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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-21 · Heft 2097 (21.12.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2097 (21.12.1924)
Date
1924-12-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3097 Wien, Sonntag .... -I ..... ■ --'- Wettbewerb Jeder Käufer eines Ingenius-Baukastens (65.000 Kronen) hat die Möglichkeit, oder einen der 112 anderen wertvollen Preise zu erwerben, wenn er eine der beiden folgenden Aufgaben gut löst: 1. Mitteilung einer originellen Idee für Irgend ein beliebiges oder bewegliches Objekt, das die Ing anius-Gesellschaft ansfiihren soll; 2. Mitteilung einer originellen Idee, was er als Erwerber des ersten Preises mit den 100 Millionen anfangen würde. Näheres in den Warenhäusern Gerngross, Staia, Göc etc. und in den einschlägigen Geschäften. „INGENIUS“ Technische und Handelsgesellschaft m.b.H. Wien, l., Schillerplatz 4 Telephon 75«3S 4 Chanukkah ohne Kerzen. Mir PwIeülriexgi'M'mer. Die alt« Frau rechnet zum 'vrerknmail nach, ob sie nicht ihrer Einzigen, die M neun Jahren gelähmt im Bette liegt, wvd dem blinden „Zimumvherrn" — er ist gegen eine lächerlich niedrige Miete zum,Herrn" diajes Zimmers geworden, weil die blutarme Witwe sich nicht entschließen konnte, von einem jüdischen Kriegsblinden einen zeit-gerechten Betrag zu fordern — ei« „ChorruKahfest verunstalten" könnte. Ehan«iKahfest heißt m diesem Falle: Kerzen, die in ein alH Fedevpennal gesteckt werden, em Kuchen und eine Stunde langer Beleuchtung. Sie rechnet und rechnet, die gute Mte, die ernst zu jedem Festtag für £»!<e bedürftigen Brüder in der böhmischen Kleinstaidt die Tafel gedeckt, aber sie kann kerne Möglichkeit herauMügeln. Die Kerzen sind terrer, die Butter ist unerschwinglich und emhctzen muß man an einem Festabend doch auch ein bißchen. Es gehl nicht. ,/Wenn ich reich wäre", sagt die Frau Plötzlich, „ich. gäbe mein MUges Geld den Gelähmten und Blindem." Und dos ist ehelich und aufrichtig gesagt. Denn es kommt aus der VevzweMnng der Einsamen und Hilflosen. Wenn ich reich wäre ... Es ist -im großen und ganzen eine schlechte Entschuldigung. R.ichtnm läutert und erhebt rmr in den seltensten Fällen. Die meisten wünschen sich, Lvenn sie zu Geld kommen, wie der Köhler im Märchen doch nur die schöne, lange, fette Wnrst zu ihren Kartoffeln, und wer als arbeitender, gesunder Mensch seinen hilflosen Nebenmenschen keinen Gedanken schenkt, der hat kein Recht, sentimental zu seufzen: wenn ich reich wäre . ., K. M. ÄMoffon im N«daMer Wologischen Znstitut. Wie „Az Est" mitterlt, ereignete sich Freitag vormittags km histologischen Laboratorium des Professors Dr. Karl Schaffer in Budape -st eine folgenschwere E xpsofion. Eine Stahffl-asche, die kompvomierte Kohlensäure enthielt, barst infolge an-gesetzten Rostes am Stahlmantel. Es erfolgte eine furchtbare Explosion, die die gesamte Einrichtung' des Laboratoriums zerstörte. Der Professor -selbst und seine Assistenten hielten sich im Augenblick ^er Explosion nicht in denn Raum ans, so. daß keine Menschenopfer zu beklagen sind. Der * Materialschaden beläuft sich dagegen aus Hunderte von Millionen. i4 99 Sieitet Morgenzeitung" Wiener MorgönzeMiW7 81. DHerWer IW' ' Sekkb ..._ -.