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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-02 · Heft 2079 (2.12.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2079 (2.12.1924)
Date
1924-12-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SLr. £073 Sie«, L.enstag Wiener Mornenzetiung. Der Delegiertentag der österreichischen ziouisten. Ae Debatten und NeschMe. — Wahl der neuen Leitung. Die diesjährige Tagung der österreichischen Zionisten hat einen günstigen Verlauf genommen. In der Erkenntnis, daß die Festigung und der Ausbau der Zionistischen Organisation Voraussetzung für jeden zionistischen Forts ch r i t t i n P a l ä st i n a i st und daß die Werbearbeit für die FinanZinstrumente des. Aufbaues unh Lcmdknrlfes, für den Keren Hajessod'und Keren Kajemeth, mit steigendem Erfolg mir geleistet werden kann, wenn eine starke disziplinierte zionistische Organisation zur Verfügung steht, hat die Pemranenzkommisfion nach langen, anstrengenden Beratungen dem Plenum eine Leitung präsentiert, welche der ihr anvertrauten schwierigen Aufgabe vollauf gewachsen ist. Der neue e i n st i m m i g gewählte Präsident der österreichischen Zionistischen Organisation, Herr Doktor Jakob Ehrlich, steht seit dem Auftreten Theodor .Herzlsin der zionistischen Bewegung und hat auf den exponiertesten Posten, als zionistischer Gemeindevat der Stadt Wien und LaMagsabgeordneter sowie als zionistisches Vorstands Mitglied der Wiener jüdischen Kultusgemeinde, ganze Arbeit geleistet. Er ist ein Mann von gediegenen Kenntnissen, von politischer Erfahrung, und vom besten Willen beseelt. Es ist überaus dankenswert, daß er unter erschwerten Umständen — die zionistische Bewegung steht nicht nur in Oesterreich im Zeichen einer Krise — sich zur Uebernähme des verantwortungsvollen Postens in der Stadt Theodor Herzls entschlossen hat und er wird seine Aufgabe erfüllen, vorausgesetzt, daß alle Gruppen der Zionistischen O r g a n i s a t i o n m i t t ä t i g s i n d. Oberbauvat Robert Stricker, der mit einer kurzen Unterbrechung nebst seinem Mandate als Mitglied itub später als Vizepräsident des Zionistischen Aktionskomitees auch die österreichische Zionistische Organisation als Präsident des Landeskomitees geleitet hat, steht im neuen Landcs-lomitee dem Präsidenten zur Seite. Die Mitteilung des P er ma n e n z a u ss chus se ss daßStrickerfürdasneueLandeskomitee g e w o n n e n w u r d e, n a h m d e r D e l e g i e r t e ntag mit stürmischem Beifall entgegen. Auch der bisherige .Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Josef L ö w e n h e r z, der sich durch überaus opferfreudige organisatorische, und. propagandistische Arbeit die größten Verdienste um die zionistische Arbeit in Oesterreich, erwogen hat,^gehört der neuen Leitung an, die sich mich , sonst aus bewährten führenden Männern und Frauen zusammensetzt. Rachstehend der Bericht über den weiteren Verlaus der Tagung: Abendsitzung, Samstag den 29. November. Nach dom Generalreferat des Herrn Dr. N. M. Gelber über alle Tätigkeitsgebiete der Zionistischen Organisation, das Nur m unserer Sonntagsausgabe wiedergegebm haben, berichtete Herr Dr, Martin Rosenblüth ergänzend über die Arbeit des Keren Hajessod. Die Keren-Hajessod-Avb-eit wurde untex der Mhvung des Herrn Obermbbincrs Dr. Chajes und der geschäftsführenden Präsidenten Direktor Epler, Dr. Löwen He rz und Ludwig Bato geleistet. Seit März 1924 stcht das Bureau unter Leitung des Delegierten des Londoner Kereu-Hajessod- D irektoriiMs Dr. Martin R o s e n b l ü t h. Es wurde' zunächst eine gründliche Umformung des Bureaus, des Mahuwesens und der Propaganda durchgeführt, die nach wie vor unter der Leitung des Herrn Dr. Otto Abel es steht. An großen Mionen sind hervovznheben: Eine - Anzahl von Zirkkelversamm- I'ungen, die zu Beginn der Berichtsperiode unter Mitwiökun>g des Direktors der Deutschen