Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2088 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2088 Men, Freitag fließend englisch spricht, zu hören bekam über das Dhema, daß ein christticher Staat sich für die Juden omsetzt. Das i>st eine sehr peinliche Situation, die noch durch das totale Fehlen jedes jüdischen politisch-diplomatischen Apparates verschärft wird. In der „Wiener Movgenzeitmvg" ist zu wiederholten Malen gefordert «worden, daß die Zionistische Exekutive PoMt'ische Exposituren in allen Zentren der Politischen Welt errichte und für die systematische Aufklärung über alle jüdischen Fragen sorge. Das ist nnteMieben. Die Gründe kennen wir nicht, aber wir mißbilligen sie. Das Resultat se>hen wir in diesem Bericht, dessen ganzer Inhalt sich m der Formel zus-Mmenfassen läßt: „Das Mandat mit seinen Verpflichtungen ist nun einmal da, wir bedauern das, aber was können wir tun?" Alles, was da ist, kann : eines Tages verschwinden. Wollen wir «weiter warten und das Notwendige nicht tun, weil es schwer -st? —y. Lar Berhiiltnirwahlrecht der jüdischen Gemeinden in ßrez Israel. Aus I e r u s a l e m wird uns geschrieben r Die Wahlgesetze für die jüdischen Gemeinden Kehilloth (nicht zu verwechseln mit den Stadtgemeinden) sind auf der Verhältniswahl aufgebaut, wobei der Proporz sich auf die religiösen Gruppen der verschiedenen Riten bezieht. Ein interessantes Beispiel hierfür wie für das Wahlrechtsprinzip in Erez Israel im allgemeinen sind die für den 2. Tebeth anberaumten Wahlen i« den Vorstand der Kehilla von I a f f a und T e l - A w i w. Auch hier bildet die Verhältniswahl das Grundprinzip deS Wahlrechts. Die Wahl erfolgt im Verhältnis der Wahlerzahl der drei Gruppen: Afchftnasim, Sephardim und Jemeniten. Gewählt werden 41 Vorstandsmitglieder, und zwar 31 Aschkenasim, 7 Sephardim und 3 Jemeniten. DaS aktive Wahlrecht besitzt jeder Jude, der das 20. Lebensjahr vollendet hat und länger als sechs Monate in Jaffa oder Tel-Awiw wohnhaft ist. Das passive Wahlrecht hingegen hat jeder, der daS 25. Lebensjahr vollendet hat und zumindest feit einem Jabr in Jaffa oder Tel-Awiw seßhaft ist. Um die Zahl der Wahlberechtigten genau festzustellen, wird gegenwärtig sowohl in Jaffa als auch in Tel-Awiw eine Zählung vorgenommen. Wie man sieht, fehlt tn diesem Wahlrecht der SteuerzensuS vollständig. _ Mn Sands KMnwkongreß vboelehnt. Jerusalem, 10. Dezember. (I. T. A.) Hier verstautet, daß fast alle mohammedanischen Länder die Einladung des Sultans Jbn Saud zum allmohammedanlschen Kongreß abgelehnt hätten. Jbn Sauld hat diesem Kongreß einberufen, um die Frage des Kalifats und der heiligen Stätten zu erörtern. _ Die Adrebdebatte Int Unterhaus. Churchill über die Schuldenfrage. London, 11. Dezember. In der Adveßdebatte über die Thronrede sprachen nach Clynes der Liberale Sir John Simon und Kenworthy, welche auf die Fragen der alliierten Schuldem zu sprechen kamen. Auch der Liberale Hilto-n Aoumg behandelte diese Frage und forderte, England dürfe nicht die einzige Nation sein, die zahle, und das einzige Volk, de>m nichts bezahlt werde. Zur Schuldenfrage gab dann Schatzkanzler Churchill ausführliche Erklärungen, die 'recht vorsichtig waren. Er verwies davcvuf. daß rot Juni nächsten Jahres eine Zusammenkunft der alliierten Finanzminifter stcvttfindvn werde, stellte fest, daß England durch die LSprozentige deutsche Ausfuhrabgabe ungefähr 10 Millionen Pfund und an Reparationen nach dem Dawes-Plam etwa 2O M i lli o ne n Pk u n d von Deutschland erhalten werde, vorausgesetzt freilich, daß das