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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-28 · Heft 2075 (28.11.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2075 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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1 ' fSbt, j?wüoö 7" .—-—'--Ui—---- - Wlener Moi»a-nzesfiiiiA.' JKiattcS"ft einem viel beachteten Leitartikel bnrnuf hingewiesen, daß eS nun endgültig an der Zeit sei, die Angelegenheiten der Dominions dem Kvlonialministerium, d«sn sie bis jetzt unterstellt waren, zu entziehen und eine neu« Verknüpfung der Dominions mit dem englischen Kabinett zu suchen, wobei die Angelegenheiten der Dominions dem Premierminister direkt unterstellt werden wnd die Dominions selbst, sei es durck' Botschafter, sei eS durch Minister innerhalb des Kabinetts, vertreten sein sollen. Die Verknüpfung durch wirtschaftliche Bande, die in der Resolution der britischen Reichskonferenz von 1923 durch Einführung von Vorzugszöllen für die Dominions angestrebt wurde, wird wohl jetzt von der neuen britischen Regierung durchgeftihrt werden. Diese Hinneigung zu den Dominions, deren Interessen alle außerhalb Europas liegen, wird England noch in der Vorsicht, mit der es der europäischen Politik gegenübertreten wird, bestärken. Eine eigene Stellung unter den Dominions nimmt der irische Freistaat ein. Verfassungsmäßig hat er die gleichen Recht« wie Kanada, aber die gefühlsmäßige Einstellung zu ihm ist eine völlig airdere. Die Konzessionen,-die Kanada gemacht wurden, wurden freiwillig, gerne und liebevoll, gleichsam innerhalb der Familie, gemacht. Die konservative Parteibetrachtet dagegen die' Konzessionen, die Irland gemacht wurden, als im Kampfe abgerungen« Kapitulationen an eine früher unterworfene Nation. Es ist daher nicht unmöglich, daß England versuchen wird, Irland gegenüber eine starke Hand zu zeigen und die Kampftruppen Nordirlands finanziell zu stärken. So bildet der irische Fall einen Uedergang von der großzügig liberalen Politik den Dominions gegenüber zu der Stellungnahme ge>gem"iber den anderen Teilen des britischen Reiches und ihren Bestrebungen nach größerer Unabhängigkeit. Hier wird es das Bestreben der konservativen Regierung sein, die Autorität und die Anfprückx der britischen Regierung nrit allen Mitteln wieder zu festigen. Dies gilt vor allem fiir Indien und Aegypten. Die Ermordung des britischen Oberkommandierenden der ägyptischen Truppen bot dazu schon die erste Gelegenheit. Hinter der Annettion des Sudan liegen wirtschaftliche Gründe. Der Sudan verspricht bei genügender Irrigation ein wichtiges Land zu Werden, wo die für die Textilfabrikanten von Lancashire notwendige Baumwolle ' gewonnen werden kann. Dazu müssen freilich große Summen britischen Kapitals in dem Lande investiert werden und zugleich-bÄroht die Irrigation des Sudan, die die englischen Baumwollinteressenten natürllch so weit als möglich ausdehnen wollen, die Masserzufuhr Aegyptens und damit die Existenz des ägyptischen - Bcwetn. 'Aber neben diesen wirtschaftlichen Gründen, di« in dem Ultimatum an Aegypten vom 22. November klar zum Ausdruck kamen, verfolgten die Formalitäten des Ultimatums und die darauf sich anschließenden Maßnahmen vor allem den Zweck, ein neues Verhältnis zwischen Großbritannien und den unterworfenen. KolonialvMern zu schassen. Sie haben damit eine neue Phase in dem Kampfe der europäischen Kolonialmäckste gegen die Selbstandigkertsbestrebungen der asiatischen und afrikanischen Völker eingeleitet. Die Periode der Nachgiebigkeit, die mit dem Ende des Weltkrieges begann, scheint nun zu Ende zu sein. Diese neue Einstellung der konservattven Regierung wird ihre weitgehende Wirkung nicht verfehlen. Ne Arbeitslosigkeit als Weltvroblem Die Statistik konstatiert einen Rückgang. Einer Genfer S t