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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-23 · Heft 2099 (23.12.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2099 (23.12.1924)
Date
1924-12-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 209Y Wien, DtenSdag / Wiener Moraenzeituna. 28. DegeiAer 1924 Seite 8 Ae gestrigen Arbeltrlosenkundgebungm. Polizeibereitschaft und Arretierungen. Der für gestern cvnge sagte große Demonstraiionszug der Arbeitslosen wurde, wie 'bereits gemeldet, von der PMzeidirektion verboten. Jur Laufe des vormittags sammelten sich bei aller: Kontrollstellen die dort zugeteilten Aribe-Itslosen in normaller Anzahl wie sonst. Bei den M a tz l e i n s d o r s e r Baracken, wo die Metallarbeiter ihren Sitz haben, waren etwa 7 0 0 Personen anwesend. Bei allen Stellen war ein starker Patron i l l e ü d i e n st der S i ch e r h e i t s w a ch e dorgekehrt. Starke Bereitschaften standen in Reserve. In. den ersten Vormittagsstunden blieb es vollkommen vuihig. Bei den versammellten 'Metallarbeitern in Matz leinsdorf hielt der Obmann des Zentrola rbei tslosewkomitees eine Ansprache. Es wurde auch der Versuch gemacht, einen Zug voin Matzleinsdorf zu der Vermittlungsstelle in die Stolberggasse in Margareten zu unternehmen.. Die Wache hiebt jedoch den Zug schon beim Eingang in die Reinprechtsdorferstraße auf und zerstreute die Teilnehmer. Gegen viertel 12 Uhr versuchten die in Matzleinsdorf angesammel-ten Arbeitslosen neuerdings, einen Zug zu formieren, und zwar im verstärktem Maße. Etwa 400 bis 600 Teilnehmer wollten nach der Stadt ma r s ch i e r e n. Mache trat «ihnen entgegen und hielt den Zug auf. Bei der Zerstreuung der Ange'ammelte-n durch Wache zu Fuß und zu Pferd wurden 15 Arretier»ng e n borge nominen. Unter den Verhafteten befindet sich auch der Obmann des Zeutralarbeitslosenkomitees Ludwig Haas, der einen Arrestanten -der Eskorte entriß. Kleinere Gruppen, die sich tmaufsMg angesammelt hatten, zogen mittags durch die Bezirke der Stadt zu und kanten auf dem Platz vordem Rathaus zusammen. Es waren ungefähr insgesantt etwa 500 Arbeitslose. Wache schritt sofort ein, ze rst r e u t e die hier Versammelten mrd nahm drei Arretierungen vor. Ae Bndzetberatung ver Gemeinde Wien. Die Kanalräumergebühren werden erhöht. Gestern wurden in der Gemeinderatssitzung die Budgetkapitel „Wohlfahrtswesen" und ,Mohnungs'fursorge" bei der Abstimmung angenomme n. Sodann kam das Kapitol „Technische Angelegenheiten, Ernächvungs- und Wirtschaftsangelegenheiten" (Ausgalben 1788 Mil- Narben) zur Beratung, über welches Stabtvat Siegl referierte. Die nachfolgende Debatte wurde einige Male von der G a l e r i e g e st ö r t. Die Budgetpost wurde angenommen. In der Debatte teilt Gememdevat Erba n mit, daß im Ausschuß beschlossen wurde, die Kanalraumergebühren vom Zwanzigfachen auf das Fiinfumdztvanzigfache des Friedenszinses zu e r h ö h e n. Sodann wurde tat die Beratung des Kapitels „Apprüvisionieritngsangel'egenheiten" eingegangen. Der Referent Stadtrat K o k r d a schilderte die Wirtschaftslage der Stadt Wien und hob hervor, daß die Le'bensmittelzust.chven im Ansteigen begriffen sind. »Der Naschmarkt und die Großanarkthalle feien den gesteigerten Bedürfnissen nicht mehr gewachsen und werden verlegt und erweitert werden müssen. Durch den