Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2069 (22.11.1924)
- Date
- 1924-11-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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GelteJ ■ Wien, Samstag Ser deutsch-englische Handelsvertrag. (Eigendienst der „Wiener Morg'n;.'itnng".) London, 21. Nevencher. Man heilt im Handelsministerium mit,' daß die deutsch-englischen Ha n de l s v e r t r a a s v e r h a n d l u n g e n .so weit fortgeschritten seien, daß der,Vertrag wahrscheinlich a n« näch sten Montag im Board of Trade unterzoichuvt werden könne. Man versichert nochmals, daß England in der Frage der 26pro.zenti.aon Einfuhrabgabe keine Konzessionen gewährt habe. ' Die .deutschen Sachverständigen werden hier für 'Sonntag erwartet. Die nächste Sitzuin der Hand'svertragsunterhändler wird am kämmenden Montag, vormittags, stattfinden. 'Eine Sitzung der englischen Sachverständigen fand gestern abends im Handelsministerium statt, die sich mit der Vo-rbeveitnng der Unterhandlungen beschäftigte. In Kreisen der City opponiert man keineswegs dem deutschen Verlangen, in . London deutsche Bankfilialen;u eröffnen. Man glaubt im Ge-enteil, daß dies bei einer Wiederbelebung der Handelsbeziehungen zwi'chen den beiden Ländern eine abstlitte Notwendigkeit seinwird. Groß« Schwierigkeiten erblickt man in dem Verlangen der Deutschen nach Aufnahme deutscher Seele u t e i n die englische Handelsmarine. Die chauvinistischen Zeitungen sprechen von einem Versuch Deutschlands, wirtschaftliche Spionage zu treiben und weisen auf die Komplikationen hin, die sich bei der Erfüllung der deutschen Forderung für die e nglischen Arbeitslosen ergeben würden. Jas englische Asyl. (Eigendiemt der „Wiener Morgenzeitii-ng".) London, 21. November. Ein« der evst.n R'gierungsatte der neuen konservativen Negierung wird eine Verschärfung der Kontrollmaßnahnwn gegen unerwünschte Ausländer sein. Der Minister d:s Innern Sir William Jeh n.son-H icks wird im nächsten Ministerrat die von ihm geplante neue Verordnung über die Fremdenkontrolle vorlegen. Eine der. ersten Personen, deren Ausweisung aus England nach dem "Inkrafttreten der neuen Verordnung zu erwarten ist, wird die Anarchistin Emma Goldman sein, die kürzlich von Berlin nach London,gekommen ist. Auch der Viol'uvirtuose Eduard Soermus soll ausge wiesen werden. Das Ministerium des Innern beabsichtigt weiter, durchgreifende Untersuchungen über die Höhe de's Personals d e r r u s s i s ch e n Botschaft und Handelsdelegativn in London anzustellen, denen insgesamt ein Stab von 770 Personen angogliedert sein soll. Ein großer Teil dieser Russen soll sich mit kommunistischer Propaganda in London befassen. Sie frnttsSfififie Sollaranlelhe. (Eigendiemft der „Wiener Morgenzeit urig") Paris, 21. November. In, der heutigen Kammersitzung ersuchte Finänzminister Cle mentel, den Entwurf, womit das Abkommen mit' dem Bankhaus Morgan genehmigt wird,* anzunehmen. Der Finanzminifter legte dar, es handle sich um eine langfristige Anleihe von 10Ü MillionenDollar, k>?« dem Staate während einer Zeit Won 25 Jahren eine Manövriermalle zur freien Verfügung stelle, die es der Regierung ermögliche, wirksamfür die Verteidigung der heim! sch e n Währung einzutreten. Der Betrag der Anleihe, die zum Besten der Interessen des Staatsschatzes begeben werde, jährlich -sieben Prozent trage und von allen gegenwärtigen und künftigen französischen Steuern besrcvt sei, werde zur Gänze an die Bank von Frankreich unter Abzug der Dorschüsie derselben eingezahlt werden. Der Minister bemerkte, das gegenwärtige System der bewilligten Vorschüsse scheine die Geldreserve der Bank von Frankreich mit einer Hypothek zu belasten; die Anleihe sehe diesem Zustand ein Ende, da der Staat über die 100 Millionen Dollar