Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2065 (18.11.1924)
- Date
- 1924-11-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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M. 2065 Mm, SMNofi Wiener Morgenzeitung. 18. November 1924 ©rff* 8 Nar wer die Sorgen der Eltern kennt, wenn sie früh morgens aufbrechen, da noch kalter Nebel u hoher Schnee s»k den Wiesen lagert, weiss, wie viel Erleichterung zur Ertragung der Strapazen der ständige Oe brauch von DIANA Franzbranntwein mit Menthol bietet. Von zarter Kindheit an muss der Körper widerstandsfähig gemacht werden, und dies wird einzig und allein erzielt durch Diana-Franzbranntwein Ueberall erhältlich DKmfl -Franzörnnnttdeln -ProduRflen - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. EngerlhstraBe 169 Lieben, Drshobeljova 1073 Ae Räumung der Ruhrgebieter. Weitere Räumungen im Ruhrgebiet. Berlin, 15. November. (Wolfs) Nach einer Mitteilung der Besatzumgsbehörde an die deutsche Verwaltung von Bonn wird ab Mitternacht vom 17. aufde n 18. d. jenes Gebiet geräumt, «das vor den; 11. Jänner 1923 unbesetzt gewesen ist, wie Honnef, Köuigswinter sowie ein Teill der Bürgermeistereien Ruppichteroth und Much. Die Uebevgabe der Bahnen im besetzten Gebiet. Koblenz, 18. November. (Havas.) Entsprechend dem Londoner Abkommen hat die Oberkommisfwn ungeordnet, daß mit Mitternacht auf den 17. d. «ber Betrieb der in den besetzte« Gebieten liegenden Eisenbahnen auf die gemäß dem Däwes-Plan gebildete deutsche Reichsbahugesellschast überzug-chen Hut. Essen, 16. November. Wolfs.) Die heute nachts erfolgte Uebergabe der Regiiebahneu an die deutsche Reichsbahn ist überall reibungslos und ohne Störung des Betriebes erfolgt. TWeffeii soll nusgellefett werden. Aus Preßburg wird gemeldet: In Angelegenheit des hier verhafteten Erzberger-Mörders T h Y l e f s e n hat die deutsche Negierung bereits ein Auslieferungsbegehren überreicht, in welchem die Auslieferung ThhlessenS aus folgenden Gründen verlangt wird: 1. Wegen des Verbrechens des Mordes, begangen am 26. August 1921 in Griesbach in Baden an dem Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger. 2. Wegen des Versuches des Mordes an dem Abgeordneten Karl Dietze, der bei dem Attentat auf Erzberger durch Revülverschüsse verwundet wurde. 3. Wegen des Verbrechens des Mordes, begangen an dem Abgeordneten Karl Franz Gar eis am 9. Juni 1921. Die deutsche Regierung kündigt die Entsendung eigener Beamten behufs Feststellung der Identität T h h l e s s e n s an, der sich hier Adolf W i f ch o f s k h nannte. Auch für den Fall, als Wischofsky nicht der gesuchte Thhlessen sein sollte, wird er nicht enthaftet werden, da auch ein österreichisches Auslieferungsbegehren wegen zweier D i e b st ä h l e, die Wischofsky in Gattendorf und in Nikisch beging, vorliegt. „gar" kyrlll kommt «ach Agram. Dem Agramer „Morgen" zufolge verlautet, daß in wenigen Wochen der Zavanwärter Cyrill seinen ständigen Wohnsitz von Frankreich nach Agram verlegen wird, wo in der Oberstadt bereits ein Palais für den Großfürsten Cyrill gekauft wurde. In Ag-ram gibt es seit vier Jahren ein russisch-zaristisches Konsulat, das von Amerika aus sliuauziert wird und auch aus dar Schweiz bedeutende Summen erhält, welche unter dem Titel von ^Unterstützungen zu Propagandazwecken" verwendet werden. Jugoslawien gehört zu den wenigen Staaten, welche die Sowjetrepublik noch nicht anerkannt haben, dies s-oll dem zitierten Blatte zufolge die Veranlassung sein, daß Großfürst Cyrill französischen Boden verläßt, um sich ständig i« Jugoslawien mederzulassen. Ein großer Teil der hier lebenden vussischrn Monarchisten steht übrigens, w'e bereits berichtet, auf dem Standpunkte. daß der rechtmäßige Anwärter aus de« russischen Zaronchron Großfürst Nik olaj NrkolajewltjH ist, Hans Herz! über feine