Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2069 (22.11.1924)
- Date
- 1924-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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vrr. auoi) Wien, Vams«vg Wiener Morgerr-ettung. 22. Novttüber 1824 Leite S Kennen Sie schon die grandiose Wirkung des Franzbranntwein? geder Gesunde und jeder Kranke Wirdes Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird lleberaN erltiiltlich UM-Franzbranntwein-Produktion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. EngerthstraAe 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Einer der Hau.ptforderu.ngen der Partei fei, daß endlich die Alters- und Invaliditätsversich:rung geschaffen werde. Die scheidenden Minister des Kabinetts Seipel verabschiedeten sich gestern in den Ministerien von den Beamten und redeten sich 'bei dieser Gelegenheit manches vom Herzen, was sie im Nationalrat nicht sagen konnten, weil es dort gewiß nicht unwidersprochen geblieben wäre und der neuen Negierung gewiß nur Schwierigkeiten bereitet hatte. Kaum daß das neue Kabinett gewählt ist, melden sich schon wieder die Beamten, und zwar sind es diesmal die Pensionisten, die den Anfang machen. Der Fünfundzwanzig^ rausschuß der Bundesangestelltenorganisationen befaßte sich mit einer Eingabe der Pensio-. nisten, worin diese unter anderen Forderungen nach Schaffung eines Existenzminimums für Pensionisten, schrittweise Valorisierung ihrer Ruhegenüsse nsw. erheben. Wegen dieser Forderungen wird der Fünfundzwanzigerausschuß mit der Regierung in Verhandlungen treten. . Wiener Landtag und Gemelnderat. Aus der Tagesordnung der gestrigen Sitzung des Wiener Landtages stand die bereits seit langem angekündigte Herabfetzung der Lustbarkeitsabga be bei den Dheaterbetrleben. Nach dem von der sozialdemokratischen Mehrheit gegen einen chrisW Asozialen Abänderüngsantrag angenommenen Entwurf soll für die Monate November und Dezember in besonders berücksichtigtülgswürdigen Fällen der für ernste Theateraufführungen in Kraft stehende Satz von 10 Prozent um höchstens die Hälfte, und die für Operetten bühnen vorgeschriebene 30prozentige Lustbarkeitsabgabe um höchstens ein Drittel herabgesetzt werden. Die „Wiener Morgenzeitung" hat schon seinerzeit darauf hingewiesen, daß dies durchaus keine Losung des Problems der Theaterlrise ist, denn man kann es 'Unter keinen Umständen einer politischen Partei, und das ist doch >das fetzige Rathausregime, anheimstellen, über den künstlerischen Wert eines Stückes zu entscheiden. Außerdem ist mit einer so geringfügigen Ermäßigung, die auch noch zeitlich begrenzt ist, keinem bedrängten Betrieb geholfen. ' Vor Erledigung dieses Punktes der Tagesordnung wurde an Stelle des verstorbenen Bundesrates für das Land Wien, Professor Dr. Ludo Hartmarm, dem Präsident Dr. Danneberg einen warmen Nachruf hielt, Stadtrat Breitner gewählt. An Stelle des zurückgetretenen Bundesrates Breuer wurde Gemeinderat Notier (chvistlichsozial) in den Bundesrat gewählt. * Zn Beginn der darauffolgenden Ge me r nd e ra tZsitzung stellte als Folge des Exodus der Christlichsozialen in der letzten Gemeinderatssitzung wegen der Veröffentlichung von Gerne indeabgaben einiger Steuerträger in der „Arbeiterzeitung" und der damals durch die Majorität abgele'hnten Untersuchung Gemeinderat Zimmerl (christlichsozial) an den Bürgermeister die Anfrage, ob er reneigt sei, über diesen Vorfall eine Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Bürgermeister Seitz wird die Antwort im schriftlichen Wege erteilen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde eine Reche von Rcferentenanträgen, meist ohne längere Debatte, angenommen, die