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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-19 · Heft 2095 (19.12.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2095 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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T Nr. 2095 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung. IS. Dezember 1924 Seite 3 Die Frontkämpfer als Kläger. Kollsch wegen des Ausdrucks „Mordgefiudel" zu zehn Millionen Krone« verurteilt. den Willen. Denn die Wohnungsnot in Deutschland ist groß und der Respekt vor den Behörden ungeheuer.. Herr Giese nahm, was seiner Genauigkeit alle Ehre macht, das Honorar sofort in Empfang, dann die .VerhaMuna wieder auf und ist die Wohnung me schuldig geblieben. Deutschvölkische Zuverlässigkeit! Allvater Wotan hat dem Herrn Giese wohl ein weites Herz gegeben, aber nur wenige freie Wohnungen in Doberau, Wohnungen, deren geringe Zahl in einem schreienden Mißverhältnis zum ZärMchkeitsbedürfnis des Herrn Amtshanptnmnnes stehen. Kampsbruder Giese klagte dem. Allvater Wotan fein brünstiges Leid, .und Wotan, der Donner, Blitz, Walküren, Neben- und Untergotter hat, nur keine freien Wohnungen, fragte die Nornen. Die gaben ihm weislichen Rat. Er machte Herrn Giese auch zum Vorstande des Arbeitsloseuunterstrützungsamtes in Doberau. Da ging Giese hin und tat in diesem Amte desgleick>en wie im Wohnungsamte. Auch Arbeitslose haben Frauen und Hunger, Gott sei Dank. Da gab es eine solche Segensfülle, daß Herr Giese zwei seiner Sekretäre, treue Parteifreunde, mitgemeßen ließ, weil er eben kein jüdischer Egoist ist. Alles war zufrieden und Doberau gedieh unter dem weisen, liebreichen Regimente Gieses. Nur das Kanapee gedieh nicht, wurde immer wackliger und murrte, und stieß jMsch-fozialistische, rebellische Redensarten mt8, vom Achtstundentag, unbezahlter Ueberarbeit, Ausbeutung ustv. Gewiß ist es von einer Mischen Schwmdelsirma geliefert worden. Dies alles stellte die Unterst!chungskomunssion fest und noch die Kleinigkeit, daß der Herr Amtshauptmann eine der von ihm begnadeten Frauen unter Androhung, dem Gatten gewisse Mitteilungen zu machen, zur Ablegung eines Meineides vor Gericht nötigte. Die Kommission sprach pie Enthebung des Herrn Giese von der Amtshauptmaunschaft aus. So mißhandelt diese versaute Judenrepublik treue deutsche Söhne! Aber noch lebt der Geist vöMscher Treue. Die Ludeudorff-Partei wankte nicht und wich nicht von ihrem teuer« Giese. Er ist weiter ihr Obmann, Abgeordneter und Vizepräsident des Landtages. Das möchte der Judenbande so passen! Einen Mann wie diesen absägen! Nein! Wer soll Deutschlands blanke Ehre vor jüdischen Geifer bewahren, wer soll ' gegen jüdische (Gewinnsucht, gegen sitterrverderbende jüdische Geilheit kämp^n, wer. soll das Vaterland vor dem Dolchstoß in den Rücken schützen? Giese. heute und alle Ze.ii. Haarmann vor Gericht. Die Plaidohers. Hannover, 18. Dezember. Heute hielt Staatsanwalt Wagens chieser seine Anklagerede gegen Grans. Er stellt fest, es sei undenkbar, daß Grans keim Kenntnis von den Untaten Haarmanns gehabt habe. Grans habe gewußt, daß ständig junge Leute bei Haarmaun ein- und ausgehen. Er hat sich niemals um das Verschwinden dieser Leute gekümmert, sondern hat vielmehr sich die Sachen der Verschwundenen angeeignet. Es besteht der dringende Verdacht, daß Grans auch in anderen Fällen der Anstiftung zum Morde schuldig sei. Es konnte