Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-11-18 · Heft 2065 (18.11.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2065 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2981148--21117-3008394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SM 2 Wien, Dienstag Der Grund für die so dick anfgetragene Freundschaft für die armen, vom jüdischen Weltherrschaflsgedanken gefährdeten Araber ist einfach der, sie abzulenken. Wären nicht die Juden als Gegenstand der Denunziation' zugegen, so würde ein anderer gefunden werden. Vor nicht gar so langer Zeit übten die Ar-' menier, ein christliches aber ketzerisches Volk, diese passihe Nolle. Bei den Juden trifft es sich noch viel besser. Antisemitismus und politische Opportunität reichen einander die Hand. Es ist deshalb notwendig, hervorzuhcben, daß der Bericht der Mandatskommission sich auch an die jüdischen Massen wendet, und sic zur Aufmerksarnkeit und zur Arbeit ermahnt. In diesem Bericht tritt die jüdische Leistung sehr stark an den Tag und findet ihre Politische Wüdigung. Das ist ein schönes Ergebnis siebenjähriger, blutiger Mühen. Aber die Bedeutung der zionistischen Arbeit an der Aufrichtung des jüdischen Heims, am Frieden und an der Kultur muß noch weit größer werden, und sie wird es werden, wenn das jüdische Volk seine Pflichten und seine Feinde im schärfsten Licht vor sich sieht. Die Mdatzester Bombeniverser. Bor dem Beginn des Marsfy-ProzesseS. Budapest, 17. November. Zwei Jahre find seit dem furchtbaren BmnbenansHlag auf den El isab ethstädter Klub, bei dem acht Juden ihr Loben ein-büßten und 23 Personen, Mchsalls zumeist Juden, schwere Verletzungen davorrtrugen, verstrichen und zwei Jahre laug nannte man in Budapest ganz laut die Namen der Mörder. Zahllos sind die Courmuniques, die die Budaposter Polizei während dieser zwei Jahre gegen diese „falschen Gerüchte" über Weisung der Regierung herausge'ben mußte. Durch diese Haltung der Polizei und der ungarischen Justiz ermuntert, schritten die Bombeniverser der Erwachenden Ungarn" zur Durchführung der übrigen Attentate. Erst als M a r f f y und Genossen sich auch an auswärtige diplomatische Missionen heranwagten, zwangen diese di« ungarische Regierung, die Verbrecher aus die Anklagebank zu bringen. Die R a ff e n s ch ützl e r haben in den letzten Wochen alle Mittel angcwendet, um den Gang der Verhandlung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Vor allem haben sie einen Mitschuldigen, den Franz K i s, ins Ausland verschwinden lassen und den gefährlichsten Komplizen, den Johann Kasnyik, weil er als geschwätzig bekannt war, einfach in die Donau geworfen. Er wurde am 30. April 1922 als Leiche aus dem Wasser gefischt. Die ungarische öffentliche Meinung stcht noch so stark unter dem Eindruck des Schandurteils in der Szoilnoker Bonvbeuaffäre und anderer parteiischer Urteile der letzten Wochen, daß sie wenig Glauben für einen unparteiischen Verlauf und Abschluß dieses Monsterprozesses aufbringt. Angellagt sind nenn Personen, die sämtliche der Franzstädter Filiale der Erwachenden angch'orten. Es sind der 24jährige Bankbeamte Joses Marfsy, der 21jährige Gerichtsschreiber Josef Szas z, der 24jährige Drogist Kavl M a r o s i, der 17 jährige Drog'Jenlchvling und Finanzwachaufseher (!) Jcsef R ado, die wegen achtfachen Mordes und 23sachcn Mordoersuches angsblagt sindferner der 23jährige Fabriksbeamte Josef Horvath-Halas, der 23jährige Privatbeamte Franz Barg ha, der 29jährige Privatbeamte Franz Kis (ins Ausland entkommen), die 17jährigen Arbeilslosen Josef Sallo und Theodor Peter, die wegen Vetbindung und Ausführung von Mordplänen angeklagt werden. Die besonders imriminierten Verbrechen sind: Das Höllenmaschinenattentat aus den Elilsabethstädter Klub am 2. April 1922; der Bombenanschlag ans das