Bank, Oskar Wassermann, ferner von Dr. Rahum Goldman n und Felix Salten erfolgreich durchgefuhrt wurden, ferner der Keren-Hajessod-' Drive im Mai und Juni d. I., der ülber Initiative des Zionistischen Landeskomitees unternommen wurde und an welchem sich migofähr 250 freiwillige zionistische Mitarbeiter, mit sehr ansehnlichem Erfolg beteiligten, schließlich die jüngste Aktion unter Mitwirkung von Albert Einstein und Kurt Bln menfeld. Es gelang diesmal, Kreise für den Palästinagedanken zu interessieren und zu gewinnen, welche nicht nur schr bedeutende materielle Leistungen für das Aufbauwerk zu vollbrÜMn in der Lage und gewillt sind, sondern auch als Persönlichkeiten von Sachkenntnis und Verantwortungsgefühl für das Aufbauwerk von großer Bedeutung sind. Anläßlich der Wrlbetätigkeit Kurt Blumenfelds gelang es auch, den StMdard der zionistischen Leistungen für den Keren Hasessod zu hoben. Besonderer Dank und Anerkennung gebührt .Herrn Kommerzialrat Max Klein für seine bei allen diesen Aktionen bekundeten Opsersveirdigkeit und Mitarbeit als Berater und Organisator. (Lebhafter Beifall.) Referent drückt auch den Herren Direktor Oskar Wassermann, Felix Salten, Artur Run dt und Arnold Höllriegel den wärmsten Dank namens des Londoner Direktoriums aus. In den österreichischen Provinzstädten Linz, Innsbruck nnd G r az ist dank der Arbeit der dortigen Zionisten ein Aufschwung. zu verzeichnen. In St. Pölten ist die Arbeit im Gange. In den Städten Salzburg, Mödling, St. Pölten, Leoben find die Eingänge' noch gering. Schließlich begründet Dr. Rosenblüth die Notwendigkeit der Erhöhung des Palästincibudgets im koimnenden Fahre von »»nt» 400.000 Pfund ctttif runfe 800.000 Pfund, d a sonst a n e i n e, n e nnenswerte Erweiterung des Kolonisations- Werkes nicht zu denken ist. Im Sinne dieses Programms nnd mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Rückstand Oesterreichs (die auf die Kopfzahl und Leistungsfähigkeit der österreichischen Juden entfallende Quote ist kaum zur Hälfte erreicht) wird Oesterreich im kommenden Jahre das Vierfache an Keren-Hajessod-Geldern aufbringen müssen, also rund 16.000 Pfund. Wenn die zionistischen Keren-Hajessod- Zahler ihre Leistungen verdoppeln, 'kann der Rest durch Neugewinmmg von Palästmasrennden zweifellos zustande gebracht werden. ' Den ergänzenden Bericht über den Keren Kajemeth erstattet Herr Dr. Chaim Tartakower. Referent erläutert das in Oesterreich ausgestellte Prinzip der Selbstkonting e n t u erung, welches jetzt auch im anderen Ländern Schule macht, weil es sich zur Hebung der Nationals-ondseingänge außerordentlich bewährt. Nnr Arbeit im kleinsten Kreise, eine Pwpaigandatätigkeit, für welche die hervorragendsten Zionisten verwendet werden müssen, könne uns weiterbringen. In der SonniagvormiLtagssitznng erstattete Herr Dr. N-ahum Blauer ein Referat über Paläsimafragen. Er führte unter anderem aus: > Die Lage in Palästina hat sich in den letzten acht Monaten merklich gebessert. Eine Stimmung der Zuversicht hat Platz gegriffen, die nicht nur in der günstigen politischen Situation ihre Ursache hat. Vor allem hat das Wachsen der Eingänge des Keren Hajessod überaus günstig gewirkt. Es ermöglichte im letzten Jahre nnter anderem die rechtzeitige Anschaffung des Saatgutes nnd durch die erfolgreich begonnene Tabakk.nl t ur nicht bloß die völlige Beseitigung der Arbeitsstosigkeit, sondern auch die Möglichkeit, sofort die Einwanderung zu erweitern. Bon großer Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht ist die Hebung des Touristenverkehrs. Welchen großen Einfluß darüber hinaus der erfreulicherweise so stark anschwellende Fremdenverkehr für die Zionisierung der I uden in teil Ländern hat, ans welchen die Touristen kommen, ist allgemein gewürdigt. Nach wie vor bleibt die Frageder Einwanderung das Hauptproblem. Sie kann nur im Zusammenhänge mit der ganzen Kolonisalionsarbeit