Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2090 (14.12.1924)
- Date
- 1924-12-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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j ^:■!• •»;,;'p'^Y';**•“jSjrjrw,™ ., 4WIII,'^AMPNH^W l^DUlMMWWWMW "‘■V'-V"®:, tmi Mn, Gönnlckg 80i>ner Murften^ertnng. 14. Dezember 1.S& &Q9Q Marfftz und MaE rum Lode derurteilt. Der Brrdapefter Bombenprozetz. (Sigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 13. Spante. Urnter dem Dcvsitz des Prästden-ien Langer hat heute der GerichtHof das Urteil i>m Bombcnwersirprogeß gefällt. Die beiden Hauptangeklagten Josif Marffy unb Karl M a r o s \ wurden zum T ode verurteilt aus Grund d«S § 178 .wegen achtfachen vorsätzlichen Mordes. Die'Angeklagten Szasz und Horvath.Halasi wurden zu je sechs -Jahren Zuchthaus, der Angciklagte Bargha zu fünf fahren Zuchthaus, der mmderjährig« Rado zu zehn Jahren Gefängnis, da er noch nicht daS volle strafrechtlich verantwortliche Alter erreicht hat, -verurteilt. Der Angeklagte Drenka wurde freigesprochen. Nach der Verkivn-diMna des, UrtellspmcheS lachte Marffy laut auf. Präiudent Langer ermahnte ihn in ernstester Weife zur Fduhe mb sagte, tt könne nicht «begreifen, wie ein Mensch in einer solchen Situation lachen iönare. In der Begründung des Urteils wird ausgefÜhrt. weshalb der Gerichtshof die von R a d o bei der Pok'-ei abgelegten Geständnisse als st i chhat t i g m«d al!S ohne jödan äußeren Zwang abgelegt betrachtet. I« der Angelegenheit des gegen die Ne u pe sie r Synagoge geplaatten Attentates mußte Marffy freigesprochen werden, weil ihm diesbezüglich n-ichtS wachgewiesen werden konnw. Ebenso wußten in der Frage deS geplanten Attentats grgen die tschecho-slowakische Gesandtschaft Marffy und Darga freigesprochen werden-, wM die Beweise zu ihrer Verurteilung nicht hinreichend waren. Nach -er Verkünd igu-ng des Urteils ergriff Marffy daS Wort «nd erklärte» -daß er Berufung gegen daS Urteil einllege. Auch dir übrigen Berurteil-ten legten Berufung ein. '* Dieser Marffy, der die Verkündung seines TodeS- «rteffs lachend auftiimmt, ist durchaus kein Zyniker. Sein- Lachen ist.auch nicht der Ausdruck eines N:rvenzu.sam>men-! - brucheS, e-rner Angstpfych7isi, in welcher der Lachkrampf i nicht seltener in die Erscheinung tritt als der Weinckrampf. Marffy hat gelacht, weil ihm offenbar daS ungarische Sprichwort ein fiel, das für solche Falle angewendet zu werden pflegt: Man macht es jo, daß die Ziege fatt wird und doch da§ Kraut übrig bleibt. Dieses ungarische Sprichwort Vnnte als Molto für den gegenwärtigen politischen Kurs in Ungarn gelten. Man tut so, als wenn es eine Rechtsordnung gatte und eskaanotiert sie mit' einem, Handgriff weg. Das weiß Marssh, und deshalb hat er: gelacht. Er drrchte an Her ja s, Pro nah und OSzten- . b ü rg, die hundevttnal mehr Morde, räuberische Ueber» ßälle und Erpressungen aus dom Gewissen haben als er ^smd durch die Amnestie de's allerhöchsten Protektors dieser Mvrdsrgilde vor dem Zugriff deS Henkers bewahrt wurden. Da mußte er lachen-. Schließlich hatte er ja Vlsß das Pech, auch gegen fremdländisch e Gesandtschaften Bcanbenattentate zu versuchen. die dann die ganFe Sache auswinbetten. Ä'er hin« geworden sind ja doch bloß Juden und wogen Mischer Mordopser ist unter Hvrthy noch kein Erwachender ge*^ hängt worden. Mußte da Marffy nicht lachen?! Und dann: Hinter Marffy siehteine