Wiederaufleben Deutschlands und Europas keine Unterbrechung erleide; trete tn der Erholung Deutschlands eine Verzögerung ein, so, könnten «sich die auf dem Dawes-Plan gefetzten Hoffnungen vielleicht nicht erfüllen. Snvwden, der Schatzkanzler im früheren Lab ur- Kabinett, erklärte sich von den Ausführungen Churchills, besonders was die voraussichtlirb-en Reparationseiukünfte betreffen, nicht befriedigt. Nachdem zur Schuldcnfrage noch der Lilberale Runeiman gesprochen hatte, erhielt der Minister des Innern Johnson Hills das Wort, Her bezüglich des Sinowjew -Briefes erklärte, der KabtnettsauSschuß zur Prüfung dieses Briefes habe ihn für echt erklärt, die Regierung sei jedoch ni cht gewillt, Pas Baweismaterial zu veröffentlichen. Er gab im Namen der Regierung die Erklärung ab, daß es, so lange R aß'and feine Pvopaganda fortsetze, keine Verträge gebe. Das Untevhans beschloß sodann mit 27 7 gegen 81 Stimm e n jene Fragen, zu deren Behandlung sich die Regierung bereit erklärt hatte, noch vor Weihnachten zu erörtern. DK. Debatte ülber die Antwortadvesse wurde auf Montag vertagt. '_' Die Pariser Internationale Kunstausstellung. Deutschland lehnt die französische Einladung ab. Berlin, 11. Dezember. (Wolfs.) Wie die „Bossische Zeitung" meldet, habe sich das Reichskabmett gostevn auch mit der Einladung der französischen Regier n n g zur Teilnahme Deutschlands an der Pariser I n t e r n a t i o n a >l en K n n st g e w e r b e a u s st e llung beschäftigt. Das Kabinett habe beschlossen; von der Annahme der Einladung ab zu sehen, da erstens die vorgeschrittene Zeit nach Ansicht der Regierung . eine ausreichende Vorbereitung unmöglich mache, und zweitens der erforderliche Aufwand von etwa fünf Millionen Mark einem Staate, der so gewaltige SchuldverMchp tungen, wie das Deutsche Reiche zu tilgen hat, nicht zustche. / - - - Wiener MorftenzeltunA. der »V/iener Morgenzeitung», der die Bezu^sgebühr für ein Jahr im vorhinein bezahlt, JAHRES ABONNENT ERHALT GRATIS in 3 eleganten Halbleinenbänden Graetz*/GESCHICHTE DER JUDEN Ausser der Jahreszebühr sind tstr Venandtpesen noch ü. K 26.000 zu bezahlen Fnland. Stocken der varlamentarischen Arbeit. Die Sabotage der parlamentarischen Verhandlungen durch die Sozialdemokraten dauert an, da über die „hochbedeutsame" Streitfrage, ob über die N-euaufnahme von Rekruten für das'Bnndeshe-er eine paritätische Kommission oder eine solche, in der nur zwei Fünftel der Mitg'eder Sozialdemokraten find, entscheiden soll, die Herren Baug o i n und Deutsch noch nicht handelseins geworden sind. Das Jahresende steht bevor und die Regierung zögert nur noch mit der Einbringung des Budgetproviforiums, weist sie den, üblen Eindruck vermeiden will, den sine etwaige Obstruktion der Sozialdemokraten auch gegen diese Staatsnolvendigkeit und das Eintreten eines Ex- Lex-Zustandes im Auslände Hervorrufen müßte. Heeresmimster Vaugoin und Dr. Deutsch verhandelten gestern bis in die späten Abendstunden. Sollten sie Wider Erwarten sine Vereinbarung treffen, so wird rot Laufe der nächsten Woche der Genevalberichterstatter Mer das Budget, Abgeordneter Heini, im Ausschuß beantragen, der Regievung ein dreimonatiges Budget Provisorium zu gewähren. Im Budgetausschuß ging gestern die Speziäldebatte über das Kepitel Justiz" weiter. Wiederum unterhielt man sich den ganzen. Tag über E h e r e ch t sreform, Schwanger schaflsunterbrechung und ähnliche Materien. Der frühere Vizekanzler Doktor Frank stellte in Abvede, daß während seiner Ministerfchaft ein Abtrerbungsprozeß,' in dem die G e I i e b t e eines