— - — - Irr Avoftel der Sittlichkeit. Donnerstag abends ’öat in der WeiMcheir Katbarine-rshalle eine nationalsotzialistische Versammlung stattgesunden, die gegen die sittliche Entartung des Kunstwesens ln Literatur und Theater Stellung nehmen sollte. Diese sittliche Entartung ist setbswevständlich die Schuld der Juden, und der Hauptredner, Karl Hermann Wolf, unterließ es nicht, dies ganz besonders zu betonen und unverihüllt die radikale Ausrottung der Juden zu verlangen. Wem von Sittlichkeit die Rode ist, dann ist natürlich Karl Hermann Wolf der gegebene Sachverständige. Er ist auf diesem Gebiet wie kein -zweiter zu Hause und, um dies ganz g.nau festzustellen, ist nur notüverMg, aal die Leidensgeschichte der von Ka-vl Hermann tätlich mißhandelten Gattin zu erinnern und die Geschichte des Fräulein Grete Tschan zu erwähnen. Diese Dame — heute heißt sie anders — ist als junges Mädchen dem geilen Wolf zum Opfer gefallen und war damals die Braut feines besten Freundes. Dir Ska-nöalaffäre hat ja s.hr lange Zeit die österreichische Oeffenttichkoit beschäftigt, Schönerer warf den Wolf aus seiner Partei hinaus (diesertwegen uxd wegen der Bestechung der „Ostdeutschen R-mrdschau" durch das ZuckerkarteD. Wolf mußte das Mandat niederlegen, wurde aber von den Trautenauer Bauern wi-odergewählt, weil er ihnen in öffentlicher Versammlung gesagt hatte, er habe nur das getan, was jeder Mann tue, und er müßte sich erschießen, wenn er Lei der Wahl durchfiele. Dieser so sittliche deutsche Mann, der Siegfriedler der Badeni-Zeit, -hat das genannte Fräulein verführt, obzwar er vebheiurtet war (und seine Frau, die Nichte eines Bischofs.. ohrfeigte) und obzwar er wußte, daß sie die Verlobte feines Eouleurbruders war, eines Professors au der ilanÄwirtschastlichen Akademie iu Tttschen-Lirbwert. . Es ist also klar, daß dieser Lump das volle Recht Hai. über, jüdische UnsMichkeit zu schwätzen und in der erwähnten Bevsammlung öffentlich zu sagen: „Wanzen vertilgt man Nicht mit Baldrian und Ean-de Eologne, die müssen auf radikalem Weg ausgerottel werden." Es geht sicherlich niemanden-an, wen -das deutsche BoÜ als seinen Sprecher anerkennt, aber es muß doch einmal eindeutig gesagt wer-' den, wer dieser Wolf ist, der sich an,der - Ehre des Mischen Bottes vergreisen will, dieser Wolf, den in. offener Sitzung ldrs österveichischen Reichsrates! . -er Ministerpräsident Korber anherrschte: „Wa>gen Sie sich nicht an mich heran, Sie nicht!" Wolf kuschte damals wie ein gchrügÄter $j»&| Aber heute spekuliert er aus das schlechte Gedächtnis dev Wiener. Dieser Mädchenschänder, Ehebrecher und Betrüger, der in seinen GomMheiten alt Md tmvb geworden ist, tritt als Verteidiger der Sittl'ichkuit aus uttb redet von jüdischem Schmutz , am Tage nach dem Haarmann-Prozeß, eine Woche nach der Anger m a n n -A f f, ä r e in Sve-. gen, zwei Tage, nachdem in Graz d r e t deutsche Bü gertöchter in eine ekelhafte SiMchkeitsgvschichte hin-, eingezerrt worden sind. -Karl Hermann Wolf hat die! Stirn, sich auf die Tribüne zu stellen. Die Hakenkreuzlev sollten doch etwas vorsichtiger sein und sich ihre Fühv»^ näher besehen. In der erwähnten Versammlung hat em- Baron Lievenverg den Vorsitz geführt und, in seiner Eröffnüngsansprachej ebenfalls den Pogrommf aus-gestoßen: „Das deutsche Wiener BoA müsse endlich zu Tüten schreiten." DieserLie-, Lenberg (der Lein Baron ist) g.hört der «Familie VoN Lrebenberg de Zsitti-n an. Ueber diese Familie sagt das Buch „Geadelte jüdische Familien" (Salzburg, 1891, Verlag des, ,^Khffhäuser^ das folgende: . , Von Liebenberg de Zsitti». Fgnaz (vor -der Taufe Israel) L -i e b m ä n n, geboren 1772, priv. Großhändler in Wien, erhielt am 9. August (Diplom 11. Oktober) 1817 Den österreichischen Adel mit ,u>on Lieibenberg" und 21. Ssp- . ternber 1817 ungarische Dotation mbst Vevleihung -des Prädikats „de Zstttin", wurde 28. Man 1929 österveichWer ' Ritter und starb 10. Juni 1844 -in Wien. Sein zweiter Sohn Leopold Franz, geboren 1899 in Wien, Di-re-ktor der k. k. . privilegierten Nationalbank. erhielt 16. März 1840 das, osterrerchilsche Vrädikat Joaxi .Mttm" verliehen. Der Baron hat demnach, wie nmt hier sicht, ath Ursache, als deutsches Wiener Kind entrüstet zu sein. Die Rathennu-Mördev. Das Verfahren gegen Brandt und Küchenmeister. , Aus Berlin wird berichtet: In der Strafsache gegen Gunter Brandt, der d.-r Teilnahme am Rathenau-Mord verdächtig ist und seinerzeit in München verhaftet wurde, ist nunmehr das Verfahren' auch auf den Fabrrksbesitzer Johannes Kü chenmeister ausg-.dchnt worden. Küchenmeister war derjenige, der den Mördern Kern, Fischer und Techow sein Privatauto zwecks Ausführung des Mordes zur Verfügung gestellt hatte. Küchenmeister hat sich seit dem Rathenau- At-tentat in Tirols aufgehalten. Es ist ihm jüdoch nunmehr auf Betreiben seines Verteidigers freies Geleite gegen Kaution zugesichert worden. Die beiden Verfahren -werden nunmehr verbunden. Die Haupkve Handlung gegen beide Beschuldigten wird anfangs 1925 vor dem Staatsgerichtshof M Leipzig stcrttfmden. Wiener Theater. Won Mi. . Wöllersdorf -ist erledigt, die große Wrücken>schie>bMg geikwnge-n mb der Arierpavagraph glücklich über don Berg. Für Humor ist also gchovgt Md die HMMeuKcrPvozesse siard zum Schießen. Die Dhsa-terdirektoren Nagen, daß -das Fveiikaviengeischaift iNicht mehr gcht, wo sie doch für 'den SchM'mg, den der DheatouMÄ kostet, noch cra ganzes Buch mt Wha.nMmgm über Kunstdiinger nnd dergleichen davLujsgebe-w Ap-ro)ws Theater: Bei der Wähl zwischen N-a-ti-onal- oder Gemeinldevat sollst du, Fwwnd, de>n Schlummer in . einem Orchestevsau-beMt vor- Ziehen. Die Gefahren der Wiener Straßen werden stvÄ übertrieben. Wenn du ein kühner Kletterer List, kannst du dich schon über die Pflastevstö'me Hmüberbr-Mgen und -in den auifgevissenen Gassen wird dir nur dann Sand in die Augen gestreut, wenn es die WechdervorM-ss-oge will. Höchstens hat sie sich geirrt. Bor Ha>airinra>n>n-H-M«n sind wir, zum Mücke bewährt. SchlireMch, tver mmß finstere Par!k-Mogen"'büs-uchvn? UM) die i>mmer häustge-r - lverdenden Uelbersälle vor den Thea-tern? Fa» wie soll - mant denn sonst e’wt paar Lenke hmeinbringen? Es 'ist s-cdensalls >umwahr, daß zu diesem Zwecke 'bereits onit Lassos ge- Msbeitet wird. Du Mt alio in die Musenhalle — -ein, drückst dem Portier -als Tni-njbgsld eine Gvatiiskarle für ein -owdeves Thoa-ter in die Hand, damit er an seinem freien Abend wo hingehen koin'n, lU'NÄ l-a-ndest ans einem QrchestelWU'dou'il. So ein Thc-a-ter -ist wir-Dich eine -cmsge-fp-r-ochein geniem-nützige Awstäbt. Die Stücke sind gemein -und den -etwaigem Nutzen hat der hochMl-iche M-a-gistrat. Du sitzt ails-o. Das inu jetzt viele ehrenwerte Mitbürger. Ruhe sanft, dr-ch' dich amyl u-m, es -ist so wie jo wvit -und breiit 'niemamd hinter dir. O, manchesmal -gibt es schon einen Andrang bei der Kasse, wenn dort -a-lle 97 Qbsri-, Mzenmd Suibdive-kt-ore-n -oder Pächter anfmarschiVren mvd Spalier bi'Den 'fü.r de-n Gchu-cher. 