Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2097 (21.12.1924)
- Date
- 1924-12-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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t Sette 6 Wien, Sonntag i | Schwere Sorgen I erwachsen der Palästina-Exekutive, wenn das Monatsbudget des Aufbauwerkes nicht j rechtzeitig gedeckt ist Bedenkliche Rückstände an Zahlungen weist der österreichische! Keren Hajessod auf, und der letzte Monat des Kalendeijahres geht zu Ende. Alle österreichischen Keren* Hajessod- Zeichner welche die übernommene Pflicht noch nicht ganz erfüllt haben, mögen unaufgefordert und ungesäumt noch in diesen Tagen des abschliessenden Kalenderjahres ihre Rückstände begleichen. Keren Halessod Abteilung für Oesterreich Wien, 1. Bezirk, KSrntnerstrasie 38 „roderurteil." Der nette Roman von Schalem Asch» T-er jüdische Dichter Schalem Asch, der seit mehreren Monaten in Polen weilt, um in Zurückgezogenheit seine in Angriff genommenen literarischen Arbeiten zu vollenden, gab einem Mitarbeiter des Warschauer „Haint" interessante Ins-oomationen über dos Ergebnis dieser seiner Arbeit. Der Roman, den er soeben sertiggestellt habe, erklärt der Dichter, spielt in Amerika und behandelt die „Seele des Verbrechers", ein Problem, das ihn schon seit lianigsm beschäftige. „Ich schildere in diesem Roman — führte Asch ans — das Selben der zweiten Generation der jüdischen Einwanderer in Amerika. Die genannte Generation unterscheidet sich durch nichts vom allgemeinen Men der Amerikaner. Der Held deS Romans ist ein Jude, aber er ' hätte ebensogut auch Nichtjnde sein können DaS Jüdische an chm spielt in seinen Schicksalen gor keine Rolle. Ich behandle das Heben eines Menschen, der mit seiner eigenenen Hände Arbeit ein großes Vermögen erworben hat' und jetzt Leiter amerikanischer Banken ist. Die Triebkraft in .seinem Aufschwung ist di« Energie deS Amerikaners. Es ist ein Mensch ohne Sentimentalität, ohne Jdeall, mit dom einzigen Stroben, reich zu werden nnd mit #üf<e' seines Geldes zu herrschen. _ Eigentlich hätte das Buch den TitÄl „Wohin?" sichren sollen. Wohin treöbt den Menschen das ausschließliche Streben nach Reichtum? Diese Frage ist durchaus keine Wische. Die Lust nach beherrschendem Reichtum ist für das ganze amerikanische Leben charakteristisch. Ich halbe mein Buch „Todesurteil" beritrit. ES ist mein Protestschvei gegen die Todesstrafe. Das, was der Mensch nicht gsben kann, darf und kann er auch niemandem nehmen. Es ist unmöglich, sich in die seelischen Vorgänge hineinzulebon und die mannigfaltigen Ursachen -n begreifen, di« Märschen zu Handlungen treiben, die wir spater vevmteilen. Wes, was uns bei anderen Menschen so klar und offen zutage 'liegend dünkt, liegt in Wahrheit hinter tausenden dichten Schleiern psychologischer Geheimnisse, in die wir nicht einzudringen vermögen, verborgen. Betrachtet man den Holden meines Romans, Mister Stone, mid beurteilt man ihn nach seinen HcnMiri-gen, so wäre man versucht, ihn für einen der finstersten Charaktere -zu hockten, der über alle Hindernisse erlbavrmmgNloS,hinwogsetzt, um sein Ziel zu erreichen. Lebt man sich aber in seine Psychplagie ein, gewinnt man einen Einblick in das geheime Räderwerk. seiner Seele, wird man gewahr, daß alles, was er tut,, begründet und menschlich ist.. Das Hauptproblem meines Buches, das. in den letzten Jahren am meisten mein Interesse Langen nahm, sind die «Wandlungen, die der Verbrecher dürchmacht, sein Soele-nlleben von dem Tag am, da er seine Verbrechen begeht, bis zur Aus- Mruns des Urteils, Wiener Morflenzeliung. 