ihm dies aber nur in zwei Fällen nachgewiesen werden. Demgemäß beantragte er für Grans die Todesstrafe und dauernde Aberkennmng der bürgerlichen Ehrenrechte sowie wegen gewerbsmäßiger und gewohnheitsmäßiger Hehlerei eine Zuchthausstrafe von drei Jahren und Stellung unter Polizeiaufsicht , Der Verteidiger Grans führte aus, daß von Wnsiistu-ng zum Morde bei Grans keine Rede sein könne. Das Material. das von den Zeugen zusammengetragen wurde, sei zu kläglich, um darauf das Todesurteil gegen einen Menschen gründen zu können. Auch von der gewerbsmäßigen Hehlerei Littet er, den Angeklagten fwizusprechen. Nach siirer kurzen Replik und Duplik von Staatsanwalt und Verteidiger nahm Haar mann das Wort. Er schilderte seinen Lebenslauf. Zu Hanse sei er „viel von hinten angestoßen" worden, weil er das jüngste Kind war. Dorm sei er mit Leib und Seele Soldat gewesen. In den Anstalten von Langenhagen und Hildesheim hat er mehrere Jahve zugeibracht, die fchl'mtmsten Jahre seines Lebens, deren er sich entsinnen könne. Man möge sich nur vorstellen, ruft Haarmann, was es heißte in eine Irrenanstalt gebracht zu werden. Nachdem Haarmann geschlossen hatte, wurde der Prozeß aus morgen vertagt. Am Nachmittag des 6. Juli war ein Trupp bewaffneter Hakenkreuzler in Klosterneuburg erschienen und zu einem Gaslhausgarten marschiert, in welchem ein Arbeiteriurnfest stattfand. Der Aufzug der Bewaffneten, die mit einer Hakenkreuzsrhne ausgerüstet waren, ries unter den Teilnehmern des Festes, zumeist Frauen und Kindern, lebhafte Erregung hervor. Einige Arbeiierordner ersuchten die Aufmarschierenden, einen anderen Weg ein- Zuschlägen. Es kam zu einer scharfen Kontroverse. Schließlich nahmen die Nationalsozialisten aus das Kommando „Schwavmlmie bilden!" Gefechtsstellung und schossen auf die unbewaffnete Menge. Acht Personen wurden verwundet. Am sevben Tage hielten die Wiener Frontkämpfer in Korneuburg eine Nachtübung ab, die mit einer Parade auf dem Schwarzenbergplatz vor ihren Führern, den pensionierten Obersten Hiltl und Zeiß, dem pensionierten Major Kopschitz und dem ' Stabsfeldwebel Streit abgeschlossen wurde. Diese beiden Ereignisse'wurden auch in dem MontagMatt „Der Mon 1 ag" in einem Artikel besprochen^ 'in welchen» sich unter anderem die folgende Bemerkung vorfand: „Es ist also bei uns so weit gekommen, daß das bewaffnete Mordgesindel, das sich «mmail Hakenkreuzler, das andevemal Frontkämpfer n>:nnt, in afbrt Seelenruhe am hellichten Tag durch die Stadt marschieren und vor den Augen der Polizei ihren Hokuspokus aussühren darf." Die erwähnten vier Funktionäre fühlten sich nun dadurch beleidigt, daß sie mit den Hakenkreuzlern in einen Topf geworfen und in „das Mordgesindel" einbezogen wurden. Sie klagten den Herausgeber und verantwortlichen Redakteur Paul Ko lisch wegen Ehrenbeleidigung. Am 3. Dezember fand die erste Verhandlung statt und der Angeklagte erbot sich zum Wahrheitsbeweis, der gestern vor die Geschwornen kam. Den Vorsitz führte Hosrat Kubesch,. für Kolifch intervenierte der Rechtsanwalt Dr. Josef Kläger. Die Militaristen erschienen mit dem hinausgeworfenen Hakenkreuzführer Dr. Walter Riehl. Im Lause der Verhandlung teilte dieser die merkwürdige Tatsache mit, daß alle wegen der Klosterneuburger Affäre verhafteten Nationalsozialisten vom Wiener Landesgericht 2 aus freien Fuß gesetzt wurden ud daß die Untersuchung gegen sie eingestellt wurde. Bon der Verteidigung waren als Zeugen