hauptsächlich Grundkäufe, Straßen- und Kanalausbesserungen beinhalteten. Für.die Instandsetzung von schadhaften Denkmälern wurde ein Zuschußkredit von 210 MMvnen bewilligt. Bürgermeister Seitz erklärte, sich 8n Leu Tod getrieben. gum Selbstmorde Linskers. Von 'Grmciiidcrat Dr. Leopold Plaschke^. In der Strafsache des Apothekers Rafael L i n s k e r i)abe ich im September 1924 an das Landesgervcht für Strafsachen Wien 1 eine Eingabe gerichtet, worin unter Anbietung von Beweisen folgendes lausgeführt wurde: Herr Dr. Otto Hoher, welcher die Visitationen der Apotheken über Auftrag des Ministeriums für Volksgchrndheit vorzunehmen hot, hat gegen mich die Änzeige erstattet. welche WieMch zur Erhebung der Anklage geführt hat. Ich werde mich vorläufig über den Inhalt der Anzeige sowie über die Anklage nicht äußern und behalte mir diesbezügliche umfangreiche Darstellung fi'n> die Ha'uhwerhonidttmtifl vor. So viel ober muß ich sogen und heule bereits unter Beweis stellen, daß Herr Dr. Hoher mir persönlich feindselig gosinnt rst und ous dieser seindsÄiaen Gesinnung u>m so weniger Hehl macht, ols er dritten Personen gegenüber, was ihm als einen Beamten gar nicht geziemt. Bemerkungen über meine voraussichtliche Vorurteilunia macht. Beweis:Dr. Hans Hoger, Wien-, 1. Boz., Peistalo>zizzigasse 6. Ich halbe auch erfahren, daß Herr Dr. Otto Hoher andere jüdische Apo-Heker wogen ihrer Aui.aehöri'ilkett zum Judentum sehr „strenge" behandelt und mit ihnen sogar Prozeß geführt hat. Beweis: Zeugnis des Herrn Apothekers Dr. Cäsar Axenrad der U>niversitätsapothoke, 9. Bez., Universidätsstraße 3. Dr. Leopold Plchchkes, Wien, 1. Bez., . Schottenving 41. Ich werde im Gerichts,!aal Gelegenheit nahmen^ die Tätigkeit des Zou>a!en uud Ameigers Dr. Hoher, soweit ihre Grundlagen enthüllt werden können, einer umfangreichen Beweisführung zu unterziehen, um darzulun, wie es in Oesterreich zn einer solchen Anzeige und einer solchen AMage kommen konnte. Vorläufig weise ich nur auf folgende Umstände hin: Das Gericht hat sich nicht enthalttn können, die Bestimmung des einen der beiden Sachverständigen dom von mir bisher nur oberflächlich g e s ch >i l d e r t e n Herrn Dr. Otto Hoher, meinem erbittertsten Feinde, zu überlassen. Lasen wir doch im Protokoll des Zangen. Otto Hoher, des Anzeigers in vorliegender Angelegenheit, dessen AnÄsa^e Felndsetigkeiit atmet, daß er Herrn Prof. Dr. Wassicky als Sachverständigen vor schlägt. Ueiber die Sachkenntnis des Herrn Pros. Wassicky werde ich mich besonders äußern und Nachweisen, daß ein Reihe seiner Behauv^ungen teils nnrichtig, teilswissenschaftlich überholt ist. Aber ich berufe mich ans Herrn Dr. Hoher als Zeugen darüber, ob es wchr ist, daß er jahrelang der Mitarbeiter dieses HölLschuillehrers war, daß Herr Universitätsprofessor Dr. Wassicky mit ihm in engen fvoundschaftl-ichrn BezÄhiMgen svamd, daß Herr Doktor Hoher im Hause des Herrn Prof. Wassicky häufig verkehrt und daß der Anzeiger mit dem Sachverständigen den Inhalt des Gubachchens >büs>p.rochen hat. Die Angoloaenhell wird aber noch viel interessanter dadurch, daß Herr Dr. Wassioky einen zweiten Sachverständigen vorischlcigt,' uud zwar in der Persom des Herrn Hofmtes Dr. Weiß, und daß dieser Herr Hoirat Dr. Weiß der Chef und unmittelbare Vorgesetzte des Anzeigers und Zeugen Dr. Otto Hoher ist, mit ihm in einem Laboratorium arbeitet und auch sonst in eintzein Beziehungen steht. Wir bewegen uns also in einem cirouluS vittosns, besten Mittelpunkt der Anzeiger und Zeuge Dr. Otto Hoher ist und es wird daher verstanden werden'. daß ich persönlich von schweren Bedenken gegen die Sachverständigen Prof. Waffiokh und. Hofrat Weiß erfüllt