Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2097 (21.12.1924)
- Date
- 1924-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 2097 der „Wiener Morgenzeitung“ vom 21. Dezember 1924 Auf den Straßen von Judäa ** Von Felix Salten Viele Strassen durchlaufen das Land über Berg und Tal, schlüpfen tief durch Schluchten und Hohlgänge, steigen hoch, zu Gipfeln empor. Strassen gibt es, die breit sind, ausgezeichnet zu befahren, gepflegt, mit festem Unterbau, glatt gewalzt, und noch mehr geglättet von den Pneumatiks der vielen Automobile, die drüber hinsausen. Strassen, die sich wie .weisse oder gelbe Bänder durch das-Grün der Hügel hinziehen, die, von ferne schon, wie feine Adern den Leib dieser Erde mit verästelten Linien' durchschimmern. Strassen, die sich gleich Schlangen um die vorgewölbte Brust eines Berges ringeln. Dann sind verlassene, alte Strassen da,; grasbewachsen, schwer zu finden- und schwerer noch zu benützen, verkrustet und überwuchert vom Bodenwuchs wie verjährte ter stolz in den blauen Himmel gehoben, steinerne, kahle Köpfe oder Hochplateaus mit zerklüfteten Abhängen. Fast ganz verkarstet, geben sie den Eindruck majestätischer Oede, Sie sehen aus wie einsame Vulkane, denen die herabgeronnene Lava den ganzen Leib verbrüht hat. Nur spärlich deckt da und dort ein dünner Graswuchs das Gestein, wie Schorf die wunde Haut eines Menschen überzieht. Ja, dieses Land, einst das gelobte, dieses Land der Verheissung, darin Milch und Honig floss, es ist nun lange schon öde, verkarstet und wund. Das Gebirge von Judäa ist nicht vulkanisch; es hat einst, vor vielen Jahrhunderten, herrliche, dichte Wälder auf seinem breiten Rücken getragen, darinnen viel Wild lebte, Gazellen, Bären und der edle Hirsch'. Ueppige Matten breiteten, sich tausend Jahre lang hat hier niemand einen Baum gepflanzt. Nur gefällt hat man Bäume, ganze Wälder hat man niedergeschlagen, Berg um Berg wurde des dichten, kostbaren grünen Mantels beraubt, der die Erde schützte. Man. hat das Dickicht der hohen, alten Stämme vernichtet und das Dickicht von Busch und Strauch zerstört. Langsam wurde der Reichtum dieser weithin gedehnten Wälder zu einer kahlen, öden Armut gewandelt; es wich der kühle Schatten herrlicher Bäume, darin Menschen und Tiere sich ergingen, und immer mehr breitete sich die Wehrlosigkeit entblösster Hänge, die der glühende Sonnenschein verbrannte, die der Sturm mit ungehemmter Kraft durchwühlte und auf die der wütende Regen niederpeitschte. Dieses arme, von habsüchtigen Händen bis Die hebräische Universität auf dem Skopusberge (Projekt) mmm UW WWAW WUWW WMMNZW MM fpHH ißffi&SSui: - WWW WADW wmm .yr' t r. WM UGM VlW'Ct'riVr.’ V,V'A" ^,; . ■T WAD' mm ,.,MW f***i*bigk ML« i» f!»- »'<!» j. Narben-im Fell eines alten, vielgejagten Tieres. Alle diese Strassen, die jetzt noch vortrefflichen und verschwindenden, haben Juden und Römer gebaut, Syrer, Araber, Kreuzfahrer, Türken und andere, viele andere. Fast alle Völker der alten Welt sind hier im Land gewesen, um es zu erobern, um es zu besitzen, um es aufzurichten und um es zu zerstören. Im Namen ihres Glaubens, im Zeichen ihres Gottes, auf Betreiben ihrer.Priester, ihrer Könige, gespornt von ihrem Ehrgeiz, von ihrem Fanatismus, gepeitscht von unbelehrbarer Dummheit oder von erbarmungsloser Gier nach Reichtümern gehetzt. Fast alle Völker haben sich in das offene Buch dieses Landes eingezeichnet. Man liest die Geschichte ihres Charakters von den Befestigungen, die sie hinterliessen, von den Ruinen ihrer Burgen und aus den Zeilen der Strassen, die sie bauten. Immer noch kann man auf diesen Strassen des Nachts, auch am hellichten Tag überfallen oder von tetaer Kugel aus dem Hinterhalt weggeputzit werden, wenn man allein im Auto fährt, weshalb denn auch die Chauffeure hier nur ungern mit einem Einzelpassagier losziehen oder gar ihre Rückfahrten ohne Passagier machen. Sehr oft sind