Gerichtsgebäude in der Ko- Harhgasse am 22. August 1922; die Bombe in der Wohnung des Mg. Rassay am 20. Februar 1923: die Abfeiidung einer Handgranate in die Redaktion deS »Az G"; der Anschlag auf die tschechische Gesandtschaft im Oktober 1923; der Anschlag auf die französische Gesandtschaft am 16. November 1923; der Atteutatsplan gegen den orthodoxen Tempel in Neupeft am 24. November 1923. Wie „A Neggel" mitieilt, haben die Behörden umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um Ruhestörungen während des Prozesses zu verhindern. Jeder Zwischenruf aus dem Zuhörerraum soll mit der sofortigen Verhaftung des Zwlschenrufers beantwortet werden. Sollten die Angeklagten bei ihrem Verhör eine herausfordernde Haltung ein nehmen, so weiben die strengsten Ordnungsstrafen gegen sie in Anwendung gebracht werden. Lar erfundene Aitentat aus Hortljy. Budapest, 17. November. Me die 53 öfter melden, sind die Detektivs, die die Budapester Polizei nach Oesterreich geschickt hat, um die von dem Kommunisten K e rt e s z, der gegen den R e i ch s v e r w e s e r e i n Attentat plante, gemachten Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen, wieder hier eingetvossen. Die Detektivs, die, von der .Grazer P o l i z e i unterstützt, Echeöunge« pflogen, berichten^ daß die Angaben des Kertesz zum größten Teil glatt erfunden und insbesondere seine Angaben über die Vorbereitungen des Attentats nicht stichhältig seien! (Und mit solchem für daZ Ausland erfundenen Attentatäschwindel müssen sich die österreichischen Behörden befassen! Tie Ne).). Wiener Mor<,en,eltunn._18. November IM Nr. 808» Sei Völkerbund und das jüdische Palästina Ler Bericht der Mandatskommission. Genf, 18. November. Der I. T. A.-V-ertreter Um Genf hat Gelegenheit gehabt, in den Bericht der ständigen M a u d a t s k o m m i s s i o n des Völkerbundes -über das pa!ästi«-eusische Mandat Einblick zu nehnren. Der Bericht, der -laut Dorschvi-ft an den Völke-rbundsrat geleitet wird, faßt die Ergebwisse der sechs Sitzungen der Mandatskommission zusammen, die am 28., 29. und 30. Oktober in Geus iim Beisein des -britischen Repräsentanten, Sir Herbert S a m u e-l, abgchci-lten worden sind und der Erörterung des schriftlichen Berichtes der britische« Regierung vom Juni d. I. gelwidmet Ware«. Der Bericht betom-t in der Einleitung: Während alle anderen Mandate nur bezwecken, die allgemeinen Prinzipien -des Artikels 22 des Völkerbundstatuts zu verwirklichen, ist da.s palöstinenisische Mandat komplizierterer Natur. Aus der Einleitung des Man-datSvertrageS sowie aus mehreren Abschnitten geht klar hervor, daß der Völkerbund über die Bestimmungen des Artikels 22 hinaus auch die Erichtung eines Jüdischen Ration alheimS wt Palästina durchgeführt zu sehen wünscht. Laut dem Grundprinzip des Artikels 22 des Vertrages ist die oberste Pflicht des Ma-ndatars die, die Entwicklung deS MandatStevvito-viums durch eine Verwaltung zu sichern, die den Interessen der Einwohner entspricht. Darüber hinaus wird in den Bestinnnungen der Deklaration vom 8. November 1917 der Mandatar in Palästina angewliesen. „die Errichtung eines Jüdischen Nationalhoims im Palästina zu fördern, vorausgesetzt, daß nichts geschieht, -was die bürgerlichen und religiösen Recht« der uichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Zustand d e r I u d e n m einem anderen Lande beeinträchtigen könnte." Die Kommission lenkt die besondere Ausmercksamkeit des Rates auf die Hauptfrage, welche die ganze gegenwärtige Lage in Palästina zu beherrschen scheint: Die Kommission hat davon Kenntnis genommen, daß in den letzten Jahren om beträchtliches Zuströmen Mischer Immigranten nach Palästina stattgefnndeu hat. Dieser, hauptsächlich aus dem östlichen Europa kommende Jmmigrantenstrom gibt Palästina eine neue BevölkevumgSschicht, die