ganze Armee .von mordbereiten Komplicen scwie eine große Gemeinde von Wissenden, die entschlossen sind-, um Veit Kops Marfsys bis aufs äußerste, selbst um den Preis bei E n thüllungen über die" Zusaimmerchauge zwischen der Sörhäzer Tage, der Zentrale der B-onvbenfabritcn ü''d der Ofner H o f b u r g. wo fwtöjty den König spielt. zu kämpfen. In diesen Kümpfen, deren es in drn letzten Jahren in-Ungarn hinter den Kulissen sclwn einige gege-ben hat, ist die Mordgesillichaft noch iwmtx Siegerin gobl-ieden. So wich eS auch diesmal fein. Marffy hatte Grund zum Lachen. Wir sind um den .Kopf Marffys nicht besorgt. Eher um die Köpfe der Gerichtsftln-ktionäre und einiger. prominent^ Juden. Jeder Käufer einet Ingeniös-Baukastens (65.000 Kronen) di« KSgUoltkeit, oder einen der 112 anderen wertvollen Preise zu rrworben, wenn er eine der beiden folgenden Aufgaben gut löst : L Mitteilung einer originellen Idee für irgend ein beliebiges oder bewegliphe» Objekt, das die Ingenius-Qesellflohait auafdbrenioH; ' fr ■ L Mitteilung einer originellen Idee, was er alt ErwArber des ersten Preise« mit den 100 Millionen anfangen würde. Näheris in den Warenhäusern Gerngross, Stafa, Qüo eto. und in den einschlägigen Geschäften. „INGENIÖS« Technische und Handelsgesellschaft m. b. H. . Wien, I., Sditlltrslatz 4 ♦ Velophon 76.35 480 Re Gripps ia ver PolM geht iS biss«, Paris, 13. Dezember. Hcxriot's Gesundheitszustand hat sich bereits gebessert. Das Fieber ist im Abnehme.n. UebrigenS ' ist C h a au b e r l a i n. ohne in P-ariS AufenEalt zu nehmen, -heute nachmittags riach London.gerr-ift/ . P^itteare erkrankt. Paris, IS. Dezomb-er. Eine -k'ichle Erkältung nötigt Po in ca re zu, eurlger Schonung. Stresemanns Kanzlergrippe. Berlin, 13. Dezember. Außenininister Dotstr: Stresemann, der in den letzten Tagen des Mah!- ka'mpfes an Grippe ertmnikt hat sich für etwa acht Tage zur Erholung in ein außevljalb Berlins gelegenes Sanatorium Ägeben. Sie Berönderungen in der polnische« Slplomatir. > Der Mener Gesandte Graf Lasoeki geht nach Prag. , Warschau, 13. Dezember. Der „Monitor Polski" verössen-tlicht seilgende Evnenn,U'Ngen in -der polnischen Diplomatie, die beveits gemeldet waren: Josef WieruSz- K o w a 1S k-i, bisher Vertreter im H a a g, zum -Ge'aridten in Wien -und Graf Siegmund Lasoek-i, bisher - Gesandter m Wien, zum Gesandten in Prag. Keinr Weihnachtrzawendung andle Nramten. Unveränderter Brotpreis. s Gestern vormittags fand eine Sitzu-ng des.Fünfund- Mlnzigevausschusses der BundesaMstellten statt, .zm.hrr Bundeskailzler Dr. R a m e k erschienen war. Der Vorsitzende des Ausschusses- Hafrat Lech, teilte mit-der Firnf- ^usSuuasqroL MchoM-g sgvtzt tznchs§nmsöikuvä^qnn insbesondere 'die auf Mffigmachung einer außevordentlichen einmaligen Z-uwendmng, aus-! rechtzue-'chalten.! BundeMnzler Dr. Ramek betonte, die Remerung > ha-be diese Angolegenheit nochmals genau geprüft, sei aber! bei allem Wohlwollen gegenüber der Beamtenfchaft-n t ch t in der Lage, Ihre ablehnende Stellungnahme bezüglich! der einmaligen außerordentlichen Zuwendung Zu ändern. Hofrat Leih erklärte hieraus, der Fünfundzwan>zigerausschuß werbe zu Beginn der nächsten Woche der Negierung-feine Stellungnahme übermitteln. ' Der Bundskanzler hob nochmals hervor, daß die Negierung nichts anderes tun könne, als. im Jntereffe der B-undesangsstellten den 1 . . Kampf gegen die Tenernng syrt^uführen^ Wenw' von^ den Wirkungen' diefeiv' AWW bishär nöch nicht viel zu bemerken war, fosei dies dem Umstande' zuzuschrerben, daß die Oeffentlichke.it nicht vou allen iE'lnzeHeiten -untevrichtet ist. Di« Regierung sei mit ' der Bekämpfung der Teuerung Tag und Nacht, ja stündlich beschäftigt. Ihren-Bemühungen sei es zuzufchreiben. daß der Brotpreinicht noch weiter erhöht worden ist. -o'bwohl die Bvoterzeuger mit neuen Forderungen ausgetreten sind. Wenn diese bewilligt worden waren, hielten wir schon bei einem Brotpreis von 10,000 Kronen. Auch die Mlchpreife, die kürzlich erst um 400 K. hinaufgesetzt wuirden, sind infolge der Bemühungen der Regierung -wieder um 200 K. ermäßigt worden. ' Don dom Zeiigenoffen R. Iofuas, dem Patriarchen R. Gqmlie!, wird eine humowolle Geschichte Stählt, die ofsenisichtlich eine ironische Anspielung enthält auf den Widerspruch zwischen der paullinrschen Anschauung von dar Nnverbindlichkeit des Gesetzes und dem Evangelium Matthäi (Kap. 5,17 bis 19), wonach Jesus aus der Erfüllung der Gesetze bestand. Es wich erzählt: - In der Nachbarfchafft R. GamiViols wohnte ein Philosaph, der sich fälschlich rühmte, ein unbostechllicher Richter zu sein. Der Rabbi und ssme gelehrte Schivester Jma- Scha-l-om wollten sich über ihn lustig machen und ihn überführen. Sie ging hin und bot ihm einen stlbe-rnen Leuchter an. Hierauf kamen sie beide zu ihm und die Schwester' sagte," sie wünsche AnteN zu haben an den nachgelassenen Gütevn des BaterS. Der Richter entschied, sie sollten beide teklen. R. Gambiel meinte, nach dem mosaischen Gesetze halbe, wo ein Sohn vorhanden ist. di« Tochter kein Erbrecht. Jener aber erwiderte: „Seit dem Bevluste eures Landes ist die Lehre MosiS aulfgehoben und es ist eine audcre Lehre gegeben worden; da steht es geschrieben, daß Sohn und Tochter mit einander erben". Am anderen Tage, nachdem ihm R. Ga-mliol einen lybischn Essl antzeboten. gingen sie wieder zu ihm und er sagte: „Ich bin zu dem Ende des Buches gelangt und ich fand darin geschrieben: ,^ch bm rvicht gekommey. die Lohre MosiS' zu verkürzen, noch bin ich gekommen, M Lehre Mösts hmzuzusügen" — und es steht geschrieben (inder Lehre M>siß): „wo «in So^in vovha-nden ist, erbt eine Tochter wicht." Dairailtf sagte sie zu Nm: „Satz dein Licht leuchten wie einen Leuchter!" R. Gamliel aber sagte zu ihr: ,',Der Esel hat den. Leuchter umgestotzen!" Dieses Geschichtchen, deffen Auspietbrng aus den Widerspruch der Evangelien im Verhältnis §u>m Gesetz nicht zu verkennen ist, hat mehrere variierende Parallelen in der talmudischon Literatur, in denen aber das polemische Moment ganz fehlt. An einer Stell« -bosiehen 'die Beftechumgsmittel in ^vei Scheffel Silber gegen zwei Scheffel Gold, an der anderen dagegen in einem silbernen Leuchter gegen ein Füllen aus Gold. Beide schließen aber mit dem gleichen goftügelten Worte: „Da r Füllen hat den Leuchter umgestoßen." Aus dem ,-lhbifchön EsÄ" R. Gamliels ist hier ein goldenes Füllen^, «ine Nippfigur, geworden; das Verbum für „u mst o ß e n" ist merkwirrdigerweise dasselbe, das sonst im Hebräischen „züdecken" heißt. Und so konnte G übe mann in der oben zitierten Schrift, nach einer seht: getlehrten Üutersuchung» ftststellen, daß jenes geflügelte Wort manche Wandlung durchge.macht und daß alle Varianten in einem bestimmen' Zufaimmenhang stehen und' Beziehungen zum fünften Kapitel des Matthäus haben. - Zunächst ist