Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2077 (30.11.1924)
- Date
- 1924-11-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mll^>M!WW»W MWWW^WWWWWWWW Seite 6 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeltimg. so. November 1924 , Nr. 2077 Aber ich muß ins Weite sehen. So, das beruhigt m!ch. Dann gehe ich im Kreis, im Zickzack, wie ein Botr-unkerer nm die Habttistelle. L. O. M. N... das mv$ ÜU^iSrivt. Der D-Wagan nicht. Cud-lich! Gott sei dank. Zirischen sieben Rucksäcke gezwängt. von heulen-d-.-n, schiurpsen-den Dtenschrnr umringt . . . beruhige ich mich. Die Bewegung des Wagens, sein Bonvärtsrattern' kaüniert meine Erregung. Nun stcht der Wagend, das Licht erlischt. Stör-ung! Drei, fünf Minuten. Alle Passagiere bleiben int Dag.cn: es kann nicht lange dauern, aber ich ertrage es, nicht. Ertrage es nicht, mich der Bosheit ruhig ausztrliosern. Ich steige aus und lause zum Postamt. Hinter mir klingelt der Wagen, nun überholt er mich, ich versuche einen Wettlauf. Ich' versuche es nur. Ich komme fünf Minuten nach dem Magen am Postamt an. Es ist nicht gesperrt, aber... es' ist auch nicht geöffnet. Ein Diener steht, wie ein breiter Riegel, an bau Rollbalken gelohnt. Er läßt keinen mshr durch. ,Haben Sie doch Erbarmen mit mir: Ich habe den D-Wagen mn eine halbe Sakurrdc versäumt. Um eine halbe Sekunde. Um eine halbe Sekunde." Ich wiederhole es unaufhörlich wie emMouonwne: „Eine halbe Sekunde!" Briten-, flehend. ,Schluß!" schreit der Diener. Und senkt den Balken. 'Und nun beginnt erst das Martyrium. Ich ffefoc vor dem Nachtschalter. Dreißig Menschen vor mir. Uw warte... warte... warte. Endlich bin ich, .zehnmal zurückgestoßon, am Schalter. Ich ziehe ein Zchntauisendkrouennote hervor, der Beamte kann nicht wechsln: „Verstellen S' nicht den AusMrng. Der Nächste!" Ich bin medergeschmettert. Mir wird übel. Me ein gehetztes Wild, das getroffen wird, sehe ich mich um .Sitte, kann vielleicht einer der .Herren?"... rmd schon bin ich in die letzte Reihe zurückgestoßen. Beim' Lagschalter hätte der Beamte wechseln können. Zweifellos!'Alles, weil ich den D-Zug um eine halbe Sekunde versäumt habe. „Um eine höbe Sekunde, nrsiu Herr." Er antwortet: »M-srft's den Narren auffa." Ich warte, tvarto, tvarte... Und wissen Sie, Herr Professor, was suchen" heißt? Rein, Sie wissen eS nicht. Können Sie sich vorstellen, daß Dinge, konkrete, faßbare Dinge, plötzlich verschwinden? Ganz plötzlich. Daß ich vor einer halbem Mimkte einen Brief Ln der Hand hielt, der nun unauffindbar ist! Ich brauche den Brief zu einem Prozeß. Kann ich ihn 'nicht Vorlogen, werde ich sachsällig. ErbavmmigsloZ. Wird mir der Richter glaubm, wenn ich sage: »Herr Richter, der Brief ist auf einmal verschwunden. In Meinem Zimmer verschwunden. Ich Lick heute siebenmal unter das Sofa' gekrochen, dreimal unter den Tisch, ich habe alle Laden ausgeleert... und habe alles gefunLum, was ich nicht suchte. Eine alte Trambahnkarbe mit dom Vierzehrrhellertarif, Visitenkarten lästiger Besucher, Mahrmngen von Steuerämtern .. . mit peinlicher Ordnung lagen sie in Stößen