Zufammenibvuch der Depositenb a n i, die die Vieh- und Fleischmarktkasse mit Kredit versorgte, ist der Gemeinde ein bedeutender Schaden ertvachfen. Die Abstmtmmrg dieser Budgetpoft, über welche die Debatte gestern gu Ende geführt wurde, erfolgt in der «heutigen Sitzung. Brotpred und BrotgewW. Im Zusantlnrenhang mit den von einem Wiener Blatt wiederholt gebrachten Mitteilungen, daß die Wiener Bäcker das Brotgeiwicht Vermiudevn und das mindergewichtige Brot zu höherem Preise verkaufen, hat die Regierung eine Revision der handwerksmäßigen Bäckereibetriebe durch die Wirts,ch-oftHpolizet veranlaßt. Die Wirtschaftspckizei hat in der Vorwoche von den 650 handwerksmäßigen Bäckeveibetrieben insgesamt 295 Betriebe revidiert und hierbei festgestellt, daß bei dem häufigsten Durchschnittspreis tarn 8400 bis 8500 K. das Nornralgewicht des Brotlaibes pro 126 Dekagramm in der tveitaus überwiegenden Mehrzahl der Redisionsfälle genau eiatgehMen wurde. Lediglich m neun Fällen wurden Latbgewichte von 120 Dekagramm (viermal), 121 Dekagramm (einmal), 123 Dekagramm (dreimal) und 124 Dekagramm (einmal) erhoben. Die betreffenden Bäckermeister verlangten jedoch in diesen Fällen entsprechend billigere Preise. So kostete der Laib zu 124 Dekagramm sogar bloß 7800 K. Nur m einem einzigen Falle wurde ein Anstand erhoben, da ein Laib von 120 Dekagramm 8600 K. kostete, somit teurer als der gegenwärtige Fabrikspreis (6700 K.) tvar. ' Auf Grund dieses Ergebnisses der amtlichen Erhebungen stellt die Regierung daher fest, daß die früher erwähnten Behauptungen unrichtig sind; angesichts dieser Tatsache 'darf wohl die Erwartung ausgesprochen werden, daß die Oeffenttichkeit nicht weiter durch derartige unstichhültige Meldungen beunvuhigl werde. 4> 4* limer Morgenzeitimg" Meinls Tee neuer Ernte Bortras Dr. Weizmann ln Wien. Wie bereits gemeldet, spricht der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann Samstag den 3. Jänner, halb 8 Uhr abends, rm großen Konzert Haussaale über aktuelle zionistische Probleme. Es ist nur noch eine sehr beschränkte Anzahl von Karten vorhanden. Karten können täglich zwischen 10 bis 12 Uhr vormittags und 4 bis 7 Uhr nachmittags «im zionistischen Bureau, 1. Bez., Kavnbneüstraße Nr. 26,1. Stock, abgeholt werden. Das Buch der Zeit Literaturbeilage der „Wiener Morgenzeitung“ erscheint kn gewohnten Umfange von zwei Seiten, mit reichhaltigem Inhalt an Buchbesprechungen, Ankündigungen der Neuerscheinungen auf dem Bücher-, Zeitschriften- und Kunstmarkt MITTWOCH DEN 24. DEZEMBER. wmnKMmmmBmmmnummmaammmBm Rabbiner Zakob Male gestorben. Moskau, 20. Dezember. (I. T. A.) Der Rabbiner von Moskau, Herr Jakob Mase, ist am 19. d., nachts 11 Uhr 40 Min., nach längerem Leiden verschieden. Er stand im 64. Lebensjahre. In seinen letzten Lebensjahren war Rabbiner Mase von verschiedenen .Leiden heimgesucht worden und war fast voll ist ändig erblindet. Rabbiner Mase war weit über Moskau hinaus unter der russischen Judenschaft, die m ihm einen Führer des Volkes sah, populär. Seit dreißig Jahren war er Rabbiner in Moskau. In Zeiten der Not setzte er seine ganze Persönlichkeit ein, um zu helfen. Denkwürdig ist die Rolle, die er in dem Kiew er Ritual mordprozeß Beil iS gespielt hat, wo er mit großem moralischen Erfolg für die angegriffene Ehre des jüdischen Volkes gekämpft hat. Der vor kurzem angekündigten Herausgabe seiner Memoiren sieht man mit großem Interesse entgegen. Rabbiner Mase beabsichtigte nach Berlin zu reisen, um dort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sodann wollte er eine Reise nach Palästina unternehmen. Nun hat der Tod diesen Plänen ein Ende bereitet. 