Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2069 (22.11.1924)
- Date
- 1924-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 Polbii 20qmzy'l Wien: Zum Abholen in der Expedition, II. Taborstr. 1*3, oder in einerVerschieisstelle (Trafik) monatl K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1.8er., Wolleeile 11 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 40.000 Tsehech o-S lowakei: Mon. K 20 Jugoslawien: Mon. Dfnar60. Polen: Mon. 3V* Zloty, Deutschland: Mon.Goldmark4, Fr an kr., Belgien: Mon. Frcs. 15 ' W* Naehsahluatce *W> . W Prataartintmae-Mi varbatialtea Nr. 2069 lener | Preis K 1400; Englandi Mon. 4 Schilling! Italien: Monatl. 15 üre, Rumänien Men. 150Lei, Balgarien Mon.80 Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 4, Redaktion n. Administration Wien, II., Taborstr. 1-3 Telephone: ,44-0-r38,43-3-19, AhßUhr abds. 21-102,25*282 IX. Universitätsstrasse 6—8 (Druckerei Steinmann) Mm. Samstag, 22. November 1924 Oesterr eichisehe* Postspar* kaaaen.'* Konto , Nr. 150,6r 3 8. riahrgaag Der gelehrige Srient. —y Wien, 22. November. Alle europäischen Kenner des Orients pflogen übereinstimmend zu schreiben, daß sich dort die politischen Wandlungen unter der Schwelle des Sichtbaren, der Außenwelt unzugänglich, vollziehen und dann mit einem Schlange in die Erscheinung treten. Das heißt'mit anderen Worten, daß die europäische Methode der Politischen . Analyse in ihrer Anwendung auf die Dinge im Orient versagt, daß der Europäer die dort geltenden Gesetze der Entwicklung nicht könnt und deshalb seine Peinliche Uebervaschung nicht verhehlen kann, wenn es anders kommt, als er sich das in seiner Tabelle,berechnet hatte. Da führen die Spanier seit Jahren schon einen Kolonialkrieg um Marokko. Wie es m diesem Krieg kam, weshalb er geführt wird, das ist heute irrelevant. Es ging zuerst um die sogenannte Einflußsphäre, das ist das Gebiet, auf welchem sich der militaristilsch-kaivital'istische Geist mit Zustimmung der anderen europäischen Kolonialstäaten frei ausl"ben und das sonst in Europa so hochgeehrte Bodenständigkeitsprinzip vevsckimpfieren darf. In diesem Krieg also hat Spanien furckGare Verluste an Menschenleben erlitten, was im Kriegsgebiet und in der Heimat seine besonderen Foloen hatte.' Das spanische Militär, die einfachen Infanteristen und Dragoner erklären ihren Bedarf an Gloire für gedeckt. Sie wollen nicht mehr. Die Araber benützten d'eie Stimmung sehr rasch und mit ihren vorzüglichen Waffen made-'in England ~ haben sie den Svamern .so zugesetzt,. daß, der-lovbeerhungrige -.Diktator: Kvrmo M Rivera einL Posilloll Mch tzernÄeren räumen mstß.sIn obseh-- barer' Zeit wird Spanien cruch-den. letzten Streifen des Rif verlassen. Alle Kenner des Orients sind verblüfft. Es paßt nicht in ihr Konzept, daß der Orient mündig wird, daß eine christliche Macht weichen muß (seit dem Frieden dort Lausanne, der die türkische Hobeit über Ostthrazien anerkennt, ist dies'sckon der zweite Fall), und sie suchen nach plausiblen Erklärungen.. Die einen vermuten Intrigen europäischer Konkurrenten, die anderen wittern den Bolschewismus. Das alles kann aber, selbst wenn fick hierfür Symptome fänden. doch keine genügende Aufhellung von Ursache und Wirkung geben. Die Sache liegt einfach so. daß die Welt des Orients in Bewegung gekommen ist, daß: sie im Weltkrieg, in den sie dummerweise bi nein gezwungen wurde, die Unbesiegbarkeit Europas als ein Kindermärchen erkannt hat urw daß sich unbemerkt von allen Kennern eine polMche Wandlung vollzogen hat, die sich nLtn.Mm so- und sovielten Male zeigt. Die Ursachen' hat Mo Europa selbst gebracht und es wird über-kurz oderlang sich dazu verstehen müssen, seinen durch nichts begründeten Hockrnut. aufzuigeben und den Orient-auf gleichem Fuß zu behandeln. ' - l 'Die neue Bewegung trägt.den Ursprungsstempel des europäischen Nationalismus und da dieser die Grundlage der politischen Systeme der Kolonialstaaten bildet, müssen sie ihn wohl oder übel auch außerhalb' ihres Kontinentes anerkennen. Denn'sie alle find durch diese Erscheinung