herum, haben sich dort festgesetzt, eingsrviftet. Aber oer Brief, den ich eben m meiner Hand gehalten, der 'D^«f ist nicht da. Er ist fort." Aber er muß, muß, muß doch da ' sÄn! Und wieder beginne ich, den Angstschweiß auf der Stirne, mit zermürbten Gliedern mitÄr das Be tt zu kriechen, unter den Teppich, unter das Sofa'... Wissen Sie, Herr Professor, was suchen heißt? Ich suche ian Lexikon das Wort „Pvadt". Das ist ein heute nur mehr wenig gesuchter Staatsmann. Ich zittere; denn ich weiß, der Band wird nicht aufzufinden fein. Band 15: bis Plaketten. Ein Wunder: Ich trau« meimn Augen nicht: Band 16 ist da! Wahrhaftig; Plaketten bis Rinbelen. Da muß der fvanzösifche Staatsmann eingekapfelt sein. Ich blättere: Prachtkäfer... Pvadez... Pvadschapati... Jetzt muß er kommen: Prätovniolen... Wie? Ich blättere zurück. Der Schweiß tritt auf rneine Stirn. Ich blicke auf die Seitenzahl: Die Seite Pradt ist herausgerisstn! Gerade, die Seite „Pvadt!" Ausgerechnet die Seite „Pradt!" Ich renne, mit dom Kopf an die Wand vor BerzwetflunZ... Wissen Sie, Herr Professor, was es heißt, tagtäglich diesen Kampf mit den. Pygmäen, den unsichtbaren Urwaldgeistern der Alltagsbosheit zu kämpfen? Ich habe sie in. Italien m Schlössern, die nicht sperren,. in Fensterroll- Mten, die wicht schließen, verkörpert gchrndon., Ich habe dreimal im . Tage mit dem. RiesenschlüM. meines Gasthof-' zimmers gerungen, erbittert, gerungen, Cr wollte nicht sperren, er wollte nicht. Ich liege nachts im Bette, schlaflos. Warum kann ich nicht schlafen? Ich muß morgen einen Brief. pneumatisch aufgeben. Nichts weiter. Aber ich sehe schon den D-Wagen vorbeifahren, während ich atemlos herarrkeuche, ich höre die rauhe Feldimbolstimme des Beamten: ,,Jch kann nicht wechseln", während ich ihm wie ein Bettler die Note Hinbalte. Ich fühle, wie man mich zurückdrängt, in die letzte Reihe. Ich warte, warte, warte, in marinem Bette, von Ungeduld gepeinigt. Fahre schon mn 7 Uhr aus dem Bette und stürze mich in den Kampf... gegen die boshaften Nichtigkeiten. Wissen Sie nun, Herr Professor, 'was das ist... die Bagatellohhobie? Professor Ohrenschlag aber sagte: Ein größerer und weniger gestörter Geist als Sie hat das einmal „Tücke des Objekts" genannt. Semmering, Ruhe, Einsamkeit. Ihr Leiden ist typisch. Sie sind keine Ausnahme. Bilden Sie sich nur das nicht ein. Eben ging cm Herr weg... auL Brody. Der erzählte mir dasselbe: Also: Fahren Die auf den Semmering, dort ist k»in D-Wagen. Suchen Tre nrcht im Lexikon nach einem verschollenen Staatstnann und gdben Sie keine rekommandierten Briefe auf." „Aber, Herr Professor, verstehen Sie wicht, daß ich . ohne don D-Wagen, ohne das Lexikon, kurz: ohne den Kampf mit der Älllagsboäheit nicht leben kann? So einfach toi* bei dem Herrn aus Brody ist mein Leiden nicht." „Fähren Sie auf den Semmering!" Der Professor wurde schon ungeduldig, SS war höchste Zeit, die zweihMdertlausend Kronen aui feinen. Schreibtisch m legen,.. iis PELZHÄÜS HEINRICH Oes; m. d. H. L Opernring 3 Pelz-Jacken von Kl,§00.000 Kanin-Mäntel . Ton K 1,050.000 Seal-Electric-Mäntel