3« den Hamburger Baracken. Von der jüdischen Wanderung. Berlin, 2-2. Dezember. (I. T. A.) Eine Gruppe von 16 0 j ü d -i s ch e n E m i g r a n t e n> die sich s e i t m e h r als einem Jahre in Hamburg aufhält und wegen des Jmmigrationseinschränkungsgesetzes nicht nach Amerika kommen kann, wandte.sich an das Vereinigte Komitee für jüdische Auswanderung in Berlin mit einem Schreiben, in welchem es unter anderem heißt: Unsere Lage wird immer grauenvoller. Wir sind seit mehr als einem Jahre ohne irgendeine Be'chäftigung in Baracken eingeschlossen, die von einem Qna- «rantänewächter beaufsichtigt werden. Die Kinder haben keine Gelegenheit, etwas zu lernen. Es ist verboten, die Quarantäne zu verlassen und in der Stadt ' zu wohnen. Viele der Emigranten erhielten-Briest von ihren Verwandten in Amerika, die klagen, sie seien materiell nicht in der Lage, für einen so langen Aufenthalt im Hamburger Hafen zu sorgen. Jede Vevdwnstmoglichkeit ist für uns ausgeschlossen. Im Namen von 150 unglücklichen Emigranten, im Namen der leidenden Jugend,, bitten wir, alles mögliche zu tun, um Mts von hier zu Ehefreien. Sir Herbert Samuel bei den Samaritaner» in Haifa. Der Oberkommissär von Palästina, Sir Herben Samuel, weilte am 17. d. in Haifa, um die indu-. striellen und anderen Einrichtungen der Stadt in Augenschein zu nehmen. Sir Heribert Samuel empfing in Haifa den. Oberpriester der Samaritaner, Jsaae ben Amram. Der Oberpriester, der im Jahre 1914 seinem verstorbenen Vetter Jacob bon Aaron im Amte folgte, ersuchte -den Oberkommissär, ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach London zu verschaffen, wo er Forschungen über die Geschichte der Samaritamer unternehmen will. Der Obevpriester will eine Geschichte seines Stanrmes schreiben und gedenkt zu dem Zwecke Studien im Britischen Museum zu machen, wo zahlreiche Maniufkripte und Bücher über die Samaritaner vorhanden sind. Die Samaritaner sind eine kleine Sekte, die im ganzen 150 Familien zählt. 130 von ihnen leben als eine geschlossene Gemeinde in Nablus. Sie sind Abkömmlinge jenes Samariterstammes, der sich im Mertum vom Volke Israel abgetrennt hat. Auf Grund ihrer Lehre halten sie sich für d:e einzigen Vertreter Israels in Palästina. Von dem Uten Testament anerkennen sie nur die fünf Bücher Moses. Ihre Sprache ist ein aramäischhebräischer Dialekt. Ae Hörner ans de« Moser-Statnru. Die älteren bekannten Moses-Statuen und Büsten stellen den Propheten und Gesetzgeber Moses seltsamerweise mit kurzen, auf beiden Seiten hervorspringenden Hörnern dar. Welche Quellsnmotive führten die alten Künstler zu dieser Darstellung? In einem Bortrag über die Soulderbarkeiten auf alten Kunstdenkmälern gab der als Kunsthistoriker beka'wnte ameriLauische Bildhauer Lorado T a f t der Meinung Ausdruck, daß diese Entstellung Moses' auf die unrichtige Uebersetzung eines hebräischen Wortes zurückzuführen sei. Das hebräische Wort ,^Keren" hat verschiedene Bedeutungen. Es wird ebenso für „Glorie", wie auch in seiner Urbedeutung von „Horn" gebraucht. In