Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2084 (7.12.1924)
- Date
- 1924-12-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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SR& 2004 / WiKtt, Sonntag Wiener Morftenzeitung. Sie faszistische Tscheka. Der Mord an Matteotti (EigenLienst.der „Wiener Uovgenzertuug".) Rom, 6. Dezember. In Politischen Kreisen erregt eine Anzeige gegen den Senator Genera«! de Bona, den ehemaligen Leiter des Sicherheitsdienstes, großes - Aufsehen, die der Direktor D o n a t i vom kacholischen Opposttionsovgan „Popolo" an den Senatspräsidenten vorbereitet hat. * * Laut „Sersm" wird darin auf Grund der ErklLrun« gen des früheren Unterftaatssekretärs Fmzi Md des Direktors Fillippeli vom „Covrieve d'Jtaliaii der ehemalige Direktor des Sicherheitsdienstes als einer der Hauptschuldigen bei der Eamrordung des Abgeordneten Matteoti hingestellt Md ihm do-vgewovfen, bei der Organisation des Verbrechens mitgeholftn, ferner den Schuldigen Straflosigkeit zuges-ichert und bei der Verwischung der Spuren des Verbrechens sowie bei der Fort sch aff« «-g der Leiche mitaewirkt zn haben. Bei der Ermordung Matteottis -halbe General de Bono die ihm untevsteVen Polizei- und Gerichtsorgo"e am raschen Einschreiten' gegen die Mörder gehindert, die infolgedessen enÄommen kennten, obwohl er vom ersten Lage an Mer den Verlaus des Verbrechens unterrichtet gewesen >war. In der Anzeige wird der Zusammentritt de'? MnitorfuchvmaEorrrmisston des Senats als oberster Ger'.-^'"bof gm Aburteilung des Beschuldigten de Bono verlangt. Auch der Iustizminister soll durch diese Enthüllung LmchvomÄtiert. y ^inzi soll umnitteWar imch ferner Entlassung zwei Redaktswven des „Corrveve delle Sew" versichert haben, es habe im Ministerium des Innern ernte fasz-istische Tscheka HV t-.~. um die Zahlreiche>n damals vorgeikEmrmn Gewalttaten gegen die' O^i'itM'iWhrer bmchtzuführen. ' Bersammlungsverbot für die ««Mische Sppofition. Budapest 6. Dezember. Die Polizei hat die vom Block der oppositionellen demokratischen Parteien für Montag e'mbevufene politische Versammlung, in. der die aus der Nationaldersammluug ausgeschlossenen Abgeordneten sowie mehrere andere oppositlo- Mlle Abgeordnete Mer aktuelle Politische Fragen sprechen sollten, verboten. Minister des Innern Räkowskh erklärte einem Mitarbeiter des „Magyar Orszag" gegenüber, das Versammlungsverbot habe erlassen werden Müssen, da die Opposition gewissermaßen ein Nebe nparlament einrichten wollte. Auch eine«von d>'r christvtchsozialen Partei für Montag aniberaumte BolkL-versamMist von der Polizei verboten Wörde»» wenn Sie den Rat befolgen: Ihren Körper widerstandsfähig u. widerstandskräftigzu machen ‘ Kampf ums Dase spielt es eine grosse Rolle, dass Sie keinen Tag verlieren, dass Sie durch keine Erkältung gezwungen werden, tagelang «Ihrem Geschäft, Ihrem Bureau f e rnxub leihen. Gebrauchen Sie ständig jeden Tag mit MENT Uud beschützen sidi am besten gegen alle Unbill des Winters und des Alters. Udberall erhältlich Diana-Franzbranntwein ProdnktioiHies. WIEN, EngerthslraHa 16» PRAI3,VIII., U«ben, Dnhobeljova 1073 Bor de« Ende der ivauischen Mat«r. Hendaye, 5. Dezember. (Havas.) Nach einer aus znverr^isiger spanischer Quelle stammenden Mel-dunig werde das D-vr-oiktorium dom'nächst in ein Zivllkabinett u-mgewandelt werden. P r i m o de R i v c r a wurde das P r ä s i d i u m, M e r r h d e l B a l das Portefeuille des Aeußern übernehmen. Ser Reglecunüskommifför der Lemberger ' iiidischrn Gemeinde. Aus L e m b e r g wird uns