Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2077 (30.11.1924)
- Date
- 1924-11-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«WM ^erte 8_Wien, Sonntag Wiener Morgenzertung. 30. November IM Nr. M7 chm die Juden willkommene Mi Gleiter; der Imperialismus vernodert sie samt und sonders als Freunde des Auslandes; dem Monarchismus sind sic durch die Bank Sozialisten, der Bolschewismus enteignet sie als reaktionäre Kapitalisten. Immer sind die Indern als Gesamtbegrrff gefaßt und als Gegner des gerade herrschenden Shstenrs denunziert. Alle Regierenden wissen, daß es eine dummdreiste Erfindung ist. den Juden einheitliches politisches Stroben, einheitliäx tvir'tschaftliche oder soziale Struktur und Denkungsart Auzufchieben und sie als Feinde der Gesellschaft außerhalb des Rechtes zu stellen. Me wissen darum und alle schweigen, weil das ein wichtiges Geheimnis ihrer Staaten enthüllt, daß sie nämlich ohne den Betrug und die Einrichtung des Blitzableiters wie Kartenhäuser zusamme »fallen würden. . Bethlens Tragik. Kr. W t e n, 30. November. Graf Stephan B e t h l e n leidet, seitdem ihn Wie trostlose wivtschaiftlrchc Lage Ungarns zwairg, sich auch in europäischem Sinne der Konsolidierung des Landes zuzuwenden, -immer mehr an den Folgen der Jugendsünden feines Regimes. Nahezu vier Jahre lang regierte er mit Hilst von Mördem nnd Panmnisten, drohte er dorn Ausland unausgesetzt, dieses von: ihm. ausgeha-ltene Gesindel, diese swlitischon ZutrÄber der rücksichtslosesten Reaktion aus den Frieden Europas loszulassen, bis er zur U-oberzeugung gelangen mußte, daß diese Regimenter von Kostgehern der Staats- und Parteikafsen das Land an den Bettelstab bringen und daß ans dein Ausland wohl Mittel für -wirtschaftliche Sanierung, nicht aber für die Züchtung eines Heeres von arbeitsscheuen Terroristen zu haben find. Die Mörder wurden amnestiert, manche auch in Stellungen unterysömcht, und Bethlen glaubte Wohl damit die blutige Arbeit der Mörder, wie es einem ungarischen Magnaten ziemt, quittiert zu haben. Besonders, da er den Hcmpcherd des tveißen Terrors, den Verein der Erwachenden Ungarn, weiter bestehen ließ und die „kleinen AuSschwingnngen", Erpressungen an Jrl-den, nächtliche Ueberfälle, deckte und seine Mitglieder -mit Konzessionen, Privilegien und Bianko-Ausfuhrbswilligungen fütterte. Nun beginnt die Tragik Bethlens. Er vergaß ganz, daß es sich nicht so sehr um die erbärmlichen Kreaturen, die bei den Morden Hand anlegten und bei den Panamas die Hand aufhielten, sondern um diejenigen handelt, in Leven Auftrag und Sold die Verbrechen begangen wurden. Und Latz diese Mörderhau-ptlirM der ungarischen Gentry angeboren. Und daß man mit der Anmestie allein dem 'wohlverd<pnien ÖVoi^en entrinnen, aber nicht nach alter Grntrysitte mit Zigeunermusik, käuflichen Weibern und Kartenspiekern lustig leben kann. Und da stand das Di» lemma: mit den von ungarischen Juden erpreßten Geldern war ein solch fidÄes Gentryleben noch möglich, aber mit dem Gelbe der ausländischen Juden ist das schon deshalb nicht möglich, well sie strenge Kontrolle halten und au die Anleihe die dumme Bedingung geknüpft hatten,, daß die Mörder endlich unschädlich und das. fremde Geld vor dom Zugriff von Räubern gesichert werde. So entstand der Kampf im eigenen Haus. Bethlen wurde zum Verräter an feinen vaublustigen Pflastertretern und diese wieder sind entschlossen, wenn sie schon zum Arbeiten verurteilt werben, ihrem alten Beschützer Bethlen mit sich in ein sclches eines rechten Gentry unwürdige Leben