21. DeMtber 1924 Nr. 2087! Zer wiedergefundene Lndlm-Mnmant. 8ku amerikanischer MMonSr läßt eine guwrlensammlnng stehlen. — Sammlerlridenschaft — Die Sammlung unversehrt zuriickgrstellt. hafte Summe als Kaufpreis, den jedoch die Witwe Julius Wernhers aus Pietät ausschlug. „EvcningS News" veröffentlichen aufsehenerregende. Enthüllungen über die im Juni d. I. aus dem Londoner Palais des verstorbenen Minenmagnaten Sir Julius Wernher geraubte unschätzbare Jnwelensammlung, die dieser Tage von den Dieben der Witwe Sir Julius Wernhers vollzählig und in unversehrtem Zustand zirrilckgestellt worden ist. Das Wesentliche an den Enthüllungen des Blattes ist, daß der große Juwelenraub, bei welchem auch einer der schönsten Diamanten, der sogenannte Ludlow-Diamant, entwendet wurde, im direkten Auftrag eines m:llionenreichen, passionierten Juwelensammlers aus Chikago durchgeführt worden ist. der drei dergewiegtesten Einbrecher der Bereinigten Staaten gegen hohes Entgelt angeworbcn hatte, die Juwelcnsammlung für ihn zu stehlen, damit er die unvergleichliche Kollektion seiner eigenen Sammlung einverleiben könne. Nach der Darstellung der „Evening News" besuchte der in Frage stehende Millionär aus Chikago, dessen Name nicht genannt wird, im April dieses Jahres England und Schottland und erhielt auch Zutritt iw das Haus der Lady Ludlow, der Witwe nach Sir Julius Wernher. Der amerikanische Sammler, der relöft Eigentümer eines der schönsten Privatmuseen der Bereinigten Staaten ist, verweilte Tage lang in dem. berühmten „Roten Salon" von Bath House in Piccadillh, dem Palais des verstorbenen Diamantenkönigs. Der amerikanische Millionär zeigtesich bei diesem Besuche von der Schönheit der Wernherschen Juwelensammlung derart fasziniert, daß häufig die Dienerschaft ihn aufsvrdern mußte, den „Roten Salon" in später Nacht zu verlassen. Der Amerikaner versuchte, die Juwelensammlung von Lady Ludlow käuflich zu erwerben, und bot ihr eine fabel- Als der Amerikaner sah, daß er auf rechtmäßigem Weg niemals in den Besitz der Juwelensammlung gelangen werde, fuhr er nach den Vereinigten Staaten zurück und engagierte drei polizeibekannte Meisterdiebe zur Beschaffung der Wernherschen Juwelen. Der Chikagoer Millionär gab den drei Einbrechern zunächst eine Anzahlung von 50.000 Dollar für dieses waghalsige Unternehmen und stellte ihnen, eine Belohnung von 250.000 Dollar für den Fall des Gelingens des Diebstahls in Aussicht. Der Millionär händigte den Einbrechern genaue Pläne von Bath House ein, um ihnen den Diebstahl nach, Tunlichkeit zu erleichtern. Die drei amerikanischen Einbrecher kamen am 6. Juni in London an. verbrachten einige Tage mit dem Auskundschasten der Situ-" tion und führten am 11. Juni den Juwelendiebstahl im Wernherschen Palais aus, der damals eine Weltsensation bildete. Dann verließen sie England in eiucv Privatjacht und schifften sich in einem französischen Hafen auf einem Ueberseedampfer ein, der sie nach New- York brachte. Hier erfuhren sie zu ihrer Bestürzung, daß ihr Auftraggeber, der reiche Sammler aus Chikago, wenige Stunden vor Ankunft des Dampfers im Hasen von New-Aork gestorben war. Die drei Einbrecher sahen sich nunmehr außerstande, die unschätzbare Juwelensammlung in den Vereinigten Staaten zu verkaufen, und beschlossen nach geraunter Zeit, das ganze gestohlene Gut der