Üevi chtet: Mittels Erlass es r m 30. November hat der Magistrat lder Stadtgemeinde Lemberg die Ernennung des Regierungskomm i s s ä r s und des B e r r a t e s für die jüdische Gemeinde vorgenEmen, da der bei von letzten Wahlen gewählte Kultusvorstand aufgelöst wurde. Es wurden ernan-nt:- Znm RegveMngskommissär: Pros. Dr. Moritz A l l e r h a nd; zu dessen Stellvertretern E gleichen Rechten: Viktor Cha j e s, Dr. Alexanber H ä ü smann und Moritz Rappaport. Außerdem wurden 26 Beiräte und 10 Ersatzmänner ernannt. Bom altjüdischen Humor. Bon Dr. M. Berkowiez. 2. Disputationen mit Sektierern und Leugnern.. Nicht mehr gegen grobsiunliche Heidenkulte allein hatten ' bre Schrbftgellchrten des 1. bis S. Jahrhunderts das Wort ergreifen müssen. Jetzt wäre» es Leugner und Sektierer, die, aus Grund der Bibel selbst, einer gegen die Tradition gerichteten Auffassung der Mischen Lehren huldigten, die bekämpft werden mutzten. Dazu gchören namentlich die Samaritaner wet Kuthäer, die, seinerzeit durch Esva von der Teilnahme am Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels ausgeschlossen, sich um den Berg Gertsim als Heiligtum sammelten und diesen sowie ihre Hauptstadt Sichem höher'stellten als Jerrisalem. Von den prophetischen Büchern erkannten sie nur das Buch Jüs-ua an und änderten in diesem ebenso wie an manchen entsprechenden Stellen des Pentateuch den Text, um ihre Abkunft von Joseph-Ephraim zu dokumentieren. Die nachlMischvn Traditionen verwarfen sie vollständig. Neben diesen Gegnern der Tradition gab es noch viqst vereinzelte Anhänger der am Ende der hasmonäischen Königszeit aus dem öffentlichen Loben verdrängten Richtung der Sadduzäer, die manche gesetzliche mid religiös-dogmatische Lchren bekämpften. Auch mit jüdischen und nichtjüdischen Anhängern der alexandrinischchellenrstischen ^Philosophie", namentlich mit den Gnostikern, häufig auch mit römischen Würdenträgern, Matronen und Kaisern, haben, die Lchrer bieses Zeitraumes, besonders in Palästina uud' Rom, über religiöse und dogmatische Fragen Gespräche geführt, während Ae babylonischen Gelehrten sich oft mit der Lehre des Parsismus von der Dualität der Gottheit und dom Magiertum auseinander zu setzen hatten. Häufig waren die Auseinandersetzungen mit Judenchristen, seitdem Paulus die UnvevbkndlichNt des Mischen Gesetzes aus,gesprochen und zur Richtlinie der neuen Religion gemacht hatte. Für diese galt allgemein der Name „Min" (Häretiker), wenngleich auch flir sie oft die spezielle Bezeichnung eines der anderen Sektierer, wie: Sadduzäer, Leugner, Philosoph, EPikuväer, oder gar, wisich im folgenden zeigen wird, „Weise Athens" gebraucht Ivurde. Demnach wird nicht gerade ans dem Namen des Disputanten, sondern oft aus dem Inhalt der Diskussion zn erschließen sein, gegen wen oder welche Lehre die Antwort gerichtet fei. Aus den Antworten ergeben sich sichere Anhaltspunkte für Geschichte.und Kultur jener Zeiten mid diese Roligionsgespräche bilden nach dieser Richtung einen überaus interessanten Bestandteil der tMnndjschen Literatur. Hier sollen, der Überschrift entsprechend, nur jene Ant- ■ Worten mitgeteilt werden, die als Proben altjüdischen Humors! zu gelten haben und Äs witzige Einfälle registriert zn werden verdienen. * ' ' , Ein Heide fragte R. Josua: „Euer Gesetz befiehlt, sich j nach der Mehrheit zu richten (Exodus 23, 2); jetzt bilden wir die Mehrheit, warum schließt ihr euch uns nicht an?"