Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2072 (25.11.1924)
- Date
- 1924-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'M. 2072 Men, Dienstag Tagesbericht. Set Völkerbund hat kein Interesse... Die Not der russisch-jüdischen Flüchtlinge. — Das Nansen- Komitee vor der Auflösung. — Lueien Wolfs Bericht. Während dar fünften Tagung des Völkerhu-Ms hielt auch das «beratende Komitee des Oberkonr w issariats für Flüchtlinshilse eine Sitzung ab, in der die Frage der russischen Flüchtlinge Gegenstand der Beratung war. Herr LueienWolf, der diese Angelegenheit in Genf beobachtet hat, erstattete daraufhin der Jea einen Bericht, dem folgendes zu entnehmen ist: Das russische FlüchtliwgZProMm macht jetzt eine sehr kritische Periode durch. Es halben sich zwei Gefahren entwickelt: erstens das Abflauen des Interesses an den russischen Flüchtlingen feiten'- des Rates und des Sekretariats des Völkerhundes, -weswegen damit zu rechnen ist, daß das Oberkommissariat für Fluchtlingswesen, das jetzt von Frichjof Nansen geleitet wird, eventuell ganz verschwinden könnte; zweitens ist damit zu rechnen, daß das Kcanm-issariat unter neuen Bedingunien dem Internationalen Arbeiter amt unterstellt wird; es würde sodann eine Politik verfolgt werden, die einer endgültigen Lösung des FlüchtlmgsprMems nachteilig sein würde. Es scheint — so heißt es in dein Bericht weiter als hätte der Völkerbund das Interesse an den russischen Flüchtlingen verloren und wolle sich schleunigst seiner Verantwortung für diese entledigen. Keinerlei Hilfsmittel sind für die Flüchtlinge boreitgestellt worden; es wurde nur noch ein Budget für die bloßen Verwaltungsausgaben auf* gestellt. Die Verhandlungen mit der Swwjetregierung über die Heimführung der russischen Flüchtlinge im Ausland sind, wie der Oberkommissär mittevlte, auf Schwierigkeiten gestoßen. Lueien Wc«lf wies jedoch darauf Hill, «daß trotzdem die Verhandlungen fortgesetzt werden müssen, da die Schwierigkeiten in der Unterbringung «der Flüchtlinge in anderen Ländern völlig unlösbar seien. Der Obevüoamnifsär sagte daraus, er wolle alles tun, was in seiner Macht liege, um einen Repatriierungs- Vertrag mit der Sowjetvogierung zu schließen, doch ist n der Meinung, daß die Einwilligung derselben 'hauptsächlich von der Lösung der Geldfrage abh-ängt; es bestehe aber sehr wenig Aussicht, das Geld zu beschaffen. Herr Lueien Wolf sandte vor kurzem einen Brief an den Oberkc-minissär, in welchem er einen Plan der Aufbauarbeit der Jeain Südrußland, wie sie sich nach einem Abkommen mit der Sowjetregierung gestalten würde, entwarf. Ein ähnliches Abkommen zwischen dem Oberkommissariat und der Sowjetregievung würde dem ganzen Pvo-Ne-m der Repatriierung alle Schwierigkeiten nehmen, insofern, als das Oberkommissariat an der Düdlungsaktion zugunsten der Flüchtlinge tei'Iuefymett und sonach einen gewissen Schutz über dieselben ansübon könnte. Bei einer Konferenz der Regierungsvertreter über Ein- und Auswanderung von Flüchtlingen hatte der Ober, kommissär Nansen eine ähnliche Form der Repatriierung vorgeschlagen, wie Wolf sie in seinem Briese empfiehlt. _Wiener Moraenzeitung._ Es gellt jeden an denn jeder Ist den tJnblllen einer Verkühlnng ausgesetzt, die von verhängnisvollen Folgen begleitet sein kann. Der beste Söhnt* gegen Verkühlung Ist die Abh&rtung und die Stähtune des Körpers, die am besten durch ständigen Gebrauch des DIANA- Franzbranntwein mit Menthol ermöglicht wird Ueberall erhältlich Diana - Franzüranntcoeln - Produktion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstraße 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Der Plan wurde mit Sympathie ausgenommen; verschiedene Regierungsdertveter versprachen, ihn ihren Regierungen zur wohlwollenden Behandlung zu übergeben. Sobald die Schritte finanzieller Art