Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2084 (7.12.1924)
- Date
- 1924-12-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I Wette 6 Wien, Sonntag Wiener Mors^nzettung. 7. Dezember 1921 Nr. 8034 Z. 3. Merbnsch Zu seinem 70. Geburtstag. -i« ectennte hebräische Schriftsteller D. Z. Lilber«- 5 u s ch «begeht am 7. Degomber seinen siebzig st e n Geburtstag. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts rm ga>Uzifchen Städtchen Zaleszezyki gclbvreu,. be«lve.gte sich.seine geistige Entwicklung in denselben Dahnen, wie die Entwicklung der. meisten gallischen hebräischen Schriftsteller jener Zeit. Er widmete sich zunächst fast ausschließlich talnuvdijchen Studien und erst in reiferem Alter begann er, in die .profane" nenhebräiische Literatur sich zu vertiefen und gleichzeitig auch srmnde Sprachen und fiwmide Litcratnren zu stn-dieren. Durch außerordeirtlichen Fleiß und hingebungsvolles Studieren gelang es chm, sich rasch ausgobreitete Kenntnisse und einen ansehnlichen Grad von Wissen zu erwerben, und dank seiner starken BegabrMg war cs chm möglich, sozusagen im Sprunge mit in die erste Reche der da- ■ maligen hebräischen Schriftsteller zu treten Er detbütrerte rm i Jahre 1877 mit einer Novelle ,Aumach Ahabhah", dieser iu der damals von Pcrez Smolensky heransgegetbenen 'hebräischen Wochenschrift „Hamabit" veröffentlichte. In rascher AufeinarÄerfolge erschienen dann in den verschiedenen hebräischen Zeiturtigen und Zeitschriften Novellen, Feuilletons und literarische Aufsätze ans seiner Feder. Silberbusch war nacheiuallder ständiger uicd redaktioneller Mitarbeiter der angesehenen Zeitschriften „Hator", . „Hajahadnrh", ,rn«d zuletzt des „Haschachar" und gab selbst eine Zeitrang in Lemberg eine hebräische Monatsschrift heraus. Bon seinen größeren Erzählungen ist der im Jahre 1688 erschienene -Roman „Dirnach Aschickim" wohl das bedeutendste Werk, das Srlberbusch geschrieben; dieser Roman, dessen Handlung in der .Zeit der Judenverfolgungen in Rußland spielt, besitzt neben steinern literarischen auch einen kulturhistorischen Wert. (Das «Werk ist kürzlich im ersten Band der gchannnelten Schriften voa Silberbusch in zweiter Auslage erschienen.) Wiewohl einer 'aus der alten Schule, und zwar der besten einer, der mit Brandes und Brandstätter ein Trifolium bildet, ist Silberbusch nicht;m der alten Richtung stecken geblieben; er har vielmchr mit beiwunderAoerwm Geschick eine Wandlung von der hebräischen «Klassik zur Moderne durchgenracht. Bon dieser Wandlung legen ifcirtc letzten Erzählungen, namentlich die mit Temperament und .Iugendfrssch. geschriebene Kriegsnovelle „Ma'assch b'ischah achatch" beredtes Zeugnis ab. Zu erwähnen wäre ferner, daß Sllbevbnsch auch in jiddischer Sprache eine Reihe lesenswerter Erzählungen veröffentlicht hat; die in den Kriegsjcchron erschienenen „Strechalech" sind sein rifelierte Kabinettstücke jiddischer Erzählungskunst. Silbevbusch ist ein glänzender Stilist, der sowohl die hebräische wie die jiddische Sprache mit außerordentlicher Fertigkeit meistert. Wie wir erfahren, ist Silberbusch jetzt mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigt. Das