! Der Rabbi fragte: „Hast du Kinder?" Der Heide erwiderte seufzend: „Du erinnerst mich an großes Leid in meinem Haust! Ich habe mehrere Söhne und wenn sie beisammen sind, streiten sie um die Vorzüge ihrer besonderen Gottheiten, und hören nicht $tt streiten ans, bis sie einander die Schädel eingeschlagen haben." Der Rabbi fragte, ob er es denn nicht vermag, sie zu einigen; er verneinte es. „Unter deinem eigenen Kindern" — sagte mut ber Raibbi — „vermagst du nicht die Einigung Herstellen, wie verlangst du dann, daß wir mit dir einer Meinung sein sollen?" * Ein Philoisoph fragte R. Gamliel: „Warum eistrt euer Gott gegen die Götzendiener und nicht gegen die Götzen seWst?" Er antwortete: „Ein König hatte einen mißratenen Sohn, der seinem Hunde den Namen des Königs beigelegt. So' oft er schwor, rief er: Beim Leben meines Hundes, meines Vaters! Wem sollte nun der König zürnen, dem Hunde oder dom Sohne?" 4 % „Ich weiß, wo euer Gott ist und was er tut!" — sagte einst ein Min zn R. Gamliel. Dieser seufzte und erzählte, er sei mn seinen in der Ferne weilenden Sohn besorgt. Cr fragte dann, ob er chm sagen könnte, wie es dem Sohne crgche. „Weiß ich denn, wo dein Sohn sich befindet?" fragte der Leugner. Da rief der Rabbi lächglnd: „Das, was auf der Erde vorgcht, weißt du nicht, und willst wissen, wie es im .Himmel ist!" * Auch die Tochter dieses Gesetzeslchrers verstand es, Leugnern. tzegslniiber biblische Uebevliefermvgen ivitzig zu. verteidigen. Gin solcher sagte einst zu R. Gamlieil: „Euer Gott ist ein Dieb; er hat dem Mam, als dieser schlief, eine Rippe gestohlen!" Die Tochter des Patriarchen erbat sich vom Vater die Erlaubnis, chm zu antworten Md sagte: Konntest du uns einen Amtsmann beistellen? Es ist uns in dieser Nacht ein silberner Becher gestohlen mid ein goldener znrnckgelassen worden?" 7.. Dezem5er IW _* EM fl Reichstagrlvahlen. (Von nuferem Berliner Berrchierstatstr.) Zum zweitenmal in diesem Jahre finden in Deutschland Wahlen zum Reichstag statt; der ganze Wahlapparat und Wahllärnt ist aufgeboten und es ist zn erwarten,, daß das Getöse und. Toben mit all seinen widerlichen Begleiterscheinungen, der Anrufung des „vaterländischen" Geistes, Rettung des germanischen Freiheitsideals und der selbstverständlichen Verleumdungen und Lügen von hüben und drüben kein anderes Resultat zeitigen wird, als daß alles hübsch beim alten bleibt. Stresemann und seinesgleichen, im Laufe des Wahlkampfes immer rechtser orientiert, haben in den letzten Tagen die Empfindung gehabt, etwas nach links rücken zu müssen und die Partei der Stresemänner, welche auf eine Rechtsregierung hinarbeitet, ist heute wieder bereit, einer etwas linkseren Koalition anzugehören. Einerlei. Denn der junge Mann des Herrn Stinnes und die anderen Stresemänner von links und rechts einschließlich der Ebert, Mülles Geßler und wie sie sonst alle heißen, diese ewigen Stehaufmännchen der politischen Unfähigkeit, können ja alles. Ihre Demokratie und ihre Reaktion sind gleicherweise faur und unehrlich; denn sie sind die Exponenten einer jahrhundertealten Hohenzollernverstlavung, die der heutigen Generation und der nächsten in Deutschland sicher nicht aus^ den Knochen zu treiben. ist. Selbstverständlich, daß zum Bilde eines solchen Reichstages die Visage eines Lud e nd ö r f f,. die Borniertheit eines T i.r p i tz ebenso' gehören/, wie die Rat- und Tatlosigkeit einer Hohenzollernschcn Sozialdemokratie oder eines hilflos ehrlichen Reichskanzlers Dr. M a r,x.; ' . - . Im Stand der Parteien wird sicy wvyr mü)t viel ändern. Die großen Siegeshoffnungen der deutschen Demokraten, jener armseligsten Spezies von Demokratie, die es auf der Welt