bin, die ich hiermit oulf das entschiedenste ablehnc. Hierauf erhielt ich folgende für die . österrerchifche Stmfgerichtsbavkeit tief beschämende Erledigung: Landesgericht in Strafsachen Wien 1. Dr. V. 8076-23—P. 60-24. Beschluß. Die Natskannmer des LandesgerichteS Wien in Strafsachen 1 hat in avichtofsenEcher Sitzung nach Anhörung der Staatsanwaltschaft beschlossen: Das Ansuchen des Rafael LinÄler um B-estellung anderer Sachverständigen znrückMweilsm, da die Ablchnung der vom Gerichte bestellten Sachverständigm e'me gänzlich um'motivierte und in den tatsächlichen Verhältnissen unbegründete ist. Die Tatsache, daß der BeschulWgtt indischer Konfession ist und von dem Apotheken'iinjspeiktor Hoser auch andere jüdische ApoihokeNbüsiber angege-igt wurden, kann in gar keiner Weise den Verdacht der' Voreinigenommenheit der vom Gerichte bestellten Sachverständigen ' lhegrimdan, auch dann nicht, wenn' diese Sachverständigen mit dem Zen gen Hoher in gesellschaftlichem oder a mtlich em Verkehr stehen und die Auswahl der Sachverständigen über seinen Vorschlag erfolgte. Landesgericht in Strafsachen Wien 1, Abt. 5. am 20. Oktober 1924. _ Dr. Cerny nt. p. _ In Kenntnis der Tatsache, daß mir gegen diese Entschvidulng ein Rechtsrnittel nicht AU'stoht, ergriff ich die Beschwerde an das Oberlandesgericht, weil ich annahm, daß diese Attifsichtsntntb Beschwerdemstanz, vor allem aber die Oberstaatsa'N!iva'lt>scha>ft, gegen diese Ungeheuerlichkeit Einschreiten werde. Die Beschwerde wurde aus f o r m a l e n Gründer: v e r w o r f en umd es geschah — nichts. Bei der Hauptverharrdlriing am 11. November habe ich den Amtrng Mit emgeherrder Begründung wiederholt und — da geschah etwas. Der Staatsaniwalt N a h r h a s t, ein iberüchtigter Iudenh^sser schon vorr der Schuilbarck her, der sich in den Fall des armen Linsker fo sehr verbissen chatte, daß er die Verlegnng der srüher in Ar^ficht grnonmierrert Hrmiptvechandln'Ug bis zur Rückkehr vom Urlaub erbat, -weil „der Fall an der Schneide steht", bedrohte mich in ofsener Berbandtmug mit solFLnden Worten: „Ich warne den Herrn Verteidiger, mit Behanpttmgen gegen Dr. Hoher oder die Sachverständigen forttufahven, s o n st w i v d e r was erleben, ich werde ihn hier und auch anderswo zur Rechenschaft ziehen! Darauf erwiderte ich: „Der Sta.itsantralt hat mich soeben bedroht. Er hatte damit — ich weiß es womenran niicht genau — das Verbrechen der gefähvlichott Drohung oder der Erpressung began>gen uud müßte sofort eingesperrt werden, wenn noch ein Tatbestandsmerkmal vorläge, wenn ich mich nämlich vor ihm fürchten würde. Ich fürchte an. ich aber nicht vor dliesem Herrn und das bewahrt ihn vor den ärgsten Folgen. Der Staatsanwalt hat aber den Dersiich nnternontnren, mich ein,-)U!schüchtem und mich in meinen Verteidigerr-echten eiuzuschränlen, mir die Erfüllung meiner Berteiidi'ZevPslicht unmöglich zu ma>chen. Das wird er deraulvorten. Im übrigen halte ich jedes Wort, das ich gegen Hoher gesagt und bezüglich der Sachverständigen vorgebracht habe, aufrecht." Das war das Präludium des Prozesses. Des Schicksal des armen Linsker war besiegelt, mit den Sachverständigen des Dr. Hoher kennte der Prozeß für ihn kbin gutes Ende nehmen. Und doch faßte er im Laufe der Verhandlung neue Hoffnung. Das Beweisvcrfahren war für ihn günstig verlaittsen. nicht einntal Herr Keitsch hatte ihn belastet. Da rückte die vorbereitete Garnitur an: Hoher, Wassiokh, Weiß und der arme Jude war fertig. Und nun zur unmittelbaren Todesursache. Zwei Stunden saßen -wir, Linsker und ich, im Gerichtssaat, unr auf den Urteilsspruich zu warten. Die Beratung war zu Ende, der Gerichtsdiener oben fortgelaufen, um den