Laufe. Der zum Katholizismus übergqgaugeus Sohn Theodor Herzls veröffentlicht in der Londoner katholichen Wochenschrift „llniverse" das nachstehende Bekenntnis: »st^ch komme aus einer Familie, in der die Religion an sich gebührend geachtet wurde, so wenig man sich auch mit ihr identitizierte. Soweit ich überhaupt eine Unterscheidung vornehmen kan«, so war bei meiner Matter Neigung für Religion Vorhanden, während mein Vater sich mchr dem in der Wiener jüdischen Schriftsteller- und Journalistenwelt verbreiteten Freidenkertum anpaßie. Meinen Schwestern und mir waren ein haar kurze» einfache. Gebete beigchvacht worden (ein Morgen-, Abend - und Tischgebet), welche wir deutsch «beteten. Auch erhielten wir Unterricht im Hebräischen, das für di»e Inden Pflichtfach in der Schule war. Unsere Erzieherinnen Ivaren ChvPinnen, Protestanten in allen Fällen, deren ich mich erinnere. Unser Vater lpslauzte uns ein Gefühl des Stolzes daraus ei«, daß Wir Inden waren, aber bei feiment Tode, bei dem «ich dveHshn Jahre alt war, sagte unsere Mutter zu mir, wie ich mich noch gut entsin nie, daß unser Water, als wir klein. waren, eine Zeitlang sich mit dem Gedanken getragen halbe, uns in der christlichen Kirche taufen zu lassen. Dicher Standhaukt liegt wohl vor der Zeit, da er den Gedanken der zionistischen Bewegung faßte, aber während mir nicht erinnerlich ist, solche Ansichten von ihm selbst gehört zu haben, enthält doch der Anfang seines Tagesbuches einen Satz, der geeignet ist. die Aussage meiner Muttier zu stützen. Sicher findet sich, rnif'ofcme Juden in Betracht ko-nrnren, keine ausdrückliche Verurteilung der Taufe in irgend einer seiner veröffentlichten Schriften, wie immer er auch privat darüber gedacht haben mochte. Bald nach seinem Tode schickten mich jene, deren Obhut ich audertraut worden war, nach England, wo ich nach jüdisch-religiösen Gebräuchen leiben, mich einer bestimmten Studienlanfbahn widmen und einen festen Beruf ergreifen sollte. Meine Angehörigen kamen nicht mit und bald darauf — ich zählte damals 17 Jahre — verlor ich meine Mutter. Maine Uöbersiodlung nach England halte ich nicht weise. Sie machte unserem Familienleben ein Ende, und ich fürchte sehr, sie hat meiner Mitter das Herz gebrochen. Ihre Wünsche nicht beachtet zu haben, lastet als' eine Schuld auf mir, und ich erhielt dafür meine Strafe; ich war unglücklich. Die eine Hälfte meiner Natur war stets im Widerstreit mit der Welt meiner Kindheit und die andere war bestrebt, sich den neuen Wogen und meiner it«tt Umgebung angupassen. Ein paar Jahve hindurch beobachtete ich äußerlich die hauptsächlichsten jüdischen Gebräuche, während ch alles, was ich an innerer Religion besaß, verlor. Von meinen weiter folgenden Jahren an einer englischen Schule und an der Universität will ich nicht reden; es war alles in allem ein wertloses Dasein. Der Krieg vollendete meine Entfremdung von meiner Familie. Dann begann ich allmählich, meinen Weg zum menschlichen Umgang mit der Mitwelt wieder zurückzutasten. Das KriegsfUäber und der Kriegswahnsinn ließen nach. Ich, der ich in Sachen der Religion so lange glsichgiMig gewesen war, begann, mich nach einem bestimmten Glauben umzusehen. In England hatte ich während des Krieges mehr in der Richtung der en glische n Nationalkirche bewegt. Ich beisuchte jetzt spiritistische Sitzungen rmd theosophische Vorträge und suchte Interesse an Büchern derartiger Tendenz zu gewinnen, aber ohne bleibende Wirkung. Dann begann ich im Hhdepark die im Freien ab^haltienLN Predigten von Catholie Evidenoe Gnild zu besuchen; das dürfte vor etwa drei Jahren gewesen sein. Diese Ansammlungen besuchte ich bald regelmäßig und stand manchmal stunden - Lang, um ihnen zu lauschen. Hier endlich waren Speise und Trank. Nur verband ich all das noch wicht mit mir selbst. Denn einmal