aus dem „Scheffel" ('hebe, m i d a aber auch chomer) Goldes ein ,-Esvl" (helbr. cha.mor) und ans dem „Zudecken" ein „Umstoßen" geworden. Aus einzelnen Details lassen sich nun sinige Redewendüngen jenes Kapitels eMäven. So heißt $8 Vers 15 und 18: „Man zündet auch nicht ein Licht an und sitzt es ünter einen Schessil, sondern auf einen Lsuchter; so louchtet es allen, die im .hanffe find. Also laßt euer Licht leuchten.. Beide Redewendungen: „Das Licht leuchten lasten" und ,/Sem Licht unter einen Scheftl stell-cn"s finden ihre. Beleuchtung in den ta-lmudischen ErzähluMN. Jntereffa-nt ist allenfalls, daß die folgenden Verse 17 bis 19 von der V e r b i n.d l i ch k e i t d e s Gesetzes sprechen, ebenso ' wie der dora-usgehen.de Vers 13 vom Salz, dasdumps geworden, spricht. Beide M'ittMmgen. sowohl von R. Jos-uas Wettstreit als auch von R. G?mliels und seiner Schivester scherzhaftem Versuche, beruhen also auf einer Polemik gegen das Matthäus-Evangelium und be<ivecken di« Zurückweisung der Behauptung, das' Judentum, sei als „dumpfes Sal>," hm-iusgewor'en und dem Zertreten preisgegeben, und seitdem es vom Lande vertrieben, -habe die Lehre Mösts aufgehvrt und es sei eine neue an ihre Stelle getreten. Ein' Schlußarti-k-el 'folgt.) Das geklilsette Wort. Bon S. MetM '/b Das geftügel-te Wort führt in der l-ebendigen SpvaHe,Dst Cigetrloben. ES hat, wie jedes andere Wort, einen eigenen ipH einen.übertragenen Sinn und ilst -gleich der sprichürortsichctt- Redensart ein bleibender BeflandteHl des allgemeinen Sprachgutes.. Das gaffügelte Wort unterscheidet sich vom. Sprichwort Und von der fprichwortlichc-N Rodensavt dadurch, daß es nicht anonym ist. Das Sprichwort ist unbekannter Herkunst stnd niemand vermag, zur sagen, woher eS stammt und wer sein Nrhcher ist; es ist. des. Volkes sprachliches Eigentum, woran kein dritter seinen Teil hat. Beim geflügelten Wort hingegen ist sowohl, sein .Schöpfer wie sein historischer Ursprung bekannt. Das Sprichwort ist entweder durch seine äußere Form.oder durch seinen Evfahrungsin'hflilt als solches leicht erkennbar, wogegen das goffügelte Wort kein anderes Kennzeichen besitzt. as8 daß . es geflügelt ist, Das geflügelte Wort ist ein Wort, das rn allgemein gültiger Form und mit unveränderlichem Sinn off und pst. geibraucht wird; zu-weffen auch wandert es zeitlos durch die Seiten. Jedes Ding- und Denkwort, jeder Rede- und Satzteil, jeder geistreiche Einfall, jeder Gedanke-Mitz, jede poetische Wendung, ja sogar der Titel ei-neS Buches, der Name eines Menschen, die Bezeichnung einer Sache kann in einemi günstigen Augenblick Flügel erhalten und als Redensart mit beständigem JrchaltSiwert in den allgemeinen Sprachgobrauch übevgvhen. Dann ist es ein geflügeltes Mort, ein Wort von lebendiger Kraft, das der Rede einen höheren Schwung und dem Ausdruck einen festen Smn verleiht. Auch darin sehen wir ein Leben und Wollen der Sprache, daß sich ein Wort aus einer Wendung oder eine Meneng auß Mein Satzgvffia<! loslöftu. und als seiMändige und eigen« siun-ige. Aarsdrucksform durch lange Zeit behM-Ptm kann, lind wie alle Ne-nbilduntgen, die die lebendige S^'rache .schasst, ist auch das geflügelte Wort kein kottstruierteS Gebilde. Mar, kann ein Wort nicht, zu einem geftügel.ten machen, sondern es kann unter Umständen M einem solchen tverden. Ein Wort wird Mt eineur geffiige-ltcu Wort entweder durch die geistreiche Ärt,' wie