Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2094 (18.12.1924)
- Date
- 1924-12-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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e*ttr w Men. Donnerstag Mtener MnvaenzeNtMft. 18. Dezember 1V24 Nt. §004 {Jt klar, daß die Audienzen Sir Drummonds keine leere Formalität waren. Der Völkerbund garantiert das Mandat, das für das jüdifcln Volk die Heimstätte errichten soll. Der entsrlxidende Schlaa gegen diese Position der Inden kann nur vor dem Forum dc's Völkerbundes geführt werden. Aber ein Erfolg ist nur dann möglich, wenn sich die im Mandat " festgesetzte jüdische Vertretung nullifizieren läßt. Dazudarf eS Nicht kommen und wir dürfen nicht dulden, daß die Frage unserer mit den Mitteln einer raffinierten Verhetzungsrnethcdik als Blasphemie und Provokation der christlieben Welt behandelt wird- PalSstinaHiaffoliais Polilil. (Von unserem Mai-lLnder Korrespondenten.) Italien und Palästina*) werden aller Voraussicht »ach in Zukunft in engere Begehungen treten. Und ganz gleich, wie sich diese Beziehungen gestalten werden: In jedem Fall wird Italien als die stärkste Mittelmeermacht für Palästina stets ein Faktor sein, mit dem es zu rechnen und den eS in seinen Entwicklungsgang einzuordnen haben wird. Hierbei wird noch ganz außer Acht gelassen, daß Rom vielleicht nickt nur als politisches, ftt^ern auch als Zentrum des Christentums stärkere Ansprüche an Palästina stellen wird als bisher, und das bevorstehende „heilige Jahr" mit seinem Zusammenströmen von Dtasseu aktiv interessierter Christen in Rom kann auch nach der Richtung manches mit sich bringen, aus das man sich rechtzeitig.einstellen sollte. Es liegt aus der Hand, daß gerade die Zionisten allen Anlaß haben, sich mit dem Problem Italien etwas mehr zu befassen, als es bisher gesckiehen ist. Wenn es richtig ist, daß die meisten eiwopäisrl)en Staaten noch nickst begriffen haben, welche Bedeutung das Italien von heute bereits besitzt und welche das Italien von Morgen besitzen wird, so trifft dies insbesondere auch auf die Zionisten zu, die es an politischer Fühlungnahme und Aufklärungsarbeit in Rom völlig haben fehlen lassen. Ist man nun der Ansicht, daß Italien teils wegen feiner Emigrationsintercsscn, teils wegen seiner Verknüpfung mit dem Vatikan notgedrungen immer nur ein trichrzionistisches Palästina wünschen kann, so mag man auf eine fölcfre Fühlungnahme und Aufflävurisisarbeit verzichten, obwohl es auch dann noch ein Luxus wäre, den ein so sehr auf internationale Sympathie angewiescnes Volk wie das jüdisch)« sich sckHverstch leisten kann. Aber es wäre auch töricht, diese Voraussetzung als gegeben hinznnebmen. Es kann eine Zeit kommen, in her Italien keine Notwendigkeit sieht, wegen der vatikanisckien Interessen die des Zionismus zu Mdigen (vielleicht ist der Umweg über den Vatikan überhaupt nur gewählt worden, um ein Entreebillett zu erhalten, das nicht von England abgestempelt ist, ein Euireebillett also, das sich morgen gegen ein anderes vertanisck^n läßt, wenn sich ein solches bicict), und es kann auch kommen, daß die Immigrationsinteresien beider Böller in Einklang gebracht werden. So lange aber auch nur eine solch« Möglichkeit besteht, sollte man sich bewußt bleiben, Welche ungeheure Notwendigkeit existiert, ihr gerecht zu Werden. Was sich vor den Augen unserer Generation abrielt, ist etwas von seltener historischer Größe: Es ist a S Wiederaufet st ehen Jerusalems, aber es ist auch dasWiederawferstehenRoms. Soll sich dieser grandiose Prozeß in Feindschaft vollziehen — oder soll er, von gegenseitiger Sympathie, Verständnis