fühlte ich mich unwürdig, Katholik zu sein, und dann war da das alte Prinzip, daß die von meinem Vater bestellten Beschützer und, wie ich vermute, während der letzten Jahve seines Löbens er selbst mir eingeflößt hatte: es sei unmännlich für einen Inden, sein Volk zu verlassen. In Wien, wo ich voriges Jahr mehrere Monate hindurch sine Stelle als englischer Körrefpondent in einer Bank bekleidete, kam ich mit einigen zum Christentum übergetretenen Jude» in Berührung. Ich war überrascht, sie mit stark jüdischem Bewußtsein, verbunden mit Treue und Ehrfurcht für das Christentum erfüllt zu seihen. Sir priesen meines Vaters Namen, und es war einer von diesen Herren, der zuerst den Gedanken ausspvach, auch ich sollte Christ werden. Damit begann die Hofinmng zu sprießen. lim jene Zeit hörte ich von einer Keinen Sekte guter, eifriger Christen sprechen, der Baptistmgemeinde in Wien, deren Leben int Geiste der Heiligen Schrift geführt war. Ich begann. ihre einfachen und schönen Gottesdienste zu besuchen, und vor allem machte ihr Prediger, Pastor Georg S a a r e, o'm geborn-er Estländer, einen tiefen Eindruck auf mich. Was ich damals brauchte, war eben die Heilige Schrift, und die Baptisten waren es, d-ie sie mir vermittelten. Wohl hatte ich inzwischen die Bekanntschaft zweier kathol i.s cher Priester Wmacht, /über ich hatte noch wicht erkannt, daß die Kirche als Hüterin des Waubens mit dent Glauben zugleich angenommen werden muß. Mein Verlangen nach der heiligen Taufe war so bezwinge ud, daß ich von Pa stör Saar« am 2 0. Juli getauft wurde. Mein? eigene, Absicht» die ich ihm mitte ilte, war, durch die Taufe in die große Gemeinschaft der Christen einzutreten, und das. konnte ich, Wie ich bereits empiand, in uirKveideutiger Weise nur dadurch tun, daß ich Katholik wurde. Ich kehrte nach England zurück und eröffnet« einer Verwandten und Freundin, was m Wien mit mir geschehen war. Obwohl selbst nichts Katholikin, meinte sie, daß alles auf die Notwendigkeit hinwies.ich sollte einer werden. Sie war es, die 0as Frauenwahlrecht In Ftalien. Rom, 17. November. Der Mmisterrat hat heute den Entwurf über die Reorganisierung der Armee 'in Beratung gezogen und den Minister des Innern ermächtigt, dem Parlament eimeit Entwurf über das Frauen- Wahlrecht in den Gemeinden und einen Enstvurs über Mutter- und Kinderschuh vorMegen. Beim Empfang einer Franena'bvvdwwng erklärte Mirtzisterpväsidmt Mussolini sich bereit, die Forderung nv.ch dem passiven Wahlrecht der Frauen in t Erwägung zu ziehest, lchnte aber eine Herabsetzung der mich mit Pater Day S. I. in Verbindung brachte, und daun nahm alles » seinen glatten Verlauf. Pater Day und ihr, die ich als meine zweiter Mutter betrachtete, verdanke ich mehr, als ich sagen kann. Am 19. Oktober wurde ich in der Kapelle Unserer Lieben Frau von Sion von dem Priester, der mich unterricht^ hatte, in die Kirche aufgenonnnen, wobei eine größere Anzahl jüdischer Konvertiten gegenwärtig war, die mich als Iviedergesundenen Bruder bowillkom-mten. Es war in ^derselben .Kay?lle, am Feste des Erzengels Raphael, daß ich meine erste heilige Kom- MMt-ion 'ampsmg. Möge der Erzengel, der dem Tobias sein Gesicht wiederyegeben, a n ch mick erleuchten und mich sicher auf meiner Bahn geleitci'. * Diefes Bekenntnis macht der Legendenbvldung, Wwlche nach dem Uebertritt des Sohnes Herzls einsetzte, ein Ende. Man sprach viel und tiefsinnig von der natürlichen. Feindschaft zwischen Vater und Schn, vcan herostratischen Kampf des Jungen gegen sein Schicksal, der Sohn und nur der Schn eines allzu großen Vaters zu ein, man drückte dem Geschehnis den Stempel ungeheurer Tragik aus. Wer das Bekenntnis kiest, wird sich mit der Deutung befvenudeu., welche diejenigen dem Ereignis gaben, die die Fanrilie Herzls und die Verhältnisse kannte^, welche im Hause Herzls