Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2068 (21.11.1924)
- Date
- 1924-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Moraenzeltung. LI. November 1924 Nr. 2068 SM I _Wien. Freilag_ bet/ Di« neu« R«gi«ru-n.g muh danüt rechnen, daß >durch daS Gestnipp schwieriger parlamentarischer Verhandlungen nur schiver mit der Belastung dieses Mannes drircl»u>koimnen sein wich. Diese R-egii.-vung bodeutet für uns nichts Neues und kann. Ms zu 'smer Aondcruug rmfever Taktil nicht vcranlassen. Wir werden unseren ganzen Einfluß darauf aufwenden, daß zwischen Bund und Länder« ein vernünftiges Verhältnis der Loyal.iiä't hergostellt werde und dah der sinnlose Kleinkrieg. der gegen die Länder und gegen die Stadt Wien gofi'ch.-Z wurde, auHöre ultd einer beiderseitigen Loyalität Platz mache. Sie werden feine Bundesverfassung durchznbrhtgen wt der Lage sein, welche einem sinnlosen burecmkvaailschen Zentralismus od.ir einem ebenso sinnlosen und unzeitgemähen Föderal-lÄrmS die Entwicklung frei macht, sondern nur eine solche, die eine verständige AuSemandersehung zwischen den beiden Teilen darstellt, die vertfassunigsmä^iig das Recht ha>ben, die Angelegcuh.'iten.des ganten Volkes zu verwalten. Wenn Sie die Aufgaiben, die in der Rede des Kallers angeführt wurden, ernsthaft in Angr-isif nehmen wollen, so werden wir dabvi — seL'stveüständlich als Opposition und in keiner anderen Eigenschaft — gerne Mitarbeiten. Im übrigen ab.r ist es völlig ausgeschlossen, daß wir in irgend einer Weise für die Politik von Genf irgend sine Verantwortung übernehmen werden. Abg. Dr. Seipel: Die chrfftklichisyzial« Partei hat in Verbindung mit den anderen Parteien, die bisher die Regievirngsmshrheit bildeten, heute wieder die Regierung gewählt. Sie billigt die Regierungserklärung und wird die neue Regierung unterstützen. Das einzige, was die christlichlso.zicrle Partei von dieser neuen Regierung verlangt, aber auch ganz sicher erwartet, daß sie die große Linie jener Politik sestihält, die durch die Erfordernisse des Volkes und des Vaterlandes allem bestimmt ist und daß sie bei keiner Entscheidun g, die ihr bevorstehen mag, sich etwa von dieser Linie ab drängen laßt. Das ist alles, was ich im Namen meiner Partei zu sagen habe. Schließlich sprach noch der Großdeutsche Dr. Dinghofer, womit die Evklärungsdcbatte beendet war. Die nächste Sitzung wird in schriftlichem Wege einberirsen. werden. Seipels Abschied. - Der Bündcsprasident hat an Dr. Ignaz Seipel nach- , stehendes Schreiben, gerichtet: „Ich enchobe die mit der Fortführung der Geschäft betraute Bundesregierung mit heutigem Tage vom-Amte. Bei diesem Anlasse spreche ich Ihnen und den übrigen.Mitgliedern des Kabinetts für die hingebungsvolle und unermüdliche Tätigkeit, die die bisherige Regierung im Dienst« der Republik entfaltet hat, den Dank aus." Die neue Negierung und die Presse. Die Vertreter der Wiener Press« und die Korrespondenten der auswärtigen Blätter waren pur gestern abends in das Bundeskanzleramt geladen worden. Herr Dr. Seipel begrüßte die erschienenen Journalisten und dankte der Presse für die Unterstützung, die sie seiner Regierung während der Zeit ihrer Amtsführung hatte angcdevhen lassen. Er hob hervor, daß die Presse aller Parteirichtungen di« Forderung der Zeit erfüllt habe, die eigenen durch Parteizugehörigkeit und durch die Berschiedenartigkeit der Weltanschauung gegebenen Ansichten zugunsten des Sanierungsprogramms zurückzustellen. Die sozialdemokratische Partei halbe dies nicht getan und darum sei es für ihn unmöglich gewesen, mit ihr zusammen an. der Aktion des Aufbaues Oesterreichs zu arbeiten. Er weide nunmehr nach seinem Rücktritt von der Negierung es sich angelegen sein lassen, für die Verbreitung seiner Ideen