zu zrchen: - So wurde Bethlen wider Willen in die Gerichtssäle gedrängt, in denen seine Kreaturen wutschnaubend über seinen Verrat zappeln. Bethlen hat hier ome recht jämmerliche Rolle gespielt. Wie der Roue, der mit feiner verbrauchten Maitresst um die Abfertigung -feilscht. Sie werfen sich gsgenssitig chre intimsten Mhaftigkeiten vor. Am abstoßendsten aber wirkte Bethlen, als er sowohl vor Gericht als auch im Parlament sich aus das Amtsgchsimnis und auf Staatsrücksichten ausredete, anstatt einem .Kreuzverhör standguhalten. Marffy und Eskütt vor Gericht, die Opposition im Parlament wie Hunde vor die- Tür gesetzt! Das ist alles, was Bechlen, der Hauptschuldige in den Skandalaffären, den jüdischen Geldgebern im Ausland als Beweis für eine Rechtsordnung zu präsentieren vermag. Werden die Juden wirklich' so dumm sein, sich damit abzuftndsn? Fühlen sie nicht, daß vor allen Bechlen und Horthh aus die Anklagebank gehören, um für eine ehrliche konstruktive Arbeit, die allein die Sicherheit jeder auswärtigen Investition verbürgen kann, den Weg frei za -bekommen? Die bloße Existenz Horchhs und Bethlens an der Spitze Ungarns gibt den Pwnay, Hojjas, Friedrich und Ulain und all den übrigen großem und kleinen' Terroristen die moralische und materielle Macht, Ungarn immer von neuem auszuwüh'len imd die Nachbarn -in Unruhe zu versetzen. In U k arn wird so lange feirw Ruhe eintreten, als nicht das SHicksal des Landes in die Hände von Männern gelegt fit, die niemals irgendeine Gemeinschaft mit Mördern und Verbrechern hatten und die es nicht nötig haben, sich aus das Amtsgeheimnis zu berufen, wenn es um ihre Ehre geht. Die Budapefter Prozesse. Budapest, 29. November. Die beiden großen Strafprozesse gehen zu Ende. In der Angelegenheit der Bomben- Werfer dev Erwachenden Banditen eröfsnote nach den gestrigen erregten Szenen beim Verhör des Ministerpräsidenten und des Honvedm'misters heute der Vorsitzende Dr. Eugen Langer die Verhandln^ in voller Ruhe. Die Verteidiger hielten ihre Plaidohers. Bei Beginn der Verhandlung teÄte der Vorsitzende mit, daß die Staatsanwalts chafi die Anklage gegen Marffy modifiziert hat und ihn nicht mehr als Anstifter, sondern als Täter anklagt. Das Urteil -ist für die nachste W o che zu erwarten. In der Angelegenheit des Privatst krem rs, des verfterbenen Ackerboulmnisters Szabo-Naghatad Lu-dwig Eskütt hiellen heute gleichfalls hie Verteidiger ihre Ne-den. Das Urteil tvivd auch in diesem Falle erst für Mitte nächster Woche erüdartet. Bethlens PolizriMastnahmen. Wie die Blätter melden, hat die Polizei auch heatte -in allen Dellen der Hauptstadt, insbesondere aber in den Ml-LnkSvierteln, verschärf ton Wa ch tdi e n st. Bisher sei es .aber nirgends zu einer Ruhestövnng gekomnreu. Die Polizei hat seltner zehn für heute angemeldete Versammlungen verholen, -desgleichen zwei von der soZiäldeurokratischien Partei für morgen angemeldete Volksversammlungen. Gleichzeitig wurden Boufügu-ngen getroffen, -daß für morgen auch jeder Ber- 6uii*Kostyme reine Schafwolle, Ia Qualität K 490.000 Feinste Seidenfior-DonienstrQinpfe % früher K 58,000 / Jefixt K 48.000 4$ nur L Tfsdtnerhof 2 (Graben) such der Avbeiterschost, Beratungen abzuhalten, her« hindert werde. Das Original des Bethlen-BvLefes. Wie verlautiet, befindet sich das O r i g i n ä l deS als gehet m bezeichn eien Bethlensch en Aktes, der den Ausgang Spunkt -der gestrigen Parlamentsfka-ndale gebildet hat, unter den Dokunrenten des E s k ü t t - P r o z e s s e s und soll in der ProzeßvechaMung am Montag