'Endlich, wann sich der Betmi-eb-sra-t wieder einmal dafür entsü-ieden hat, geht der Vorhang auf. Ist es eine Komödie, da nn brauchst du nicht traurig zu sein. Es schadet dir nicht, wenn du die guten alten Witze noch einnral hörst und wenn der „starke Einfall" kommt und die „Pointen" Äns-etzem, das heißt, wen,n ,/gchndelt" -w'wd, freuen sich weavigsieivs Billeteure, Wachbeamter »md FouevwchAwrnn, also der größte Teil des 'PwMunls. Manchmal fängt ja so eine Sache ganz schon an, aber es ist'fraglich, ob du den MtMuß erlebst. Für ganze drcj' Mte hat die DirMon die Gagen, nutiuivlich nie. Geht die Chose mit Mmsck, dann kann es pasfieron, daß ein Instrument nach« dem anderen abwirndert wegen Loh-ndiifserenzen und zum Schlüsse narr mehr gepMen wird. Weshalb auch Nicht? Es ist doch eine ganz schöne Bavicm-te, wenn dann Vre 97 Ober-, Vize" und Submenschen statt der Wktoure die Bühne betreten, sich entschuldiigen wid -um das Ansglsichsverfahrerr ansiuchen. Nur wenn ein deutscher Gast da ist, dann kommt Selben in die Bude. So ein Star stcht ganz vorne aus der Bühne und schaut dich Mit düsteren Micken dn-rchbchrend an. Die Kritiker sagen d-awn: Er Mckt voll Ahuungsschauer ins Weite durch die Zeit. Du aber fühlst, daß seine Miene dich strenge fragt: Soldat gewesen? Du brauchst nicht zu zvt-tism, du mußt nur Habt-acht fitzeu. Ich weiß, du warst nicht beim Militär. Eigentlich schade um die v-ieleir Papierbagantschen, die du der g-lorveicheu Intendanz geliefert Hast. Gut, sie haben dir ein schönes Ver-' mögen MwAebracht, du alter Gauner, aber, was hast du fetzt davon? Aniisismittsche Bankakdvm, das Kilo zu zchn Groschen. Mso, jener blickt noch immer ins Weite, durch die Zeit, du darfst nicht mucksen, nicht einmal mit den Ohren wackeln, Stuft heraus, Bauch hinein, das saure Zuckerl, daß du fahrlässig in den Mund getan hast, muß dir auf der Zunge verdorren. Sanft, mein Lieber, legt jener los, daß dir Hören und Scheu oergehen, und schmeißt dir Brchms ganzes Tierlckbsn an den Köpf. Ist der Akt zu Ende, mußt du dich stramm aussteüen, Fußspitzen auswärts, und applaudieren, aber nicht nur so, nein, wie soll ich sagen? Mit einem Wort: Stilljestandenk So, jetzt weißt du alles. Wie man das eigentlich macht, weiß ich selbst nicht, aber schau, wie es die anderen sechs Zuschauer üben, damit Wiens Ruf als Theaterstadt im Ausland nicht untergraben werde. Wenn du dich dann durch die. leeren Reihen dnrchgedrängt hast und heimwärts strebst, dann verweile nicht auf dem Trittbrett der Straßenbahn. Der Magistrat will es nicht im Interesse deiner Gesundheit, und, weil man sogar zu leicht „blitzen" kann. Warte lieber.auf die nächsten zehn bis zwölf Wagen. Du kommst noch zurecht, daß die die holde Gattin die Kopfhörer um den Schädel haut. Wenn dir was nicht paßt, kannst du höchstens mit dem Sprecher der Radio,. station grob werden. Er hört dich ja sowieso nicht, B$/0:.^^A

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