und Fördermrg getragen, ein Parallelarbeiten jener beiden ältesten Kulturvölkermit sich bringen, die einst dem Mttelmeer seine Bedeutung gegeben haben? Vorläufig wissen beide nichts voneinander. Es ist an den Inden, zu beginnen. Und sie können es damit,', daß sie dem Neuwerden Italiens ein größeres, ein liebevolleres Verständnis entgegen bringen als es andere Völker vermögen. Sie können es damit, daß sie sich von jenen trennen, die im heutigen Italien nur eine Misswirtschaft und Gewaltllerrsckast rauflustiger Kondottierebanden oder bornierter Hakenkreuzler sehen, und die nn Liktörenbündel, dem „Fascio", weniger das altromischje Symbol eiserner und unbestechlicher Disziplin und GerechstgleilSlube. als vielmehr die Zuchtigmrgsrute erblicken. Man ist im Ausland sehr schlecht unterrichtet über das heutige Italien. Vor allem hat die Analogie mit den deutschen Gewalloraan-isationen und den Hakenkreuzlern das Urteil heillos getrübt. Mag der Fasiismns noch so viele Gewalttaten, noch s-o viele Akte des Terrors und der Tscheka, noch so viele Korrupt!orrsaffärcn auMwesten haben, wirb es immer eine Blasphemie ohnegleichen bleiben, ihn mit den Deutschvölkischen, mit Hitler, Ludendorsf oder mit den Erwachenden Ungarn auch nur in einem Atem zu Mnnen. Die Fassung, die der FaS--rsmuS heute besitzt, rst eine Wenig erfreuliche. Aber diese Fassung enthält wenigstens^ ein Juwel von seltener Schönheit, eine kulturhistorische Renaissanmdee, wie sie den Demobilisierten, den Unzufriedenen, der ver^b'^^d»ten Offizieren, welche do§ Kontingent der außeritcilienischen „Fosststen" bilden, stets verschlossen bleiben muß eine Idee, die in ihrer Grandiosität nur von einem Volle begriffen tvevden kann, weil nur dieses Volk ih* eine nickt minder große Idee zur Seite zu stellen hat: Die Idee des alten *) Drohe „Wiener MoMnzeitung" vom 17. Dezember IM. # Jer Papst gegen den zianisms. gkmmderlaln und Sir Drummond in Audienz. Rom, 15. Dezember. (I. T. A-) ließet die Audienz des britischen Ministers de? Aenßsrn, Mr. Austen C h a mberlüin. beim Papst ist noch mitzütellen: Die Unterredung dauerte eiiva eine halbe Stunde. Mr. Chamber lain erklärte nachher den Pressevertretern, daß nur ü 'ber allgemeine Fragen gesprochen worden sei. Ungeachtet dieser. Erklärung stellt die römische Presse fest, daß die Palästinafra " Unterhaltung beherrschte, und daß der Papst seine oppositionelle Stellung dem Zionismus gegenüber zum Ausdruck brachte. Die italienische P re sie berichtet weiter, daß der Papst den britischen Minister zu der Haltung» die die britische Negierung gegen Sowjetrußland einnimmt, das der Papst als dengrößten Feind deS Christentums bezeichnete. -beglückwünscht hat. Der Papst ersuchte Mr. Chamberlain, die katholischen Interessen in Palästina gegen di« Zionisten zu beschützen, und versprach als Entgegenkommen, daß die Katholiken dem britischen Reiche ihre Loyalität bewahren würden. Nach der Audienz hatte Mr. Chamberlai« eine Konferenz mit Kardinal Gasparri. dem General- Staatssekretär -des Vatikans. Sir Erle D r u m m o n d. der Generalsekretär beS Völkerbundes, wurde am gleichen Tage vom Papst und dann von Kardinal Gasparri empfangen. Dev „Osservatove Romano". ' Rom. 17. Dezember. Wie die Blatter melden, ist der „Osicrvatore Romano" aus dem Eigentum detz Heiligen Stuhles in das der Mailänder Organisation des Kardinals Ferrari übergegangen; doch habe diese Aenderung nur administrative Bedeutung, während die Redaktion zunächst nicht berührt werde. Ebenso werde die bisherige direkte Kontrolle des Heiligen Stuhles über die Richtlinien des Blattes bleiben. Diese