verspricht ein ungemein interessantes Buch zu werden. Denn Silbechusch stand zwischen zwei Epochen, er hat die letzte Phase der kampferfüllten Haskälah-Zeii im Osten, und die ganze Entwicklung der jü- ,dischnationalen Bewegtmg im Westen mitevlebt. Er kennt die «politischen, sozialen und kulturellen Strömungen im Judentum de» vergangenen halben Jahrhunderts. Er war mit Iehoschua Hefchl Scharr befreundet, mit Rüben Ascher Brandes eng verbunden, er ist mit Perez Smolensky eine Strecke Weges zusammen gewandert, hat dann später iu Wien mit Rüben Breiuin gemeinsam gewirkt und hat schließlich, teilnehmend und mitwirtend, die ganze Entwicklung der zionistischen Bewegung von Pinsler bis Herz! durchgamacht und miterlebt. Ein solcher Mann hat was zu erzählen.. Seine Denkwürdigkeiten werden sicher zur Kulturgeschichte des Judentums, insbesondere aber zur Geschichte der Juden in Äaliz.eu wertvolle Beiträge liefern. Wir wünschen dem Schriftsteller D. I. Sikberbufch, der nunmehr in das biblische Alter euurttt, daß es ihm vergönnt sein möge, noch lange Jahre mit ungcschwächter Straft im Dienste der hebräischen Literatur zu wirken lind zu schassen. . M. Her Puls der Krise. Besuch beim Wiener Exekutionsgericht. Bon Egon Dietrichsteix Die wirtschaftliche Krise frißt, vorläufig noch Mige-- hem-ütt, weiter. O'o die Devcsitenbank irgondwie erhalten bleiben «lvird, ist noch immer ein ' gänzlich «ungeklärtes Rätsel. 'Auch die Zuflucht zum Ausgleich, die Ausrede-«der Zählungsumsähigteit ist geradezu' mo-deyngeworden, umd wie cs isrücher eine Äonstmkrur der Hausse, der Inflation gab, gibt es eben heute eine Koni.u-nkt.ur des Falliments. Die Kridatare wollen verdienen, die „Ausgleicher" 'wollen verdienen. Bankdircktoreri, Kauflcute, Chefs der großen und größten llitteruefymitmceu haben bereits zur Zeit eines — allerdings nur ihnen bekannten .— Niederganges durch eine mit alten Raffinements des Luxu-s ansgestattete Lebensführung fremdes Geld k-onfunuert, Schaden über Schulden aufgehäu'st und gleichen sich nun ans — auch mit dem Strafgericht. Diese österreichische Spezialität, nach der schließlich -der Redliche, der Gläubiger, -der Vertrauensselige (nicht Leichtsinnige), als Opfer zugrunde geht, wäre nicht möglich, wenn wicht die Behörde — allerdin.as durch das Gesetz unterstützt — den geradezu verbrecherischen -Schuldner' schützte. Ebenso wie die Staatsanwaltschaft Cästiglroni nicht erfassen konnte, erfaßt das Gericht nicht die Forderungen der Gläubiger. Man muß. um dies leibhaftig zu sehen, ins Wiener Exekuiwns'gericht gehen, wo. der Puls >der Krise schlägt. Man sieht hier am hellichten Tage einen Skandal. Es 'braucht dcv'bei nicht uutersir cht zu werden, o-b die Beamten wirklich so überbürdet sind, daß-diese Mißstände nicht ^befestigt -werden «könnten. Es braucht nicht n-nters-ucht . zu tverdem, «weil selbst der Mangel an Arbeitskräften keim: ,; dis nra.jor wäre und die Justizverwaltung 'bei der Uäber- : fülle überflüssiger Staatsbeamter in allen möglichen übcr- Mis-iaen Ressorts, die nur unterbalten weÄen^ «uw Menklxi.xllien 068. IN. d. R Pelz-jacken von K 1,500.0» Kanin-Mäntel .von K 1,950.000 Seal - Electric- Mäntel ----- - von ■ -■ K 3,600.000 N erz-Murmel-Mäntel von 17,500.000 Persianer-Mame? von - K 21.000.0W Verbrämungst'eile-fon K50.000 sowie reichhaltigste Auswahl von Mänteln und Jacken, Chinchilla, Breitschwanz, Zobe'feh, Nutria, Astrachan, Kolinsky, Sealbisam,Foh enYfernerWÖlfe, Füchse, Stolen etc. zu tief reduzierten Preisen Sämtliche Jacken und Mänter sind durchwegs Modelle 1924—1925 aus bestem Material in feinster Ausarbeitung MMMZ'W ‘ üC>yX >.