Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2082 (5.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seide 2 Wien. Freitag Dieser kalte Bruder hat aus seiner Unfähigkeit ein politisches System zurechtgeschustert, das sich nur aus Terror im Inneren gründet urcd die Neuauflage des Weltkrieges zum nächsten, die WeltharrsäM -der deutschen Krieger- und Imrker-kaste zum weiteren Ziele t-at. Ziveifellvs^ntspricht dieses System der politischen Phantasie der Schichten des deutschen Bürgertums, die das Ende des Krieges nicht anerkennen wollen, die seine Konsequenzen nicht selbst tragen, sondern auf die Masse der Arbeitenden und Werktätigen abschiebon wollen. Sie bekanrpfen jedes friedliche Abkommen mit den Gegnern, weil sie in der Hoffnung auf eine giinstigere Konstellation leben, die ihnen den 'Weg zur Revanche öffnet. Dieses System und diese blutige Hoffnung steht am Sormtag zur Wahl und der?.llrwschnll des Terrors rechnet auf den Sieg. _ Aus Konstantinopel wird uns berichtet: Wie dekarmt, wurde Sultan Me-hemed der Sechste von der türkischen Nationalversammlung abgesetzt und in die Verbannung geschickt. Sein Nachfolger im Kalifat wurde sein Vetter Abdul M e d f ch i d. Vor einigen Monaten wurde auch dieser durch einen Beschluß der Nati-onalversammluug des Kalifats für verlustig erklärt und außer Landes gebracht. Abdul Medschid lebt jetzt in der Schweiz. In der mohammedanischen Welt tobt seitdem der Kampf um das Kalifat. Den Zielen der englischen Politik hatte es am basten entsprochen, wenn König Hussein als der Kalif des Islams anerkannt worden wäre. Huffein wurde jedoch durch die Wahabiten gestürzt und der Kampf geht gegenwärtig um die prinzipielle Frage, ob der JHlom einen weltlichen oder einen kirchliche« Kalifen wählen soll. Nun hat Jbn Saud, das Haupt der Wahabiten, eure pamslamitksche Konferenz nach Mekka ei-rrbemfen, di« sich hauptsächlich mit der Frage des Kalifats zu befassen bat. Die Wahabiten tvaren schon zur Zeit der türkischen Herrschaft Gegner des weltlichen Kalifats und Jbn Saud ist auch jetzt 'bemüht, diesen seinen Standpunkt durchpusetzen. Ter Kandidat der Wahaibtten für das Kalifat ist der S ch e i k der Genüssen, der in der mohammedanischen Welt großes Ansehen genießt und nicht nur von Jbn Saud, sondern auch vom Mufti -von Jerusalem und selbst von K e m a l Pascha unterstützt wird. Auch der Emir der syrischen Araber, S a i d i b n A l i, hat sich für den Scheck der Genüssen erklärt und es wird k«hoiuptet, daß die indis ch e n Mohammedaner teils offen, teils im Geheimen für diese Kandidatur -Stellung nehmen, so daß die Stimmung der überwiegenden Majovität für dieses kirchliche Kalifat gcs.uon.uen ist. Die Bestrebungen dieser Kreise gehen dahin, die Vereinigung der rveltlichen Herrschaft mit dem Kalifat im einer Person für immer unmöglich zu nwchen. Gleichzeitig sott jedoch eine Demokratisierung des Kalifats durchgeführt werden, indem neben dem Kalifat ein aus den Vertrauensmännern der mohammedanischen Völker -bestehender Rat mit weitgehenden Befugnissen gebildet werden soll. Dieser Rat wird nach Art der katholischen Hierarchie konstruiert und soll lediglich kirchlichen Charakter tragen. Hinzug der Wahabttensultms in Mekka. London, 3. Dezember. (Reuter.) Der Sultan von 'Re dsched ist mit tausend betvaffneten Soldat-u in Mokka anrekomnren. Husseins Sohn Ali vüstcl. Kairo, 4. Dezember. (Reuter.) Drei britische Fliege r befiudon sich auf -dem Wege nach D s ch e -d d a, urn in den Dienst des Königs Ali zu treten. Die drei Flugzeuge und bereits in Dschedda c in getroffen. Agent c n des K öuigs Ali in Europa und Aegypten suchen .Kriegsmaterial anzukaufen. Einige Tonis wurden bereits nach dem He-dschas gesandt. Großbritannien