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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-21 · Heft 2097 (21.12.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2097 (21.12.1924)
Date
1924-12-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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©elfe 3 Men, Sonnkag , Wiener Mora-nzeltnnft. ijr-n- 81. DezcEr 1924 Nr. 2007 JEPER ART IN * FEINSTtH AUSFÜHRUNG BIUIGST BEI Möglichkeiten, eine weitere Erhöhung der Unterstützung und die Gewährung der Unterstützung a n alle Arbeitslosen, auch an die Jugendlichen und Alten, verlangt. Hierzu wird amtlich mitgeteilt: Die Forderung nach Arbeit ist in der gegenwärtigen Kris« und in der Winter- Zeit. in der die Durchführung aller Bauten sehr erschwert ist, n i ch t z u erfüllen. Die Regierung wird sich jedoch bemühen, die EinrMung der Produktiven Arbeitslosenfürsorge nach Tunlichkeit zu benützen, um Arbeit zu schaffen. Durch einen Ministerialerlatz wurde ferner verfügt, daß alte Arbeitslose, die nach einem arbeitsreichen Leben von dem Schick'al der Arbeilslosiakit heimgesucht werden, mit besonderer Schonung zu br-. handeln sind. Die Arbeitsfähigkeit, die die Vcrausetzung für die Gewährung der Arbeitslostnuntevstützung bildet, soll bei ihnen als feststehend angenommen werden, wenn sie in der letzten Zeit noch gearbeitet haben. Eine wertere Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung muß aber' abgelehnt werden. Re AudgetdebMe im Wiener Temeinderat. Zn der gestrigen Gemeinderatssitzung wurde die Spezialdebatte über das Budget für das Jahr 1925 in den Kapiteln „Personalangelegenheiten", „Wohlfahrlswesen" und „Sozialpolitik und Wohnungswesen" abgeführt. Rach dem Referat des Stadtrates Speiser, der aus führte, daß der Personalaufwand für 1925 sich auf 1,291 Milliarden Kronen stellt (gegen 91Ü im. Jahre 1924), sprachen die Christlichsozialen Stöger und Haider, die darauf hinwresen, daß Lei der Anstellung und Pensionierung von Beamten parteipolitische Gesichtspunkte zu stark maßgebend seien, ein Vorwurf, den bereits Gemeiuderat Dr. Plaschkes vom jüdischen Standpunkt aus erhoben hat. Die Budgetpost wurde angenommen. Die Budgetpost „Wohlfahrtswesen" (Aufwand 630 Milliarden, um 90 Milliarden mehr als 1924), über welche Stadtrat Tandler referierte, löste eine rege Debatte über das Lainzer VersorgungsHaus aus. Ueberdics wurde der Antrag gestellt, daß die Post „Ein-- malige Geldaushilfe für die Fürsorgeinstitute" um 10 Milliarden zu erhöhen sei. Dieser Betrag soll' den Arbeitslosen zugute kommen. Sodann wurde das Kapitel „Sozialpolitik und Wohnungswesen" in Verhandlung gezogen. Der Referent, Stadtrat Weber, beziffert die auf diesem Gebiete zu verausgabcrrden Summen mit 937,2 Milliarden. Er verbreitete sich ausführlich über die Tätigkeit des Wohnungsamtes und führte an, daß es im Jahre 1914 1625 Obdachlose gab, im Jahre 1924 jedoch nur 741 zu verzeichueu seien. Von den Christlichsozialen wurde eingewendet, daß das Wohnungsamt bei der. Vergebung von Wohnungen parteilich vorgehe. Es wurde gefordert, daß eine Tagheimstätte für die Obdachlosen errichtet werde. Die Abstimmung über dieses und das vorhergehende Budgetkapitcl (Referat Tandler) wurde auf die nächste Sitzung vertagt, welche Montag um 10 Uhr vormittags stattsindet. Große Kasseneinbrüche in Men und St. Pölten. In den Räumlichkeiten der Hohenauer Zuckerfabrik der Gebrüder Strakosch in der Hegelgasse wurde Freitag nachts ein Kasseneinbruch verübt. Etwa 169 Millionen Kronen, dann 45 Millionen in fremden Valuten fielen den Tätern in die-Hände. Eine zweite Kasse, in der sich ein« Milliarde Kronen befand, ließen si« offenbar m Unkenntnis ihres Inhaltes unberührt. In St. Pölten sind Einbrecher in die Räumlichkeiten der