KiAmn Nerz-Murmel-Mäntel ▼on K 7,500.000 Persianer-Mantel von K 21,000.000 Verbräm ungsfelle von K50.0Q0 sowie reichhaltigste Auswahl von Mänteln und Jaoken, Chinohiiia, Breitschwanz, Zobefeh, Nutria, Astrachan, Kolinsky, Sealbi8am,Foh*en,fernerWöifef FQohse, Stolen etc. zu tief reduzierten Preisen Sämtliche Jacken und Mäntel sind durchwegs Modelle 1924 — 1025 aus bestem Material in feinster Ausarbeitung Nie Krise der OmenMrsorge. Von Anitta Mittler-Cohen. Sollen wir ehrlich sein? Me oft lpiben wir ez und schon vorgenonrnicn, und rwch nie gelang es. Die jüdische soziale' Arbeit — und vielleicht nicht nur die Mische — vegetiert seit Jahren fort, hat eine Reihe von Präsidenten und Vizepräsidenten und Statistiken in Uebersülle: und in ehrlichen AugeMicken muß sie sich diesen schönen Dingen zum Trotz fragen, hat das Ms noch sinen Sinn- Ei neu solchen ehrlichen Augenblick brachte den Arbeite vn der jüdischen sozialen Fürsorge die am 16. November dieses Jahres stattgosundene Genev^'lversamm'lmig des Jüdischen Jugendsürsorgeverbaudes. Diesenal war es nicht um die Verteilung von Ehrerstellen zu tun. Es wurde gesucht, knmvps'hast gesucht, der Ausweg aus der Krise, der Arbeit. D i e F r a g e i st d i e n a ch d e m S i n n d i e s e r Arbeit. Hat es einen Sinn, in hundert Fällen etwas Gutes zu tun? Die- Antwort muß durchaus nicht rrubodirrgt bejahend vussallett. Es sind hunderttausend Fälle, und nur in hundert kann geholfen werden: hat also die Hilst rn diesen hundert Fällen einen Wert? Die Antwort wird 'öastinrmt „nein" sein, wenn man bedenkt, daß die Hilfe in hundert Fallen das öffentliche Gewissen einlullt und daß vielleicht dieses ösfenWche Getvisstn erweckt werden könnte, wenn nrän den Mut aufbrächte, alles einzustellen. Das hieße allerdings, Liquidation der saMlen Arbeit oder, tvenn der altmodische Ausdruck näherliegt, die Einstellung von Wohttätigkrit jeder Artl Diesen Gedanken bringt uns der ehrliche Augenblick. Ist es mW bloß Grleilkeit, fortMegetieven? Der Vorstand des JckgeudfiivsorgevevbMdeS, der Zeukrastelle für/jüdische soziale Fürsorge, fennte wohl über manche wertvolle Arbeit berichten, mußte aber gleichartig zugeben, daß eine großzügige Organisation der' Hilfsarbeit ihm nicht gellang. Der Iugendverband sollte eine Art Clearinghoust der Vereine werden, die in ihm zusamnrengeschlossen sin-, doch bis nu.rr war er bloß ein Bevem unter den Vereinen, anstatt über den Bereinen zu stehen. Allgemein bekannt sind die Mbildungen «der ägyptischen Pyramiden, an deren Fuß, wie ein lächerlich Deiner Pmrkt im Verhältnis zu dem Koloß, ein Mensch steht. Als ein. solch KcheEch Deiner Punkt fiihlen Witz uns stets, so oft wir Gelegenheit Hülben, die Probleme der Mischen Jugendfürsorge zu erörtern. Grandios, ruft jeder aus» und staunt unverwandt die Probleme'an. die er lösen sollte, wenn er es kämt«. Es st immer wieder ein Aufmarsch der Ansichten und Richtungen, bei dom die Fülle der Aufgaben'betäubt und dos Gefirhl der Ohmnacht erzeugt. Da sind die An^ Hänger der Jugendbüwde, die für das Ideale in der Arbeit detz