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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-21 · Heft 2097 (21.12.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2097 (21.12.1924)
Date
1924-12-21
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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Bildnis aus der Kolonie Nakalal Beim Einpflanzen von Gurkensaat Haus eines Ansiedlers in Jecheskel der individuellen Arbeitersiedlung in Nuris, die erst vor drei Jahren gegründet wurde Wipfel hob. hat dann der Krieg unerbittlich umgehauen. Auch seit dem Krieg ist viel gepflanzt worden und vieles wieder zur stattlichen Höhe gewachsen. Doch in diesem baumlosen Land, in diesem verkarsteten Gebirge sieht das nach gar nichts aus, kaum wie der Anfang eines Anfangs, und die Kahlheit ringsumher tritt nur noch erschreckender, nur verzweifelter noch hervor. Steht irgendwo, am Bergeshang, ein Grüppchen Bäume, dann zeigt Chaim Mandelbaum,! mein Chauffeur, stolz darauf hin und sagt schon: „Ein Wald!“ Er kennt jeden Baum im ganzen Palästina und liebt ihn und weiss, wie er gedeiht und beobachtet sein Wachstum. Er hat alle die Bäume gekannt, die alle lebendig waren, als der Krieg ausbrach, die dann gefällt wurden; er zeigt die Plätze, an denen sie standen, und er trauert um sie, wie man um Kriegsgefallene trauert. Chaim Madelbaum ist nicht der einzige. Alle jüdischen Menschen hier kennen jeden Baum im Lande und sprechen davon wie von Angehörigen, die man liebt, wie von Kindern, die man pflegt und hütet. Nun beginne ich, den Sinn zu begreifen, den einzigen Sinn, den die Verwüstung Palästinas haben kann, und ich bin nicht mehr so entsetzt, bin gar nicht mehr so verzweifelt über den trübseligen Zustand des Bodens, wie in den ersten Tagen. Dieses Land ist niedergetreten, ausgeplündert, misshandelt worden und es ist verschmachtet, als es sein Volk verloren hatte. Aber auch das Volk hat man niedergetreten, geplündert, misshandelt, seit es von seiner gottgegebenen Scholle verjagt wurde und es ist verschmachtet seither. Wohin sollte dieses verfolgte, dieses versessene Volk sich wenden, was für ein Ziel könnte es in dieser Welt noch haben, was für einen Halt und war für einen Daseinswillen, wenn dieses Land nicht daliegen und warten würde? Nichts bliebe dem Judenvolk übrig als die vollkommene Auflösung, als das Untergehen im Meer aller anderen Völker. Längst wäre der Untergang schon hereingebrochen, längst die restlose Auflösung schon vor sich gegangen, und Israel wäre spurlos verschwunden im Orkan von neunzehn Jahrhunderten, in diesen Stürmen, von denen es umhergeschleudert wurde, ein Wrack, ohne Segel und Steuer. Aber das Land lag da und wartete. Das Land hatte sich niemals wieder erholt, seit ihm die eingeborenen Kinder weggerissen, wurden, entwurzelt, wie ihm nachher der Wald mit allen Bäumen von der Brust der Gebirge gerissen worden ist. Das Land lag da, es litt und wartete. Es tat genau dasselbe wie die Juden: Leiden und Warten, neunzehn Jahrhunderte lang. Aber neunzehnhundert Jahre ist keine zu lange Zeit für ein Land? Und es zeigt sich, dass neunzehnhundert Jahre auch für das Volk nicht zu lang sind. Dieses Volk ist in der Diaspora städtisch geworden und . . . Einen Augenblick! Die Diaspora umnebelt uns mit so vielen Lügen, dass man sie beinahe nachspricht wie ewige Wahrheiten. Die Juden sind also städtisch geworden; sie sind dem Handel ergeben und jedem Schacher, der Geld bringt, denn sie lieben das Geld über alles? Nun ja, man hat sie in Städte eingepfercht, hat ihnen in den Städten besondere Quartiere anbefohlen und sie im Ghetto gehalten. Man hat ihnen den Besitz von Boden untersagt und ihnen das freie Wohnen auf freier Scholle verboten. So sind sie städtisch geworden. Ihnen war der Zugang in die arbeitenden