Londoner Polizcidirektwn zurückzu stellen, um wenigstens den ausgesetzten Lohn von 25.000 Dollar für die Zustandebringung der gestohlenen Sammlung für sich zu retten. In der Mehrzahl der Fälle und besonders im dem Fall, der mich interessiert, wird der Mord von ernenn unmenschlichen Tier begangen. Die Strafe aber wird an dom Reinsten der Menschen ausgeführt Im Feuer der Reue, die in dem Verurteilten, seinem Urteil entgegengchend, erwacht, läutert sich die Seele des Deobrechors zur Seele eines Gevechton. In der kurzen Zeit, in der dem Verbrecher die Möglichkeit gegeben wird, sein ganzes verdorbenes Leben zu revidieren, vollzieht sich eine völlige NentzLburt. feiner Seele. UH die menschliche Macht, der es bäschieden ist, äutzevlich nkönnbave Handlungen abzuurteilen, verbrennt' auf den modernen Scheiterhaufen nicht einen Verbrecher, sondern einen Gerechten. Das ist das Hauptproblem meines Buches. Mein Buch hat 15 Kapitel. Ich war bemüht, Mich auf einen Menschen, den Haupthslden, zu konzentrieren. Aber auch das Milieu um ihn ist für das amerikanische Leben'sehr bezeichnend. Broadway und alles, was Broadway zu bieten vermag. Das tot« Mekka des modernen GnobS. Damit ist der größere Umfang des Buches zu erklären. Im Roman gibt eS natürlich auch eine Franenfigur. Wegen seiner eigenen Frau begcht Stone einen Mord. Der völlige Bankerott des Familienlebens des modemen Menschen — war die Haupbursache deS Zusammenbruches Sto-nes." Der Budapester „Silbermann". In Budapest lobt ein Mann, den der bekannte fvanMirsche Roman „Silbermann" von Jacques de Lacretelle fast um seinen gesunden Verstand gebracht hat. Man erinnert sich aus der Besprechung dieses vor drei Jahren erschienenen und inzwischen in alle We>ltspvachen übersetzten Romans in unserem Matte, an dem Helden der Erzählung. Sdlbevmann. ist der Sohn eines jüdischen Antiquitätenhändlers und besucht das Lyzeum. Sein Vater will ihn ins Geschäft nehmen, aber ihn drängt es zum Studium. In der Schelle ist er das Opfer antisemitischer Verfolgungen seiner nationalistischen Mitschüler und nach langen, ermüdenden Kämpfen gibt der junge SÄbermann enttäuscht, seelisch gebrochen das Stadium aus und Lehrt in das Geschäft seines VaterS ein. Die Geschichte dieses französischen Sikbermann nun trifft nicht nur in den Hcmptzügen, sondern auch in jeder einzelnen der Episoden imi Leben des Holden von Lacretelles Roman mit dom Loben deS Budapester Antiquitätenhändlers, von dem hier die Rede ist, zu. Auch er heißt SMermann, auch er wollte nicht das Metier feines Vaters fortsetzen, auch ihn zog eS zum Studium, aber auch er hatte alle Erniedrigungen eines von antisemitischen Schulkameraden verfolgten Juden zu erleiden, bis er schließlich eines Tages von den E r w a ch e n d e n aus der Aula der Budapester Universität hinans-geprügest, angeekelr und angewidert sich hinter das Pickt des Antiquitätengeschästes seines Dcvters flüchtete. Ein Mitarbeiter des „Mag" suchte dieser Tage den Budapester Abraham Silbermann in seinem mit Alt-evttimevn vollgepfropften Laden aus. Silbermann war über den Besuch gar nicht erstaunt, er hatte eine solche Aussprache schon lange erwartet. Achtmal hat Abraham Silbermann schon den fran-. zwischen Roman gelesen. Er zieht ein zevlcsenes, an Hunderten von Stellen unterstrichenes Exemplar aus der Tasche und meint: „Dieses Buch ist mir fövnckich zur Bkbeil geworden und ich bin fest davon überzeugt, daß ich schließlich so enden werden wie Lacretelles