betrcps der Sanierung des Staates, .der Geister und der Seelen zu wirken und sie in die Massen. hinauszutragen. Der Aufbau Oesterreichs sei eine Vorbedingung für die Versöhnung der Völker und für den Weltfrieden. In. diesem Sinne habe er stets seine Mission aufgefaßt und hierbei die Unterstützung der Presse gefunden, für deren berständnisvolle Milarbeit er danke. Dr. Seipel verließ hierauf den Saal mit den Worten: „Hiermit räume ich den Platz für die Regierung." VUndcsianzler Dr. Ramek ergriff sodann das Wort zu einer längeren Erllävung. in der er zunächst die Wichtigkeit der Presse betonte. Bundeskanzler Tr. Seipel, sagte er, sei nicht .gestürzt worden, sondern aus seinem freien Entschluß z u r ü ckg e t r e t c rt, da er es für notwendig gehalten habe, von nun an, ledig der Pflichten des Regierungschefs, nur als Chef der größten Partei für seine Ideen für die.Gesundung Oesterreichs zu arbeiten. Zwischen dem Bund und den Ländern bestehen keine anderen Unterschiede als geringfügige Meinungsoevschiedemheiten in bezug aus den Ausbau und die Vollendung des Verfast'ungswerkes und der Verwaltungsreform. . „Ich bin Föderali st," sagte Dr. Ramek, „aber ich stehe, auf dem Brden der gesamtstaatlichen Idee." Die Sanierung muß allem anderen vorangchen. Dle Fragen zweiten oder dritten Grades, die heute die Oejffenttichkeit beschälst!* gen, werden gelöst werden, können, wenn die letzte Etappe des Sanierungswerkes, in die der Staat jetzt eintritt, überstanden sein wird. Nach ihm stellte sich Wader als Vizekanzler vor und hielt «ine Rede gegen Dr. Nenner, dar nicht anwesend war. Der Minister des Aenßern Dr. Mataja wiederholte mit starkem Nachdruck, daß zwischen .der christlichsozialen Partei und Dr. Renner keine Differenzen >bstehen. „Die neue Regierung" — betonte Dr. Mataja — „ist die geradlinige Fortsetzung, der alten,' deren Programm sie in jedem Punkt übernimmt und durchzuführen bestv.ibt ist. Hätte Dr. Seipell nicht den Dr. Namsl. ÄS Bundeskanzler vorgeschlagen, so wäre Dr. Ramek nicht Bundeskanzler und die christlichsoziale Partei hätte ihn auch nicht präsentiert. In diesem Umstand liegt die Gewähr dafür, daß die Grundsätze, von d.nen sich Dr. Seipel in.der inneren wie >m, der äußeren Politik habe leiten, lassen, unverändert und unabgefchwächt in Geltung bleilben." Mit einigen Dankesworten der Vertreter der Presseverbände fan>d der Empfang fein Ende. Benesch' Wiener Besuch abgesaqt. Wie die Prager tschechische Presse mitteilt, hat Doktor Bene sch seinen Wiener Busuch abgesagt. Die Unters: rtigung des Handelsvertrages wird Minister Dvorare k vornehmen. )a» Bnnterratmandat Lnda Hartmannr. Stadtrat. Breitner kommt wieder in den Bundesrat. An Stelle des jüngst verstorbenen Bundesratmitglisdes Prof. Ludo Hartmann wird von der sozialdemokratischen Partei in der heute stattfinden'den Sitzung des Wiener Landtages Stadtrat Breitner in beit Nundesrat entsendet werden. Br.itner, der bereits früher dem 'Bundesrat angehörte, hat bekanntlich vor einiger Zeit auf sein Mandat zugunsten des Generals Körner verzichtet. Ser Bombenvrozeß in Budapest. Ter Zug der Opfer Marffys. — Eine sensationelle Zeugenaussage. Bon unserem Budapester Korrespondenten. Die Sensation des zweiten Verhandlungstages bildete, wie 'bereits gerichtet, der Widerruf des Geständnisses durch den Angeklagten R a d o, der bis in die letzten Tage sein 'bei der Polizei abgelegtes und beim Untersuchungsrichter wiederholtes Geständnis aufrechterhalten hatte. Der Vorsitzende steht stch veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß von den UntersuchungShästlingen sowohl bei der Polizei als auch im Gefängnis der Versuch gemacht wurde, mit der Außenwelt in Berührung zu treten. Der Vorsitzende hat offenbar noch nicht