Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2086 (10.12.1924)
- Date
- 1924-12-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2086 Men. Mittwoch «uns jetzt soviel Kopszerb-rechen bereiten, otdtb die Frage der I e w i s h Agency bekommen' atts diesem Gesichtswinkel eine andere Bedeutung. Wenn wir neue Elemente Herangehen, so müssen wir unsere Arbeit so anSgestalten, daß die neuen Kräfte ihre Energien und Fähigkeiten richtig nützen können. Unser Ideell ist uns vorgezeichu-et: Das Ende des Galiuth durch Gründung eines jüdischen freien Heimes in unserem Lande' aber der Weg für eine schöne Zukunft führt durch die Not der Gegemvart. Und die größte Not der jüdischen Gegenwart ist die Frage der jüdischen Einwanderung. Niemals war sie so brennenwie'jetzt. Aber noch nie hat sie in sich so sichtbar die Keime der Erlösung getragen wie jetzt. Sollen diese Kevme nicht zerstört tvevden, muß der Strom richtig gelenkt werden: in unser Land. Damit ist dort unsere Zukunft gesichert. Die Taamm des Bolkerbundrates Die Verschiebung der Abrüstungsfrage. Rom, 9. Dezember. Der heutigen Vollsitzung deS Bolkerbundrates ging ein« einstündige geheime Beratung voran, in der C h a m b e r l a i n den Standpunkt der englischen Regierung zum Abvüstu'ngspwtokoll davlegte, für dessen Beratung sie um Aufschub ersuchte, um sich mit dom britischen Parlament in Verbindung gu setzen. Brianbilligte die Gründe Ehamberlains für den Aufschub der Beratu.ng«n über das Abvüftungsprotakoll. In der M i t t a g s s i tz u n g des DöUerLüudrateZ, die mrr kurze Zeit dauerte, wurde die T a g e s o r d n u n g der nächsten Sitzung festgestellt. Nachmittags fand eine geheim «Beratung der Mitglieder des Völkerbundrates statt. Uelber diese geheime Sitzung des VölkevbMdvateS, die mehr als Ovei Stunden dauere, wurde ein« Verlautbarung ausgegeben, in der es heißt: Das Königreich S. H. S. wurde als der Staat designiert, der von den Nachbarstaaten Bulgä riens im Falle einer Militärkontrolle in Bulgarien Experten zu stellen hätte. Weiters hat der Bölkerbnndrat einen vorläufigen MeirmngsauStausch über die Frage deS Präsidenten dieser MrlitävkontroMommissim gepflogen. In der darauffolgenden öffeEchen Sitzung beschloß der BSlkerbumdrat, die Debatte über den Schiedsvertrag und die Ab ruft ungs frage auf den 3. März zu verschieben. Der tsch echo-slowakische Delegierte Dr. B e n e sch trat nach der Sitzung in den Saal der Journalisten und «Märte: ch habe mein Kind gerettet!" Der GeneraNommifsär des Völkerbundes für den finanziellen Wiederaufbau Ungarns, Smith,-, unterbreitete sodann seinen Bericht über das im Oktober dieses Jahves vollbrachte Werk unter Anführung statistischer Ziffern Aber die gegenwärtige wirtschaftliche Lage Ungarns. Hieraus fand abermals chie geheime Sitzung des Rates statt, die sich hauptsächlich mit der Wahl der Militärkontrollkommission beschäftigte. Die Tätigkeit dev österreichischen Delegation. Rom, 9. Dezember. Minister a. D. Dr. Gründe r g e r Hai heute vormittags den Mitgliedern des Völkerbuudrates B r ian d,^Dr. Be n es ch und H Y mä n s Besuche abgestattet. Hierauf begab sich Dr. Gvünbevger in Begleitung des Sektionschefs Dr. Schüller und des österreichischen Gesandten Egger zum italienischen Ministerpräsidenten Mussolini. Wiener Morgenzeitnng. Reichstagserösfttung am 6. Jänner. Das Ergebnis.des Wahlsonntags in Deutschland steht in den Hauptlinien bereits fest, obzwar noch nicht alle Ab-- stimmungszissern vorliegen. Abgegeben wurden insgesamt 29,326.633 gültige Stimmen, im Juni di^es Jahres 29,267.116. Die Wahlbeteiligung ist somit fast unverändert geblieben. Von diesen Stimmen erhielten: im Juni Mehrheit? sozialisten . . . 7.788260 (5,973.770) Zentrum. 4,081.593 (3,899.023) Deutschnationale..... 