderin versuchte Selbstmord. AriS Berlin tvird gemeldet: In der Neichenberger Straße wurde herite eine furchtbare Bluttat verübt. Die 66jäbrige Witwe Wilhelm'ne Straffer wurde von ihrer 20 Jabre alten Schwiegertochter Pieper in einem Anfall von Wahnsinn ermordet. Die junae Frau schlug so lange mit einer Axt auf den Kopf ibrer Schwiegermutter ein. bis d'-eser in zahllose kleine Stücks zerirümmert war. Tann öffnete die Mörderin d-e Gasleitung und legte sich ins Bett. In einem Brief an ihre Mutt-er gab lle als Grund der furchtbaren Tat an, daß sie von ihrer Schwiegermutter fortdauernd gequält worden sei. Ten durch den Gasgeruch a^arm'-'rtrn Haus-bewobnern ae^ang eS. die bewußtlos in ibrem Bette Vorgefundene Mörderin wieder ins Leben zuvückzurusen. Äer Älub orr „feWen. iannen MlilMr» Von neunzig Jahren anfwörls. Ter Sitz dieses „Kluhs der feschen jungen ist im Greisenosyl der „Töchter Jakobs" in Nctp- Pvrk, einem der grölten, moderpsten, jüdischen AiterIheime der Welt. Ein Teil der männlichen Insassen dieses Grcistnasvls bildete einen Klub, dem nur Pfleglircge von neunzig Jahren auswärts angehören können. Ter KUrb