Bezrrkskrankenkasse eingedrungen und haben die Kasse aufgerissen. Sie erbeuteten einen Betrag van 100 Millionen Kronen. Mn ^amiliendrama In Favorite». In Favoriten hat sich eine Familientragödie abgespielt. Als der im Cafe Atlantis tätige Musiker Emil Hönisch gestern früh m seine Wchnung am Dürgerplotz kam, fand er in dem mit Leuchtgas erfultt-on Zimmer seine Frau angekleidet neben dein Sofa sitzen, wahrend sein neunjähriger Sohn Karl mit dem Gesicht in ein Kissen gedrückt lag. Die Frau war bereits t o t. Wiederbelebungsversuche beim Knaben hatten Erfolg. Die polizeilichen Erhebungen ergaben, daß es sich um eine vorbereitete Tat der Fron handelte. Die Galten lebten in Unstimmigkeit. Auf dem Tische lag ein Zettel, auf Dem die Frau geschrieben hatte: „Laß unZ stevben, erwecke unS nicht zUm Leben!" .11..'i'> ' - ■■■ ———l.i—,. Zuschriften an die Redaktion sowie unverlangt eintangenden Manuskripte« «olle «an stets Rückporto betlegen, da tonst eine Beautwortung» beziehungsweise Rücksendung nicht erfolge« ♦a»n. Lie Gesamtauflage unserer heutigen Ausgabe enthält eine illustrierte Beilage „D a s j ü d i s ch e P a l ä st i n a", welche von den österreichischen Komitees für den Keren Kajemeth und Keren H a j e s s o d veranstaltet wurde. Professor David Reymark gestorben. Wie I. T. A. aus New-Aork berichtet, ist am 16. b. der Professor für jüdische Philosophie am v.reinigten jüdischen Kollegium in C i n c i n n <i 11, Professor Dokior David N cumarf, in Cineiunaii (Ohio) gestorben. Professor Reumach einer der anges-chensten Judaistenwurde i-m Jahr« 1866 in Galizien geboren. Er studiert« an der Berliner Universität. wo er zum Doktor der Philosophie promoviert«. Die hervorragendsten seiner. Werke sind: „Die jüdische Philosoph!« des Mittelalters", erschienen 1908; „Tie Philosophie der Bibel" (1918>lllld- „Die Prinzipien des Judaismus in historischem Umriß" (192V). David Neumark hat sich auch als Hebraist unsterblich« Verdienste erworben. Sein« Hauptwerke sind ursprünglich in hebräischer Sprache erschienen. In diesen Arbeiten erwies sich der Verstorbene als Meister der hebräischen .Sprache, dem eine unendliche. Zahl hobraßscher Worte zur Bezeichnung moderner philosophischer Begriffe ihre Entstehung zu danken haben. Neumark war, wie die meisten aus dem Osten stammenden Gelehrten und Künstler, ein Sprachentalent. Als er von dem inzwischen verstorbenen -Professor Dr. Gotthard Deutsch sozusagen entdeckt und als Professor an di« jüdische Hochschule in Cincinnati berufen wurde, hatte er die Verpflichtung übernommen, innerhalb füv.-i Jahren die englische Sprache so zu beherrschen, daß er st-ine Vorlesungen in dieser Sprach« halten könne. Nach einigen Monaten schon überraschte Neumark seine Kollegen und Hörer damit, daß er fortab wir englisch vortvug. Die am rikawifch-engkischen Blätter widmeten damals diesem „Spvachenphänvmen" lange Artikel. Die späteren Arbeiten Neumarls sind gleichfalls in englischer Sprache erschienen k-aNUllahimvressionen. Von S. MeiM Der Krieg der Makkabäer paßt nicht m die durchgängige Form des heiligen Krieges, wie er sich uns in der Geschichte darstellt; er war von diesem sotrwhl in der Zweckbestimmung wie in der Wahl der zweckdienlichen Mittel wesentlich verschieden. Der Krieg der MaKabäer wurde nicht aus Haß gegen die anderen, sondern aus Siebe für die eigene Sache geführt. Der Krieg der Makkabäer bediente sich Nicht, geheiligter. Mittel, sondern verfolgte einen geheÄ'lgteN Zweck. Die ruhmvollen Schlachten'/die di« 9M*- tabäet geliefert Habüh standen im Zeichen des Kampfes für eine Idee. Die Idee marschierte an ihrer Spitze — dem Volke ein sichtbares Zeichen und den Kriegern eine zündende Fackel * Das Judentum jener Zeit hatte neben der Idee auch sLvaS, das diese Idee objektivierte: das Heiligtum. Das war das religiös« Zentrum» worauf aller Augen gerichtet waren, woraus sich alle Fäden des religiösen Lebens bis in die entferntesten Gegenden, in denen die Kinder Israels wohnten, ohne Unterlaß fortspannen. Damals trugen sie neben der Idee auch das äußere Wahrzeichen dieser Idee, das Bild des Heiligtums, in ihrem Herzen. In den Makkabaerbüchern können wir es lesen: alle Taten der makkabäischen Heldens-charen wurden nur mit Beziehung auf das Heiligtum, mithin im Zeichen der Idee des Göttlichen getan. * Der Feind kannte die Stelle, an der das Judentum verwundbar war. Auf diesen Punkt richtete er denn auch feine verheerenden Waffen. Er zerstörte die heilige Stadt und entweihte den Tempel. Er zwang die Juden, die Sabbat« zu entweihen und der Heiden Feste zu feiern. Wenn man des Bacchus Fest beging, mußten die Juden in Kränzen von Epheu dom Bacchus zu Ehren einhevgchen. Und es war großer Jammer in Israel. Da gürteten die Makkabäer das Schwert um ihre Lenden umd zogen in den Krieg für ihr Heiligtum,, für ihr Heiligstes. Da folgte Heldentat auf Heldentat, Sieg auf Sieg. Die Makkabäer befreiten das Volk vom Joche der Heiden und gaiben Jerusalem feinen früheren Glanz wieder. * Und als sie siegten, da wurden sie nicht sieg«L.trunken -— bis zur Wildheit. Sie kannten nur die Siogessreude. Siegesfreudig und dankerfüllt zogen, sie, wie die Bücher der Makkabäer es schlicht erzählen, gen Jerusalem. Und bauten das Heiligtum wieder und d:s Inwendige des Hauses und weiheten die Vorhöfe. Und ließen neue heilige Gefäße machen, den güldenen Leuchter, den Ranchaltar und den Tisch, und brachten sie wieder in den. Tempel, Und trugen Ma-'en und grüne Zweige und Palmen herbei u-wd schmückten das Haus des Ewigen. Und zündeten die Lampen auf dem Leuchter an, daß sie im Tempel leuchteten. Und hielten das Fest der Weihe acht Tage mit Gesang und mit Pfeifen, .Harfen und Zimbeln. Und lobten Gott, der . ihnen den Sieg gegeben. * ( . Der Kampf um die Idee, das ist das Vermächtnis der Makkabäer an die späteren Zeiten. In der Folgezeit hat das Judentum, freilichnicht mehr mit dem Schwert, aber nicht weniger heldenhaft, nicht weniger makkaöäisch, den Kampf um die Idee ohne Unterbrechung geführt. Ob es ABZIEHBILDER fUr die gesamte Industrie und ReVtamewesen. — AlelnenteugiinK CZERNY & BAZANT« Ul. Arcnbergrlng Nr. 7 galt, geistige Güter, zn verteidigen öder feingesponnene Lügennetze zu zerreißen, ob es galt, dem Rechte,zum Rechte zu verhelfen oder' böswillige Angriffe abzuwehveN — im-, mer und überall, .war es der Kampf um die Idee, um die.' Idee der W.chrbeit> der Gerechtigkeit/ der Menschenliebe. Durch die Jahrhunderte hat das Judentum diesen Kampf geführt und ist nicht kampsesmüde geworden. Die Idee trug ihre Träger und gab den Wenigen den Mut, gegen die Vielen, Allzuvielen zu kämpfen.. Ist der Siogrspreis der Kampsesmühen wert? Lohnt, sich überhaupt dieser ewige Kampf? Ja, er lohnt sich: denn am End« dieses Kampfes steht das Licht, das Licht der Menschenweihe. Wen» ich reich wäre... Der Schulaufsatz. Frühling. Seit drei Jahrzehnten gibt, der. ülts. Lehver den Vierzchnjohvigen zur Winterszeit das Aufsatzthema: „Mas täte ich, wenn ich reich wäre?" Die Tradition, wohlbehütet und.gepflegt, belehrt die Schüler, welche Antwort von ihnen erwartet wird. Wer sich nicht fest ent* schlossen zeigt, bei Clnbruch d.S Reichtums den Blinden« Lahmen oder Kranken zu helfen, muß gewärtig fein, daß die Entrüstumg über diese Hartherzigkeit auch den Sinn des Lehrers bei der Beurteilung der Arbeit verhärtet. Also wird seit drei Jahrz.hnten im Dezember wild darauf los gewohltatot, Stiftungen. Heim«, Krankenanstalten errichtet, mit unbegrenzter Freigebigkeit — es kostet ja nichts — Spenden ansgeteilt und