trotz großen Eifers und ihres Wunsches, an dem Wiederaufbau des Indischen Nationalheims mitzuwirken, weder die technische Uebung, «och die Tradition hat, um sich der landwirtschaMchen Arbeit, deren Palästina am meisten bedarf, zu widmen. Laut Artikel 6 des Mandats soll die palästinensische Administration die jüdische Immigration unter angemessenen Bedingungen erleichtern und eine dichte Ansiedlung der Juden aus dem Lande, einschüiießlich der für öffentliche Zwecke nicht erforderlichen Slaatsländereien, fördern. Diese Bestimmung macht es der palästinensischen Administration zur Wicht, die jüdische Immigration nach Palästina sowohl zu fördern als auch zu regeln. Die Kommission ist glücklich, den van dem Mandatar zur Verwirklichung des in diesem Artikel zugrundegeleg!«n Prinzips gemachten Anstrengungen di« Anerkennung auszudrücken. Sie ist jedoch verpflichtet, darauf hinzu weisen, -daß die Jmmiigrationspotttik des Mandatars zu einer akuten Auseinandersetzung geführt hat, indem die Zionisten mit dieser Politik nicht ganz zufrieden sind. Die Zionisten betrachten die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina als die erste Pflicht des Mandatars und offenbare« daher eine gewisse Ungeduld angesichts, der zuweilen der Immigration und der Landbewilligung im Wege sichenden Schwierigkeiten. Andererseits lehnt di« arabische Mehrheit im Lande die JmmigvaticnApölitik der Mandatarmacht ab und' weigert sich, den Gedanken eines Jüdischen Nat'onal-he-ims anzu nehme«. Angesichts der der Palästinensischen Administration zweifach auserlegten Pflicht wünscht die Kommission, ihrer Anerkennung über die Gründlichkeit, treffsichere Klugheit und den G e r e ch t ig k e i t s w ill e n. mit denen die Administration ihrer Pflicht nachkommt, öffentlich Ausdruck zu geben. Ter W'de "streit der Interessen, der die Zionisten und die Mehrheit des arabischen Elements in der Frage der Jmmiaratie« unvermeidlich in einen Konflikt bringen muß, ist auch im Zusammen Hang mit einer Anzahl anderer Kundgebungen bemerkenswert. Was die Erziehung zum Beispiel anbetrifft, so beklage« sich die, Juden. daß der Mandatar den Arabern finanzielle Unterstützung gibt, die ihnen als ««gewöhnlich groß erscheint. In der Frage der öffentlichen Arbeite« beklagt sich hinwiederum das arabische Element, daß die Juden eine Bevorzugung genießen, selbst wen« diese Bevorzugung nicht von der AÄminlstratio«, sonder« vc« der Zionistischen Organisation ausgeht, welche ö ff entlicheArbeitenause-lgen« Rechnung ausführt. Wenn die Frage der Errichtung einer beratenden oder gesetzgebenden Körperschaft erhoben wird, lehnen die Araber ihre Unterstützung ab. wen« ihnen nicht eine ihrer numerischen Kraft entsprechende Repräsentation zugssichert wird. Die Administration kann jedoch infolge der Mandats« bedingungen nicht eine Mehrheit zulassen, die gegen die Er, richtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina zu opponieren entschlossen ist. Die Kommission ist erfreut, berichten zu können, daß -infolge der Unparteilichkeit und Klughelt der Administration, insbesondere des OberkommissärS, die Scharfe dieser widerstreitenden Jnteresien gelindert worden, ist. Die Kommission hat den von dem bevollmächtigte« Repräsentanten im Namen der Palästinaadministration erstatteten Bericht mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, laut welchem di« Administration die Pläne gewisser zionistischer Extremisten, die die Araber in Palästina durch die Juden verdrängen wollen, ver« -wirft. Die Deklaration, welche die von der britischen Regierung in ihrer Korrespondenz mit der Zionistischen Organisation (Weißbuch) auKgedrückten Ansichten enbhält und die von der Zionistischen Organisation am 18. Juni 1922 angenommen wurde, sollte nach Meinung der Kommission die den Frieden