herrschten. Frau und Kinder waren kleine, verzärtelte und seelisch krankhaft veranlagte Naturen, toelche im weichlichen, an äußeren Behaglichkeiten reichen, an inneren Werten ganz armen Milieu der Wiener Assimilanionsjude^r wurzelten. Das Wirken des großen Gatten und Vaters farrb da kein Verständnis, nur beschränkten Groll darüber, daß die Behaglichkeit, der Reichtum und die. alten g.selli-gen Beziehungen neben diesem Wirken nicht' bestehen konnten. Die Gattin weiß den Kindern nur zu berichten, daß sie alle darunter leiden. Aus den Zeilen, die Hans Herst hier nie» verschreibt, schreit kein Empörer. Ein zahmer Konfirmand schreibt gehorsam und mechanisch salbungsvolle Sprüchlein nach dem Diktat des Beichtvaters und der Ta:üe nieder. Mszwge aus einem Erbauungsbüchlein. Kein Kampf gegen den großen jüdischen Vater. Er versteckt sich hinter der Mutter und unternimmt es, in schwächlicher, gewun- .dener Art, dem Vater einen Teil der Verantwortung zuznschieben. Aber auch hier nur ein schwacher, halber Versuch, der ulicht zur Anklage emporwächst. Das jüdische Volk hat au dem Schreiber dieses Bekenntnisses nichts verloreir. Es wird das Unbehagen, welches die Taufe eines Herzl auslosen mußte, bald überwunden haben. Hans Herzl wird aus dem jüdischen Gedächtnis bald und gründlich verschwiwden, voraus gefetzt, daß ihn die katholische Ki>rche nicht für irgend einen ihrer Zwecke, etwa gegen das Judentum und gegen den Zionismus, wird ausnützen wollen. Ausgeschlossen erscheint das nicht, aber auch dieser Gedanke hat. nichts an sich, was uns Juden schrecken könnte. Das zeug ist zu schwach. Hans Herzil wind daun wieder Sprüchlein hersagen, die ihm der Beichtvater eingeprägt hat. Alrhr nicht. st. „Doar Hajom" vov Gevicht. Jerusalem, 17. November. (I. T.^A.) Aus Grund des Berichtes des britischen Polizeirichtevs' hat die Negierung beschlossen, den Redakteur der hebräischen Zeitung »D o a r Hajom" wegen des am 29. August derösfentlitchen Artikels, tot welchem in bezug auf Hans Herzls Taufe eine blasphemische Bemerkung enthalten gewesen sein soll, vor Gericht zu laden. Die Gerichtsverchandlu>ug wird am 25. November stattfmden. Schon im Oktober hatten der Patriarch Mgr. Barlass t n a sowie die Palä st i n ensi s ch - A r a b i s ch e Exekutive die Einleitung eines Gerichtsverfahrens gefordert. Inzwischen hat die Zeitung erklärt, daß sie nicht die Absicht hatte, die Gefühle der Christen zu verletzen. Die Regierung erachtete diese Erklärung als gerrügenÄ, und es wurde angMndigt, daß keine gerichtlichen Schritte gegen die-„Doar Hajcm" uuternonnnen würden. Mgr. Barlassvna hat daun in der katholischen Presse der ganzen Welt ein Schreiben veröffentlicht, in welchem er die Katholiken auissordert, gegen „Doar Hajour^ zu protestieren und in allen^ Kirchen Gottesdienste auguhalten, um die „infame Herabsetzung des christlichen H ilands zu sühnen". Dr. Weizmann nahm am 10. Oktober in seiner Anfpvache an die Vertreter der auLtwärtigen Presse in Jerusalem Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß die, wenn auch scherzhaft gedachte Bemerkrmg des helb-räischen Blattes die Mißbilligung der Zionisten gefunden hak. Es Ivar in der Tat bloß die Entgleisuiug eines unverantwortlichen Journalisten, die sciwohl die palästiuenisische Judenheit als auch die verantwortlichen Inhaber der Zeitiurg selbst beldauern. AltersgreM unter 25 Jahre ab. Durch >das Gesetz dürften ungefähr drei Millionen Fraue-n daä Wahlwcht erhallten. Mit Kugeln und Bomben. Rom, 17. November. In einem Dorfe bei Pisa kam ein Lastautomobil mit mehreren Faszisten an, die bei ihrem Nussteigen sofort einen Feuerkämpf begannen. Hierbei wurden eine Person getötet und vier verwundet. In Livorno wurde eine Freimaurerloge durch eine Bombe, die an der CingangÄür zur Explosion Aebracht worden war, beschädigt.