Trane» getrocknet. Nach diesem, offiziellen Teil kommt erst da8 „Eigentliche" Büch:r, Theater, Sportgerät. Reisen. Dar SpendengeMmper geht jedenfalls voran und manchesmal, wenn di« Wogen der Begeisterung allzu hoch über den Rand schlagen, brüht der Lehrer scherzend mit dem Finger: „Ich w.iß. ich weiß. Sie meinen es nicht ernst." Aber in der Stille hält er das Auf- - satzthema immer noch für sehr „Pädagogisch" und glaubt, daß es die Gemütsbildung fördert. Kommt einer seiner Schüler durch Zufall zu „Geld" (es ist ja ganz gleichgültig,, ob daS dreißig Kronen oder eine halbe Million sind), darm kauft er sich einen „Radio" oder, wenn er den ohnehin schon hat. „echte Norweger Brettln" oder, wenn er alles schon ohnehin hat, iygend etwas höchst Unsinniges. An bbc Bettler. Fürsorgeorganisationen nsw. denkt er nicht einmal, lim die kümmert Wan sich ja nur tat deutschen Aufsatz. Der Haupttreffer. . Eine tet jungen Buvsandcmien hatte eta Los der Bucherlatterie bekommen. Da kann man „nur" Bücher gewinnen, hieß es, und „nur" zivanzig Millionen. Aber was wäre es mit einem wirklichen, einem großen Haupttreffervon ein Paar Milliarden? DaS Dhema Wat von zündender Wirkung, alle Federn ruhten, alle Schreibmaschinen hörten auf zu klappern. „Wenn ich einen Haupttreffer mach'", sagt das hübsche Fräulein Sophie träumerisch. ,^dann fahr' ich nach Paris. Dort laß' ich mich vom Kopf bis zum Fuß im ersten Salon , . „Ich nchrn' mir zuerst eine Loge für die.Oper," meint Eugen, der sich auf den verkannten Musiker hinausspielt. „Diel ist ja jetzt nicht loS. Ader immerhin kann man ja die eine oder andere Aufführung mitnehmen-" „Da weiß ich mir was Besseres," lacht sein Kollege. „Erstens einmal: ein Rutscher nach Monaco, dann ein Auto, es muß ja nicht groß sein, so eine Voiturette für zwei.. Er lächelt verschmitzt und bedeutsam.. Die kleine TiPPistm, die trotz ihrer Jugend schon etwas Säuerliches im Wesen, hat, mahnt lehrhaft: „Und die Armen, ihr denkt gar nicht an die Armen." Aber ja, die Armen würden schon auch daran kommen. Da ein Paar Millionen, dort ein Paar Millionen Dreißig, nein fünfzig Millionen für die Kriegsblinden. ein Handvoll für die Lungenkra-wken, fiir die. Sttrbemten, für notleidende Kollegen — ah, niemand sollte vergessen werden! Das war sicher. — Aber von der Neujahrsvemuneration hat jede Krone schon im vochinein ihre Be» stlmmung zug.wiesen. Und so verschieden diese Bestimmungen auch sind, ein negatives Kennzeichen haben sie gemeinsam: Mit den Taschen der Bedürftigen stehen sie nicht im Zusammenhang.- Selbst wenn e>in Wunder geschehen und ein Paar Scheine mehr als erwartet absallen sollten — die Blinden, di« Lu-ngenkranken. die notleidende^ Kollegen werden wahrscheinlich nichts davon erfahren. Im Bureau. Irgendwie -war das anregende Gesprächsthema durch die Türspalten der BorgesetztenbureauS gedrungen und hatte auch dort einen Wirbelstnrm in den Gsmütcrn wachgemfen. „Reich?" sagt der erste Prokurist. „M.in Erstes wäre: ich Mnge inS Cheszimmer hinaus und überreichte, hm.— abgewandten Antlitzes meine Demission." Die anderen lachten. „Ich würde zuerst in die Schweiz und das Geld in die Bank legen", krähte ein kleiner Dickwanst, „dann kann man ja f hen. Na, wnd für die Armen hätt' ich schon auch ein paar Krcnen übrig. Ta Hab' ich neulich einen Allsruf gelesen, der hat mich wirklich ergriffen, wirklich und wahrhaftig. Da müßre man schon . ..." Und er.ergeht sich in kühnen Phantasien.- was man müßt«, wenn . .. Macht er aber „Voranschlag" für'Monat oder Jahr, dann sind . Geschenke, Trinkgelder, kleine Aufmerksamkeiten für Bekannte, bei . denen nran sich „revanchieren" mnß, drin vorgesehen, aber die Wirkung des ergreifenden Ausrufes fuchst du vergebens.

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