Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2085 (9.12.1924)
- Date
- 1924-12-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2085 «5M, 2**« ---- — .- ■■ —"— ' " "-7 ' --- — - Friede mit Panama! Der vergessene Friedensvertrag zwi'chen Oesterreich und Panama. London, 8. Dezember. (Havas.) Me die „Dimes" melden, hat die RepMik Panama infolge Kiemllich seltsamer Umstände erst setzt dem Kriegszustand mit Oesterreich ein Ende gesetzt. Ms Signatamlacht des Vertrages von St.-Germain hatte Panama seimrKeit die diplomatischen Dokumente, darunter auch den Vertrag, erhalten. Ein Beamter des Außenministeriums hatte hie Dokumente in die Schublade getegt, woselbst sie in Vergessenheit gerieten. Bei der jüngst erfolgten Aenderung des Personals des MnPerrmns und der Säuberung der RäumUchkeüterv entdeckte ma>n -zufällig den Vertrag. Das Ministevium hat, als es hiervon Kenntnis erhielt, das Dokument sofort der NatioMvevsammliung unterbreitet, die es dann ratifizierte. _• Aus aller Wett. Paris, 8. Dezember. (HavaL.) Der fronMilsche Ober, koamnissär m Syrien, General Weygand, G zum Ritter deS Gvoßkrenzes der Ehrenlegion ernannt worden. London, 8. Dezember. (Tsl.-Komp.) Wie aus Peking gemeldet wird, ist Sunhatfen bei seiner Rückkehr aus Japan in Tientsin schwererkrankt. Belgrad, 8. Dezember. (Tischech. Preß-Bur.) Der amerikanische Vizekonsul Dayton,.welcher seine Geliebte ermordet und sich dann angMossen hat, ist den erlittenen Verletzungen erlegen, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. ’ Belgrad, 7. Dezember. (Avals.) Ans der Strecke Veles —Schtip -st gestern ein Zug entgWst. Hierbei wurden 15 Personen, darunter sechs schwer, verletzt. Der UngWckSfall wird dem verbrecherischen Anschlag ausvührerrscher Elemente zugeschrivven. Die Untersuchung ist eingeleitet. Kopenhagen, 8. Dezember. (TÄ.-Komp.) Der schwedische Danchser „Siri", der nach London unterwegs war, ist in der Nähe des Skagerrak vollständig verbrannt. Die Besatzung ' wurde von zwei deutschen Dampfern gerettet und nach Göteborg gebracht. _ Tagesbericht. Die Aelkur. 1. Methodus per nauseam heißt der medizinische Terminus für eine Heilmethode, die durch einen künstlich hervorgerufenen Ekel bis zum Brechreiz den kranken Menschen kurieren will. Die Ekelkur, ein Heilverfahren längst vergangener Zeiten, wird heute von keinem Arzt mehr angewandt. Das Verhängnis wollte es, daß die heutige Gesellschaft, durch allerhand greuliche Ereignisse moralisch schwer genug belastet, nunmehr auch noch gezwungenermaßen eine Ekelkur durchmachen muß. Der Ekel steigt, der Ekel schwillt, und verdrängt alles Grauen, das ansonsten die bestialische Tat eines entmenschten Ungeheuers umhüllt. In jüngster Zeit löst ein forensisches Drama das andere all und höllische Untiefen greulicher Scheusale tun sich auf. AuS teuflisch-öden Menschenhöhlen grinst uns ein Gespenst cm, in seinem Uebermatz so grauenvoll ungeheuerlich, daß wir darob weder Grauen noch Entsetzen, daß wir darob nur noch grauenhaft-entsetzlichen Ekel empfinden können. 