gibt, sind in den letzten Tagen bedenklich zusammengeschrumpft, und wenn statt 28 Demokraten, die im letzten Reichstag saßen, 40 in das neue Haus einziehen werden, so wird sich damit selbstverständlich nicht viel ändern. Die Sozialdemokraten rechnen mit einer Ver- ' mehrung ihres Mandatstandes von 100 auf etwa 120 bis 125. Das Zentrum (bisher 65 Sitze) samt der Bayrischen Volkspartei (16 Mandate) dürste keinen nennenswerten Mandatsgewinn erlangen. Diese nicht besonders wesentlichen Mandatsgewinne dürften auf Kosten der Komin u n i st e n, die bisher 62 Mandate hatten, sowie der N a t i o n a l s o z r a l i st e n, die mit 32 Mandaten den letzten Reichstag verunzierten, erfolgen und die Deutschnationalen (bisher 106 Mandate) dürsten auch einige Sitze abgeben, aber ebenso, wie die Deutsche Volkspartei, die bisher 44 Mandate besaß, im wesentlichen ihren Besitzstand behaupt Der neue ytelci}*>„.:i ai\o hem alten im ganzen . und großen gleichen, weil eben der neue deutsche Geist, für den angeblich dieser Wahlkampf geführt wird, dem alten gleicht. Das neue Deutschland, das Deutschland aufrichtiger Demokratie, ist noch nicht geboren. Wie soll es da wählen? „Ich wünschte," — lachte der Mgeisprochene — „solche Didbe kämen häuftg zu mir!" „So Ho" — erwßdevte die junge Dr-me — „vechält es sich mit dem Diebstahil unseres Gottes. Er stahl Adam eine Rippe und als dieser erwachte, sah er eine Stütze des Hanfes vor sich!" * „Was tut denn eigentlich euer Gott, seitdem er die Weltschöpfnng beendet?" fragte eine Matrone scherzend den Lchver R. Jose. „Er stiftet Ghenl" gab er zur Antwort. „Das kann ich auch!" sagte sie. Sie ließ nun raufend Sklaven und ebemfovisle Sklavinnen vortreten, stellte sie in Reihen ans und bestimmte je ein Paar für einander. Aber am nächsten Morgen kamen die auf Besohl der Herrin auf diese Weilst Verheirateten: Der eine hatte einen zertrümmerten Schädel, der andere ein ausgeschlcvgenes Auge, eine zevbrochorte Hand oder andere Spuren tätlicher MißhaMun-gen. Alle klagten sie Wer die ihnen auf-gozlMugsne Vevbindmrg. Die Matrone bekannte sich nun dazu, wie fchlver dieses Geischäst der Eheschließung sei, das dem Hmrmell vovbchalten bleibt. Häufige Disputa^onen gab es bosonoers mit Juden-' christen, die in der Zevstörnng der pobitifchen Staatlichkeit eme mefsianffche Ersiilluug erblickten. Sie strcheilten oft in ihrer Schadenfreude die Juden mit der Zerstörung Jerusalems und des TempÄs, die nie wieder hergeistellt werden könnten. So sei einmal ein A th en er nach Jerns-cäem gekommen, wo er einen zerbrochenen Mönstr fand. Er brachte Kn zu einem Schneider und wünschte, er solle ihn zchammennähen. Der Schneider hob eme Handvoll Sand vom Boden auf und sagte: „Drche mir daraus Fäden und ich will ihn Zusammennahen!" Dielst Anekdote, deren Motiv in den Rätseln von „unmöglichen" Handlungen liegt, enthält, wie Wünsche rlck)ti>g erkamlt hat, eine Stichelei auf die zerstörte Einheit der Inden. Daß. es sich hier um einen Inden christen handelt, das beweist eine Parallele ans dem Talmud, wo die „Weifen Athens" -demR. Jos na einen zerbrochenen MWstein Vorlagen und van Km fordern, ihn Msammenznnäheit. R. Jofna bricht ein Stück davon ab und sagt, sie sollten aus diesem Fäden drchsn. In sewen „Reli>gionsgeschichtlichen Studien" (Leipzig 1876) hat Gudemann in überzengMder Weise wachgewiestn, daß der Wettstreit R. Josms nicht» mit den „Wch'en Athens", sondern mit Judenchristen abgchalten wurde. Auf diesen sehr interessanten Wettstreit werden wir im nächsten Artikel znrnckkommen.