JlUgendbündler schwärmen und!konstatiereu, tvaZ alles sie nach leisten können und was sie bisher oben nicht gcieiftet haben. Und von der anderen Seile' evschotnen dann die Befürworter der Vereinigung detz Ettern, die 'Anhänger der Ektevnbünde, und betonen, -uß keine Jugendfürsorge ohne Erfassen der Eltern nrögkliich fei. Wieder andere nwmen, alles Unheil kommt von dom Namen Jugendfürforge. Denn dar Wart hat etwas von WohMtigkovt und gerade Las soll ja die Jugendfürsorge nicht sein. Jugendfürsorge ist Pflicht und wohlverstandenes Interesse einer jeden Gemeinschaft. Idcber all das wird döbMievt und stets komrnt man zu dom Ergebnis, daß alle Richtungen und Meinungen einer Entwicklung fähig sind, daß aber die Mittel zu dieser Entwicklung ganz und gar fehlen. Tastend versucht man Wege, die KrEse der Arbeit zu überwinden. Stets kommt das Problem Zentralisation oder De-zentralistttium auf das Tapet und man errtfcheidot sich für daeine oder das andere und st sich meistens bewußt, daß außer der Methode auch noch etwas anderes fehlt, worüber sich kein Beschluß fassen läßt. Dieses Etwas ist die Notwendigkeit, daß die Gemeinschaft in jedem einzelnen ihrer Mitglieder ihrer Pli ch ton bewußt und sie zu erfüklengewrllt sei. Es hat gar keinen praktischen Wert. Mer die Pflichten der Gemeinschaft zu debattieren, so lange diese bloß auf dem Papier anetzLmnt werden. Die Großzügigkeit der sozialen Arbeit läßt sich ohne Erziehung der M en s cheni» weite sie n Kre if« n niemals vetzwirklichen. Woher mau sich fragen kön nte, ob de nn na ch d er Erziehung de rMe nsche n zu ihren sozialen Pflichten diese Arbeit über Haupt noch notwendig sein werde? AuS diesem Zirkel gibt öS keinen Ausweg. Unsere Ehrlichkeit taugt zu nichts. Wir müssen doch weiter forllvuvsteln und das einzige, was wir vielleicht doch erreichen können, ist eine Verbesserung der Methode. Zweifellos st es eine Verbesserung, daß die Vereine durch in Zentralstelle Msanrnrengehakten und beeinflußt werden. Herr Prostssor Eisler gab dieser Erkenntnis den prägnantesten Ausdruck, als er meinte, die ins Persönliche hineingehende ermüdende Konkurrenz im DevemSlaben muß vusgesästlltet werden und diese Ausschaltung solle der Jugendfüvsorgevevband durchsetzen. AndsrerssitS wäre ez ebenso zu begrÄßen. wenn die Anregung, die Jugendfürsorge bczirkswest zu organisieren, zur Durchführung gelongte.Derentralisation st unter den Verhältnissen der Großstadt unumgänglich notwendig. Eine Art Dezentral tfation wäre auch die Abgrenzung der Arbeitsgebiete. Es wurde vorgeschlagen, fünf Gruppen zu schaffen. (Internate und Waisenhäuserwann wird mau dieses fürchterliche Wort durch ein anderes ersetzen? —, Horte und Kindergärten, AuSfPeisung, Bekleidldng und Pädagogische Aufgaben^ Gerade von dem letzten Gebiete wurde bei der Tagung^ viel gesprochen. Es war nicht zu vermeiden, daß bei dem Zusammentreffen des alten Kehillahgeiftes und der modernen StrSnmng die Frage aufgewovstn werde: ist es wichtiger, der Jugend zuerst Essen zu geben oder auf ihre gvstige Entwicklung Einfluß zu nehmen? Herr Prof. Kellner gÄ -"KT-*