vollständig verfügen werde. Der Entwurf ist bereits der Kammer zugegangen. Die Kämmer und der Senat werden den Entwurf nachmitla-s in Verhandlung ziehen. Sie kleine Entente. (Eigondienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Bukarest, 21. November. Wie in unterrichteten Kreisen mitgeteilt wird, werden hier bereits Vorbereitungen für eine in Bukarest stattfindende Zusammenkunft der A u ß e n m i n i st e r d e r Staaten der kleinen Entente getroffen. Auf dieser Konferenz soll unter anderem das Verhältnis der kleinen Entente zu Rußland beraten werden, über das vorläufig noch wei'^ehende Meinungsverschiedenheiten bestehen. Während Dr. Benefch für eine sofortige Annäherung der kleinen Entente an. Rußland . eintrete, widerstrebe Rumänien vorläufig ieder Annäherung und setze sich andererseits für den Eintritt Polens in die kleine Entente ein. LowleMomge in KarvathorMand. Prag. 20. Äovember. Die Polizei W Ungb «r ist einer ausgeöreiteten b o l s ch e w i k i s ch e n Spionage in Karpathorußland auf di« Spur gekommen. Man beschlagnahmte zahlreiche Schriftstücke, aus denen hervorgeht, 'daß militärische Objekte in Karpath-rußänd in di« Luft gesprengt werden sollten. An dem Komplett sollen auch hervorragende Politische Persönlichkeiten beteiligt gewesen sein. Bisher wurden sieben Personen versa ft e t. Wserier Movsteirzeltitiift. Sinter aus der Hitler-Partei liinausgeworfen., München, 21. November. (Wolfs.) Eine Erklärung des Landeev'rbandes 'Bayern der ' n a t i o n a l s o z i a U ft i* - sch c tt Freiheit s'b ewegung besagt, Dr. D i n t e r -Und Genossen hätten für inuuer j-dm Anspruch, verwirkt, in der Freiheitsbewegung als Kämpfer zu'gelten. Ein Freund Robil' verhaftet. Belgrad, 81. November. Heute mittags Wunde in Zagreb der Abgeordnete der Nad'c-Partei Pernar verhaftet. lieber die' Gründe, die für die Verhaftung maßgebrnd waren, ist noch nichts bekannt geworden. Rückgang der Aibeltrlosiskekt in Polen. Warschau,' 21. November. (P. T.-A.) Die Zahl der Arbeitslosen in Polen, die am 1. September 165.400 und am 1. Oktober 156.100 betrug, ist am 1. November neuerdings auf 144.800' zurückgegangen. Las guSiMm des Fvrltprimas Cfernoch. Budapest, 21. Noo mbcr. (Tel. der „W'ener Morgenzeitung".) Der FirrftprunaS von Ungarn, Johann Cf ern o ch, der jetzt fein SOsähriges Pr^stormbilünin feiert, hat in der Zeit 8es chri stl i ch nat l o n a l e u Kurses, der . sich stets nur in Gewalttätigketten und Grausamkeiten gegen' Inden und Arbeiter äußerte, nur e'nmal sein Machtwort zugunsten der an ihren: Leben bedrohten Budapest«r Juden : erhoben. Es war zur Zeit, als :n Budapest grctze Pogrome drohten und der ^oerrabluin-r Dr. Öevesi bei chm vorsprach und ihn um ein beruhigendes Wort an die christliche Bevölkerung bat. Cfernoch leistete der Bitte Folge und prägte damals das Wort, daß die Menschen nicht nach ihrer Konfession, son>dern nach ihrer Religiosität zu werten seien. .Der Pogrom wurde damals nicht infolge deS Machtwortes C'fernochs, sondern infolge der energischen Intervention der auswärtigen Gesandtschaften, die unzweideutig« Maßnahmen der Behörden gegen jede Ausschreitnng forderten, abgewendet. Cfernoch selbst blieb die ganze Zeit kaltgestellt, und er hat auch weiter keinen Versuch gemacht. gegen die Erwachenden und die räublustiaen Rasstnschützler etwas zu unternehmen. Trotzdem huldigten dem Fürstpvimas anläßlich seines Jubiläums nicht nur - der Vor st and der jüdischen Kultusgem rin d e in Gran, der-Residenz des Fürstprimas, sondern auch der Landesverband der jüdischen .Gemeinden >cknd der La ndesrabbi nerv erb and in überschwenglichen Worten, . die unseres Erachtens in keinem Verhältnis zu dem stehen, was Cfernoch gerade m den kritischen Jahren für das Judentum zu tun für gut