a t i st i k über die ArbeMosigkeit fe den einzelnen Staaten entnehmen wir die folgenden Daten: In Oesterreich wurden im Juli dieses Jahres 65.282 Arbeitslose gezählt, während es vm Vorjahre um dieselbe Zeit 87.155 Arbeitslose gab. In der Tschecho- Slowakei waren im Juli 1923 insgesamt 196.711 Arbeitslose. deren Zahl rm gleichen Monat dieses Jahres aus 79.036 gesu nken ist. In Dänemark wurden vm Oktober 15,279 Arbeitslose festgestellt, wobei bemerkt wird, daß eine Verringerung der Avb-eiitslosigkeit konstatiert werden konnte. In Holland gab es im August 65#78 und in Norwegen 6800 Arbeitslose — um 1000 weniger als zwei Monate vorher. Auch in Deutschland ist die Zahl der Arbeitslosen von 588,000 im September auf 473.000 im Oktober g e s u n k e n. -In Italien weist die Statistik En-de Juli-117.963 Arbeitslose aus, was einer lOOprozeniigen Verringerung gegenüber dem Vorjahre entspricht. In Schweden betrug die Zahl der Arbeitslosen Ende Juli 11.682 db«et. 6,3 Prozent der gesamten Arbeiter.- Im vorangeganaenen Jahre waren 8,6 Prozent. , Eine starke Milderung hat die Arbeitslosenfraae in der Schweiz erfahren, wo im vorigen Jahre noch 22.654 Avheitslos« in Evidenz gehallten wurden, während gegenivärtig ihre Zahl bloß 8737 beträgt. In England weist die, jüngste Statistik 1,204.078 Ar best? lese ans, zu Beginn des.,Jahres waren es 1,285.623. Frankreich und Belgien find die zwei glücklichen Lander, von denen der zitiert« Ausweis zn melden weiß, daß die Arbeitslosigkeit m diesen Staaten eine sporadische Erscheinen g ist . Bloß inUngarn, das noch kein A r b e i t sko se n ve r s i ch e,r u n g sge s e tz hat, weist die Erhebung eine steigende Tendenz, aus. Die Zahl dcr Arbeitslosen in diesüm Lande beträgt gegenwärtig 60.000 Personen. Die Lage in AeMten. Verhaftungen. — Demission dreier Minister im ägyptischen Kabinett. — Günstiger Stander Verhandlungen. Kairo, 27. November. (Reuter.) Di« englischen Militärbehörden chwbrn den gewesenen llnterstaalsjokretär im Ministerium des JnnvM N aks Ash i,. ferner Abd el Raihcvm Bei Fa'tzm>y,.. der sinMahra 1921 eingvkerksrt uatd boiM'AmtSarvtritt Zäghlui Paschas wieder freigslafsen Worden war, sowie den bekainnten Kopten Mairainebad, der kürzlich mit Zaghl-ull Pascha nach' London gefahren war, verhaftet. Sie wavrden nach einvm unbekannten BüstimmuingSort gebracht. Es ist beschlossen worden, die verhafteten Personen der ägyptischen Regierung ansznliefern. Die Maßnahme wird da>mvl begründet, daß nvcm in wohlunterrichteten britischen Kreisen von de-m Bestechen vineS geheimen KonplotteS wisse, wmm man auch' nichts von DpeManschlägen Wiste, die gegen einzelne Boomte vorbereitet seien. Man erklär«, daß man di« Ermordung des Sivdar nicht ails sine vereinzelte Tat, sondern ails den Beginn einer Serie von Verbrechen ans che n müsse, die in irgend einem Augenblick verübt werden könnten. Ein solcher Stand der D'mge mache jetzt besondere Vorsichtsmaßnahmen, Wie die gemeldeten Derhaflmnigen rrotweMg. AchnLiche Mtzmchmen würden auch weiterhin getroffen werden, bis die gange Gefahr beseitigt sei. Wegen dieser Verhaftungen haben drei MWieder der neuen ägyptischen Regierung demissioniett. Die Kabme!>tsbilb,,'N>g gestaltet sich für Ziwar Pascha schwierig. Wie gemeldet wich, hat der ägyptische Gesandte in Rom, Achmed Pascha Zulsikar, das ihm angeborene Portefeuille für auswärtige Augelegenhe iten an 8 geschlagen. Die Verhandlungen zwischen Loch Ai 1 enbY und Ziwar dauern fort und stchen, wie vechcmtst, günstig. ES sil möglich, daß innechalvb von 48 Stunde« eine Regelung zustande kommt. Die Lage ist im allgemeinen ruhig. Die Räumung deS Sudan durch die ägyptischen Tmppen dürste a>m 30. November beendet fem. - Uaber eine Festnahme der Mörder des Sirdar verlautet noch immer nichts Authentisches. Nach den Hetzten noch nicht bestätigten