in Erez Israel betrachtet werden. Redner hält es für unrichtig, zu glauben, daß durch Beseitigung der bestehenden Ernwanderungsbeschränkungen das Problem gelöst wird. Die Aufnahmsfähigkeit Palästinas kann zweifellos gesteigert werden, sie ist alber doch begrenzt, nnd diese Grenze ist von der heutigen Emlvanderungszisser nicht so weit entfernt, als vielfach geosaubt wird. Dr. Blauer bespricht die gegenwärtigen EinwandemngAbsstimmnngen nnd vertritt die Meinung, daß in der Kategorie jener Einwanderer, welche den Besitz eines Vermögens Nachweisen müssen, der Minimallbetrag von 600 Pfund aus eine weit niedrigere Summe herab zu setzen ist. Für Jndustriegvündungen ist der Betrag von 500 Pfund ohnehin zu niedrig, während für den Handwerkerberuf, dessen Stärkung gewiß höchst wünschenswert ist, ein kleineres Kapital genügt. Notwendig'ist die arithmetische Progression der Eingänge des Keren Hajessod, damit das A u f b a n t e m p o beschleunigt werden kann. Redner kritisiert das Palästinalbudget in der Richtung, daß der für Zwecke der Industrie ausgeworfene Betrag viel zu gering ist, unbeschadet der unumstößlichen Maxime, daß Landwirtschaft die Hauptsache bleibt. Festzuhalten ist: Gegenwärtig. find in Erez Israel mir solche Industrien möglich, welche die im Lande vorhandenen Rohstoffe verarbeiten, und donientsprechend ist eine gesunde Schutzzollpolit i i nötig. Die Frage der Gründung der Industrie ist so drin-- gnid geworden, daß sich auch das Wiener Pa'lästinaamt mit ihr beschäftigen muß, obzwar dieses Ressort nicht vorgesehen war. Dank der fruchtbaren, fachmännischen Beratung des Herrn Kommerzialrates Max Kle in, der feine ausgezeichneten Kenntnisse und Erfahrungen dem Wiener Palästinaamt zur Verfügung stellte, konnte von Wien aus in dieser Richtung vorbildlich gearbeitet werden. Redner weist sodann auf den erfreulichen Aufschwung des privaten Bodenkaufes in Erez Israel durch österreichische Juden hin, und I RADIO-SALON I der, Wiener Morgenzeitung' B lm HAUS DER DAME |; ERGON A. G. ■ B. ICHWIDENPLATZ 1 B§ Vorführung der Wiener Sendung täglich HB von 11 bis 1 mittags und 4 bis 6 Uhr nachmittags || Eintritt frei Kein Kaufzwang 18 AFWMUfckV IL erstklassiger RADIO- HI *» Satlra a Apparate u. -Bestandteile L. Dezember Iv24 ^.e^ie 6 verlangt, daß die österreichische C h a l u z o r g a n i s a t i o n von der Wiener Zionistischen Leitung mit aller Tatkraft gefördert werde. Der geistigen und -beruflichen Vorbereitung des Wiener Pioniermaterials sei die größte Aufmerkfamkeit zu widmen. Der Referent schließt mit dom Hinweis darauf, daß die vielfach in den Hintergrund gestellte Gegenwartsarbeit in den Ländern der Zerstreuung für das Aufbauwerk in Palästina von außerordentlicher Wichtigkeit ist. (Starker Beifall.) Hievauif wurde die Generaldebatte durchgeführt. DÄe.gierter Weinreb: Die Wiah ist wohl gewachsm, aber die Anzahl der nach Palästina kommenden p roduk» tiven Elemente nimmt ab. Insbesondere in Del- Awiw überwuchert die Anzahl der HäMer. Er spricht sich gegen den Vorschlag Blauer aus, bei der Schichte der Besitzmden das uachzuweisende Kapital von mindestens 600 Pfund auf einen geringeren Betrag her-abzufetzon, weA dadurch di« Anzahl der in Palästina ankommenden unproduktiven Element« erhöht würde. Hingegen sei freie unbeschränkte Einwanderung aller produktiv Tätigen zu fordern. Was die Touristenbowegung anbeklangt, kritisiert Redner die bevorstehende Palästinareise der Haboah in der Hinsicht, daß sie auch Touristen zur Mitfahrt «inMe, tvotzdm sie sich programmäßig bloß acht Tage m Palästina aufhalten werde. Auch an der Wiener Morgenzeitung" M Redner Kritik. Sie diene zu wenig der zionistischen Partei. Insbesondere bernängelt er die gelegenMche Stellungnahme dieses Organs gegen die österreichische Sosialdsmokratie. Präsident Stricker: Grundsätzlich ist festzuhaltM, daß die Zionisten Gegner des