Aenderung dürfte die erste Maßnahme der beabsichtigten Reform der katholischen Presie Italiens sei«. Eine Aeußerunk Balfours. London, 15. Dezember. (I. T. Ä.) Lortz Valsour hatte am 12. d. ein längeres, Gespräch mit dem jetzt in London wellenden Herrn Hermann Bernstein aus New-^ork. Lord Bal-four sprach über die Forschritte der jüdischen Arbeit in Palästina seit der Balfvur-Erklärung vor sieben Jahren. ■■aagmflMNBndBHHflBnBMgaMnaBMBaaH ' Die Juden, sagte Lord Balso irr, haben in dieser kurzen Zeit Unglaubliches geleistet. Vor einigen Jahren noch war Palästina unfruchtbar und sehr vernachlässigt, in landwirtschaftlicher wie industrieller Hinsicht gang unbedeutend. Jetzt entwickeln sich immer neue Industrien und die Landwirtschaft macht sebr bemerkenswerte Fortschritte. Juden aus Zentren wie Lodz haben die Textilindustrie ins Leben gerufen. Herr Bernstein brachte die Frage auf die Annahme des Palästinabenchtes der Man da tSkani Mission durch den Volke rbundrates in Rom und wieS darauf hin. daß in dem Bericht ungünstige Feststellungen über dar jüdische Einwa nde rerele ment enthalten seien. ' Lord Balfour antwortete: Ich wundere mich» daß di« Herren der RateS nicht daran gedacht haben, was a<uS den unglücklichen Juden werden soll, die durch den wirtschaftlichen Boykott und andere Verfolaunaen in Osteuropa so schrecklich zu leiden hüben. Das wichtigste Immiarationsland. Rew-Aork, 16. Dezember. (I. T. A.) In der großen amerikanischen Presie wird der vor kurzem eröffneten Jahreskonferenz des Nationalrates des amerikanischen Keren Hajessod viel Raum gewidmet. 8m« besondere Beachtung findet di« Ansprache Louis Mavshalls, deS Vorsitzenden des ameriikanisch-jüdischen Komitees, welcher sagte, Palästina sei nun das wichtigste Immigration-land für die heimatlosen iüdischen Fsiüchtlinge. Biel Beachtung finden auch die ' Reden der Herren Samuel Untermher, deS Präsidenten des amerikanischen Keren Hajesiod, Nathan Strauß, Morris Rothenberg, Oberrabbiner C h a f e S aus Men. Echmarfa L e v i n. David Sellin, Mr. C o n h e i m (Schatzmeister deS amerikanischen Keren Hajesiod) und Emannel N e u m a n n (Sekretär des amerikanischen Keren Hajesiod). Die JahreKkon-ferenz beschloß zunächst. Dr. Weizm a n n zu seinem 60. Geburtstage zu beglückwünschen. Die Einkünfte des Keren Hajesiod sollen gegenüber dem Vorjahre in diesem Jahre verdoppelt werden. In die Leitung des Direktionsrates, der aus 40 Mitgliedern besteht, wurden gewählt: Mr. Untermher zum Präsidenten, Mr. Rothenberg zum Vorsitzenden des Tirektionsrates, Rabbi Meyer (Berlin) zum Vizepräsidenten, Mr. Canheim zum Sck-atzmeister und Mr. Emanuel Neu mann zum Sekretär. Mr. Jakob Sega! wurde zum Vorsitzenden deS Finan^omitees ernannt. 624 Einw«rndenen an einem Tag. Jerusalem, 15. Dezemlber (I. T. A.) Am 10. d. find 624 Einwanderer in Erez Israel eingetrosfen. Bubi-Kostüme reine Schafwolle, la Qualität K 490.00D Feinste Seidenflor-Domenstrümpfe früher K 58.000 / JeSzl K 43.000 .Ldealstrumpk" nur L IrtttnerKof 2 (Graben) Rom hier, die Idee des ollen Ieritsalem dort. Darum wird dieses, d^s indilcke Volk, ält^ in der L^ne sein, dos Ivwel von der Fassung zu trennen und getrennt für sich zu erkennen. Wenn man als Zionist durch dieses Land kommt, nicht als eiliger Tourist, der nur die Zeit' hat, das Gesck-aute mit dem Verzeichnis im Baedeker zu vergleichen, sondern wenn man ruhig und ständig sich diesen (Andrücken hingeben kann, so überwältigt einem zunächst diese grenzenlose Fülle lebendiger Denkmäler historischer Monumentalität, die den Alltag umWießen und in ihn hineinwirten. Als Zionist brinat man ja