Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2075 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■Är. 2075 Wien, Freitag ^el'6c zu niachen. Bundeskanzler Dr. Ramek verhandelte gestern mit Len sozialLemokratüschen Führern, di-e ihm nochmals ihr Bedenken Kegen Vaugoin vortvugen, ihren Wunsch konnte er aber MstverstäMich nicht erfüllen^ obwohl sie sich sogar bereit erklärt haben sollen, trotz der Kürze der noch zur Bevfügnnig stehenden Zeit sogar der Erledigung des 'ordentlichen Budgets noch vor Jahresende keine Hindernisse zu bereiten. lieber die sachlichen Ginwände, welche die Opposition "gegen den Kurs im Heevesininisternlm erhebt, wird noch weiter verhandelt werden. Unterdessen hat, iv-vhl um zu den Verhandlungen mit der Regierung die nötige Begleitmusik zu machen, der sozialdemokratische Mgeordnete Zelen ka im Budgetausschuh, wo das Kapitel Pensionen beraten wurde, am Vormittag nicht weniger als dreiStunden lang gesprochen und am Schlüsse der Nachmittagsitzung neuerlich das Wort ergriffen, seine Rede aber nicht beendet, sondern angekündigt, daß er hsnte weitevsprechen werde. Er sparte auch nicht mit Drohungen und kündigte an, - daß schon in der allernächsten Zeit die StaatsLediensteten, denen das neue Gchaltsgesetz keine Existentzmoglichkeit geboten hat, gezwungen sein werden, zur Selbsthilfe zu greist-n. Man werde wieder einer geschlossenen Einheitsfront der Bediensteten, ohne Unterschied der Partei, gegenüberktehen. Leon darf wieder lesen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Graz, 27. November. Das Abkommen zwischen dem UnterrichtSmünister und den Krawallprosessoren der Grazer Technik wurde heute früh feierlich und mit strengster Einhaltung der akademischen Ritualien verkündet. In der Aula hatten sich die Hakenkreuzvenbindungen versammelt. Rektor T o r n q u i st erschien vor ihnen und teilte mit. daß das Profe.ssorenkollegnnn sich mit Pr ose sso r Doktor Alfons Leon geeinigt habe Md damit die ganze Angelegenheit auch für die Studentenschaft endgültig begraben erscheine. Beide Teile werden darauf bedacht sein, jeden weiteren Konflikt zu vermeiden. Sollte aber in Hinkunft von welcher Seite immer di« neue Ovdwrng verletzt werden, dann müsse der Rektor mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Ruhestörer einschreiten. Die Vorbedingungen für diese nunmehr geregelte Sachlage, erklärte der Rektor, wurden durch das Verständnis geschaffen, das der Bumdesminifter für Unterricht Dr. Schneider wie auch Landeshauptmann Doktor Rintelen der kritischen Angelegenheit während der VerlaMungen in Wien entgegengebvacht haben. Beide Herren hätten für die Not« der akademischen Jugend die richtige Einsicht gezeigt. (Heil! Hekl!) Zum Schluffe betonte' der Rektor, 'daß über allem die Verantwortung für das Ansehen -der Hochschule stehe. ‘ Er forderte die Anwesenden aus, dieser Aufgabe, stets eingedenk zu sein und die Arbeit wieder aufzunehmen. (Wieder Heilrufe.) Ein Vertreter der Hochfchulkammer dankte dem Rektor und den Professoren für ihr Wohlwollen. Die Versammlung sang dann da's Gaudeamus, womit die schöne Feier ihren Abschluß fand. Die ,Wiener Morgenzeitung" hat 'bereits den Inhalt des Kompromisses mitgeteilt. Die Staatsautorität hat aus der ganzen Linie kapituliert und bezahlt die Kosten aus den Steuerfeldern. Außer Dr. Leon werden der Direktor der Gewerbeschule Ingenieur Iberer und In>gen>'eur H l a v a c e k di« gleichen Fächer lesen wie er. Dieses Abkommen soll zunächst für 'das lausende' Studienjahr gelten. Die deutschnatioarallen Studenten haben beschlossen, g'gen Prof. Leon weiter Material zu sammeln. Sie 'haben auch den Besitzer des Kaffeehauses, in welchem Professor?eon 311 Verkehren pflegt, gezwungen, ihn zn ersuchen, sein Cafe in Hinkunft zu meiden. * Aus aller Welt. London, 27. November. (Tel.