2. Zu einem Haarmann, zu einem Angerstein steht selbst ein Landru noch in Distanzweite. In das abgründige Dunkel solcher Verbrechen vermag keine Psychologie und keine Psychoanalyse hinabzuleuchten. Selbst dre Phantasie kann da nicht mitgehen, denn hier ist etwas unausdenkbar Furchtbares Ereignis geworden. Die Sprache aber ist zu menschlich, um für solche Entmenschtheit die richtige Bezeichnung zu finden. Man hilft sich in der Regel in solchem Falle, indem man von Vertiertheit spricht. Und tut damit, wie es scheint, den Tieren nur, unrecht. Solcher widerwärtigen, widernatürlichen Grausamkeit ist das Tier gar nicht fähig. „Versiertheit" ist ein Notwort, womit die menschliche Gesellschaft die Entmenschten von sich abschüttelt. Noch ein'anderes Wort steigt auf, ein Wort, bei besten KlMg sich zum Entsetzen der Ekel gesellt. Nämlich: das Wort „Blutrausch". Ein unheimlich grauenhaftes Wort! Er erinnert an etwas, woran man nicht gern erinnert sein möchte. Es erinnert an Jahre, in denen der ganze Erdball in einem Blutrausch versank. Ist dieser Bazillus noch immer nicht ganz vertilgt und wirkt er noch heute in vereinzelten, entmenschten Individuen nach? Vtzr wissen es nicht. 8. Steht ein menschliches entmenschtes Ungeheuer in solch unbegreiflicher, kaum vorstellbar gewesener Furchtbarkeit vor uns, so sträubt sich unser ethisches Empfinden, den indischen Weisheitsspruch: Tat twam assi (das bist du!) anzuerkennen. Nein, nein, das bist nicht du, das ist auch nicht ein anderer, sondern ein völlig anderes, das ist etwas, was wir nicht kennen, was wir nicht einmal zu benennen vermögen. Das steht, ganz abseits von alledem, was wir der Bestie im Menschennoch zutrauen. Deshalb graut uns nicht davor, wir sind darüber nicht entsetzt; wir empfinden nur einen unbeschreiblichen — einen namenlosen Ekel.' Die Furcht als Wirkung, die vom Drama ausgeht, vermag eine Reinigung von den Affekten hervorzubringen. Kann dies auch der Ekel? Wir wollen es annehmen. Es wäre schrecklich, zu denken, die Ekelkur, die bic? Gesellschaft beute durchmacht, würde nicht irgendwie auch nöch eine Katharsis bewirken. S. Meisels. wiener Moraenzerrung. r». ArrFvnvvrriw* vnre. o Das höchste WeihnachtsglUck für gross und klein Ist der neue BAUKASTEN 65.000 Kronen WEIHNACHTS- WETTBEWERB I. Preis 100 Millionen bar II. Preis 25 Millionen bar III. Preis 10 Millionen bar und HO weitere Preise für originelle und fleissige Arbeiten Die interessanteste u. lohnendste Weihnachtsunterhaltung Ausstellungen in den Warenhäusern Gerngfoss und der Göc — Auskünfte Ingenius Ges. m. b. H., Wien, I. Schillerplatz 4 Haarmann vor Gericht. Hannover 8. Dezember. (Wolfs.) Zu Beginn der heutigen Verhandlung wurde Landesgerichtsrat Sch äker, der die Voruntersuchung gegen die beiden Angeklagten geführt hat, als Zeuge einvernommen. Er verwies auf das verschiedena.rtige Verhalten der Angeklagten bei ihren Aussagen. Während Haarmann bei seinen Angaben verblieb, habe Grans seine Aussagen geändert. Kriminalinspektor Lange schilderte den Untersuchungsplan seit dem ersten Schädelfund und erklärte, daß Haarmann mit der Polizei nichts zu tun gehabt habe. Bei seiner Einvernahme beklagt sich Haarmann darüber, daß seinem Wunsche, den Pastor holen zu lasten, der ihn konfirmiert und dem er alles gestanden habe, nicht stattgegeben worden sei. - Sachverständiger Professor Lachts berichtete über die Untersuchung der Blut spuren. Professor Fl ei se (Güttingen) erklärte bezüglich der' Untersuchungen des bei Haarmann gefundenen Fettes, dieses sei größtenteils animalischen Ursprungs gewesen. .Um 1 Uhr mittags wurde eine Pause angeordnet. 