es ganz gewöhnliche Räuber, die solch einen Ueberfall vollführen, manchmal sind es Politiker. Aber es gibt Fälle genug, in denen der Räuber mit dem Politiker identisch ist, Fälle wieder, in denen man schwer entscheiden könnte, wo der Politiker aufhört und der Räuber anfängt. Das ist übrigens nicht;bloss in den arabischleväntinischen Ländern so! Die Berge von Judäa sind hoch. Bis zu tausend Metern und darüber. Ineinander getürmt liegen sie gewaltig da, bilden tiefe Talrinnen uhd grüne Wiesenbetten zwischen ihren Erhebungen, tragen die Häuptalwärts in sanften Lehnen und auf ihnen weideten die Rinder, Schafe und Ziegen, furchte der Pflug den fetten Boden. Ein Volk, das unruhig, streitbar und stolz war in seinem Geist, lebte hier glücklich, auf eigener Scholle. Unausdenkbar, wenn dieses Volk niemals vertrieben, niemals hingestreut worden wäre über die ganze Erde, wenn es hätte weiterleben dürfen in seiner Heimat. Unübersehbare Perspektiven ins Banale, in eine Reihe von Jahrtausenden, die nur Ereignisse, aber kein Schicksal enthalten hätten. Doch dieses Volk gab der Welt einen Gott, gab ihr den göttlichen Gedanken einer unsichtbaren Allmacht und gab ihr etwas von der eigenen Unruhe. Dies Land hier ist, auf dieser Hemisphäre, das vulkanische Gebiet der Menschheit gewesen. Die Feuerströme, die sich über die Erde ergossen, sind liier hervorgebrochen, aus den Herzen derjenigen, die in Judäa und Galiläa geboren waren. Und wenn heute der Boden hier von den Gipfeln bis zu den Tälern verbrannt ist, rührt das nicht von der glühenden Lava her, die aus dem Innern der Erde, aufsprang, sondern von den Seelengluten der Menschen, die den Erdkreis entzündet und erleuchtet und darüber ihr eigenes, kleines Land verloren haben. Dieses Land, seit sein eingeborenes Volk aus den Wurzeln gerafft und verschleudert wurde, ist immerfort nur Beute gewesen; Beute, die man errungen hat, oder Beute, die man erjagen will. Und man hat es so wenig geschont, so wenig gepflegt, wie man eben eine Beute, von der man nicht weiss, wie lange man sie behalten wird, schont oder gar pflegt. Gleich einem Stück Knochenfleisch, um das sich wütende Hunde raufen, ist dieses Land zerzaust, zerbissen, zerrissen und zerfetzt worden. Mehr als zur Nacktheit ausgezogene Land konnte nicht widerstehen. Der Regen wusch in Jahrhunderten den fetten Humus von den Lenden, Schultern und Rücken der Berge so gründlich, bis das Urgestein zum Vorschein kam. Wer Griechenland gesehen hat, die kahlen Heiden um Konstantinopel, Kleinasien und Palästina, der versteht den Ausdruck „türkische Wirtschaft“, der jetzt hoffentlich für alle einst von den Türken beherrschten Gebiete wie für die Türken selbst der Geschichte angehört. Nichts mehr ist dieses Land als der leergeräumte Boden für eine Aufgabe. Nichts anderes ist es, wie die Stätte für einen Anfang. Nur die Aufforderung, die Gelegenheit, der Mahnruf, der Notschrei, der Alarm zur Arbeit. Die Jugend Israels arbeitet hier. Sie arbeitet so hart wie einst unter der Herrenfaust des Pharao. Vielleicht härter noch und schwerer. Aber diese jungen Menschen arbeiten freudig, aus freiem Entschluss, mit dem Feuerfunken der Hoffnung im Herzen. Sie klopfen Steine und bauen Strassen. Sie stehen bis an die Knie im Schlick und ziehen Gräben, um Sümpfe zu trocknen. Und sie tragen, in Handkörben, den Humus wieder die Berge hinauf, bedecken die wunde, unfruchtbare Nacktheit der steinigen Hänge wieder mit guter Scholle. Sie pflanzen wieder Bäume, überall. Sie pflanzen den Eukalyptus in den Niederungen, weil er das Grundwasser wegtrinkt und weil .er schnell wächst. Sie setzen Oelbäume und Maulbeer- und Obstbäume und Palmen an die Berglehnen, damit von ihren Wurzeln das Erdreich gehalten und vom Regen nicht mehr niedergeschwemmt werde. Ach, es ist noch wenig zu sehen, obwohl sehr viele Bäume gepflanzt wurden. Aber alles, was bis zum Jahre 1914 schon seine