-Komp) Den Zeitungen zufolge wird gegenwärtig eine neue Flugzeugtype für ein H a n d e l s f l u g z e u g gebaut, mit dem alle bisherigen Rekords übertroffen werden sollen. Es handelt üch um «inen Zweidecker, der 1600 Pserdekräst« entwickeln wird. Außer drei Manu der Besatzung können 24 Passagiere befördert tverden. In das Fluggeug wird sin S11 r n uitib eine Bar eiug ibaut werden. Mehrere dieser Flugzeuge sollen ans der Strecke 2 0 n d 0 n—P a r i s zur Verwendung gelangen. Berlin, 27. Novemiüer. Der radikalen Richtung in dvn Sowjets ist es nach einer Meldung des „Vorwärts" aus Riga gelungen, Trotzki zn beseitigen. Er ist als Kommissär für Kr-regsangelegienheiten und von anderen hohen Posten abberufen worden. Man spricht von seiner Verwendung auf einem diplomatischen Posten, ober auch von einer Verbannung ins Ausl and. Rom, 27. November. (Stefans.) Der Oberkommandant der nationalen Miliz, General Balbo, der, wie ein in seinem Prozeß gegen das Blatt „Voce Republiooma" veröffentlichter Brief ergab, den Befehl erteilt hat, politische Gegner mit Stockhieben zu traktieren und die Präfekten auszusordern, antif die Justizbehörden emzuwirken, daß die Schuldigen nicht zur Verantwortung gezogen werden, ist von seinem Posten als Oberkommandaut der nationalen Miliz z n r ü ck g e t r e l« n. Paris, 27. November. (Havas.) Die Aeademie Francais e hat heute zu neuen Mitgiiedevn gewählt: den Präsidenten der Schrilststellergenbssenschaft., Georges L e c 0 m t e, an Stelle Frederic Masson; den stäMigen Sekretär der Akademie der.Wissenschaften, Emile Picard, an Stelle de FrehcmetS und den früheren Direktor der Aoadeinie de France in Rom und Leiter der Coole des Geaux ArtS, Albert Besnard, an Stelle Pierre LotiS. N<HteS, 27. November. (Havas.) Auf der Loire ist ein Faltboor gestrandet, wobei acht Personen ertranken. Wiener Morgenzettung. »Ich lasse mich mit Diana-Franzbranntwein massieren!" *Warum gerade mit Diana-Franzbranntwein?“ „Weil ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA Franzbranntwein mit Menthol’ solche Schmerzen lindert, welche von Ueberanstrengung und schwerer Arbeit herrühren. Ebendarum kaufe. ich nur DinMiiiiMi und nichts anderes.“ Ueberall erhältlich Diana -Franzbranntwein-ProduRtion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. EngerthilraBe 169 Lieben, Drahobeljoua 1073 Tagesbericht. Ser vrattifche Volfchewisvmr. Geraubtes jüdisches Volksvermögen als Kompensationsobjekt. Hie und da dringen kurze Berichte im die Oeffentlichkeit, wie Rußland einzelne Gruppen seiner Juden behicvndle, umd" die klingen nicht allzu günstig. Bon einem Attentat auf die Gesamtheit seiner Juden hat man bisher nicht viel gehört, und doch ist es ein so unerhörtes Stück .^Innenpolitik", daß es wirklich in weitesten Kreisen Aufmerksamkeit erregen müßte. Es ist nur bekannt, daß SvwjetvuMnd mit England einen Vertrag vorbereitete, der die gegenseitigen' Forderungen als beglichen erklärte. Wie nun Rußland, der SchMnevstaat, zu „Forderungen" kam, ist ganz lehrreich. Es erinnerte sich plötzlich seiner „lieben Juden" — diesen Titel hat ihnen ja schon das zaristische Regime verliehen — und es erinnerte sich auch der Pogrome, die dort von den Truppen und Banden Denikms, Wrangels und Petljuras angevichtet worden waren. Weil aber diese „weißen" Interventionen von England und Frankreich unterstützt worden waren, konnte man ihnen schon ein gutes Teil der Schuld^ bsimessen und die Verantwortung für die ungeheuren Schäden aufbüvden, die diese