8,122255 (5,755.809) Deutsche VolkSpariei . . . 8,017.182 (2,642 848) Demokraten ....... 1,902.646 (1657.451) Kommunisten. 2,679.429 (3,712.001) ✓ Bayrischer Batiernbimd . . 9S5.729 ( 683.093) Hannoveraner ...... 858145 ( 818.451) Landbund ....... 498003 ( 568.288) Ludrndorff-Partei .... 891.671 (1,917.578) Bayrische VolkSpariei. . . 1,111.788 ( 941.982) Kuntze-Partei . 338.356) Die Mandats Verteilung erfolgt in folgender Weis«: Der Reichstag zählt 493 Abgeordnete (bisher 471). Davon erhalten die MehrheitssoMisten 131 (bisher 100), das Zentrum 69 (66), die Deutschnationalen 103 (§6), die Stresema'N'N-'Part'ei 51 (44), die Demokraten 32 (28), die Kommunisten 45 (62), der bayrische Bauerbund 17 (10), Hannoveraner 4 (6). der Landbund 8 (9), die Hakenkveuzler 14 (32), die bayrische Bolks'partei 19. (16). Die Knüppel Kuntze-Partei geht leer auis. Die Anzahl der Stinmien. die auf di« unabhängigen Sozialisten (im Juni 240.172). auf °bte nationalen Minderheiten (133.628) sowie'auf die verschiedenen Sondevkandidatuven entfielen, liegen noch nicht genau vor. Unter dem Gesichtspunkt der Regierungsbildung gesehen, verfügt im neuen Reichstag die Weimarer Verfassung über 267 Stimmen. Die Reaktion zahlt 191 Stimmen und kaum auf die taktische Ilnterstützuug der 46 Kommunisten Mlen. Die Mehrheit -beträgt somit 66 Stimmen, sinkt aber, wenn man die Kommuinistew mitrechnet, auf 21 Stimmen herab. Die alte Koalition, wie sie unter Wirth-Rathenau bestand, ist in der Mandatsstärke kaum erreicht. Die absolute Mehrheit 'beträgt 847, wird also um 10 Stimmen überschritten, was bei der bekannten Pväsenzdisziplin im Reichstag eine ewige Gefahr bedeuten würd«. Unter diesen Umständen werden sich die Verhandlungen über die Regierungsbildung sehr schwierig gestalten. Das Reichskabinett wird sich heute in Berlin versammeln, um seine vorläufigen Beschlüsse zu fasten. Die - Führer der Parteien treten am Donnerstag zusammen, um zu der Einberufung des Reichstages, die z n m 5.1 ä n n e r evsolgen soll, Stellung, zu nehmen. Ob die Regierung schon jetzt zurücktritt oder es auf «ine KamPfaMmmung int Reichstag ankommen läßt, ist einstweilen noch eine offen#- Frage. Die Preußischen Larvdtaaswtthlen. Berlin, 9. Dezember. (Wolfs.) Nach dem letzten vorläufigen Ergebnis der preußischen. Landtagswahlen erhalten die Sozialdemokraten 144 Mandate, die Deutsch nationalen 109, die Kommunisten 44, das Zentrum 81, die deutsche Volkspartei 45, die Nationalsozialisten 11, die Deutschdemokraten 27, die Wirtschaftspartei 11, die Deutsch- Hannoveraner 6 und di« na tional en Minde rh e i t e n 2 Mandate. Wie Gustav Landauer ermordet wurde. Der Dichter Emst Toller, den die bayrie „Rechtsorvnuns," ins Gefängnis gesteckt hatte, es nicht mehr recht anging, ihn zu erschlagen, schildert im der MMbühne" ine Vorgänge bei der Ermordung Gustav Landauers im Mm 1919 nach Bevichben von Geffährten der letzten Stunden des Mannes, dessen .P^ettignnä' ewige Schmach für Deutlfchssamd bedeutet. Rach den Berichten dieser Gewährsmänner wurde Landcmier buchstMlich gefoltert, und die letzten Worte, die er seinen Mördern mtitieif, lauteten: „Erffchilagl mich doch! Daß Ihr Menschen seid!