Berufe, in die Zünfte des Handwerks gesperrt und so mussten sie sich dem Handel ergeben. Aber da war einmal in Kastilien irgendein König, Alfonso oder so ähnlich, der emanzipierte die Juden eines Tages und sofort hingen, siebzig von hundert, die Männer ihren Handel an den Nagel, um die Universitäten des Landes zu beziehen, darunter Fünfzigjährige. So leidenschaftlich sind die Juden dem Handel ergeben! Es war ein Ausbruch, eine Explosion der vulkanischen Volksseele und der Lügennebel des Ghettos wurde davon entzweigerissen. Aber vor vielen Jahrhunderten, und nur für einen Moment. Dieses Volk liebt das Gold, doch wohl nicht viel stärker als alle anderen Völker am Golde hängen, nach Golde drängen. Unter der Bauernschaft, den Grundbesitzern und Reichen der ganzen Welt ist es eine ganz besondere, eine ganz vereinzelte, eine ganz seltene Ausnahme, wenn einer je die ideale Gelehrsamkeit, die Künste, die Wissenschaft, die Weisheit höher achtet als den . eigenen Reichtum, wenn er sie so sehr verehrt, dass er sein Geld und sein Tagewerk diesen idealen Gütern dienstbar macht. Doch bei den Juden, soweit sie von der Angleichung ihren Traditionen noch nicht entfremdet, in ihrer Wesensart noch nicht entfärbt sind, gilt Wissen und Weisheit mehr als Besitz. Geld ist gut, denn Geld kauft ein Stückchen Daseinsrecht, kauft Licht und Luft, besonders in den Ländern, bei deren Beamtenschaft solche Dinge bis vor kurzem käuflich waren und morgen vielleicht wieder zu kaufen sein werden. Alle anderen haben dieses Daseinsrecht, haben das bisschen Sicherheit selbstverständlich umsonst. Doch der Jude muss alles bezahlen, was er haben, was er bewahren, was er erhalten will. Er muss ja auch in den sogenannten freien Ländern den Umgang mit Vornehmen, die gesellschaftliche Stellung bezahlen. Oh, wie lache ich in den Fluren Palästinas über die gesellschaftliche Stellung so vieler arrivierter Juden, über den Ehrgeiz dieser sonst so begabten Männer, über den Snobismus »4» ÜÜSP V ’ *• *.M .N- Jordanbrücke bei Däganja erbaut von Arbeitern der jüdischen Baugilde Solei Boneh ihrer Frauen. Ich rechne mir aus, wieviel Bäume hier im Lande gepflanzt werden könnten um all das Geld, das diese Leute opfern, damit ein paar Aristokraten, ein paar"Patrizier zu ihnen ins Haus kommen oder damit sie in den nobeln Klubs geduldet, damit sie zu den grossen Soireen geladen werden. Ich denke mir aus, wieviele Bäume . . . und schon bedecken sich alle diese verarmten Berge hier mit rauschenden Wäldern. Ich stelle mir vor, wieviel Geld täglich von diesen Verblendeten hingeschüttet wird, nur aus heisser Sehnsucht, ihr Judentum vergessen zu machen oder wenigstens Vergebung zu erlangen für das ■jüdische Blut, das einem doch keiner je vergisst oder vergibt; ich überlege, wieviel Dunam Ackerboden man dafür kaufen, wieviel Arbeiter man ansiedeln könnte für dieses sinnlos verschwendete Geld und schon sehe ich im Geiste das ganze Land vor mir, emsig bewirtschafet, aufblühen in segensreicher Fruchtbarkeit. Da vergeht mir das Lachen. Diese Juden, die auf allen ihren 'Wegen Flüchtlinge des eigenen Blutes sind, wissen nichts mehr vom Judentum. Und die Christen wissen erst recht nichts davon. Sie wissen nicht, dass ein jüdischer Vater sich‘s zur höchsten Ehre, seiner Tochter zum höchsten Glück anrechnet, ihr einen Gelehrten zum Manne zu geben. Er plagt sich gerne, dieser Vater, den Schwiegersohn, die Tochter und die Enkelkinder! zu erhalten, denn er achtet sein Haus nun für geadelt, weil es das Heim ist für selbstloses Denken, für Forschen, Erkennen und Weisheit. Viele Ehen werden im Volk, das diesen Namen noch verdient, derart geschlossen, dass der Reiche den armen Philosophen als Tochtermann ins Haus nimmt. Auch in der Demokratie, die dem jüdischen Volke eigen ist, die ihm von altersher