|f’ säüap** schon zu versorgen, ganz einfach diese untätigen Kräfte A. die Rte'mergasse zu kommandieren braucht. ES ist bei .den gegenwärtigen Verhältnissen im Wiener Excikntionsgericht vom besonderen glüMchen Fällen abgeseilptt — dem ^tretbendeu Gläubiger uinmöglich, eine Exekutiom durchzu'fühven. Die wirtschaiftliche Lage ergibt, daß die auHhaistenden Forderungen ständig anwachsm, und sie ergibt ferner, daß fre schwer,^ zmn großen Teil «gewiß auch bei schärfstem Vorgehen uneinbringllich si«nd. Aber die Wirtschaftslage «bdweist auch, daß dom ibetreibenden Gläubiger, der bereits ein vollstreckbares Urteil erreicht hat, alle Mittel gegeben werden müssen, um Exekution zu führen. Es drohen Ausgleich und Konkurs. Där Schuldner, w-ivd meist von zahlveichsn «Gläubigern bedrängt; er hat durch raffinierte Winkelzüge den Gläubiger durch Jahre hinkte gichen vermocht, bis der Betveibende schließlich das Urteil evwirkt. WaS' geschieht nun? Wird dem GHMger endlich dazu verholfon, sein Recht geltend zu -machen? Nein, dom Schuldner wird weiter geholfen. Er wird geschont durch das Gesetz und durch die faktischen VechÄtnisie, tarn denen die folgende Schilderung einen entfernten Bogviff gsbon soll. Mehr fft nicht möglich. Die Schilderung bleibt hinter . der WiMchkeit, die nur der arme GiLMger erleben, «und erfahren kann,' zurück. Zwei Stunden des Tages, von 10 bis.12 Uhr, eine an sich ungenügende Frist, werden ‘ Anmeldungen von ^rekutionen angenommen. Die Rechtsuchenden drängen sich in den Kanzleien wie beim Somtenthal-Jubilauim im alten Burgtheater. Die Vollstveckungsorgane siud^ mit Exekutionen Äberhäust, sie. haben vielfach wohl wirklich keine Zeit frei und muffen aus diesem Grunde die Anmeldung ablehnon. Aber ihre Sympathien stehen -7wie ungerechtfertigt, wird noch später «gezeigt werden — aus fönten des Schuldners. Sie Ämtern .flfr: Gehen S', er hat ja eh nix! Der arme Tsuisel... Es ist ja ch umsonst... Was «wollen S' denn von «ihm holen?... Am Sanrstag? Gehn S', geben S' «doch am Samstag Mchmittags „Ruh". Rechtsanwälte, Betreibende, führen einen schweren Kampfs mit. den Organen «wns Recht. Scheinbar hat der Gläubiger gssiegt. Er «wartet m der' Exekutionsstätte... Das bestellte Organ erscheint nicht... entschuldigt sich am nächsten Tage mit Ueterbürbung. Beschwe-rde? Was antwortet der Beamte wohl: Bitte, «machen S' eine Beschwerde! Nur recht viele Beschwerden, ckber gleich ans Iusiizministermm! Melleicht wird es dann besser! Vielleicht bekommen »wir dann Beamte. . Die Beschwerden häufen sich zu Stößen. Nach joder Beschwerdesingabe geht der Mt ans Obergericht «und da's Verfahren wnd überhaupt unterbrochen. Wer Tug, fft, überlegt es sich «daher — wie beim alten