* Der van Doller wredsvgegelbene Bericht lautst: ES war am Abend des 1. Mai 1919, als im Amtsgerichtsgefängnis in Starnberg, wo die am Tage vorher nach dem Einzug der Weißen Garden verhafteten Arbeiterräte von Starnberg untergebracht waren, großer Lärm und Spektakel vermuten ließ, daß wieder ein Schwerverbrecher eingeliefert worden sei. Es War dies, wie wir nach einiger Zeit erfahret konnten, Gustav Landauer. Er war außerhalb Münchens verhaftet worden, und da er Wohl infolge des Kampfes um München nicht gut dort eingeliefert werden konnte, nach Starnberg gebracht worden. Nachdem wir uns am anderen Tage in der Frühe hatte begrüßen können, fragten wir Landauer, wie er eigentlich über die jetzige Situation denke. Landauer meinte, nachdem wir unsere Befürchtungen, welche spater leider allzu wahr gemacht wurden, geäußert hatten, diese Erregung werde sich in einiger; Tagen wieder legen. Wie sehr er sich darin getäuscht hatte, sollte sich bald an ihm selbst zeigen. Am 2. Mai, ungefähr 10 Uhr früh, kam der-Gefängniswärter und rief die Namen: Landauer, Mayer, B u r g m e i e r, S a l z' i n n. . Als wir in das Anfnahinezim, c kamen, wurde uns gesagt, daß wir sortlcimen, aber r *4 wohin. Wir vier Mann wurden von fünf Weißgardisten mit aufgepflanztem Seitengewehr zu einem in der Nähe stehenden Lastauto eskortiert. Wir mußten das Auto besteigen, dann ging es los, durch den Forfterrieder Park nach Stadelheim, wie uns die Weißgardisten sagten. In Fürste'nried, beim Gasthaus Krenzstraße, wurde zum erstenmal Halt gemacht. Hier waren große Truppenmassen und anscheinend ein Hauptkommando. Die Soldaten, welche von uns drei Arbeiterräten nicht viel Notiz nahmen, waren an Landauer sehr interessiert, wollten abwechselnd immer auf das Auto steigen. Landauer muß hier schon das Gefühl gehabt haben, daß die Geschichte schließlich schief gehen könnte, denn ich hörte, wie er zu dem Führer der Begleitmannschaft sagte: „Herr, schützen Sie mich." Worauf der, soweit es in seiner Macht lag, die Soldaten vom Wagen fernhielt. Hier wollte Landauer, welcher anscheinend in der Nähe von Fürstenried verhaftet worden war, seinen Rucksack, den man ihm abgenommen hatte, wiederhaben. Er ersuchte den Führer, sich darum zu bemühen, was dieser auch tat. Nach einiger Zeit kam ein Offizier aus dem Gasthof und erklärte: „L a n d a u e r b e k o m m t seinen Rucksack nicht." Endlich ging es weiter nach Solln, wo die Begleitmannschaften Essen faßten. Stuf meine Klage, daß wir ebenfalls Hunger hätten und heute Wohl nichts mehr zu essen bekommen würden, gaben uns die Soldaten Brot. Ich gab auch Landauer davon. Was er mit Dank annahm. Auch eine Zigarette bot ich ihm an, welche er rauchte; dabei klagte er, daß ihm sein Rucksack nicht ausgehändigt worden war, in dem sich Zigaretten befänden. , Bon Solln kamen wir nach dem Sendlinger Oberfeld, bis vor eine Fabrik, wo uns bedeutet wurde, daß wir nicht mehr weiter fahren könnten. Es wurde hier noch gekämpft. Wir mußten über das freie Feld nach Stadelhenn gehen. Dabei wurden wir von den zur Stadt ziehenden Truppen fast nicht beachtet. Das Bild änderte sich, als wir nach Stadelheim [ fontp». ging der Teufel los. Rufe wie: „Den Lani.u. Dezember 192* L«>le 2 Stresemann hat wieder geschwindelt. Paris, 9. Dezember. (Tel.-Komp.) In der Kammer rich> tele der Ab>g. Klotz eine Anfrage an den MmistechrWenten. Er knüpfte an eine Erklärung Dr. Stresemanns an, wonach die deutsche Zahlungsfähigkeit nach zwei Jahren überprüft werden müsse, mib fragte, ob auch der D a w e s - P l a n ein Fetzen Papier sei. H e r r i o t erwiderte, es genüge demgegenälber, ans den Plan der Sachverständigen zu Vetüvesten, der die Zahlnngsfähiigkölt Deutschlands und die Zahlungsmodalitäten festsetze. Deutschland habe sich verpflichtet, den Plan zu erfüllen, und könne lediglich Aenderungen in der technischen Ausfükhr-ung des Planes verlangen. Neider die Tragweite des .Daives- Planes könne somit kein Zweifel bestehen, Der Abg. Klotz erklärte pich dort den Ausführungen des Ministerpräsidenten bosriMgl. Ar Kölner gone. Kein« Räumung am 10. Jänner. Rom, 9. Dezember. Nach einer Mitteilung der Agentur Dolta soll der französische Ministerpräsident H e r r i o t von C -h a m b e r l a i n bei dessen Durchreise durch Paris unter anderem verlangt haben, die