singeleitel sind, wollte man zum Zweck« der weiteren Beratungdieses Pvoblsms wieder zusammentreten. Diese Wendung der Ereignisse läßt die Hoffnung zu, -daß das Oberkommissariat seine Tätigkeit zugunsten der Flüchtlinge dennoch weiterführen und zu größerer Wirkung bringen will. Bei der Jea und allen übrigen Flüchtlingsgesellschaften würde das Verschwinden des Oberkommissariats größtes Bedauern Hervorrufen. Der Rat der Jea ist sich völlig klar darüber, -daß die Verhandlungen ihrer Direktoren mit der Sowjetregierung über das Repatriierun-g'sprMsm o-hne Hilfe des Obeäommissariats aus vielfache Schwierigkeiten stoßen würden. Diese Schwierigkeiten würden beseitigt sein, wenn das Oberkommissariat wegen eines allgemeinen Repatriierunasplanes verhandeln würde, i-n -welchem Rasse und Religionsunterschiede keine Rottespie-len. x Wahle» zum amerikanischen Keren-Haieffod- Rat. 70.000 Selbststeuertragende. New-Porl, 24. November. <J. T. A.) In ganz Amerika finden geAMiwärtig die Wahlen in den Rat des Ksven Hajessod statt. Es 'beteÄiigen sich 70.000 Sellbstste>uM>ragende. Der Rat wird jedes Jahr sine Tagung abhalten, in welcher die Dire-kt-aren des Koren Hajesftd gewählt und Pläne für die Zukunft ausgeiarbeilitet werden. Die nächste Tagung des neuen Keren- Hchessod-Rats wird am 7. Dezember i-n Neiw-Uork stabbftnden. Je 200 Besteuerte, von -denen jeder mindestens 25 Dollar im j Jahve gespendet hat, wählen einen Delegierten. 28. November 1924 Seite 3 9er erste Kongreß Mischer Sttgeniewe. Am 15. Februar in Tel.Awiw. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jerusalem, 24. November. Am 16. Februar tritt ln ffi&. Awiw der erste rnt-ert-er.ri>dmsva>le Kongreß jüdischer Jwgenieavvß Msommen. An dem Kongreß wird auch der Verband Jüfcfa scher Ingenieure und Techuikev in Wien teM-« nchmen, dessen Studienreise nach Evez Israel, wie schon berichtet, am 5. Februar bsM-nsn wird. klaftern nnd die Mische Studentenschaft. Ehrenpräsident des Weltverbandes. Wie die I. T. A. meldet, hat Professor Dr. Albert Einstein dem Ansuchen der Exekutive des Weltverbandes der jüdischen Studentenschaft, die Stelle der Ehrenpräsidenten des WeltverbandeS zu über« nehmen, zugestimmt. Eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten des Judentums wird nunmehr um den Eintritt in das Ehrenpräsidium ersuchtz werden. Sie Ankunft des zedvelinkaMm in Aentkchland. Aus Bremen wird unterm 24. d. gemeldet: Eine unübersehbare Menschenmenge erwartete die Ankunft deS Führers des Z. R. 3, Dr. Ecken er, im Hafen von Bremen und brachte, als der „Colmnbus" einlies, dem Kapitän sturmische Ovationen dar. DaS Automobil, in dem Doktor Eckener in fein Hotel fuhr, wurde immer wieder aufgehalten, so daß schließlich mehrere Schutzleute vor dem Auto hergehen mußten, das so in langsamer Fahrt zum Hotel gelangen konnte. Immer wieder ertönten stürmische Hochrufe und zahllose Blumen wurden in das Automobil geworfen. Vor dem Hotel, in dem Dr. Eckener Wohnung genommen hat, staut sich schon seit heute morgen eine große Menschenmenge, die bis zum späten Abend ihren Platz noch nicht derlassen hat. Mittags fand im neuen Rathaus der feierliche Empfang Dr. Eckeners durch den Senat statt. Bürgermeister Dr. DonaM hielt eine Ansprache, worin er auf die politische und wirtschaftliche Bedeutung der kühnen und erfolgreichen Luftfahrt über das Weltmeer hinwies. In seiner Erwiderung sprach Dr. Eckener den Wunsch ans, daß auch in Zukunft die Bevölkerung vom Bremen sin wesentlicher Faktor bei der Wiedererftarkung des deutschen Ansehens «in der Welt sein möge. 9er.Attache" mit den „Filmbeziehnugen". Der angebliche Journalist Ferdinand Dagron, ein in Tokio geborener französischer Staatsbürger, der.sich auch gerne „Attache" titiBe-ren ließ, wurde auf Anzeige des Privatbeamten Oskar Pollak unter der Beschuldigung des Betruges durch. Herauslockung von 1600 Dollar verhaftet. Nach An-', gäbe des Polläk, der sich auch mit dem Vertrieb von Filmen versaßt, wollte ihm Dagron angeblich bsi der Erwerbung eines/ großen Films an Paris behilflich sein und soll dabei eine gange Tänschmigskomödi-e in Szene gesetzt haben. Dagron wurde gesterm dem Landes-gemchte ern-geliefert. 