8in Mischer Kolonist in Palästina ermordet. Jerusalem, 6. Dezember. (I. T. A.) In der Nacht des 2. Dezember wurde ein junger jüdischer Kolonist namens Fischerin der Nähe der Kolonie Rechoboth in Judäa ermordet oufgefunden. Die PoÜzei nahm vie Nachforschungen auf. Am 3. Dezember wurden.zwei Araber unter dem Verdachte der Ermordung Fischers in Haft genommen. Die Affäre von Afirleh. Aus Jerusalem berichtet I. T. A. Am 3. Dezember wurde die Pflügearbeit bei Afuleh im Tal Jesreel, die durch den Angriff der Araber am vergangenen Freitag unterbrochen wurde, wieder ausgenommen. Wie erinnerlich, hat ein Trupp Araber die auf dem Felde beschäftigten jüdischen Arbeiter angegriffen, wobei es zu einem Kampfe kam, in dessen Verlauf ein Araber durch einen Schuß getötet wurde. Die Araber behaupteten, daß das Feld arabisches E i g e n t u m sei. Das Feld gehörte aber der amerikanischen Sion Commonweath und der'Gesellschaft Meschek. - Die palästinensische Regierung ließ die Arbeiter wissen, daß sie das Land als jüdisches Eigentum anerkennt und die Arbeiter mit allen Mitteln schützen werde. Es wurde angeordnet, daß jeder Araber,. der versuchen wird, die Arbeit zu stölren, verhaftet werden wird. , Am 3. Dezember fand vor dem Gericht in Tel-Awiw eine Verhandlung gegen fünf Mitglieder der linkssozialistischen Partei Frakzieth Hapoelim und drei Mitglieder deallgenieinen Aebeiterverbandes Histadruth Haovdim wegen Störung der öffentlichen Ruhe statt. In den Straßen von Tel-Awiw kam es zwischen Mitgliedern der beiden Gruppen in Verbindung mit der Affäre in Afuleh zu einem Streit. Eines der Mitglieder der Frakzieth Hapoelim wurde zu zwei Monaten Gefängnis und nachfolgender Landesverweisung.verurteilt; die übrigen Angeklagten erhielten je eine Äüoche Gefängnis. Sir Samuels Sohn ulr Gouverneur. DaS in Jaffa erscheinet Organ der arabischen Anttzionvsten, „Felestin", brachte kürzlich zur Überraschung seiner Leser eittptt Loöartikel über die hervorragenden Leistungen E dtoi« Samuels als Gouverneur von Ras-Allah. Der Schreiber des Artikels ist der angesehene Bürger von Ras- Allah Muisa Chalil, der die talwolle Energie und Initiative des jüdischen Gouverneurs, dem es gelungen sei, in der kurzen Zeit seiner Amtstätigkeit aus dem früher so vernachlässigten Land ein Paradies zu gestalten, hervochob. Er ließ Straßen bauen, förderte die Anlage von Pflaum,gen, schuf eine rationelle gewinnreiche Bienenzucht, errichtete Schulen und ist der Schöpfer sonstiger wertvoller Einrichtungen. Denselben Fortschritt weisen auch die zum Gouvernement Edwin Samuels gehörenden zahlreichen Dörfer auf. Edwin Samuel ist erst sott einem halben Jahre Gouverneur von Ras-Allah. Borden: war er Gouverneur von Ramleh. Seine amtliche Laufbahn in Evsz Israel begann er als Sekretär des Gouverneurs Storrs in Jerusalem. Edwin Sa Miel ist der zweite Sohn des Obevkmn-missärs Sir Herbert Samuel. Steiger im Gefängnis erkrankt. Aus Lember g berichtet I. T. A.: Der jüdische Sttldent Stanislaw S t e i g e r, der beschuldigt wird, ein Bombeilattentat auf den polnischen Staatspräsidenten Wojciechowski während dessen Anwesenheit in Lemberg versucht zu haben, ist im Gesängnis erkrankt. Gegenüber der Meldung, daß der Prozeß gegen Steiger, der anfangs Dezember hätte stattfinden sollen, auf den kommenden Februar verschoben worden ist, erklärte tzer