befunden hat. Ser Kslütt-Proreh. Budapest, 21. November. (Tel. der -„Wiener Morgen, zeickmg".) Obgleich der Dorschende im Eskübt-Prozeß jeden Versuch der Dertaidiguing, die Mitwisser uud Mitschuldigen Esibütts m den großmg'En Panamaalffären in das vichkige Licht zu setzen, durch Äblöhumng der Anträge der Verteidigung ' kurzerhand UMnögltch mcvcht, konnte er es nicht verhindern, daß aus den Kur Verlesung gelaugten Protokollen bisher ei-nwandfrsi föstgosbellt >wurde, daß AuSfuhrbewillligungen nicht wirr für Mehl, sondern für alle möglichen anderen Bodenprodukte, mitWissen undunter Patronanz der betreffenden Regierungsstellen ausgestellt wurden und daß deren Erträgms wohl nicht in die Staatskasse, vlber lu die K a s se der Einheitspartei sowie iu die Kasten der adeligen Protektoren und ihrer christlichen uud jüdischen Zutroiber gelösten sind. Jeden Augenblick stiegen neu« Namen von hohen Amtspersonen im Gevi«chtKka<vl auf, von deinen behauptet wird, daß sie an den Panamageschästen mitbeteiligt waren. Die Verteidiger haben sich die gesch'ckte Methode zurechtgelegt, das Schwergewicht nicht so sehr aus dus Verhältnis Eskütts zum verstorbenen Ackevbaumiui'ster S z a b o uud den Anteil des letzteren an den Skandalafsären, sondern daraus zn legen, daß noch labende hochstehende PersiMchkeiten Nutznießer der Korruption waren, deren Mittelpunkt in diesem Faste das Buve^u des Sekretärs Szabos, des Angeklagten Eikütt war. Der ganze Prozeß stellt sich daiber als ein erbitterter Kamps dar zwischen der Verteidigung, welche die hochmögenden Mit-' schuldigen in den Gerichts saal zerren, möchte, uud dem Vorsitzenden, der dies wieder verhindern will. Das Schicksal Eskütts ist }\i nach dem Tode des Nagya-taders ohuehlu bereits besiegelt. In der heutigen DerhaMuug des Gkkütt-Pm-esteS wurde der Abgeordnete Zoltan Me st o als Zeuge ei-nvernvmmen. Mesko sagte aus, daß.zu der Zeit, als Eskütt Privatsekretär des Ackevboumvn'isters Szabo war,, r e g e lrechte Tarife für AuKsu'hrbet.Miguugrn deS M'.ulsteviu'M^ftierten. Dieser Schacher mit Aussubrb'ewilliguugen geMchte dem christlichem Kurs im Ungnr-n zuur größten Schaden. Der Zeuge begründete sodann in interessanter Meise die außerordentliche Anl)ä.nglichkeit, welch« Stephan S'abo stlinem Sekretär ge,oenüber beknudete. Die Zuuei'.gnng Szäbos für Eskübt hatte Aren Grund darin, daß Eskütt unter der Rätevegierung d'e Leilgarde S'abos gegen die K o m m u n i st e n geb-'ltzet uuid wiederholt mit dem Revolver in der Hand. kcmmMv'>st>'.sche Pttroulillen zurücktvieb, die zu Stepkau St'akv eindivmgen wollten. Diese mutige Haltrmg Eskütts hat ^abv feinem Sekre!>är nie vergessen. 72. Novsmber IM SW. . —.— -■■—o—m„.i.i , Set Bsmbrttvrnzeb. Die Attentatsversnche gegen die Gesandtschaften. Budapest, 21. November. Im Prozeß der Bombenattentäter gelangbe. heute die Gruppe ' der versuchten Attentate ^geg-en',die Gebäude der' f r-a n z o s i s ch e n und der tschech-o-slowä^ischen Gesandtschaft znr Verhandluvg. Der Hauptangeklagte Josef M a r f f h erklärte sich auch an dieser Strafhandlung unschuldig. Auf die Frage des Bovsitzsttden, ob es wahr sei. daß der einige Wrcheu vor Beginn des Prozesses spurlos verschwundene Fvcmz K i s z die tschecho-slowakifche Gesandtschaft in die Pust sprengen wollte, antwortete Marffh: „Kisz hat mir bei einer Gelegenheit «riklärt, er sei stellenlos und daher zu allem bereit, auch zu r Gpre ngung der tschecho-slvwakIschen Gesandtschaft." Die H a u s f ra u d e s M a r f f y ist bestrebt, Marffh mit allen Mitteln >n Schutz zu nehnren. Nachher wird ihre Nachbarin, Frau K r a I i k, verhört, die erzählt, daß auf dem Papier, in welchem die SBomfeen verpackt waren, sie mit Bestimmtheit den Aufdruck der amerikanischen Licbesgabenaktioü erkenne. Ebenst