des Landes gefährdende U n - ufriedenheit lindern. Die Kommission nimmt mit Befriedigung davon Kenntnis, daß es im allgemeinen möglich gewesen ist, di« bevollmächtigten Repräsentanten der arabischen Bevölkerung mit der lokale« Administration zu verbinden. Die Kommission hofft aufrichtig, daß des Oberkoimmisiävs Anstrengungen im Interesse der friedlichen Entwicklung des Landes ln kurzer Zeit von Erfolg gekrönt sein werden. - £n« Kommission wünscht «ine ausführlichere Information über die Verwaltung TranSjordanienS zu erhalte«. Denn obgleich nicht alle Artikel des pvllästinenfischen Mandats aus TranHovdanien anwendbar sind, steht eS immerhin unter britischem Mandat. Ferner wünscht die Kommission eine ausführliche Information bezüglich der Emigration und Immigration sowie eine Klassifizierung der Immigranten nach Rasse und Beschäftigung sowie ÜrsPvungSort. Die Kommission nahm mit Befriedigung von den Erklärungen des bevollmächtigten Repräsentanten Kenntnis, daß er eine ArbeitsgesetzgebUtNg für Palästina evwäge. Amery zu« Balfour-Deklaration. London, 17. November. (I. T. A.) Herr A merh, der KolonieuminPer im Kabinett Baldw'm, hat am Abend deS S. d. <ht Verbindung mit dem am 2. d. zum siebenten Male sich jähreuden Tag der Baiffour-TeMaration eine Kundgebung an die in Manchester tagende Versammlung zur Feier der Balfour-Teklaration gesaM. Die Kundgebung lautet: ,^Fn den Jahren, die feit der BerSffenMHung der Balfour-Deklaration verflossen sind, wurden groß« SchwieriiMten überwunden, und in ihnen wurde der Grundstein zu Ihrer Bewegung der Tat gelegt. Sie haben allen Grund, einer Zukunft be st ändigenund sicheren Fortschritts entgegenzusehen." Ormsby Gove — NnterstaatssekretLr für die Kolonien. (Eigendianst ^der „Wiener Morgenzoitung".) London, 17. November. Major William Georg« Artur Ormsbh-Gore. -der sich gegenwärng i« Ostafricka befindet, hat dem Pvemierminilster Baldwin telegraphisch mitgeteilt, daß er das ihm angebotene Amt eines Unterstaatssekretärs für das Koloniala m t annimmt. Herr OrmHbh-Gore, der ältest« Sohn und Erbe Bord HalechS, war schon in der letzten konservativen Regierung unter B a l d w i n UntevstaalSsekretär für die Kolonien. In dieser Stellung hat er sich im Parlament als energischer Anhänger der durch die Balfour-Erklävung bestimmten Mandatspolitik erwiesen. Er gilt oft eine Autorität in den Fragen Palästinas und.-der arabischen HaDbinssl. Schon im Jahre 1918 war er politischer Assistent der Militärmacht in Palästina. 1919 war er Mitglied der britischen Te-leoati-on für die Friedenskonferenz, Sektion mittlerer Osten. Cr war auch -der offizielle britische Repräsentant bei der ständigen Mandatskommission des BöMrbundes. Eine Knndnebung ehemaliger jüdischer Legionäre in Jerusalem. Jerusalem, 17. November. (I. T. A.) 15 0 j ü d i s ch t Exlegiön äre versammelten sich am 11. d. aus Anlaß des Jahrestages des W a f f e n st i l l-st and e s im Mittelpunkt der Stadt uwd marschierten von dort zu den Gräbern der während des Krieges i« Palästina gefallenen Soldaten. Sir Gilbert E-l a y t o n, üntevstaatssekr-etär -der Paläst:>naregievung, hielt ein« Ansprache. Di? Führer der Prozession legten im Namen der Exlegionäre sowie im Namen der jüdischen Gemeinschaft Kränze aus die Gräber nieder. Herr B e n Z w i hielt eine Ansprache n>nd führte aus, d t e Errichtung des Jüdischen NationalheimA war das Ziel, für das jene Gefallenen ihr Leben hingegebev haben. Der Zug marschiert« dann WM Regierungsgebäude» wo die Exlegionäre bewirtet wurden. Oberkonrmissär S i r Herbert Samuel hielt eine Anspra-che. i« der er erklärte, daß der Sieg der Alliierten die Errichtung des Jüdischen Nationalheims möglich machte; diejenigen, die dafür gekämpft tzaben^ WnM sich Mälich schätzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.