Pogrome verursacht hatten. Dazu waren die Juden, sMst die sonst so verfolgten Zionisten, gut genug. Die „Jei.vsekrie" erließ einen Ausruf über die grauenhaften Pogrome, die in der Ukraine gewütet >hatten, man multe der Welt das entsetzliche Bild der ukrainischen Verwüstung — und forderte Ersatz der Schäden. Man legte England Forderungen von Hunderten Millionen Goldrubeln vor, wies man doch so leicht auf die Pogvomopfer hm, auf die Zehntansende der schuldlos Ermordeten, der Witwen und Waisen. Mau gründete m der Ukraine zahlreiche jüdische Komitees, um all die Schäden zu registrieren, eine Zusammenstellung der Erinordeten, der W'twen und Waisen zu machen, und das alles kostete viel, viel Geld, so diel, daß man davon eine große Zahl kranker, schwacher Kinder hätte ernähren können. Und das Resultat? Der geschuftige Lärm hätte sich bald gelegt, denn Genua und Haag beschäftigten sich mit diesen Forderungen der Sowjets nicht. Aber ihre Zeit kam, als die englische Arbeitervogierung Rußland anerkannte. Jetzt wurde auch über die gegenseitigen Forderungen verhandelt und schließlich einigte man sich, die Schulden Rußlands an England mit seinen Forderungen aus den obenerwähnten Interventionen und Pogromen auszugleichen. So hatte Rußland seinen1-vivtschfftlichen Sieg errungen. Die jüdische Ooffentlichkeit stand vor der Frage: Was wird mit den 100.000 Juden, die wirkliche und lvahrhaftige Pogromopfer sind? Werden sie die Entschädigung bekommen, auf die sie rechtlichen und moralischen Anspruch baben? Man sollte es für selbstverständlich halten. Aber in den vielen Reden, die über den Vertrag mit England und seither in Rußland gehalten wurden, war darüber kein Wort gesagt worden. Das Verhallten der offiziellen Sowietkreise ließ befürchten, daß die jüdischen Pogromopfer Wohl ein wirkungsvolles Requisit in den finanziell-poMschen Verba ndlnnoen getm'en seien, aber nichts, gar nichts zu hoffen haben. Denn das „arme" Rußland kann ja nicht helfen. Helfen können und sollen die reichen, «»nsländiischen Inders So stand die Sache bis zum Sturz der. englischen Labourpartei. Jetzt aber, wo ein neues England an den Verhandlungstisch tritt, ist es Pflicht der jüdischen Publizistik, die maßgebenden Faktoren der jüdischen Politik, das Weltgewissen auszurüttoln und zu verhindern, daß Rußland"sein Experiment neuerlich versucht. Denn unsere 88. November 19®4 Sette 8 jüdischen Brüder in der Ukraine, die so unermeßliches Leid, getragen haben, die an Leib und Gut geschädigt wurden1 wie vielleicht noch nie ein Teil unseres Volkes, haben ein Recht auf wenigstens materielle Wiedergutmachung. Seinen Toten kann ja keine menschliche Kraft das Leben, feinen Krüppeln und Verwundeten nicht die Me Gesundheit Wiedergaben; vielleicht können wir ihm wenigstens das schassen, wüs ihm Räuberhände geraubt haben und eine „hohe" Politik neuerlich zu rauben bemüht ist. Prof. O. L. Der Blut-gar. Die Pogrome waren für Nikolaus de« Zweiten z« milde. Der berüchtigte ehemalige General Kommissarsw, den man für zahlreiche blutige Pogrome aus Inden verantwort, lich macht, veröffentlicht jetzt in „New -Aolk Times" seine E rinnerungen und erzählt hierbei die folgende Episode, die daS Verhältnis drS Zaren Nikolaus des Zweiten zu den Juden beleuchtet: , „General Dratschewsky, damals Generalgonverueur von Rostow, erschien einmal vor dem Zaren zur persönlichen Berichterstattung. Im Verlauf der Unterhaltung sagte der Zar: „Wir haben in Rußland zu viel Juden." Darauf antwortete der General, daß zahlreiche Juden in den Pogromen und unter dm Maßnahmen gegen die Revolutionäre umgekommen-siwd. „DaS ist nicht genug," sagte der Zar voll Unmut, „ich erwartete, daß