3m Geschichte der Juden ms? EMen. Es kann wU Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß nach der Einnahme Jerusalems unter Lespasian und der Vertreibung der Inden Flüchtlinge wie nach anderen Legenden des römischen Reiches auch nach Sizilien kamen. Jedoch stammen verbürgte Nachrichten über ihre Anwesenheit aus -der Insel erst ans dem 7. Jahrhundert. In Berichten, die srzilian-ische Bischöfe an den Papst Gregor den Großen nach Rom sandten, werden über Inden in Palermo, M-ess-ina, Katania nnd Girgent-i Mticiilnngen gemacht. Es wird ein Jude mit Namen Salpinge erlvähnt, der des Papstes Schutz gegen Angriffe erbittet. In einem anderen Bericht beklagen sich die palernvitanischen Inden über die Beschädigung ihrer Synagoge. Auch weiß eine Chronik über einen gewissen Nasa zu berichten, derin, seinem Hause dem Propheten Elias einen 2lltar errichtet haben soll, um Christen listige rweise zu seiner Anbetung zu verleiten, eine unsinnige nnd unglaubwürdige Anschuldigung, wie der Chronist bsnrevkt, die gegen alle Prinzipien und Gebräuche der mosaischen Religion verstößt. Al-» Sizilien im 11. Jahrhundert unter arabische Herrschaft kam. erhielten die Juden die gleichen Rechte wie die Christen, sie kt unten Synagogen bauen und durften Immobilien besitzen. Unter den Normannen, welche im 12. Jahrhundert die Insel in Besitz nahmen, erfreuten sich die Juden noch größerer Freiheiten. Der spanisch^ Jude Benjamin Tudela erzählt in seinen Reiseberichten, daß er unter der Herrschaft des Königs Wilhelm des Zweiten in Palermo 1500 und in Messina 200 seiner Glaubensgenossen an-getvoffen häbe. Im 13. Jaihchun-devt unter Friedrich dem Schwaben, dem deutschen Kaiser und König von Sizilien, den man einen Freibcntfcr nennen konnte, machen sich die ersten Anzeichen vor: Unduldsamkeit bemerkbar. Den Juden beiderlei Geschiechlcs wurde anbefohlen, sich vor den anderen ken>ntlich zu machen, ans ihren Kleidern ein rundes Stück Luch von roter Farbe einzunähen, auf welch letzterem außer dem Namen auch der Stand anzugeib-en war. Während der Unruhen und bürgerlichen Zwisti'gkeiten, die bald Len Anfouischen Kriegen folgten, erfährt man nichts über die Juden. Ihrer friedlichen und arbeitsamen Natur gemäß scheinen sie sich Len Stürmen ferngehalten zu, haben. Erst nachdem Sizilien unter spanische Herrschaft gekommen war. tritt der Rabbinc-r und hervorva-geude Arzt Mose Bon-avoglia aus Messina am Hofe des Königs Alfons dem Zweiten hervor. Als Hofavzt, Ratgeber nnd Freund konnte er seinen Einfluß geltend machen, um seinen Brüdern ein ruhiges Leiben zu sichern. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zählte man auf Sizilien 75 jüdische Gemeinden, welche i-n den hauptsächlichsten Städten, mit Palermo als Sitz der obersten Gerichtslbarkeit, wohnhaft waren. Jode Gemeinde hatte ihre Oberen zur Verwaltung, Schlichtung von Zwistigkeiten und lieberwachung der Jameihaltung der Gesetze. Jede Gcmre-in-de harte eine oder mehrere Synagogen, ihren eigenen Friedhof und ihr Franenbadchaus. Die Oberen der Gemeinde wählten die Priester. Die Rabbiner nahmen den ersten Sitz in den Syna-' gogen ein, erklärten die Bibel und entschieden, was verboten und erlaubt war. Sie allein dursten -den Tallith in viereckiger 'Form über dem Kopf tragen, die au-deren trugen ihn über den Schultern. Zu Obervichtevn über alle sizilianischen Juden ernannte der König Martin der Erste den schon erwähnten Bonavoglia und den Räb-biner