l e h n t die Erlaubnis für die Versendung vou Nlaschinengewehren und anderen Kriegsmaterials a b. Lrr verlorene Maroffskrkeg. Gibraltar, 4. Dezember. Das Reutersche Bureau meldet: Aus M a r o k k o treffen beunruhigende Gerücht? ein, w-uach die S Pa n-icr gezwungen seien, den Bosten beim Rio Mart-in, in der Rahe von Tetu an, a -! f; u g e b? n. Die Furcht vor Unruhen. Paris, 4. Dezember. (Havas.) Me das „Journal" aus Heuday? meldet, sollen die Gouverneure von Navarra und Gnipuzcca m der Brfür-chtung, daß Unruhestifter über du G r?; e nach Span i e n kommen könnten, eilt- V e r ü c r t u rt g der Grenzwache angc-ovdnet haben. Herriot Wer die volWchen Probleme. Paris, 4. Dezember. (Havas.) Me die Blätter melden, berln-ci-.'ic sich Ministerpräsident Herriot in der am O-uai d'Trsay mit den Mitgliedern des Außenauss ch u f f c s der Kammer abgehalteilen K o n f e r r n z über die Ruhru n d d i e R h e i n l a n d s f r a g e sowie die F'.'c.gc der Kölner Zone. Er besprach ferner die ko'"- munistrschen Umtriebe in Nordafrika und schllderte d.e Lage, di« sich Es dem Rückzug der Spanier aus Marokko ergibt. Weiters -kam er auch auf die Lage in Angora, Syrien und China zu sprechen und äußerte .sich schließlich über das Problem der interalliierten SchuldrL «nd die Handelsvertraae. Wiener ^Morgenzeitung. __5. Dezember 1924_Nr. 8081 \ Bit 8001 \. Die Iudenordvungsai Eine ,parteilose Vereinigung zur Vm'heveituny vmeS derfassiulgs:näß-igorr vAki.fche>n Vo'lksentschoideS Mer die Lösung der Inder:frage" hat sich in De-utschilv-nd gebildet. Sie will int Si-mie der NotionalsoMlisten eine Judenerduung sclpfstn, die, wie wir schon einmal ansgesirhrt haben, hinter der Maske »der gesetzlichen Regelung die Die-bsge-lüste der RechMolfchowikm verbirgt. 'Die erwähnte Vcvünigung sanrmelt jetzt Untevschrifte« für eine Anzahl von Musterantragon, von denen hier einige vepvoduzicrt seien: Arrtrag A: »MimÄrche seit 9. November 1918 «inge--. wanderten Ost; üben find auSzwveisen." Schärferer Antrdg B: „Sämtliche feit 1. August 1911 eingewanderten Juden sind anAzuweisen." Noch schärferer Antrag C: Wie Antrag A mit Zollsatz: „Ihr Vermögen ist — scüoeit unrechtmäßig evworben — zu beschlagnahmen. Damit sind die um den Ertrag ihrer Arbeit betrogenen Kriegsanlechezeichner und Sparer zu entschädigen." Noch schärfere Fassung D: M'" Antrag D mit Zusatz: „Ihr Vermögen ist — soweit uure .mäßig erivorben — zu beschlagnahmen. Damit sind die rvm den Ertrag ihrer Arbeit betrogenen Kr icgsanle ihezeichner und Sparer zu «ntschädigen." Noch schärfere Fassung E: Wie Antrag D mit Zusatz: ,Oie unter uns leibenden Juden find unter Fremdenrecht zu stellen und wie jeder Angehörige, e'mes fremden Staates, zu behandeln. Eine besondere Judenordnung ist auszuarbecten und zum Gesetz zu «Hüben." Jetzt evfährt man, daß. diese Anträge" Presseorganen gewisser Be amten gruppen ibeigelegt werden. Erst kü^I'ich hat ein Zettel anit den erwähnten Anträgen der als politisch neutral sich au'sgebenven PolizeibeaMten- Zeitung ,Aer Gendarm" <Bevlag Gersbach, Berlin) 'beigelegen. Di« „Weisen^von Zion" vor Gericht. Berlin, 4. Dezember. (I. T. A.) Der Sekretär des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus» Dr. Johannes Stanjek, hat in mehreren ZeitmrgSartAel« das van Müller v. H a u s an deutsch hMuSgegebelie Pamphlet „Die Geheimnisse -der Weifen von Zban" als Schwindel entlarvt. Dadurch Dhll« sich Hauptmann a. D. Müller v. Hausen beleidigt und stvengte gegen Doktor Stanjek die Klage, an. Die GerrchEveohandlung wird demnächst m Berlin stattfindolr. Die Fremvenhehe dev „Dimes" vmb der „Morning Post". Aus London berichtet I. T. A.: Im Zufammrenhangmit der Uebernahme des Staatssekvetariates deS Jnmvn