den Mut, gerade heraus zu erklären, daß eine solche Verbindung zwischen den Rädelsführern der Erwachenden Ungarn und den Angeklagten tatsächlich bestanden hat und daß aus solche Weise.di« gleichlautende eingepau'tte Verantwortung der Angeklagten, daß sie durch Mißhandlungen'bei der Polizei zu Geständnissen gezwungen worden seien, zustande a-cke.mmen. fft. ' Erschütternd gestaltete stch die Einvernahme der Geschädigten. Der Peche-nach erscheinen die Opfer, des Toten-', mahles, die von dem ruchlosen Anschlag zwar', mit . dem Leben, aber mit schweren Verletzungen davongekommen sind. Dr. Julius Balla, Dr. Moritz Ledner, Dr. Samuel Patai, Viktor Varadi, Ladislaus Szaß, Adalbert Katona uwh Artur Elek berichteten einer nach dem anderen von den mehr oder minder schweren Verletzungen, die sie an jenem verhängnisvollen Abcnd erlitten haben. DaS meiste Mitleid erregt ein betagter Arzt, Dr. Moritz Maros, der, auf einen Krückstock gestützt, vor den Richtern erscheint. Die grausamen Erinnerungen erschüttern ihn derart, daß der ergraute Mann plötzlich in bitteres Schluchzen ausbricht. Präs, (zu den Angeklagten): Sehen Sie, das knd die Folgen!... Dr. Moritz. Maros antwortet auf die weiteren Fragen des Präsidenten, daß er in seiner Berufstätigkeit durch seine Krüppelhaftigkeit stark gehindert sei, van den Angeklagten jedoch keinen Schadenersatz verlange. Max Grün seid, der folgende Geschädigte, erlitt doppelseitigen Beinbruch, außerdem mußte, er sich einer schweren Lungenoperation unterziehen. Elf Monate lang war er krank. Schadenersatz verlangt er gleichfalls nicht. Armin B l e h e r war zweieinhalb Jahr« lang krank und blieb Krüppel. Auch dieser verzich'et ans Schadenersatz. Edmund L-e n g y e l, Bernhard Elek — ein v i e run d s iebzigjährig«r Greis, der sechs Monate lang bettlägerig war —, Dr. Geza Kemeny, Gabriel Goldfinger, Leopold Csaßar und Emmerich Aczel, die übrigen heute vernommenen Geschädigten, verzichteten ebenfalls auf jeglichen Schadenersatz. Während der heutigen Verhandlung meldete sich ein Zeuge, Rechtsanwalt Dr. Hugo Elek, der erklärte, mit Bestimmtheit in Marffy diejenige Person zu erkennen, die am Tage des Attentats, vormittags, im Elisabeth st ädter Klub war und dort sich bei dem Portier erkundigt hatte, ob das Festmahl a'bgehalten wird. Auf'die Frage des Vovstdenden, warum der Rechtsanwält diese' wichtigen Mitteilungen nicht schon bei der Polizei und vor dem Untersi'chungsrichter gemacht hat, erklärte der Rechtsanwalt, daß die Verhältnisse vor zwei Jahren in Budapest derart umsicher waren, daß er sich damals nicht getraut hat, dies« wichtigen Mitteilungen zu machen, weil er mit Recht um sein Leben fürchten mußte. Die Bombe des Herrn Szernzö. Wie noch erinnerlich, explodierte im Februar 1922 im Wiener Hause, Bartensteingasse 8, eine Bombe, durch die jedoch kein n-ennenkwertex Schaden an^erkchtet wurde. Es ergab sich, daß die Bombe in der Ab''cht gelegt worden sein dürste, auf den Wiener Industriellen Lederer ein Attentat zu verüben, und daß der Urheber des Attentats der ungarische Grundbesitzer und Vizegefpan , Szemzö fei. Dieser Szemzö, ein Säufer untz Spieler, der sich schon mehrfach unangenehm bemerkbar gemach hat, hat mit Lederer eine Spielaffäre sauf'diese „ritterliche" Weise erledigen wollen.'Die Wiener Polizei hat an dl- Budapester Gerichte dgS Ersuchen gestellt, wegen di-esei Affäre gegen Szemzö, der sich jetzt in Budapest aufhält, di« Untersuchung zu führen. Wie nun aus Budapest gemeldet wird» hat der Budapester Untersuchungsrichter gegen den Bombenhelden die Untersuchung eilige leitet. Ae ßskütt-Komödie. (Eigendienist der „Wiener Morgemzvitung".) Budapest, 20. November. Am Schlüsse der gestriges Verhandlung, in der eine Reihe von Zeugen verhört