getroffen. Spanien steht in einem' blutigen Krieg, Italien hat immer wieder , mit Aufständen in seinem Neuland zu kämpfen. In Kairo ist der englische Militärgouverneur des Sudan ermordet worden, das -verhandlungAbereite Kabinett. Zaghluls stellt in einer Krise und die neue' konservative Regierung hat wieder die Sorge um den Sudan, 'die Flankenfiche-, rung des indischen Besitzes.'Bon hier bis nach Indien und durch ganz Vorderasien bis hinauf nach dem neuen nnsieria'kistsichen Zentrum Angora brennt eine ganze Kette von Aufruhrherden. Mer hat wohl diese Geister gesufen? Einen der Schlüssel zu dieser Frage kann man unschlver in der Agitation finden, die sich gegen die Errichtung des jüdischen Heinis in Erez Israel entwickelt hat. Es ist deutlich, zu konstatieren.--daß die großarabischen^ Tendenzen, die noch beim Zufainmenbvuch der' Türkeikaum in der Vorstellungswelt -literarisch' interessierter. Kreise bestanden, mit dem Augenblick der Anerkennung der jüdischen Forderimgen auf das jüdische Stammland Farbe und Form von Europa aus di-k-iert erhielten. Von allen europäischen Zentren und Parteien, bei denen der Haß gegen Juda als Lebensprinzip wirkt, wurde in der gleichen Richtung gearbeitet. Das, ant'ijüdische Streben, die nati-onalpolitsiche Konisoli- (Agendienst der „Wiener Morgenzeltung".) London, A. November. „Daily Expreß" meldet, die englische Regierung habe 'beschlossen, einen Teil der gegenwärtig vor Malta« befindlichen britischen Flotte ibach Alexandria za entsenden. Die englische Note an Aegypten. London, 21. November. In politischen Kreisen verlautet, daß «das. Kabinett innerhalb 24' Stunden eine scharfe Protestnote durch Lord Allenby in Kairo überelchen lassen wird. Der Ton der Note wird keinen Zweifel über die Absichten der englischen Regierung lassen, die llebevwachung Aegyptens nicht ans den Händen zu geben. . „Gvemug Standard" schreibt: „Wenn der Sirdar das ans ihn verübte Attentat überlebt hätte, so Hütte die englische Regierung die g>.inze . Frage, des - gegenwärtigen ägyptischen Regimes über kunz oder lang ansrollen müssen. Jetzt aber, da General Lee Stack tat sei, dürfe die Losung dieses Problems auch nichtdie geringste Per,zbgevung erleiden. Die englische Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß. in Aegypten keine Anarchie.geduldet werden, dürfe und laß Eu.gla.nid als Güher Aegyptens die Psiiicht babe, die Jnieressen - der zidiHierten Nationen in -diesem waihven. . ^Dv'ewmg. News^? "schreiben, daß Sir ~ Lee Stack %. gleichen Ehren erwiesen werden müßtech wie wenn er ans SchlachtfÄde gefallen wäre. Die Sudan-Agitation. London, 21. November. Eine Note-des Reuterschen Bureaus über die Folgen des Mordanfalles auf den Militärbefehlshaber von Kairo besag:, es könne erwartet werden, deh die ägyptische Regierung eine energische Mion gegen die Verbrecher unternehmen werde. Gleichzeitig aber sei zu berücksichtigen, daß eine heftige Agitation wegen des Sudans im Gange war, der Einhalt zu tun Ausgabe der ägyptischen Regierung gewesen wäre. Es scheine kaum, daß eine Aktion seitens der englischen Regierung aufge ^ch ob e n werden könne. Welchen Charakter sie aber haben werde, könne gegenwärtig nochmcht vorausgesagt werden. Ernste Auffassung in London. London, 21. November. (Havas.) Preniierminkster B a l d w i n und mehrere Minister haben gestern'- b?z"-glich des Attentats auf den Sirdar eine Besprechung gehabt. In R-egierungskreisen betrachtet man die Lage als ernst. . ■ ■■ .; t - '■ .- c - n Zaghlul und Allenby. ' Kairo, 21. November.-, Meuter:)' 7 MpisteMjjsMm' ZaghluTPa sch ä hat dem König Fua dÄnen Brsüch^ abgchattet und-hierauf mit den Ministern kotifer-iert. So-) dann hatte er eine Unterredung mit Lord AllenM.