Untersuchungsrichter Lutka, daß es überhaupt noch nicht feststeht, wann der Prozeß stattfinden wird, da die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Me erinnerlich, hat das Kriegsgericht, das gegen Steiger verhandelte, die Bechandlung abgebrochen, da kein Beweis dafür vochanden war, daß Steiger die Bombe geschleudert hat, als die Aussage einer hysterischen und übel beleumundeten Frau, die sich überdies in starke Widersprüche verwickelte. Sk« Lrehfnr-Mmvier gestorben. Dr. H. Louis Israels, der Neffe von Josef Israels. Am 1. Dezember verstarb in Anffterdam, wie I. T. A. berichtet, Rechtsanwalt Dr. Hermann Louis Israels im Alter von 68 Jahren. Israels war ein Nesse des berühmten jüdischen Malers Josef Israels. Dr. Israels war durch feine Stellungnahme in der Wäre des -unschuldig verurteilten Kapitäns Dreysus bedeutsam hervorgetreten. Er war zur Zeit der „Wäre" Rechtskonsulent der Niederländischen Gesandtschaft in Paris. Zugleich war er Pariser Korrespondent des Amsterdamer „Mgemeen HandelMad". Er schrieb seinem Blatte täglich auffehmervegende Artikel, in welchen er sich für die Unschuld Dreysus' einsetzte und die französische Regierung angriff. Die französische Regierung.verwarnte ihn und drohte ihm mit der Ausweisung aus Frankreich. Die Niederländische Gesandtschaft sah sich infolgedessen gezwungen, ihn ans ihrem Dienst zu entlassen. Israels aber verfocht mit nngeschwächter Leidenschaft seinen Äandpunkt. Im Jahre 1911 erhielt ober Israels von der frairzöfischen Regierung eine G enuigtuung. Bei Gelegenheit des Besuches des Präsidenten Fallieres in Amsterdam wurde Israels mit den: Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet. Israels nchm auch regen Anteil am jüdischen Leben. Er war Mitglied des Vorstandes des niederländischen Israelitischen Konsistoriums und der niederländischen Miance Jsvaelite Universelle. Eine HundertsechrWrige sucht einen paffende« Friedhof. In dm jüdischen Blättern Pollens macht jetzt die folgende Geschichte die Runde: Bor kurzem tauchte in P o d b r o d z i e eine Fuihre aus, auf welcher eine Greisin m'rt vergMem Pergamentgesicht saß. Neben ihr lag ein Grabstein, auf dem zwei hebräische Worte: „Po nitmenoh" (hier liegt begraben . . .) eingraviert sind. Sonst ist der Grabstem noch leer. Der Wagen Mt vor der Türe eines Juden.. „GM es bei euch hier einen würdigen, reichen Friedhof?" fragte die Me. ,>Wozu wollen Sie das wissen, Grohmütterchrn?" „Wozu? Vielleicht steche ich unterwegs." Und dann erzählte die seltsame Reisende: ,^Jch bin 106 Johre alt rmd habe eine Tochter in K o w n o. Ich habe sie schon lange nicht gesehen, da erfaßte wich eine -unbezwingbare Sehnsucht nach meinem Kind und ich mietete einen Wagen, um mich gegen Bezahlung einer nicht rmbeträchtlichen Anzahl von Dollar nach Kowno zu bringen. Mit der Eisenlbahn Mg ich nicht fahren, mit der Fuhre ist es sicherer. Die Reise macht mir keine Beschwerden, nur die Furcht, ich könnte stechen, ehe ich mein Ziel erreicht habe, will nicht weichen. So habe ich mir denn, ehe ich die Reise zu meiner Tochter antrat, den Grabstein bestellt rmd komme ich in eine Gemeinde, so ist meine erste Sorge, ob sie ebnen passenden, würdigen Friedhof besitzt. Man kann ja nicht wissen! Unsereins hat ja der Tod rasch ersaßt, da möchte ichj doch erst wissen, wo ich zur Ruhe kommen soll ... Ist dev 8