Engländer mögen über Veit 10. Immer hinaus die Kölner Zone besetzt hallten, ftncnt'vgstens so «lange, bis Frankreich das Ruhr gebiet räumte.. Ehamberlam halbe erwidert, England mache freundschaftliche Versprechungen fiir eine einträchtige Löstu^ dieser Frage. Hainisch—wieder BuudesvrSstdent. Di« Bundesversammlung — bestehend ans sämtlichen National- und BuMsräten — hat gestern den bisherigen Bnndesprasidenten Dr. Michael Hainisch wiedergewählt. Von den 215 Mitgliedern der Bundesversammlung (165 National- und 50 Bundesväten) beteiligten sich 201 an der Präsidentenwahl. 111 Stimmen entfielen auf Dr. Hainisch, 96 Stimmzettel waren leer. Die Sozialdemokraten hatten leere Zettel abgegeben. Da jedoch nur 85 sozialdemokratische Mitglieder des Bundesrates anwesend waren, dürften auch einige unentwegte Atttisennten unter den Christlichsozialen, die sich daran stoßen, daß die Gattin des Präsidenten ein« geborne Figd or und daher jüdischer Deszendenz ist, durch Abgabe leerer Stimmzettel gegen Dr. Hämisch demonstriert haben. * Nach der Wähl wurde Dr. Hainisch iit die.Bundesvevsa-minlmtg emgeholt und leistete das in der Verfassung vorgeschriebene GeUbnis. Dann hielt noch der Vorsitzende, der Sozialdemokrat Emmerling, eine kurze Ansprache an den wiedergewählten Bundespräsidenteu -und schloß mir ' einem Hoch auf die Republik, in -das die ganz« Bundesversammlung, Dr. Seipel und die anderen Repo blikaner, -miteinistimwt«. * Abends empfing Dr. Hainisch die Mitglieder der Regierung und der Bundesversammlung. Bundeskanzler Dr. Ramek.hielt eine Ansprache an den Bnudespräsidenten, in der er unter anderem sagte: „Hochgeehrter Herr Buindespväsident! In Ihre erste Amtsperiode siel nach Tagen schwerer Sorge um den Bestand unseres jungen Staats-Wesens jene schicksalsschwere Wendung, di« unseren Staat aus eigener Kraft und im Verein mit der Hrlssbereitschast des Auslandes in naher Zeit aus -der Not wirtschaftlicher Erschöpfung an das Ziel bau er, den Landauer bringen's! Schlagt sie toi, die Hunde!" wurden laut. Von einer Rotte Soldaten in die Mitte genommen, vorwärts geschoben und gestoßen, kamen wir vor das Aufnahmezimmer. Hier wurde Landauer ein heftiger Stoß oder Schlag versetzt, daß ihm seine Gläser heruntersielen. Dann ging die Schieberei wieder los. Unsere Personalien wurden nicht ausgenommen, und wir kanten vor die Tür zum „Frauenhof". Hier wurde Landauer, nachdem er etwas über den verfluchten Militarismus gesagt hatte, von einem Soldaten wieder ein heftiger Schlag mit der Hand ins Ge sicht versetzt. Worauf Landauer erklärte, er meine auch den Militarismus der roten Armee. Hier soll ein Offizier gerufen haben: „Halt, Landauer wird sofort erschossen!" Ich sah nur, nachdem wir bis in die Mitte des Hofes gedrängt worden waren, wie ein großer starker Mann unfern Genossen Landauer mit umgekehrter Reitpeitsche (kann auch ein G u m m i k n ü p p e l gewesen sein) ins Gesicht schlug, worauf Landauer mit der Hand vor dem Gesicht stürzte. In diesem Augenblick kam ein Soldat an uns drei Arbeiterräte heran und sagte, wir sollten ihm folgen. Da krachte ein Schuß, dem, als wir durch das Tor von dem kleinen in den größeren Hof gingen, ein zweiter folgte. Ich hörte, wie der Führer der Begleitmannschaft (welcher, nebenbei bemerkt, atlständig war) noch sagte: bis hieher hätte er seinen Auftrag erfüllt — nun sei er aber machtlos gewesen. Wir drei wurden von jenem Soldaten und. einem Aufseher durch eine Pforte außen an der Mauer von Stadelheim wieder nach dem Aufnahmezimmer geführt, wo unsere Personalien ausgenommen wurden. Als wir bei dem Gang nach dem Neubau durch den kleinen Hof mußten, lag unser armer Landauer t o t in dessen Mitte. Einer der Soldaten sagte: „Da liegt er jetzt, euer Spezi."