erikenm sie auch die Handschrift der Hausfrau. Bei der Konfrontation mit der Hausfrau leugnet dieselbe alles. Die Nachbarin hält aber ihre Angaben aufrecht. Budapest, 21. November. Als der Präsident den Angeklagten Marffy, der über uubedsutende Dmge spricht, ermähnt, über daS Attentat auszufagen, erwidert MiMfch, Kisz möge vor Gericht erscheinen; hier könne er sich gegen das verteidigen, was er (Marsch) sage. Auf die Frage des Präsidenten, ob Marsch wisse, wo sich Kisz. besiude, erwiderte der Angeklagte spöttisch, er könne das p nicht wissen, da er sich nicht auf freiem Fuß befinde. Kisz habe nicht zu seinem Freundeskreise gebört und fei auchnicht Mitglied dosjLZeremes der Erwachenden Uugarn gewesen. Hierauif wuvden die Angeklagten Horvath-HalaS uud Fmuz B a r g a eiuvermiomimen; sie stellen entgegen ihren Aussagen bei der Polizei, heute jede SchEd in Abrede. In der Untersuchung sagten sie, wie aus. dem zur Verles.uug gebrachten Pvotokoll hervorgebt, daß die Anschläge im Vereinslokal der Erwachenden Ungarn unter dem Vorsitz Marffhs besprochen worden wahren. Marffh habe ihnen auch in indisches Schlangengift getauchte Nadeln versprochen, mit denen dre Juden gestochen werden sollt'en. Es wird stdcmn eine Reihe ' von Zeugen elinvernommen. Der beurlaubte Honved Karl Resz, der Hei der Poiüizoi mit bezug auf Barga, Chviasty, . Hmivath- Halas und Marsfy Aussagen gemacht hatte, vor - dem Untersuchungsrichter diese Aussagen jedoch zurückgezogen hatte, erklärt, daß chm die Aussagen durch Mißhandlungen erpreßt worden seien. Die Verhandlung twiÄ sodann aus morgen vertagt. Brand ln der vallerla Umberto kn Neapel. (Eigendienst, der „Wiener.Morgenzeitung".) Rom, 21. November. InderGalleriaUmberto ut Neapel wütet ein verheerender Brand. Das Feuer brach infolge, .einer Explosion in einem F i l m l a g c r aus und ergriff, noch ehe die Feuerwehr oingveifen konnte, alle vü«r Stockwerke deS Getöwdes. Die mit Glas gedeckte Kuppel droht einzustürzen. Als d'e Feuwwehr ankam, riefen auS den Fenstern der Stockwerke die Hausbewohner, die sich über die Treppen nicht mehr batten retten können^ verzweifelt um Hilst. Es gelang, sie durch das Sprungtuch zu retten. Zahlreiche vornehme Läden und Cafes, die in der Galleria Umberto untergebracht sind, wurden geräumt. Die großen Bureaus emer Annoncenunterneh.mlng sind gayzlich ausgebrannt. Ihr Leiter, ein Schweizer, wurde lebensgefährlich verletzt. Mich ein Feuwwehrmann und öin Angehöriger der.faszistischen Miliz erlitten bei den Löschungsarbeiten schwere Verletzungen. Die Feuersbrunst dauert fort. Eine gewaltige Menschenmenge umlagert die Brandstätte. - Die Gallevia Umberto wurde in den Jahren 1887 bis 1890 von b:m Architekten Rocco erbaut und steht an Großartigkeit der Mailänder Galerie nicht nach. Ser Völkerbundrat. (Eig«ndik.nst der „Wiener Morgenzeitnng") Rom, 21. November. Am 8. Dezember beginnt hl Nom di« Wi nlertagun-g des N ö lke rbn ndra te s. Das Programm steht noch nicht fest. Der Generalkommissär für Oesterreich Dr. Z i m m e r m a n wird seinen Bericht persönlich vertreten, auch der ungarische Kommissär Herr Smith wird in Rcm anwesend.sein Lbftruktionrdkohtln<>en der SaziaH-Mottate». Schon wieder di« Beamten. Obwohl in der vorgestrigen Erklärung'sd-ebatte im Nationalvat Dr. Renner sich für eine 'bedingte Mitarbeit dw Opposition erklärt«, ja sogar die Bereitwilligkeit ausgesprochen hatte, mi^zuhelfen, um die Gegensätze in der VersassungSfrage zu überbrücken, kündigte das sozialdomokratische Organ gestern an, dc.-ß die Sozialdemokraten im Parlament zur Obstruktion greifen würden, wenn der Antrag Wieden Hofer br- ^.trefsend die Novellierung der Arbeitslosenversicherung im Ausschuß für soziale Verwaltung von den Regierungsparteien weiter verschleppt würde.