Sektionschefs die Beschuldigte war, niedergeschlagen worden sei, wie es ein Wiener WbouMatt behauptet hatte. Den Obersten Wolfs, den bekannten Monarchilstenführer, habe er mit Rücksicht auf die triste Lage seiner Familie beim Bundespräßdenten zur Begnadigung empfohlen.. Abgeordneter Sever beschwerte sich über folgenden Fall, der sich in Oberhollabrunn zugetvagen hatte. Gin Arbeiter namens Hawelka wurde gelegentlich eines Stvaßenexzesses dreier Arbeiter, an dem er aber nicht 'beteiligt war, verhaftet und bald wieder fveigelasien. Als er dann auf der Straße von Leuten gefragt wurde, was denn los war, 'habe er gesagt: „Ich bin von der Polizei herausgeschmisftn worden". Darrauf wurde er sofort wieder Vevbaftet,, an einen Mauerhaken amgeschlossen und durch Schläge und Fußtritte so schwer derl e tz t, daß noch nach v i e r z e h n T äg e n d i e S p u r e n der Mißhandlungen sichtbar waren. Auch die drei anderen Arbeiter wurden schwer mißhandelt. Die drei schuldigen Wachleute wurden über Anzeige der Mißhandelten vor das Bezirksgericht Obecholläbrunn gestellt, jedoch freigespvochen, ohne daß der Richter eine Begründung seines UrteAes gegeben hätte. Frau Freundlich brachte die traurige Lage der unehelichen Mütter auf dom Lande zur Sprache. Sie wird ihre Rede -an der am nächsten Montag stattfmdenden Sitzung des Ausschußes fortsetzen. Reue Forderungen der Telegratzhen- und TelHhonangestesttrn. Geistern fanoen neuerliche Verhandlungen bei der Telegraphenverwaltung statt, in der die Vertreter der Telegraphen- und Fern sprech^ngestellten erklärten, daß das An'bot des Generaldirektors H o h e i s l in der heutigen Sitzung des erweiterten Zentralausschusses und in» der darauf folgenden Vertrauensmännerversammlung der Technischen Union, n i ch t angenommen »werden wird. Die Vertreter dieser Bedienstetengruppe schlagen vor, daß allen Bediensteten zu Weihnachten ein Betrag ausbezahlt werde, welcher zusammen der erhöhten Wirtschaftsprämie pro Dezember ititb der am 15. Februar 1925. fälligen Wirtschaststsiprämien entspricht. Die Bediensteten sind der Meinung, daß auf dieser Basis eine Vereinbarung Zustandekommen nach ein Konflikt vermieden werden könnte. , MWWWWUWF 12. Dezember 'IM Seit« 8 Tagesbericht. L« Rabbi von Sadagora sestorbm. Nach einer Kabelmeldnug aus New-Aork ist dort der Sadagoraer Rabbi Isaak Friedmann am 8. d. im Älter von 38 Jahren Plötzlich gestorben. Er war ein Sohn deS berühmter Sadagoraer Rabbi Israel Friedmann, nach dessen Tode er die Rachsolgeschast am Sadagoraer „Hof" antdcrt. Dieser „Hof", der einst der Mittellpunkt chassidischen Lebens war, und um den sich u^nzahligs Lagonlden bildeten, wurde gleich bei der ersten Russeninvasion völlig 'verwüstet und ist soither nicht wieder aufgebaut worden. Der junge Rabbi Isaak mußte Mchten und kam nach Wien, wo er m der RuvMasse wohnte. Auch hier hatte er zahlreiche Verehrer. ^ta!bbi 'Isaak Frted ma nn, ein Schwiegersohn des Rymanower RaÄbmers Horowitz, war wegen seiner WÄtmännischen KLugheit auch außerhalb des Kreises seiner engeren Anhängevschast überaus geschätzt. Einer Einladung einer nach Amerika ausgewanberten Gruppe seiner Anhänger folgend, fuhr er vor einiger Zeit nach Amerika, wo er Plötzlich dom Tode ereilt wurde. Zu erwähnen wäre noch, daß der wertvollere Tell der berührnten PrivatbMivche! des Rabbi von Sadagora, dank einer Spende des inzwischen verstorbenen Wiener Kultusvorstchers Salö C o h n, für die Wiener jüdische GemeindebiMothek erworben und . bereits katalogisiert wurde. Kine Spende für die RegernniveiWt. New-Norl, 11. Dezember. (Tel.