Meldungen halbe einer Vor bei dom Attentat verwundeten Polszisten in einem der Be-chasdsten einen der Mörder des Sivdar erkannt. Ende des Kondominiums im Sudan. Paris, 27. November. Nach einer Mitteilung der' Londoner „Dqfly News" werde im ForelK, offiee der Entwurf eines Statuts für Aegypten ausgearbeitet, der den Charakter eines Abkommens habe« soll. Danach bleibe Aegypten weiter unter der Herrschaft des Königs und behalte weitgehende Autorität. Die britischen Truppe« sollen in Kairo bleiben. Großbritannien werde den Schutz' des Suezkanals aufrecht erhalten und seine Rechte im Sudan würden jeder Einmischung Aegyptens entzogen werden. Ferner werde über die Presse in Kairo eine gewiffe Kontrolle auSgeilbt werde«. Die zensurierte Ägyptische Protestnote. Genf, 27. November. (Schweiz. Dep.-Ag.) Im Pvestezimmer des Völkerbundsekretariats wurde heute di« Depesche des ägyptischen Parlaments an daS Ge-neralfekreiariat des VA'kerbunde'8 angeschlagen. In dem aus Kairo über Marseille nach Genf geleiteten Telegramm fehlt der in der ausländischen Presse enthaltenwichtigste Passus, der das Eingreifen de s B olkerbu.ndes verlangt. Die Unterschlagung dieser Stelle biidet das Tagesgespräch. Man glaubt allge- -mein annehmen zu dürfen, daß die Lritische Zensur in Kair o für das Fehlen dieses Passus Verantwortlich gemacht werden muß. Der richtige Text dieser , Stelle landet folgendermaßen: , Sie (die ägyptische Negierung) richtet ihren Protest an alle Parlamente der Dell und wendet sich an den Völkerbund mit der Bitte um Intervention für ein« unschuldige Nation, die an ihrem heiligen und uirverjähi-taren Recht aus Freiheit festhält und nichts anderes verlangt als ihre Unabhängigkeit. Aus, Vielem richtiaen Text geht klar hervor, daß Aegypten nicht einen bloßen Protest erlassen hat, wie man gestern in Genf annchmen mußte, sondern daß Aegypten das Eingreifen des Völkerbundes fordert. Es bleibt jedoch, die Frage bestehen, welche Schritte der Völkerbund auf Grund der Vorschriften des Paktes in der Angelegenheit unternehmen wirb, da Aegypten bekanntlich nicht Mitali d des Völkerbundes ist. . Sir Erik D r u mmond hat heute'das Telegramm an den Präsidenten des Völkerbundes, Hymans, nach Brüssel weitergeleitet, wobei er auf -das Fehlen der wichtigsten Stelle im amtlichen Originaltext aufmerk-, s a,m macht? Der bolschewikUche Kerker. Riga, 25. November: (I. T. A.) In Rußland wurden die Zionlstenvevhastungen wieder misgenommen. Nach steten ein getroffenen Berichten aus Weißrußland sind in , 5RorwWrexe Zionisten verhaftet worden. 28. Nodemiber 1924, ..Nr. ,2075 " ' t ~,h fti’t"N1 '• Bethlen als zeuge im Pauamavroreß. Budapest, 27. November. (U. T. K. B.) -In der beuttgen Verhandlung des E 8 k.ü t t ° P r o.'j e ss e 8 'beantwgt« der Staatsanwalt di^. Eipverycchme des Ministerpräsidenten Grafen Be t h lem, dep darüber - Aufschluß, geben ikönne, ob es,eine Partei lasse der Partei der keinen Landwirt« gegeben habe. Da sich dem Antrag des Staatsanwalts anch die Verteidigung anschließt, wird di« Ginvernahme des Grafen Bethlen angeovdnet, der kurz darauf vor dem Gerichtshof erscheint. Er gibt unveveidiat an, m Juni 1.981 davon Kenntnis erlanat zu baben. daß -Eskütt im Ackerba-umliniistermm Mißbräuche verübe. Er ha«be sofort an -den da-maligen Ackerbau-minister S'abo ein Schreiben gerichtet und ihn aus die U-mtpiebe Eskütts aufmerksam gemacht. Der Vorsitzende stellt fest, daß dieses Schreiben des Grafen Bethlen nicht in die Hände Szaibo's gelangt. lehsondern von Eskütt unterschlagen und in dessen Schreib- ' tischlade porgesunden« worden sei. Der Ministerpräsident gibt dann weiter an, daß er einige Monate später, als sich di« Klagen gegen Eskütt gemeihrt hätten, di« Verfügung getroffen habe, daß eine polizeilich« Untersuchung in den Amtsr'iumen Eskütts vorgenommen werde. Infolge