verlesen werden. Der Sturm gegen Bethlen. „Esti Kurir" veröffentlicht ein offenes Schreiben de8 mfsenschütz'erdschen Abgeordneten Dr. Ulain an den Justizmtt'ister, worin -darauf veviviieistn. wird, daß einer der ArigeklaMr ün Eskütt-Pro^ß, der ehemalige Abgeordnete Za kau y, i-m FMling des Jahves 1933 nach Amerika geflüchtet sei. V»lkSwöhLsthrtsnri>n»ist>er Doktor Baß ha-b« m der Nationalverfanmnlung zugegeben,, daß er Zakany für Lesse n Reise nach Amerika beim Ministerpräsidenten Grafen Bethlen baS notwendige 'Reisegeld beschafft halbe. Ebenso habe Minister des Innern Rakovszky gleichfalls in der Na-d'nonalversarmulung zugegeben, daß er dem Zakany den'Reisepaß habe auSstellen lafssn. Die genannten drei Minister hätten daher hilfreiche Hand geboten, daß ein Angeklagter sich der Bestmfuug nüziche. Der Justiz-mii'mste-r möge daher die Sbaatsauw^llschaft an- «tveistn, gegen di« genannten drei Minister das Strafverfahren wegen Borschubleistung zu einem Verbrechen cinjuleiten. Der Lelegiettentag der österreichische« Rmiften. Sie nationale« Fond». - Sie Palästinawanderung. - Kntturarbeit. Im Saale des Ingenieur- und Archi- , t e k t e n v e r e i n e s. wu^e gestern um 6 Uhr abends der diesjährige.Delegiertentag der österreichischen Ziomsten eröffnet. Nach der Begrühlrngsansprache des Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees, Oberbaurats Stricker, wurden in das Präsidium die Herren Dr.'Desider Friedmaitit als Präsident, Dr. Jakob Ehrlich als Vizepräsident, Karl Schwa r z (Graz), Jrcha Schmied und Direktor Spiegler als Mitglieder des Präsidiums gewählt. Zu Schriftführern wurden die Herren U n g e r, W i t t li n und Herzog gewählt. Die Wahlen erfolgten durch HanderhOen und .einstimmig. . Dr. Martin R o s e nblüth begrüßte namens des 'Londoner Direktoriums des Keren H a j e s s o d und der Zionistischen . Vereinigung. für Deutschland den Delegiertentag uub . überbrachte eine Einladung zum Parteitag nach Wiesbaden, an dem; auch die Zionistische Organisation der Tschecho-Slowakei vertreten ftin wird. Irr die Permanenzkommission ' wurden gewählt: Die Herren Dr. Allax Bernhard, Schaft Hör o w i tz, Dr. i n i c I ft e t n, Josef Brenner, Heinrich N i m h ä u s e r, Frau Dr. Sophie Löwenherz,- Hammer, Graubart (Jnnsbruch, Sa>lo S ch m e r l e r, K a tz, Dr. S t e i n h e r z, Schwertsinger und Dr. Steinberg. In die Resolutions- und OrganisationÄommiifsron wurden entsendet: Die Herren Dr. Beer, Kandl, . Dr. W i l h e i m, S ch r e i e r, Dr. R o s e n h e ck . (Mödling) und A u f r i ch t i g. Hierauf erstattete 8er Sekretär des Zionistischen Landeskomitees Herr Dr. N. M. Gelber die vorgesehenen Referate. Migkeltibericht des gioniMcheu Lander« 'omlteer. Namens der österreichischen Zionistischen Leitung erstattet Herr Dr. N. M. Gelber den GenerMericht über di« Arbeit aus den einzelnen Dätigseitsgebieten. Der Bericht lag den De« liierten schristkich vor. Wir geben nachstehend die wichtigsten Stellen wieder: Otganisatiov. In dem vevftossenen Berichtsjahre war das Laicheskomiiee^ bestrebt, dc-n Ausbau der Organisation durchzus-ühren und eine ersprießliche Täti-gkeit ans sämtlichen zionistischen Gebieten zu ent-failten. Leider wurden die Arbeit-sn, des LairdeAiomiteeS in -den meisten Fällen von Orgauisationste'Äen nicht gefördert. Gewisse Gm-ppen reagierten überhaupt nicht au>f Briese des Landeskomitees: eS ist daher begreiflich, daß unter solchen Bedingungen die Tätigkeit des LandeSkomitees nicht aus die Erfolge der . früheren Berichtsjahre Hinweisen kann. Die