-Kvmp.) Der. bekannte Großindustvielle Ea st m a n n in Rochester hat 15 M r lliönen Dollar für pädagogische und wissenschaftliche Institute, darunter auch für die Negerunrversität in Ha mp ton, gespendet. Sin zweiter krdmond. Mtveichungen in der Mondbahn haben schon seit längerem Zeit zu der Vermutung Anlaß gsgdben, daß die Erde möglicherweise einen zweiten Mond hat, der diese Abweichungen hervorruft. Nun hat der amerikanische Astronom icke ring genaue Berechnungen über die Größe und die Bahn, dieses mutmaßläche-n Mondes angestellt. Danach ist dieser Mond von einer außerordentlichen Kleinheit; er mißt nur 120 Meter im Durchmesser. Seine Entfernung von der Erde soll nach Pickerings Berechnungen nur 4 000 Kilometer betvagen. Einser bis dahin „einziger" Mond ist nicht ganz 400.000 Kilometer von der Ecke entfernt.) Das Eigentümliche an ihm ist, daß er die Erde in „umgekehrter" Richtung umkreist; er geht im Westen aus und rm Osten unter und ist rn dieser Beziehung dem Marsnwnd Phobos ähMch. Die Umlaufszeit beträgt nur drei Stunden. Es ist also bereits alles an diesem'neuen Mond „entdeckt", nur er selbst noch nicht. Bei seiner Kleinheit ist er selbst den stärksten heutigen Teleskopen vorläufig noch unzugänglich. Frau Klara Samenhos gestorben. Die Witwe des Erfinders des Esperanto. Am 8. d. verstarb in Wavschau im Mter von 61 Jahren Frau Klara Zamenhof, die Witwe des Schöpfers des Esperanto, Dr. Ludwig Zamenhof. Die Verstorbene war eine bekannte Erscheinung auf den internationalen Esperantokongressen. Sie wurde in den Esperantokreisen der ganzen Welt als die Fortsetzerin deS Werkes ihres Mannes verehrt. Das Leichervbegämgms fand am 8. d. unter großer BeteUigung statt Ler Arierparagravh im Alpenverein. Berlin, 11. Dezember. In der „Deutschen Allgemeinem^ Zeitung" eMärt der Vorsitzende des Hcruptausschuffes .des Alpendereines, Herr v. Syd ow, daß er sich aus vereinspolitischen Gründen für den Ausschluß von „Donauland" am 14. d. aussprechen müsse. Diese Gründe liegen in der Gefahr einer Sprengung des Vereines in einen arischen und einen nichtarischen Verein. - - kisenbahmmsall bei Kufstein. Die Generaldirekliou der Ossterreichischen BuMsbahneü teilt mit, daß in der BetrisbSausweiche Schaftenau bei Kufstein gestern um 3 Uhr ö0 Mm. früh der Güterzug Nr. 853 bei der Planmäßigen Einfahrt auf ein NebengÄ-eise durch heftiges Anfahren an den betonierten Gl-eisabschluß mit der Lokomotive und mehreren Wagen entgleiste und dabei das Durchsahvgleis durch Ladungs- und Wagenbestarrdtc-ile teil'- weise verlegte. Gleich nachher fuhr der aus Italien über Brenner und Kufstein nach Deutschlaitd verkehrende Schnellzug D102 auf dieses verlegte Durchsahrpleis ein. Es entgleiste die SchnellzuigslokoniotivL, wobei auch eine im Gleis befindliche Weiche umgestellt wurde, scdaß die Schnell;ugswagen auf das Nelbonigleis gerieten und hier aus den entgleisten Güterzug anfuhven. Der Lokomotivführer des Schnellzuges sowie ein Reisender wurden leicht verletzt, auch wurde ein größerer Sachschaden verursacht. Weitere Erhebnn-' gen über den: llnsall sind eiugeleitet. Die Lohnbewegungen in den Theatern. Die Lohnibolvoguny der Schauspieler in oen Prosatheatern ist zum Abschluß gelangt. Es wurde seitens des Direktörenverbandes eine zehnprozentige Er-> Höhung der Be,züge ^gestanden. . Dagegen ist die Lage in den Qperettenchealern noch immer schwierig. Im Theater an' der Wien, wo man für gestern den Ausbruch eines Musikerstreiks befürchtete, ist eist provisorisches Abkommen vorläufig für acht Tag« huftandesskommM.