in den Instinkten sitzt, verschafft weder Besitz noch Macht den Adel, sondern es ist einzig der Geist, der adelig sein lässt. Aber was weiss man in gMissen grosstädtischen Salons davon? In ihrem Ghetto sind die Juden Handwerker und Arbeiter, sie sind Lastträger und Schmiede, Schlosser und Tischler, wie sie Uhrmacher und Juweliere sind. Wo sie mit dem Boden je Zusammenkommen durften in der Diaspora, sind sie tüchtige Landwirte, Viehzüchter und Weinbauern. Die Güter, die in Ungarn von Juden verwaltet wurden oder gepachtet oder als Eigentum betrieben, beweisen es. Und ein Fürst Urrussow, der in den Achtzigerjahren Gouverneur der Ukraine war, in einem Gebiet, in dem die Juden Land besitzen durften, wundert sich in seinen Memoiren masslos über den Ackerbau wie über den Weinbau der Juden, der nach seinen eigenen Worten dem Weinbau am Rhein in nichts nachsteht. Er ist als Russe der herrschenden Klasse kein Judenfreund gewesen, dieser Fürst und Gouverneur, dennoch meint er, -es wäre vielleicht vorteilhaft, den Juden die Erlaubnis zu geben, sich auch in anderen Gegenden des grossen Russland anzusiedeln, damit die Trägheit der russischen Bauern durch ihr Beispiel befeuert werde. Und er sagt das alles mit einem Erstaunen, das ganz ohne Wohlwollen ist. Kein Mensch wundert sich, wenn von den Juden das Schlechteste behauptet wird; aber jeder gerät in sprachloses oder stotterndes Erstaunen, wenn er ein Gutes an ihnen bemerkt. Die Juden wissen von ihrem eigenen Volk nur sehr, sehr wenig; die anderen aber ahnen nichts vom jüdischen Wesen . und so ist es gekommen, dass die Juden unter allen Völkern fast gar nicht gekannt und am meisten gehasst werden. Richtiger: sie werden am meisten gehasst, weil sie gar nicht gekannt werden. Jetzt ist Palästina' die grosse Gelegenheit für die Juden, ihre wahren Kräfte zu zeigen. Ihr^Rhodus ist es; hier müssen sie beweisen, wie sie tanzen können, müssen es 'für sich beweisen - und für die ganze Welt. In diesem Land, das so lange gelitten und gewartet hat, wird niemand gebraucht, der sich nur auf die Kräfte des Ghetto, auf die Schliche der Diaspora versteht, niemand, der nur den Kuhhändel der Angleichung kennt. Aber jeder ist nötig, der bereit ' ist, mit seiner Hände Arbeit zu helfen, dass der Boden hier wieder fruchtbar werde, jeder, der den Opfermut mitbringt, sein Leben hinzugeben dafür, dass diese Aecker wieder Ernten tragen und auf den Berghängen wieder Wälder rauschen. In dieser übermenschlich mühevollen Arbeit wird dem Volk wieder' diejenige Schichte erzogen, die ihm so lange gefehlt hat: die im Erdreich Wurzelnden, die mit ihrem Körper lind mit ihren Muskeln Schaffenden, die Einfachen, die Unhysterischen, die Beständigen. Niemand sonst vermag es, dieses Land zu retten. Die Araber besitzen unermesslich weite Gebiete, und der Entwicklungsweg, den sie zurücklegen müssen, ehe sie zur Höhe intensiver Wirtschaft gelangen, ist noch sehr, sehr lang, obwohl sie intelligent und fleissig sind. Aber sie gebieten über riesengrosse Länderstriche, sie haben Zugänge zum Mittelmeer, die bessere Hafenplätze bieten als die ah Buchten arme und an Klippen reiche Küste von Palästina. Sie können überdies noch an das Rote Meer und an den Indischen Ozean. Das kleine Palästina, das kaum den Umfang von Niederösterreich hat, ist ihnen keine Lebensnotwendigkeit. Und wenn sie nicht verhetzt sind, sehen sie Palästina auch gar nicht als Lebensnotwendigkeit an. Die Christenheit der ganzen Welt wäre nicht imstande, das heilige Land wieder in ein gelobtes Land zu wandeln. Dehn um diese Wandlung zu vollziehen, braucht es Dezennien, braucht es vielleicht ein Jahrhundert angespanntester Arbeit, und zur Anspannung wie zur Stetigkeit dieses Wirkens gehört ein grosser;' ein-

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