Schvkelpvopaganda, die vom Lcncheskomitee unter den größten Schwierigkeiwu geleitet wurde, komte rmr mit geringem Erfolg zum ^Abschluß gebracht werden. fraget 704 Schuhe! mü eingebautem „Be ärs^sn^-Gummi-Absatz Das Organisati-ons- und Pr-o>pagaudarvferat hat nach dem letzten Parteitage eine intensive TätdBeit entfaltet und war bemA)t, die Oryauisationsabbeiten systematisch zu beleben,' Mit Ausnahme der Sektionen Prater, Zwischenbrücken, Brigittenau, 12. b i s 15. Bezirk, Hietzing, a k ademifcher Landesverband, Frauenorganisa» tion, faichen die Referenten bei den übrigen Sektionen keine Unterstützung. . Aufgabe Parteitages wird es sein, auf Gru-nd dieser Tatsachen und der Lr.f.ahru-ngen in den le.tzt«n Jahre n die nötigen Schlüsse zu ziehen, um endlich einmal ernslllich mit dem Aufbau der Organisation zu begmnm, der gerade M sttzMn Zeitpmckt driugeMr ist als je. Keren Hajeffod. An das Keren Hajeffch-Direktormm in London wurden im Berichtsjahre 4292 Pfu nd Überwiesen. Es bst gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung um 58 Prozent zu derzeichnen, ein Auffchwuwg, der mit Rücksicht aus die schwere finanzielle Krise als besriedigenb bezeichnet tverden muß. Keren Kajemeth. Der Jüdische Nationalsonds hat an sein Hauptbureau m Jemsalem im BerichtSstchre 3373- Psund überwiesen. Di« Idee der Selhstkont.ingentierung (U-chemahme der AiHbrmgunig einer baskbmmten Summe durch einzelne Personen) setzt sich mit Cvfolg durch. Auch die Bäderaktion brachte bedeutende Summen. Besonders hervorguheben sind di« Leistungen der Zionistischen Sektion Prater und der Ortsgruppe Linz. Besonders bemerkenswert ist der Tätigkeitsbericht des Wiener Palästinaamtes, -em wir folge:ideS mtnehmm: Das Wiener Palästinaamt unterstcht unmittelbar der JmmbgrationsMtra-le der Zionistischen Exekutive in Jerusalem. Die gemäß dm Beschlüssen deS 13J ZionistmkongresseS beim Wiener Palästinaamte bestehende Kommission setzt sich aus \&- gendm Herren zusammen: David Nebeuzahl, N. M. Racker. Paul Földes (Zionistisches LandeSkomitee für Oesterreich), Adolf 'P'nEaS (MiSvachi), Dr. Chaim Tartakower (Hitachduch), Mendel Singer (Poale Zion), R. Bregnrann (Zerre Zion), Leo Kaufmann (CholuzorganHation) und Dr. Nahum Blauer als Leiter des Wlästinaanrtes. Zwecks BehaMmrg der lausenden Angelegenheiten wurde aus der Mitte der Kommission ein Prästdkrm gswchlt, dem di« Herren Ncibenzahl, Dr. Tartakower, PinkaS, Singer und der Leiter des Palästinamntes angchören. Bom 1. Jänner 1920 bis 31. Oktober 1934 haben mehr als 15.000 Palästinawandererdas Wiener Palastinaamt in Anspruch genommen. Es waren dies solche Paläftinasahrer, für die Wien entweder den Ausgangspunkt oder einen DurchgangSpu-nkt ihrer Reist nach Erez Israel bildete. In der jetzigen Berichtsperiode Passierten dar Wiener Palosiinaämt 1085 Personen, von denen?17vo«W>ien auS als dem Ausgangspunkt ihre Reise a«getreten haben. Den Derlvfen nach waren 180 Landwirte nnd Landarbeiter, ISS Handwerker, bezw. Gewerbetreibende, 88 Kaufleute und Industrielle» 62 ArlgohSrige freier Benvfe und der Rest ohne ^besonderen Beruf (Hausfrauen, Schüler rchv.). Die Anzahl der Hebräischsprechenden betrüg 76 Prozent. Da die bestchenden EinwmckevungSbcftimmungen mit ihren bekannten Beschränkungen noch immer keine Aenderuwg erfahre» haben, ist e8' begreiflich, daß bloß ein vechältniSmäßig sehr geringer Teil der AnSwanderungSbvwepber, die beim Wiener Palästiuaamte registriert sind, befördert werden konnte. DieS bezieht sich hanpisächlich ans diejenigen Reisttoerber, die