Staatsanlwo.lt zu holen, da unterhielten sich die Herren Richter über ihre prächtige Leistung und einer sprach so lawt, daß es durch dw geschlossene Türe für mich und Linsker hörbar wurde: „De r ist fü r se iu Lebtag erledigt!" Da>rauf irgend eine Einwendung und die Antwort des Richters: ,/Aber, bttt' Sie, wir haben ihn wegen Verbrechens verurteilt, da verliert er all^s, er ist fertig." D'msker zuckte zufammien, blickte mir ins Auge und sagte: „Herr Doktor, ich gehe, das überleb' ich nicht! Jetzt sind mir die Augen schon geöffnet!" Ich bat ihn, zu bleiberr und den versammelten Antise-miten den Beweis, seiner Stärke zu geben. Er drückte mir innig die Ha>nd, stellte sich aufrecht vor die AuNagebanl und hörte mutig ans dem Munde des Vorsitzenden, dessen Frotzeleien ihn während der Devhawdilung wiederholt bedrückt Hattert — keine Frohellei mehr, sondern eine ernste Rede — sein Todesurteil. Meine Bitte, die Begründung des Urteiles zu unterlassen, 'hat Herr Tieve mcht erfüllt; den: urmetl Linsker^ blieb eben auch nichts erspart, er mußte auch Nivch die Scheingründe seiner Verurteilung auf den Weg ins Jenseits utitbclonrmen. Diese fadenscheinige Begründung iwr der Sargnagel. pevsönlich für das Förtschreiten d'elscr Arbeiten zu interessieren. Stadtrat Speiser referierte über die Lohnerhöhung bei den städtischen Eleltrizitätswerkem Ueber Antrag des Stadtrates Tandler wurden 25 M'.llionen für die Trinke che ilftätte bewilligt. Günther bleibt. Bundeskanzler Dr. Ramek empfing gestern den Präsidenten der Verwaltungskommission der Bundesbahnen Dr. Günther, der sich, da die frühere Regierung sein Rücktrittsgesuch nicht angenommen hat, bis jetzt in statu d.'missionis befand. Der Buiwdeskanzler erklärte, >daß auch die gegenwärtige Negierung besonderen Wert darauf lege, Präsidenten Tr. Günther wettechin an der Spitze der VeMaltungskommission Wirken zu sehen. Präsidont Dr. Günther hat daraufhin sein Rücktrittsgesnch zurückgezogen. _ Minister o. D. Grünsterzer. Der Bundespräsident hat am 20. d. dem Bunde's- M>nister für aikswärtige Angelegercheiten a, D. Dr. Alfred Grünberger das große goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um d'.e Republik Oesterreich taxfrei verliefen. — Dr. Grünberger, der durch den Minister Mataja ersetzt morde, soll, wie verlautet, auf einen wichtigen Gesanddenpoisten entsendet werden. Schüffe ans einen Magistratsbeamte. Gestern vormittags omt etwa 10 Uhr hat der Vichhaudler Egon Arnold in der Kouzlei der Nia-gistr'a^b'ü» lu>N'g 42 des Ratha-uses zwei Schüsse abgegeil^n und durch einen •bstt BerwaktungAlommissär Karl Bachm a n n verletzt. Die Kugel durchbohrte chm die linke Hand. Arnold will beide Schüsse gegen sich gerichtet hcvbrn, well er di>e Aussichtslosi^k-ttt der Bewillilgtvnlg eines Gefuches einfach. Er wiad voraussichtlich wegen versuchten Mordes dem Landesgericht eingelieser^ tver-den. Verhaftung eines MtienMcherr. Bor einigen Dagen haben Leute in Prag versucht, Aktien der Böhmischen Zuckevindristrie A.-G. zu lontbardieron. Nachträglich stellte sich heraniZ, daß diese Aktien, von denen bereits etwa 2000 Stück im Wert von zirka acht Milliarden österveiiichifcher Kronen bei vier verschiedenen Prcuger Bankmstitiuten placiert worden waren, gefälscht.waren. In Prag waren iim Zusammenhang mit dieser Angelagencheit der gewesene Bankboannte Jakob Kling mid eine gewisse Lilly Weiß verhaftet worden. Die Weiß gab schließlich zu, die gesälischttn Aktien von einem Grafen Szechenh erhalten zu haben. Die Erhebungen evgalben, daß es sich um einen vorbestraften und atbgeschafften Bevbrechsr namens Szecheny handett. Bovgcstevn gvlang es, in Baden den Betrüg« Szech«ch feistFUnchmen.