Militär —, «mit Beschwerden. vvMgchen. Syndikatsklagen? Man üvoiß, wie kostspielig, wie schwer, wie aussichtslos sie sinch. An den alten österveichffchen FÄdwebel erinnert auch die Umgangssovm. Man sucht die Parteien -durch Gvobheit, abMschvecken. Vielleicht gewöhnen es sich die'Parteien endlich doch vb, ihr Recht zu suchen... Diese Querulanten, die ein dutzendmal bei Gericht erscheinen, um einen M einznsehen, der immer wieder «nicht auffiMar fft, die wie das liebe Vieh van einer Kanzsei in die andere gehetzt werden... Da fft eine Mutter, die um ihre Mmente kämpft, sie hat den Prozeß gewonnen, dem Anwalt Vorschuß erlegt, sie verhungert mit ihrem Kinde, «muß es am Stunt ins Gedränge mitnehmen. Berli-evt täglich Noch Arbeit, Zeit. Mele Vormittage. Immer fft der M nicht da. Immer wieder schiebt der durch den Widerstand de's Gerichtes bsgünstigte Vater die Versteigerrmg hinaus. Die Frau bekommt weiter keine Mmonte. Sie kam vorher zugrunde gehen. Fiat juistitia! Ein anderer fft glatt betrogen worden. Der Betrüger sitzt iw La-ndesgericht. Er hat hohe Kosten bewrts erlegt. Er kann die Exekution'nicht erreichen. Einen Dritten hat ein Betrüger so lange hingezogen, bis er sich eine,m „unbekannten Sluifonchalt" zuwende-n konnte. Die Aufstellung der Verst«eigeuu«ngsbewilligu.ng kam daher Mück. Der Betrogene anuß einen Kurator bestellen. Und wieder «werden Wochen verstreichen, werden neue Kosten cmflaufen, um die der Betreibende schließlich geprellt, wird. Einem Vierten hat das Gerichtsvevfahren seine Rechte so lange verschleppt, bis der Schuldner schließlich die reichliche Ge-, 'tegenhoit ergriff, die Pfänder beiseite zu schaffen. Wrzeigen wegen ExekuiionsvereiHung? „Aber dwnn msißtvn wir ja alle Akten an «das Strafgericht abtveten!" Wie offenherzig ist «doch der Beamte. Die fsnti«mentall'e Erinnernng an den wucherischen Shylok, welcher «der armen Pfvündnevin das Bett «wegträgt, an die harcherzige Bestie, die auf «ihretr Schein besteht, «um der Witwe die letzten Möbel au's dem Haus zu schaffen, an den Hausherrn, der den in Verzug geratenen' Meter in Nacht und Nebel jagteignet sich nur noch für ein Volksstück mit Gesang, für ein Lesebuch oder... eine verlogene Propa-gandademagegie. .Das Mitleid mit dem Schuldner ist anachronistisch. Zugegeben: Biele von ihnen könnten zahlen, wenn man ihnen zahlte,.und auch der zögernde Schuldner kann nicht eintreiben. Schon deshalb ist die.Konvenieng -gegen die besten Nichtzahler eine Gefahr. Marl braucht Tjeute nur nicht zahlen zu wollen, «uuu nicht zahlen zn müssen. Der Schulden-macher und der Verschuld«ete sind die Starken, sie können sich ins Fäustchen lachen un'd beruhigt zufehe-n, «wie sich der dumme Gläubiger Mühen und GevichWasten auflastet, lebendes Geld aus totes legt, wie man sagt, das er, so lange eS dem Schuldner nicht beliebt, nie zurückechalten.wird. Pie Wege eines Zivilprozesse's sind dunkel! und vor allem lang. Nach dem Urteil über zieht sich dieser Weg erst recht... ins Unendliche. Und zu den vielen Konikursen,.die im Exelutionsg-ericht enden, ko«nnnt noch' der Konkurs des Exekutiemsgericht-es selbst. Man wäre «hier schon mit.einem Aiusaiteick» Mri^ten,