wurde, beschloß der Gerichtshof auf Antrag des Staatsanwaltes, Eskütt für die Dauer der Verhandlung in Untersu chungshaft zu nehmen, da sein Verhalten (er hatte sich gestern zur Nachmtttag'sverhandlung krank gemeldet) den Verdacht aüfkommen lasse, daß er sich dem Strafverfahren zu entziehen versuche. . Heute wurde die Komödie mit der Vernehmung des Ackerbauministers Mayer fortgesetzt, welcher zur Zeit, als Gskütt im Ackerbaum-inisterium in Verwendung stand, Staatsfkretär war. Auf eine Frage des Verteidigers Dr. Ruppert gibt der Minister zu, daß eine ganze Menge vornehmer Personen, Damen und Herren, das Ministerium um Ausfuhrbewilligungen bestürzt habe und daß sich Abgeordnete darüber beschwert hätten, daß Ausfuhrbewilligungen so schwer zu .erhalten seien, während manche Personen sie citf Schleichwegen erhalten und im Kaffeehaus offen mm K a u f anbieten. Am Nachmittag wurde dann das Zeugenverhör fortgesetzt und die weitere Verhandlung auf morgen vertagt Sin deutscher General vor dem sranzSsischea Kriegsbericht. Ein Jahr Gefängnis wegen Diebstahls. Lille, 20. NSvember. (Haväs.) Gegen Generals NathulsiuS, der wegen Plünderung des Hauses in Roubaiz, in welchem er während des Krieges gewohnt hatte, in contumaciam zu fünf Jahren Gefängnis ver« urteilt und, als er kürzlich nach Frankreich kam, zur Verbüßung dieser Strafe verhaftet worden war, fand heute, da er gegen das Urteil Einspruch erhoben hatte, ein« neuerliche Verhandlung vor dem Kriegsgericht in Lille statt. . « DaS Militärgericht hat General NachusinS deS Diebstähls v on Küchengerät und eines Ta felfe rvieeS im Wert« von 600 Franken mit sechs gegen ein« Stimme s ch u l d i g gesprochen und zu einer G e-!. sä ngniS strafe von e inem IäAre verurteilt. Die beiden anderen dem Gericht gestellten Fragen üiber den Diebstahl von Pelzen, Kleidungsstücken, Teppichen und Seidenwaren wurden mit vier gegendreiStimmef' verneint. ,; Lar frnnMche Nmnestlesesetz angenommen. Paris, 20. November: (HavaS.) Der Senat hat den gesamten Amnestiegesetzentwurf mit 199 gegey' 64 Stimmen angenommen. Der verlorene Krieg de« spanischen Liktatorr. Weiterer Rüchng der Spanier. Pari-, 20. November. Wie „Agence Havas" aus Madrid meldet, hghcn sich die Spanier von Teria bis Sukel Ara zurückgezogen. Der Oberkommandierende der spanischen Truppen, General Ser ra n o, wurde durch eine .Kugel getötet. An seiner Stell« ■ übernahm General Berenguer -b«n Oberbefehl; auch er ist bereits verwundet. Journal" mekdet aus Madrid weitere Meutereien der Soldaten in den Kasernen. Nach Angaben desselben Blattes finden in Algecir-aS N nierhandlungen zwischen Spaniern und den Rif-Leuten statt, die wahrscheinlich der Liquidation des Marokko-Abenteuers dienen. Ein Aufstand gepen den Führer der Rif- Leute? Tanger, 20. Novem'ber. (HavaS.) Gerüchtweise Verv. lautet, daß in der Umgebung des Abd el Krim ein Aufstand ausgebrochen fei. Der Außenminister soiwv« der Finanzminister sollen ermordet worden sein. Mische MWieder der amerikanischen Gesetzgebnng. Laut >dem Vorliegenden Wahlergebnis wurden, wie u-nS aus N e w - N v r k berichtet wird, acht Juden in den Kongreß gewählt, und zwar Julius Kohn (Republikaner), Kalifornien; A. I. Sabath (Demckcat), Illinois; I. Bach rach (RepMikamr), New Jersey; Emanuel Seller (Demokrat), Bwottyn; Samuel Dickst e i n (De-mcikrai), New-Dork; D. P e r l m a n n (Republikaner), New-Ljork; Majer I a c o h st e i n (Demokrat), New-Pork. In den Senat wurden die folgenden f ü n f Juden gewählt: P. M. Klei n felb (Demokrat), Nathan Straus jun. (Demokrat). H. V. Schachna (Demokrat), L. B. Lipo witsch (RepMikaner) und Benjamin Ent in (Demokrat). Außerdem wird die Wahl von 16 Juden zu Mitgliedern des Landespavlaments ün Staate New-Aork gemeldet.