- , Eine Niederlage der Angora-Negierung. (Eigendrenst der „Wiener Morstenqeilung".) ' London, 21. November. Die türkische Nationalversammlung hat dem Kabinett Jsmed Pascha mit großer Mehrheit das Mißtrauen ausgesprochen, worauf der Ministerpräsident seine Demission angeboten hat. Einzelheiten über diese Niederlage der Regierung sind bisher nicht, bekannt geworden, weshalb die Meldung vorläufig nur mit Vorbehalt verzeichnet werden muß. Allerdings sind in der letzten Zeit verschiedene Anzeichen der Unzufriedenheit mit der Regierung zu-getreten, e'ner Unzufriedenheit, die zum Erodus von bisher 60 Mitgliedern der unter Führung Kemals und Jsmed Paschas strhmden Volkspartei geführt hat. Die Unstimmigkeit begann wegen der Vereinbarung der Regierung mit der Sowictregierrng über die Ausfolgung der Flotte des Generals Wrangel an Rnsland. Der Hauptgrund der Mißstimmung gegen die-Regierung und auch gegen Kemal liegt jedoch darin, daß die Durchführung des Gesetzes der Trennung zwischen Kirche und Staat und ganz besonders die E n t e i g n u u g der Vermögen der einzeluen Religi 0 nsge m e i nschäften oft mit roher Rücksichtslosigkeit erfolgte, daß die Regierung den georginiscken Aufstand im Stiche gelassen hat, daß ferner für die Rettung der sogenannten „industriellen Kultur" nichts geschehen sei und daß die Regierung Konstmltinopel. dem völligen Verfall überlasse und ihre ganze Politik darauf anlege, die türkische Republik zu einem asiatischen Bauernland herabzudrückm. Bezeichn-md ist auch, daß nun schon sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite der türkischen Nationalversammlung die Stimmen immer, lauter werden, daß Mustafa Kemal die Reckte eines Präsidenten der Republik in allzu weitherziger Weise zu seinen Gunsten auslegt und in Anspruch nimmt. Vorläufig hat allerdings, die Nationalversammlung wenig Aussicht auf einen Sieg in diesem Konflikt, denn noch immer verfügt Mustafa Kemal unumschränkt über die Armeei dierung des. jüdischen Volkes im Sinne des vom Völkerbund in den Mandatsvertrog aui-Mnommenen Zionismus zu Hintertreiben, verwirrte das politische Denken und leoie sich wie der graue Star übet sonst klare politische Einsicht. Im römischen Vatikan, desitzn weiter Blick so gerühmt wird, wurden die Fäden gesponnen, die zwischen das Judentum und das ihm zugesicberte Land ein Retz legen sollten. Es wurde eine große Propaganda entfaltet, die in der christlichen Welt die Ret- Baldwin lehnt den Vertrag mit Rübland «1 (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 21. November. Das Foreign Ofsiee derösientlicht heute-wt an Rakowski gerichtete Note, in der die britische Regierung erklärt, es sei ihr nicht m ö gl i ch, den am 8. August von der Regierung Mae D.o n a l d Unterzeichneten Vertrag mit Sowjetrutzland dem König vorzulegen. Die Note ist von Austen Ehamberlaia unterzeichnet. . Attentat ans den griechischen Militörattachi in Park. Paris, 21. Nove-ncher. (Havas.) Ter hiesige griechische Mi-litäratta.che würde von einem Griechen durch R ev 0 l v e rsch ii f f e. verwundet.. Der . Attentäter wurde v e r h a f t e t. Der Zustand des Militärattaches gibt zu Besorgnissen Anlaß. (Das Attentat stcht wahrscheinlich in Verbindung mit der vorgestern entdeckten^ Osfiziersvevschwövung in. Athen.) . Der Attentäter — ein Beamter Veaifelos'. Paris, 21. November. (Havas.p Das Attentat aus den griechischen Militärattache. Raoal ist heute nachmittags auf dem g r i e -ch i s ch e n .Konsulat verübt worden. Der Täter ist -der Privatintendant des griecbischeu Staatsmannes Veniselo's. Er gab beim Verhör an, Ofsisi-er gewesen zu sein, lehnte es aber ab, das Motiv seiner Tat anzug-eben. Der.schwer verimmdete Attache konnte urch nicht einvern-ommen' werden. - Keine amerikanische Abrüstungskonserenr. (Eigendiervst der „Wiener Mor-genzeitung") Washington, 21. November. Das Staatsdepartement dementiert die Meldungen, wonach die amerikanische Negierung daran denke, in nächster Zeit et-"“ Äbritstnngskon ferenz vorzuschlagen. tung der durch die Juden gefährdeten heiligen Stätten, in 'den moslenrinisch-arabiscken Astasien aber den SMtz vor^ der zionistischeil Ueberflutun-g zu einem durchgreifendem Scksiagwort machte. Diese zweite Form des Kampfes rächt sich bitter an den Kolonialstaaten. Es sind Tendenzen erweckt worden, die auf fruchtbaren Boden fallen und der in die Avaber geworfene Funke greift mit rase,wer Schnelligkeit um sich.