eines M i ß v e rständnisses sei Minister Szabo von der Untersuchung nicht rechtzeitig verständigt worden, was damals auch eine gewisse politische Mißstimmung hervorgerusen habe. Ans di« Frage, ob die Partei der kleinen Landwirte zu jener Ze>tt ein« Parteikasse gehabt ha-b«, antwortet Graf Bethlen rm verneinenden Sinne. Ms die Mißbväuiche an den Tag kamen, erklärte Graf Bethlen, ließ Szabo im Ministerium eine Untersuchung eintetten. Ms Szabo sei de'shaM eine gewisie politische Verantwortung gefallen, da er Eskütt ins Ministerium gebracht ha-be. Er ha^be auch die Konsequenzen gezogen., und demissioniert. Die Untersuchung habe ergeben, daß Szabo in keiner Form von den Umtrieben Eskütts Kenntnis gehaibt habe. Marssys Beschützer drohen. Budapest, 87» November. Wie die Blätter meilden, erhält 'die P o l i z e i seit dem Beginne des Marffy-Pro^esses fast täglich Drohbriefe. So laugte an den Oberftadt- Hauptmann-StellVertreter HeHe-nhi ein Brief aus^ Kecskemet ein, der die, Unterschrift ,^> e j j a s - D e t a ch ement" trägt, worin die Dvohung ausgesprochen wird, im Falle der Verurteilung Marffys werde >das P o l i z e i g e b ä u d e in die L u f t g e s p r e n g t werden. Ler neue ungarisK Allhenmsnistcr, Budapest, 27. November. (U. T. K. B.) Der neuernannte Minister des Aeußer» Tibor v. Soitovszki hat heute in die Hände des Reichsvevwssers den Amtseid geleistet und sodann die Leitung seines Am>te§ üborn'cmmen. Der Außenminister stellt in einer an die Presse ge- . langenden'Mitterlu.ng fest, daß die außenpolitische Lage Ungarns günstiger sei als in der jüngsten Vergaivgenhieit. Er selbst wolle eine tatkräftigere Förderung der wir tschaftlichen Verbindungen anistwben. Inland. Sie Neuwahl der BmdesprMdenten. Am S. Dezember. Amtlich wird gemeldet: Der BundeSprastdent hat mit Entschließung vom 86. November 1924 cmf Grund des Artikels 39, .Absatz 1 des Bundesverfassungsgesetzes die Bun'desversammlnng für den 9. Dezember nm 3 Uhr nachmittags in den Sitzungssaal des Natioualrates zur Neuwahl des Bundespräsidenten ein!bernfe.n Seneralsturm gegen Baugoln. Der neue Bundeskanzler, den die SonderbüMer^ aus den Län'dern in den Sattel gesetzt haben, will mm beweisen, daß er auch reiten kann. Dazu braucht er vor allein einen orbeitSfähigen Nationalrat. Nun sind bekanntlich die Sozialdemokraten nicht geneigt, die Bahn für die nomnale Tätigkeit des Parlamentes sve-izugeben, werm sie nicht ein Entgelt , für . ihr .braves Verhalten als allergetveueste Opposition erhalten. Zwei ihrer Forderunaen die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung und die Bekanm'tgabe des Ternrines für die Einbringung der Älttrsversichemng sind bereits erfüllt. Damit wollen sie sich aber nicht begnügen und sie verlangen als Ka-ufpreis für ihr Wohlverhalten den Kopf des He eres Ministers Vaugoin. Sie bezichtigen ihn der parteimäßgen Führung der Amtsgefchäft« und finden es namentlich iunerträglich, .daß bei den Werbungen die im Geruch des Marxismus stehenden- Rekmten abgewiesen werden. Der Streit um die Wehrmacht droht also wieder einmal Parlament und Regievung m arge Schwierigkeiten zu bringen. Das Jammern der Sozialdemokraten über die Unbill, die ihren Parteigenossen im Heere widerfähtt, muß joden kalt lassen, der weiß, daß sie sich die Sache ja selbst eingebrockt'haben. Im Zuge der Zusammenlegung der Ministerien hätte auch das Heeresamt verschwinden sollen, aber gerade di« < Süzialdem-okraten waren es/ die sich, für sti-ne Bei'be^haltMg einfctzten, obwohl sie wissen müßten, daß für eine Reihe von Jahren damit zu rechnen sei, daß i rge nd e i n E h r i st l ich s o z i a l e r dieses Amt verwalten werde und daß dieser eS sich gewiß zur ersten Aufaabe machen werde, aus der roten Wehr eine schwarze oder scllwarz-

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