Silbermann. Sehen Sie sich mal diese vielen angestrichenen Stellen an; alles hat sich auch mit mir ereignet. Bitte erklären Sie mir doch dieses Rätsel, dieses seltsame Zusammentreffen: 1. Auch ich heiße SiVbermann; 2. auch mein Vater ist Antiquitätenhändler; 3. auch, mein älterer Bruder lobt in Amerika, ist JuwelenhäMer, wie der Bvuder des Romanhvlden; ' 4. ich besuchte die Universität und auch mich ließen die Erwachenden nicht mein Studium fortsetzen; 6. auch ich setze mm das Gewerbe meines Vaters fort und auch ich wollte, als man mich aus der Universität hmausprügette, nach Amerika cmstvamdevn." „Das sind nur die HaüptahrvlichVSitsn," fuhr Äbvaham Silbermann fort, „aber auch in einer gwßen Zahl von Episoden wiederholt sich unser beider Leben. Mit einem abergläubischen Gefühl greife ich immer von neuem zu diesem Roman. Seine Zellen haben für mich bereits die Kraft von Offenbarungen. Ich versuche immer wieder, eine Erklärung für diesen Zufall zu finden — unmöglich! Ich habe bereits die Empfindung, daß meine Schritte von einer unbekannten Macht gelenkt werden." SiWevnvann schlägt jene Stelle des Romans ans, wo der Antiquitätenhändler entert Aristokraten beschimpft^ weil er ihn mit unlauteren Mitteln betrogen und geschädigt hat. Der Aristokrat ficht Silbermann an: „Nur Ruhe, lieber, guter Sillbermann, nur Ruhe! Ich werde alles wieder gutmachen... Ich werde Sie schadlos halten... Ich verspreche es Ihnen..° Der Budapester SÄbevmaim schlägt das zerschlissene Buch zu, wischt sich die Stirne ab Md,sagt traurig: „Wortwörtlich so ist es — mir ergangen! Aber schon nach dem Erscheinen des Buches, so daß Lacretelle davon nichts wissen konnte. Es ist doch sonderbar, daß ein französischer Schvfftsteller, den ich nie im Leben gesehen, alle jene Ereignisse, die später in meinem Leben eintraten, im voraus projiziert hat. Im Frühjahr gehe ich nach Paris" — schließt Abraham Silber - mann die Unterredung — „und suche Lacretelle a-rlif. Ich werde ihm mittellen, daß in Budapest ein Mann lebt, der sich vergeblich bemüht, die Fäden eines Wunders zu entwirren. Dieser Mann kann nicht nachm, jedeSmal, wenn er vor großen' Ereigwiffsn stcht, in Ihrem Roman nachzuschlagen und -nachzw lesen —- was sich mit ihm ereignen werde... * Der autle Abraham Silbermann in Budapest irrt uns aufrichtig leid. Er glaubt an ein Wunder, stcht vor einem Rätsel, daß gar keines ist. Des Rätsels einfache Lösung ist, daß Lacvetelle Vas g:l>ungene Lebensbibd eines j u n ge n I u d e n entwarf, der aus seinem jüdischen Milien h-'wans — und in ein fremdes hmeinftveb-t. Ein solches Streben mutz an dem kalten, gemütsrohen Widerstand aller arischen Nationalisten erbarmungslos zerschellen. Die Typen in Lacretelles „Silbcrmcmn", die jüdischen wie die arischen,. sind üb-rall dieselben. Die Pariser „Camelots du Roi" sind nicht besser als. die Erwachenden Ungarn von Budapest. Der jüdisck>e Antiquitätensammler von Paris, der mit Magnaten Geschäfte macht, wird von diesen Müßiggängern ebenso en canaille^ behandelt wie der Budapester Silbermann - von den arb.'itsschenen ungarischen Grafen. Daß sie beide Silbermann heißen, ist ein Zufall. So lange es in Vieser Welt sogenanme „historische Gesellschaftsklassen" mit Vorrechten und Juden mit AnSnahmsunvechten geben^ wird, die ihre untergeordnetie Ausnahmsstelluug durch i'pie Äbstveffung ihres Jvdenttlms wettmachen wollen, wird es überall LebensschiHale geben, wie die des SWevman. . Jatob Krauß.