Giuseppe Abbanascia. Dem Ansehen Bou-avoigl-ias ist es Wohl zu danken, daß dem Bischof von Mazzava eine scharfe Zurechtweisung s-eitMs des Königs zuteil wurde, als dem Prälaten eines Tages die Grille kam, die Juden zur Toilnahme an christlichen Festen in der Kirche aufzuforldern. Die Freiheit nnd Sicherheit, welcher sich die sizilianischen Juden erfreuten, wirkte natürlich auch aus ihre außerhalb des Landes wohnenden Glaiibensgenossen, und so kamen sie vcn der afrikanischen Küste, hauptsächlich von Marokko, a-ns Frankreich und auch aus Spanien herüber. Sie suchten mit Vorliebe -in Palermo Unterkunft, wo sie als Gäste betrachtet und ausgenommen wurden. Im November 1469 feierte die Stadt Palermo mit großem Ponlp die Vermählung Ferdinands von Ar-agonien mit Jsabella von Asturien. Wie ein Angenzen-ge berichtet, nahnien an dem seierlächrn Umzug auch 400 der schönsten jüdischen Mädchen und Jünglinge teil. Die armen Juden ähnten damals nicht, was diese.Heirat für sie bedeuten sollte! Nach zchnjährigem Widerstande fiel im Jahre 1191 die Festung Granada, der letzte Stützpunkt -der Manrercherrschast in Spanien. Grenzenlos war die Begeisterung über den errungenen Sisg und die damit erreichte gänzliche Befreiung des spanischen Bodens. Aber angefacht durch den berüchtigten Dominikanermönch Torquemada^ ari-ete .die Trunkenheit bald in Nationalnnd Glaübenswahnsmn -aus. Man predigte, die Ausrottung durch Feuer und Schwert aller, die nicht spanischer Herkunft und katholischen Glaubens waren. Wie immer, so richtete sich auch jetzt natürlich die Grans-amksvt zurrst gegen die Juden. Am 31. März 1492 wurde das verhängnisvolle Edikt erlassen, welches die Ju-den aus Spanien und den spanischen Provinzen verbannte. Nnr eine Frist von drei Monaten wurde den Unglücklichen gelassen, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, nach Ablauf derselben verfiel jeder noch auf spanischem Boden befindliche Jude dem Tode. Dieselbe Strafe ereilte, diejeniigen Christen, welche den Geächteten Hilf-e leisteten oder. Unterkunft -gewährten. Den Inden wurde strengstens das Mit« , n-chmen größerer Mengen Gobd, Silber, Edelsteinen, Seidenzeug, Wall- und Levnenstossen verboten, nur das Memotwendigste wurde ihnen belassen. lieber die Zahl der damals auf Sizilien lebenden Inden herrscht Unklach-e-rt, nur von Palermo, als der grüßten Gemeinde, weiß man, daß sich daselbst ungesähr 5000 Juden befanden. Größere G-mn-em-den bestanden außerdem noch in Messina, Syrakus und Girgenti. U-überall, wo die Juden wohnten, hatten, sie sich die Achtung uud das Vertrauen ihrer Mitbürger erworben. -Man schätzte sie als Aerzte, Kaufl-eute und Handwerker, sonst hätte sich sicher nicht der Parlemitaner Magistrat zu ihren Gunsten bei dem obersten Statch alter verwendet, wobei er offen erklärte, daß die Vertreibung der Juden den Ruin der Stadt und des ganzen Landes bedeu-ten würde. Aber vergebens — die verhängnisvolle dreünonatdge Frist ging ihrem Ende entgegen. Dom Mittelpunkt der Insel und >den entferntesten Gegenden kamen die Fliehenden, um sich in Pal-ernro einznschisfen. Es war ein ganzes Volk, welches i-n die Verbannung ging. Die Sizilianer, welche jahrhundertelang Leid und Fr-oud mit chnen geteilt hatten, standen slmmn und bestürzt bei ihrer Abfahrt am Ufer, um den Scheidenden den 'letzten Gruß zm entbieten. Die Juden verließen Sizilien, das seit Jahrhunderten ihr Vaterland gewesen war. Die Auswanderer begäben sich über Neapel nach dem Osten und nach Afrika, ein anderer Teil ging uach Rom, wo ihnen ein freisinniger Papst den Aufenthalt gestattete. Späterhin forderten' nacheinander drei Könige mit Namen Karl die Inden auf, zur Hebung des Handels nach Sizilien zurückzukehren, doch fand die j Einladung kein Echo mehr. Das Jahr 1492 hatte sich ihnen Jtf tief ins Gedächtnis -gegraben! AE