KlassenkamPseS find und im Sinne des zionistischen Programms sein müssen. Die ziomstische Bewegung ist keim Schutzverein für weggegangene Zionisten. In diesem Sinne werde auch die ,Mener Morgenzeitung" gesDhrt. Dr. Tartakower: Handel Md Industrie haben für Palästina schr große Bedeutung und sind nicht minder wichtig als die Landwirtschaft. Es sind aber in der letzten Zeit Elemente emgewandert, die weder Pioniere der Arbeit noch Pioniere des Handels nnd der Jnldustüie sind. Delegierter Horowitz übt ebenso wie Delegierter Weinreb scharfe Kritik an der wirtschaftlichen Gebarung der Fonds.' Die Spesen seien viel zu hoch nnd müßten uubedmigt verringert werden. Dr. Israel W a l d m a n n: Man verwechselt die BegvWe Sozialismus und Sozialdemokratie, femer Sozialdemokraiie im allgemeinen und österreichische Sozialdemokratie im besonderen. Die österreichischL Sosialdsmokratie verdiene den Namen nicht, dm sie trägt. Ne nimmt den Juden das Recht auf die eigene Nallon und werde von jüdischen AfsimAantm geführt. Wer hat den Sever-Erlaß hiwausgegeben? In bezuig aus die ziionistifche Politik fühvt der Redner aus, daß die Mawdatavmacht die Verwaltung bx Palästina beistelle und daß im Sinne des Palastinamauldiats die Jewffh Agency, nämlich die Zionistische Organisation, das Recht habe, die englische Regierung in bezuis ans die Verwaltung zu beraten. Von dies>em Rechte müsse ausgiebig Gebrauch gemacht werden. Wir dürfen nicht zugeben, daß an die leitenden Verwaltungsstellen Personlichkeiten kommen, die für uns wegen ihrer bisherigen politischen Haltung absolut unannehmbar sind. Rckmer wendet sich hievauif mit eindrucksvollen Worten gegen den Defaitismus in der Partei. Es sprachen ferner die DÄMierten Pros. Freud, welcher sich gegen dos Kompromiß der Zionisten mit der Majorität anläßlich der jüngsten Wahlen M die Kubtusgememde wendete und die beschlossene Evweite-vitng der Jewish, Agency begrüßte; Prof. Rath, der in längeren Ausführungen die zu großen Spesen der Monistischen Fonds kritisierte, worauf Gsmeinderat Dr. Plaschkes ausff'chrte: Was den Keren Hajessod anbelangt, müsse begriffen werden, Laß eine junge Steuer größere Ausgaben verursache und verursachen muffe, als eine bereits seit langen Jahren bestchenid^ Bestsueruug. Dies sei in dem BerwaltungsSörper der Gemeinden ganz ebenso. Es würde niemals zü einer richtigen Auslbreltnng des wichtiigsten Finanzinstvumentes des Aufbaues, des Keren Hajessod, kommen, wenn man in der ersten Zeit wie ein Kleinkrämer zu Weckte gehe und nicht großzügig investiere. Die „Mener Movgenzeitunig" sei das einzige Organ, welches die Mode, vor der österreichischen Sozialdemokratie auf dem Bauche zu liegen, nicht mitmache, sondern die antisemitischen AMven einer Partei, welche beffpielsweise den Sever-Erlaß am Gewissen habe, und die assimiliatiorische RückständiMt ihrer getauften Führer in das richtige Licht stelle. Hingegen habe sie ebenso wie der Redner als Mandatar der zionistffchen Bewegung allen gesunden Wirtschristlichen und sozialen Maßnahmen der österreichischen Sozia'ldemokvcvtie das Wortgesprochen. In der Nachmittagssitznng wurden die VerhaMungen des ^elegiertentages für v e r t r a u l i ch erMri. Oberbaurat Stricker hielt «in ausführliches politisches Referat, vn welchem er sich mit der Frage der erweiterten JewW Agency sowie mit dem Zustand der Zionistischen Weltorganisation im allgemeinen und der Äandesorganisakion Oesterreichs im bchoytzderen beschäftigte. •oit der Nachtsitzung erfolgte nach ergäuzenden Mitteilungen über Fragen der österreichischen Arbeit für den Keren Hajessod durch den Delegierten Dr. Abel es die Schlußworte der Referenten. Das Ergebnis der Wahlen.haben wir bereits in unserer gestrigen Mittagsausgabe veröffentlicht. Den Wortlaut der auf dieser Ta-guug gefaßten Resolutionen tragen wir mor-> gen nach.

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