durch Sir William Joy-ns-on Hicks, der auch schon verschärfte Bestvmmmngen gegvn die Foamdemmwa-ndevung in England cmSarbeitet, führt m den ätzten Tagen die englische Presie eine scharfe Kampagne gegen die Ci-nwa-ndevung von Fremden überhaupt, inM.son>deve aber gegen die Einwanderung von osteuropäischen Juden. Diese Kampagne, an der sich vornehmlich ,X i m e 8“ und „Morning Pof^ beteilige«, zielt offenbar dahin, für die Maßnahmen des neue« JuneMünisters Stiimmung zu machen. ,Avmes" veröftenllichen jetzt eine ArtMserre unter der Ue-berschrift „Das fremde London", in «welcher gegen die oftrjüdi-sche Einwanderung zu Felde gezogen «lvird. Die Zeitung behauptet, -daß zum Beispiel in einem Stadt- - teil die eingeborene christliche Bevöllerung unter der jüdischen Masse verschwindet. Es ist ein osteuropäisches Ghetto aus „n-ichtnaturälisierten oder eben erst natumlisierten slawischen Juden". Cannon Street sieht, ,/wie eine jüdische Straße in Odessa oder wie das Ghetto einer ga>liz>i-» fchen Stadt aus. Von der 250.000 Personen zählenden Bevölkerung van Stepneh, einschließlich White- Ne Kölner Zone. London, 4. Dezember. Das Reutersche Bureau erfährt, daß die britische Regierung bezüglich des Zeitpunktes «des Räunlung der Kölner Zone noch -u keinem Beschluß gelangt sei. Da es sich um eine international« Frage handle, müsse sie nach Vorlage des Berichtes seitens der Interalliierten. MAitärkontrollkmmnisston durch eine Beratung Großbritannrens mit den Wrierten geregelt werden. (Deutschland beharlpver,.von England auf der Londoner Konferenz.die ZvrsicheruM erhalten zu haben, die Kölner Zone werde, wenn Deutschland seine im Londoner Abkommen übernommenen Verpflichtungen erfüllt, spätestens am 10. Jänner 1925 geräumt werden, und urgiort jetzt be: England die Erfüllung dieser am-- lgeblichen Zusage. Die Erklärung der englischen Regierung beruft sich mit Recht darauf, daß nach dem Lonidowr Vertrag die Etappen der Räumung von der Gesamtheit -der Alliierten ftftgestellt werden nrüsfen. — Di« Rcdaküon.) Ule Rekchstaqrwahlen. 55 Parteien — 4638 Kandidaten. Berlin, 4. TX'zeruber. (Tel-Komp.) Für die Sonntag statstindeudsn R>:>ichstagKvahlen sind nicht MNiger als 4 63 8 Kandidaten ausgestellt worden, dadc-n 398 sür die Reichswaihlborschläge -und 4249 für die Kreiswa-tzkoorschläge. Die Wahlvorschläge für die Reichstags- -Wahlen gehören o5 verschieden« Parteien an. tröge i» Lentschland. chap eis, sind fast 'drei Fünftel jüdisch. In! den Hort man 'höchstens noch die Polizisten englisch sprechen Di« Distanz zwischen den Ostjuden -und den englische^ Juden ist einte sehr weide. Aus diesen Bezirken haben dii Fremden nicht nur die eingoboventzn- Christen, sondert auch die auchochtonen Juden zu« Abwanderung ln aMrt Bezirke gezwungen. Me Qstjudev halben zivar viÄ Tugenden, sie sind nüchtern, sparsam, fleißig, miHtach untereinander, trotzdem bilden sie kein wünschenswertes Element. Di« früheren englischen Juden kannten sich nalionai und sozial, wenn auch nicht religiös, asi-imi'bieven. Di< neuen Juden, auch wemt sie schon 80 Jahve hier wohnen, blvilben was sie waren: Lin Fremdkörper. Dieser konzentrierte Kovjrer unasiimilierter Elemente bildet eint Gefahr. Die rote« Apostel finden hier einen fruchtbaren Boden für ihre Doktrinen. In normallen Zedteil sind die Qstijuden ordentlich rmd ruhig, aber man evmnerj sich, daß sie w ährendder Luft an g r i f f e im Kriege eine stänke Hysterie gezeigt haben. DaS kann sich in Zeiten innenpoftt-ischer Stömngen Mn Schaden des Landes wiederholen. Eine Perschärstmg der Fremdonemwanderrrngslöchimmungen sei deshalb notig. In ähnlichen Gedankengüngen ergehen sich Morndng- Post" und andere Blatter. Dagegen erschien am 30. Novamiber in der ,-Dnndah Times" ein Artikel über das Frvmdenproblem auis der Feder des berühmten Natvanalokon-omen Harold Eox. Er schreibt unter anderen: Viele Anschauungen über das Fomdenproblem feien ebenso populär, wie falsch, SsWstvevstandlich wird jeder Mtimwn, baß uinerwünschte Element« draußen lÄeiben, «Her man darf nicht die allgomeine Frage der Fremdeneinwamdevung mit der Frage der unerwünschten Fremden verquicken. Sngiland hat im Vergleich zu anderen Landern die geringste Zahl Staatsfromder. Die Zahlen Gm William HickS' ergeben ei» falsches Mld. Bon den 272.863 Fremden in ganz Gnybanb -befinden sich allein in London 167.976. Wer WhitechapÄ besucht, bekommt freilich den Eindruck einer Freuidew» invasion, aber Whitechapel ist nicht London. > Gin polnisches Boykottblatt in LanM.! Danzig, 4. Dezember. (Qf. T. A.) Die,^vanzige< Neuesten Nachrichten" teilen mit: ,/Gazetta KrszutbSka" kündigt an, baß sie in der nächsten Zeit forÄanfsnÄ eins Lifte aller Personen veröfifenMchen will, die bei Jude« kaufen, sich jüdischer RechtSamwalte bedienen usw. Der Antissmitisnms i« den polnischen chauvvniftischen Kreiisen tst auch in Neustadt immer mchr im Wachsen. Man sicht vor allen Dingen i« den Juden die Helfer der Deutschen." Mordversuch aus Judenhaß. Warschau, 4. Dezember. (I. T. A.) In Grobno an der polmfch-litauischen Grenze, -hat ein chvistiliche's Mädchen versucht, eine jüdische Frau, bei der sie bebienstet war, zu vergiften. Die Polizei gl,nabt, daß es sich um einen Mordversuch a-uö unbezwingbarem Judenhaß handelt. Man bringt diesen Fall mit der Hetze deS lberüch-. ägten ,/Professors des Antisemitismus" I a! f a E h o^ miee in Zusammenhang. Chomiee bereist Qam Pölert und halt „wissenschaftliche Vorträge Über de« Antisemitismus". In Grodno befand sich unter den Zu-/ Hörern das Dienstmiidchen der Frau Wigdowitz, dev Gattin eines LshverS an der hebräischen DarbuSHSchule. Am nächsten Tag spürte Fra,u Wigbowitz, in der Milch, die ihr da's Dienstmädchen brächte, einen bitteren Geschmack. Die Prüfung ergab, daß die Milch vergiftet war. Albert Aoma»' Bekenntnis. Bukarest, 4. Dezember. Der Sekretär des lniewa'tivnalien Arbeitsamtes, Herr Albert Thomas, der zur Zeit zum Studium der wirtschaftlichen Lage den rumänischen Arbeiterschaft in Bukarest «weilt, erklärte dem Berichterstatter der „Neuen Züricher Zeitung" folgender über seine SiellMg zum Zio-mSmuS: ,Meine Freunde haben mir oft den Vorwurf gemacht, daß ich Zionist bin, auf Grund der Behauptung, daß der jüdische Nationalismus den einheimischen Arabevn schädlich fein könnte. Ich aber erkenne im Zvonis-mns — auf paradoxe und zugleich herrliche Weif« — die schönste Blüte des NationalitätenprintzipeS, dessen ständiger Verteidiger ich bin. Für mich, ist der ZionisnmS die Krone der Nat-ionalitätenpolitik. Ich bin Zionist aus denselben Gründen, aus «welchen ich stets die Verteidigung der unterdrückten Nationen bei allen Gelegenheiten übernommen 'habe. Vom 'Standpunkte der großen philosophischen und herrlichem pvophetischen Ideen bvn ich ein ^geisierter Anhänger dieser jüdischen volkstümlichen Renaiffancebewegung." Ul-bex die jüdische.Arbeiterfrage in Trez Israel sagte Thomas: ,Jm Zusammenhänge mit dem Aufbau Palästinas ha'lte ich es für unbedingt notwendig, daß in MandatApalästiM die s e ch z e h n Pü n k 1 e der A r b e i t e r vr f o s -s n n g zur Geltung gelangen. Als ckngst in dem hierzu berufenen AaiSschuß des Völkerbundes über die Mandatsländer, '■ darunter auch über di« Verwaltung und die allgemeine Lage Palästinas Bericht erstattet wurde, hatte sich auch -mein Amt vertreten« lassen und di« genaue Einhaltung unserer Abkommen gefordert. ^Hiervon hängt die kulturelle und soziale Entwicklung der /.Ävbeiter ab. .