noch mehr umkomm e n." General Dratschewsky verneigte sich und sagte: „Majestät, ich weiß nun, was ich zu tun habe." - Am kaiserlichen Hose, so erzählt General Kommissavow weiter, war das Schimpfen auf Juden eine Art Sport und Zeitvertreib. Alle unangenehmen Vorfälle schob man den Juden in die Schuhe, vor allem aber die radikale Bewegung, vor welcher man bei Hose eine heillose Angst hegte. (Diese Asutzevungen könnte Zar Nikolaus der Zweite, nach seinen übrigen Charakterzngen zn urteilen, gemacht haben. Die Quelle, auS der sie fließen, ist fteilich mchr oI8 trüb. Denn der zaristische Mvrdbüttel Kommissarow hat jetzt nur die Firma, nicht den Berns gewechselt. Er ist AuÄandSagent der bolischewiikischen Dscheka, der berüchtigten terroristischen Mordorgm»^ sation Sowjetrußllands. Die Red.) zevveNn-Fahrt nach de« Nordpol. Christiania, 87. November. (DÄ.-Komp.) In ssinsm Vor» trag über die geplante Lustschifsexpedition zum Nordpol teilte der Lustschifsahrttechniker Bruns m der Mrwegischen geographischen Göselbschast werter mit, die FHvt des Rresenzeppslins werde von Harmn-evstst über Franz- Josefsband, den Nordpol, Kap Bavvow Mid das «ktffche Sibirien zur Murmankuste zurücksühren, im ganzen über eine Strecke von 6000 Kilometer. An der Expedition werden sich Wisservschafbber aus ganz Europa beteiligen. Noch der DurchfühMng der NvrÄplHahrt soll das Afftschiff zur Erforschung aller übrigen noch .unbekannt»'' Teile der Erde verwendet werden. Mord In Tirol. « Innsbruck, 27. November. Wie die Matter mÄden, wurde ,am Dienstag früh die in Samcheim wchchaste Mjährige ■ Monika Würtemberger aus der Sarnchalerstvaste ang^^ schossen und berrdM. Sie starb' im.Bozener Spital. Ler Fall Grüsch. Der Ritualmord der Hakenkreuzler. Das Berliner Hakenkreuzorgan, die „Dölvtsche Aetzdunig''. verösfeMicht emen Artikel ihres Wiener Berichterstatters, in welchem das neueste Ritualmo.vdattentat, der Fall Grüsch, ausfü.hvl'ich behandelt wird. Trotz der bündigen EvMnunlg der Wiener Polizei spricht der seine Journalist von ,Mffamen Umständen" und „seltsamen Schnitten am Hals". — Hakenlveurexport aus Oesterreich! Sin Revolverattentat ln der Walfischzafle. Gestern früh gegen 8 Uhr hat der 28jährige Bankb-vamte Hans Auer aus Graz, der seit zwei Tagen in Wien weM, vor dem Hause Mails ischgasse 14 Mts die dort in eiin-em Spedrt>v»ns- Küschäst bedienstete Anna Fuchs aus einem Revolver eine« Schuß abgegeben, sie aber nicht verletzt. Das Mädch«n war sofort davongslausen. Auer hat die Tat wegen verschmähter Liebe begangen. Er hat schon ein Menschenleben aus dem Gewissen. Bor sümf Jahren hat er in Graz miit einem Kavolbmer so unvorsichtig gespielt, daß sich die Waffe entlud und die sechsjährige Nichte Auers durch den losgagange-nen Schuß getötet wurde. Auer wurde deshalb auch zur Berank Wortung gezogen und mit acht Dagen Arrest bestraft. * me die Eomptoivistin Fuchs beim Verhbre angab, hat Auer gegen sie nie eine feinseUge Absicht gchogt, so daß sie kaum annshmen könne, daß der Schuß ihr gegolten hatte. Es hat den Aufchein, als würde es sich um einen Sokbstmordversuick handeln. Zur Geschichte der Luxursteuern. Em Beamter des französischen Finanzministeriums h^ eine interessante Statistik ausgearbeitet, aus der hevvovgcht, daß die Luxusisivuern direkter und indirekter Art zweieinhalb Jahrtausende. alt sind. Hingegen war der Begriff „Luxus" verschiedenartigen Auslegungen im Laufe der Zeiten unterworsen. In Sparta war es zu Zeiten des Lykurg zum Beispiel verboten, ein Haus oder Möbel zu bHtzen, die anders als mit einer Sage oder mit eimr Axt gearbeitet waren. Ebenso verboten war es, Mahlzeiten mit anderem alS mit Salz