der gewesene Vizekanzler Dr. Frank und der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Julius Deutsch geladen worden. Dr. Frank wurde vom Vorsitzenden befragt, ob ihm bekannt sei, daß alle verantwortlichen politischen Parteien ein Zusammenarbeiten mit dem Obersten Hiltl und Genossen «bgelehnt hätten. Zeuge: Nach den ersten Zusammenstößen war es das Bemühen aller politischen Parteien, zu verhindern, daß sich solche Vorfälle wiederholen. Die Verhandlungen haben aber zu keinem Ergebnis geführt, weil die Formationen, die damals in Betracht kamen, nicht zu den im Nationalrat vertretenen Parteien gehörten. Vors.: Besteht eine Gemeinschaft zwischen H'akenkreuzlern und Frontkämpfervereinigung? Zeuge: Da muß man zunächst feststellen können, was unter Haken krenzlern gemeint ist. Bald werden darunter Nationalsozialisten, bald die Sturmformationen der Nationalsozialisten verstanden. Mir ist bekannt, daß die Frontkämpfe vdereinigung nicht ausgesprochen nationalsozialistisch ist, sondern Mitglieder aller nichtmarxistischer Parteien umfaßt. Zeuge Dr. Frank gibt weiter an, es sei ihm in keinem Falle bekannt, daß die Frontkämpfer oder eine ihrer Abteilungen in besonders aggressiver Weise gegen Marxisten oder jüdischnationale Veranstaltungen ausgetreten wären. Verteidiger: Sind Sie, Herr Zeuge, der Ansicht, daß der Staat jetzt über genügend Kräfte verfügt^ um den Schutz des Eigentums und der öffentlichen Sicher-! heit selbst zu übernehmen? Zeug e: Jetzt sind die Verhältnisse jedenfalls w esen tl i ch be sser als in dem Jahr nach dem Umsturz. , Nationalrat Dr. Deutsch gibt auf Befragen des Vorsitzenden an, daß zwischen Frontkämpfevvereinigung und Arbeitern wiederholt Zusammenstöße dorgekommen sind und daß nach seiner Meinung die Frontkämpfer der provozierende Teil waren. Bors.: Hat sich die Frontkämpferdeveinigung Angriffe gegen Arbeiter zum Ziele ihrer Tätigkeit gesetzt? Zeuge: Ihre ganze Organifatiion ist darauf angelegt, provozierend zu wirken. Bors.: Gibt es auch andere bewaffnete Organisationen? Zeuge: Nach meiner Kenntnis nur bei den Nationalsozialisten. Der republikanische Schutzbund wurde viel später gegründet und ist nicht bewaffnet. Ans Befragen des Dr. Riehl gilbt der Zeuge au, daß unmittelbar nach dem Umsturz von der Regierung Bauern-, Arbeiter- und Bürgerwehren zum Schutz des Landes gegen die zurückflutenden Truppen gegründet wurden. Verteidiger: Ist Ihnen bekannt, daß die Frontkämpfer, die ausdrücklich erklären, leine Marxisten oV~ Juden aufzu nehmen, jüdisches Geld genommen haben? Zeuge: Gemeinderat Pollak hat festgestellt, daß der Jndustriellenverband, der zum Großteil aus Juden besteht, den Frontkämpfer» Geld gegeben hat. Dr. Riehl: Dafür gibt e§ keine Beweise. Zeuge: Die Beweise kann ich Ihnen sofort ans den Tisch legen. Verteidiger' Ist Ihnen bekannt, daß beim Fragefonimlar der Frontkämpfer auch die Fragen ne^ dem Besitz von Gewehre», Munition, Sabel« ustv. enthalten sind? Zeuge: Ja. Die Geschworne Elisabeth Wiedmann, die auch Geschworne im Pruscha-Prozeß war, fragt darauf: Herr Zeuge, gibt es bewaffnete Arbeiterwehren? Zeuge: Nein. Geschworne: Haben Sie selbst die Maschine«- gewehre und den Sanitätswagen in Graz, gesehen? (Bei dem bekannten Zusammenstoß zwischen Len Frontkämpfern und Kriegsinvaliden in Graz.) Zeuge: Nein. Aber es ist davon in dem Bericht der Frontkämpfer die Rede. Geschworne: Glauben Sie an alle Berichte in de» Zeitungen? Zeuge: Nicht an alle, aber an diesen. Daran knüpfte sich noch eine lebhafte Kontroverst zwischen den Geschwornen und dem Zeugen, worauf Frau Wiedmann sagt, ich stelle die präzise Frage, ob in Graz Maschinengewehre und Sanitätswagen mit waren. Zeuge: Das zu untersuchen, ist nicht meine Aufgabe. Sodann wurde das Beweisverfahren geschlossen. Verteidiger Dr. Kläger beantragte, die Geschworne Frau Wiedmann abzulehnen. Der Gerichtshof lehnte diesen Antrag ab und schloß das Beweisverfahren. Nach den Plaidohers zogen sich die Gefchwornen zur Beratung zurück. . Die Geschwornen beantworteten in ihrem Verdikt die Hauptfrage, ob die Kläger durch den inkriminierten, von Herrn Ko lisch gebrauchten Ausdruck „Mordgesindel" ohne Anführung bestimmter Tatsachen verächtlicher Eigenschaften oder Gesinnungen geziehen wurden, mit acht Stimmen Ja, vier Stimmen Nein. Die Zusatzfrage auf erbrachten Wahrheitsbeweis wurde mit acht Stimmen Nein, vier Stimmen Ja beantwortet. Das Urteil lautete ans 10 Millionen Kronen Geldstrafe, eventuell einen Monat Arrest und Veröffentlichung im „Montag". Die weiteren Anträge Niehls auf Publikation in verschiedenen andere« Wiener Tagesblättern wurde vom Gerichtshof abgelehnt. Tragischer Lad eines Religkonsprofeffors. Der Professor für katholische Religion, Kanonikus Rudolf Gmein er hatte geistern vormittags auläßll-ch des Wandertages mit der 1b-Masse des Bimdesgymn>asiüms, 16. Beiz., Maroltmgergasse, einen Ausflug in den Prater unternommen. Während des AusflWes hielt man sich einige Zeit beim Lusthauswasser aus und die Kinder bestürmten den Lehrer, mit der Bitte, das Eis betreten zu dürfen. Auf das wiederholte Drängen gab schließlich Professor Gmeiner nach, untersagte aber strengstens, sich weit vom Rande des Teiches sortzuwagen. Der Schüler Hensvl befolgte die Warnung des Lehrers nicht, kam schließlich ins Gleiten, konnte sich nicht mehr erhalten und stürzte in eine nicht zugesrorene Lücke im Teiche und rief taut um Hik.se. Seine Schulkameradin, die lljähriige Radic, eine gute Schwimmerin, die m der Nähe sich 'am Eis au'fhivlt, eilte herbei, um zu halsen, brach über gleichfalls ein. Auf die Hilferufe der Kinder kann nmr Professor Gmeiner herbei, das Eis gab nach, er stürmte ms Wasser und verschwand lautlos in den Wellen. Während die beiden Kinder ans Land getragen wurden, bargen Wacheboamten die Leiche des Lchrers, die keine drei Minuten im Wasser gelegen war. Professor Gmeiner mutz assenibar einem Herzschläge erlegen sein. Professor Gmeiner, ein katholischer Geistlicher, hatte erst vor vier Wochen seinen fünfzigsten Geburtstag begangen, aus welchem Anläße ihm von den Schülern und auch vom Lehrkörper mannigfache Ehrungen zuteil wurden. Beim Schlittschuhlaufen ertrunken. Gestern früh unter», hielt sich der elfjährige Hilssarbviterssohn Karl Ungar ho ser ans dem unweit seines Elternhauses gelegenen Mgefroremn Ziegelteich mit Schlittschuhlaufen. Plötzlich gab die Eisdecke unter seinen Füßen nach, der Knabe brach ein und versank in den: Wasser. Als er von der Feuerwehr ans User gebracht wurde, war der, Tod bereits eingetmiten. Die Erhebungen sind eingelertot.; ‘ttBisuaa Jf Große Auswahl in lperslan er-, Kreits<Dwan;., Zobelfcb-, Zobelmurmel-, Merzmurmel-, russischen Malurbtsamu. zfoblenmünkeln __ A , , . j« tief reduzierten Dreisen. Sportjacken, »1I. pratCrstraS'C 9 Verbrämungsfelle und alle Arten Füchse wmmm

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