der griechischen Uebersetzung sei nun das Wort ,^deren^ an der in Betracht kommenden Stelle anstatt mit „Gorie", mit ,Hovn" übersetzt. Von dieser falschen Uebersetzung rrvegÄeitet, hatten nun die Bildhauer jener Periode Moses mtt Hörnern dargostellt. So sehen wir auch die große Moses-Statue von Michelangelo mit Hörnern ausgestattet. Das Original dieser Statue hatte heroische Maße in Marmor und war für das Grab des Papstes Julius des Zweiten bestimmt. ■ Dieses Grabmal ist jedoch niemals fertiggestellt worden, und so wurde das Werk in der Pe-terskwche ausgestellt. In der Heimat der Pest. Die verheerende Ernte des Schwarzen Todes in Indien. —Ein Gang durch die nächtlichen Straßen von Lähore. Die Beulenpest, der „Schwarze Tod" des MntelalterS, hat von jeher ihren dauernden Sitz in der britisch-indischen Provinz Pendfchab, deren Hauptstadt L a h o r e sozusagen als das Hauptquartier der furchtbaren Seuche gelten kann. Gerade jetzt ist die Epidemie in dem indischen Pestherd wieder in ein akutes Stadium getreten. Die Lebensnot - begünstigt in diesem Jahre nur zu sehr die Ausbreitung der Seuche, die während der Jahre von 1900 bis 1910 in Indien rund 4,5 Millionen Menschenleben gefordert hat. Das schlimmste Pestjahr war das Jahr 1907 mtt 1,600.000 Toten, und alles spricht dafür, daß die beständig steigende Kurve der Sterbefälle in der Provinz Pendfchab und ihrer Hauptstadt die furchtbare Ziffer des Jahres 1907 in diesem Jahre wieder erreicht. Eine Wanderung durch die Straßen von Lahore, die der Weltreisende des „Popolo d'Jtalia", Mario Appelius, unternommen hat, um dem Schwarzen Tod nachzuspüren, war zunächst von einem vollständigen Mißerfolg begleitet. Auf die an einen eingeborenen Schutzmann, gerichtete Scherzfrage: „Bitte, wo ist denn hier die Pest?" antwortete der braune Diener der heiligen Hermandad, nachdem er lange sein Handbuch und die Straßenpläne durchblättert hatte, ganz ernsthaft in seinem englischen Kauderwelsch: „Etne solche Straße existiert hier nicht, mein Herr." Die Leute sterben hier wohl an der Pest, aber man kennt sie nicht oder will sie nicht kennen. Dank der sachkundigen Führung eines mohammedanischen „Babus" konnte der italienische Reisende bei einem erneut unternommenen Versuch schließlich doch halbwegs - auf seine journalistischen Kosten kommen. „Draußen ist es stockfinster", schreibt Appelius, „und ohne unseren Führer wären wir hier verraten und verkauft. Am Himmel glänzt wohl die Mondscheibe, aher chr Licht ist nicht imstande, das Dunkel zu durchdringen, und das öffentliche Beleuchtungswesen steckt in Lahore noch ganz und gar in den Anfängen. Was an elektrischen Bogenlampen vorhanden ist, befindet sich vor dem Regierungs- Palast, dem Bahnhof und dem Militärklnb. Uebrigens haben die Europäer in diesem Stadtviertel auch nichts zu suchen. In der Ferner schaukelt im schwarzen Schacht einer Straße ein rotes, zitterndes Lichtsignal hin und her. Es kommt näher und näher und gestattet uns endlich, einen schweigsamen Zug weißer Schemen zu erblicken, die aus der Schulter ein längliches Paket tragen. Die Männer des Zuges wechseln mit unserem Führer den brüderlichen Gruß der gläubigen Mohammedaner. „Was tragen diese Leute?" — „Es. ist em Begräbnis." — „Zu dieser Stunde?" — „Es ist eine Pest-

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