woV für solche Eindrücke eine besondere Empfängstckkeit mit sich. In jeder Stadt, in jeder Straße, auf jedem rückwärtigen Hofe eines nüchternen FronOaufes findet man diese Denkmäler — nicht als Denkmäler einer lang, vergessenen, lang verschütteten Vergangenheit, sondern als Merkmale einer nie unterbrochenen zweitausendjährigen Enitwicklung, die geradlinig bis zu dieser Generation führt. Alte Römerbauten, die frühckriststchen Kirchen, die Maler des 12. bis 16. Jahrhunderts, die Kastelle der Malatesta in Rimini, der Sforza in Mailand, der Medici in Florenz, dann das beginnende Risorgimento, Garibaldi, Aiazzini, Cavour — das alles fließt ineinander iiber und bstdet ein so gewaltiges Wogen Worisilier Kraftquellen, daß der Zionist knackst Umschau hält: wo ist die Generation, die sich dieser Kraftauellen auch wirklich bewußt wird, wo ist die Jugend, die, der Vergangenheit würdig, ihr eine würdige Zukunft geben will? Wo, mit ein^m 'Wort, hat dieses Italien seine zionistische Jugend?- Es hat sie lanae nicht gebebt. Und wenn man Umschau lsiilt und sie sieht *— man mag stutzen, zögern, sich ablvenden, aber nmn kehrt immer wieder zurück zu dieem einzigartig schillernden, fassinierenden und abstoßenden Phänomen: dem Fas'isnms: und wenn man sich alles, aus Widerstreben, ins GedäckUniS ruft, was gegen ihn gesagt wird, und gesagt werden muß: Man kommt Bericht drüber himveg, daß er <S war. der diese Jugend wieder geschaffen hat und daß sie beute — oder vielleicht ist es besser zu sagen: bis heute —hinter ihm steht. Diese Jugend, die im strengen Liktorenbündel kein minderes Noblesse oblige emwindet wie die zionistische im Davidstern und die sich am alten Rötnerantß nickit mehr berauscht als es die jüdische am Scktalom tut, diese Iu gend ist die Jugend, die der Zionismus s u ch t u n d versteht, und die auch umgekehrt den ZiomSNMS verstehen wird, wenn sie ihn kennen lernt. Die Frage, die große, die entscheidende Frage ist die: Ist es eine Jugend, bei welcher all das Unerfreuliche, das dem poststschen FasziSmus anbängt, wesentlich verankert ist, oder ist dieses Unerfreuliche nur peripher, nur eine Fra'ge von heute, die verübt, die sich itberlebt, eine Fmge der' Führurrg und Err'iehung? Der Verfasser, desien gesammelte Eindrücke nickt die siücktiaen Eindrücke eines Reifenden sind, besinnt sich nicht, das letztere zu bejahen. Zu dieser Jugend, der durch den FasziSmus erweckten Jugend, die ihren Ennecker morgen von sich aus erziehen, läutern und höhersühren wird, zu dieser geläuterten Jugend des aufsleigenden neuen Roms müssen wir duräHringen. Was wir brauck)en, ist ja nicht nur eine Politische Freundschaft wie die »englische, die selbst dort, wo sie dein' jüdischen Wc'en gerecht werden will, eine gönnerhafte bleiben muß. Wir brauchen geistige Freundschaften, Freundschaften solcher Völker, die in unserer Idee ihre eigene, in unserem Streben ihr eigenes, in unserem historifckkulturellen Renaisianceprozeß mit all seinen Rechtsansprück)en ihren eigenen Prozeß wieder erkennen. Hier winkt eine Aufgabe, die der Mühe lohnt. Dir Minderheiten im voinischen Sein,. (Elgendianst der „Wiener Morgenzeitunü") Warschau, 17. Dezember. Wie Ihr. Korresipondeut von gut informierter Seite erfahrt, haben — anschemmd über Anregung des neuernannten Vl'epremiers Th ug u tt — die polnischen Sejmpartelen beschlosien, den Vorsitz in zwei wichtigen S e j m k o m m i s s k o n e n den Vertretern der Minderheiten zu überlassen. Diesem Entschluß zufolge s-cllen an die Spitze der Verfassungskommission und der Finanzkom miss io n Mgeordnete der MinderbeitenÄubs treten. j ssssimssmasssa