Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2063 (15.11.1924)
- Date
- 1924-11-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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v Seite 6 Mm, Samstag Wie ich zu meiner Frau gekommen bin. Von Friedrich Karinthy. Ich war mir Echt «ganz Mat, oh ich sie kannte, ich hielt es «Her für möglich, -daß Mir einander schon e'umal begegnet Maren. Kaum 4var ich vor der Tür des Kaffeehauses, lächelte sie nur schon von weitem zu — ein trauriges Lächeln schwebt« auf ihren Lippen —, sie ka-m geradewegs auf mich zu und streckte mir beide Hand? eittg-ogen. ,^Ich Marte schon eine Stunde auf Sic", sprach sie mit» und ein wenig traurig, „wundern S'e sich nicht, mich hier antzutreffen. Ich hielt es für meine Wicht, Sie auszuisiuchen und Ihnen d^e Wahrheit zu sagen; wie sehr es mich auch schmerzt, offen mb ehrlich will ich doch se'n. Ich kann nichts dasür, lieber Freund, iwnd ich bitte Sie, Tuchen Sie mir nicht — ich habe mich in Swatosch 2 verliebt." „So?" stammelte ich und zerbrach mir den Kopf, mit wem ich denn das Vergnügen hätte. ,^Fch fotfce lange mit mir gekämpft", frchr sie fort, „ffc ich es Ihnen sagen soll, dann aber beschieß ich, Sie nicht zu betrüg». das verdienen Sie nicht . . .' nein, min, das denn doch nicht ... so werden Mir es beide leichter ertragen. Mt dem Herzen laßt sich nicht zanken, und. ich kann nichts dafür, daß ich mich m Swatosch 2 verliebt habe." Ich muH ein sehr dummes Gesicht gemacht haben; denn es fiel mär noch immer Echt ein, woher ich diese Frau kannte. „1dm Himmels Millen", sagte sie ern wenig erbleichend. „nm Himmels willen, Freund, feien Sie 'stark. Ich bin deshalb gekommen, um es .Fönen zu erklären «und mn Sie zu trö-fton: glauben Sie mir... glaube mir, Ludwig, dn wirst es überleben und du wirst mich vergessen ... es wird schon eine kommen, ein reines Mädchen mit blauen dlugen... das dich deine una>''"Lücke Liebe vergessen lassen wird, und dein Herz wird sich au's neue erschließen . . . o, glaube mir, Ludwig, glaube mir, du wirst, glücklich werden, und es wird dir diese bo'e, schlimme Frau gar n-icht mähr in den Sinn kommen, die dir das Herz gebrochen hat, ohne es zu wollen, weil sie doch nichts dafür gekonnt hat, daß sie sich in Swatosch 2 -verliebte." Sie nabm meine Hand und streichelte sie erariffen. ,/Wer ist dieser 'Swatosch 2?" brach es zor'ttg <n's Mir hervor, in der Hoffnung, daß ich auf diese Weife denn doch erfahren wurde, wer di^e Frau. ist. Sie schlug die Augen nieder. „Nur keine Aufregung!" sagte sie.. „Ludwig, um Himmels willen, Ruhe, Swatosch 2 ist dw Flügelstüvnrer der Amateure." Zum Teufel, ich habe doch m. tun. Ich werde mit ihr nicht debattieren, mag sie recht bellten. „Wenn «du dich also in ihn vevlieA -hast, werde Dicklich mit ihm", sagte ich, mich entrüstet stellend lebe weh'!" Ich Ließ sie flehen. Ich horte noch, daß sie mir erschrocken und ausigevegt nachrief, aber ich drehte mich nicht um. - * - Am nächsten Tage erhielt ich ei ran Brief: „Armer, armer Freund, ich babe die ganze Nacht nicht geschlafen, ich bin Der nethalben schrecklich besorgt, daß Tn Dir noch etwas antust: es war furchtbar, wie Du wich letzhin auf der Straße stehen ließest. Ich kann es nicht auf mein Gewissen nebmeu, daß Du D'ch meinethalben zugrunde richtest, ich will, daß Du -Dich in Dein Schicksal hinein findest und verstehst, daß wir trotzdem Fremde bleiben, lieb miteinander sprechen und uns gegenseitig trösten können. Was soll ich tun, Ludwig, was soll ich tun? Kann ich ge^en ein Gefühl ankatnivferi, mit welchem zu kämpfen nicht in me'ner Macht lie^t; kann ich dagegen ankämpfen, daß ich mich m Swato'ch 2 verliebt habe? Armer, armer Freimd, beruhige Dich, sei stark und vergiß Dem« unglückliche klein« Mary." Zuerst ärgerte ich mich darüber, daß ich nnch mmt nicht wußte, wer -meine kleine Mary Nt. dann zuckte ich mit den Achseln. Ich hatte $u tum, uachimahlte zu Lau.'e. . las die Tagesblätter, ein Glas gespritzten Wein nippend. Plötzlich entzieht mir eine weibliche Hand sachte das Mas. Ich droht« mich um — sie war es. Sie war zur geöffneten Tür hereingekommen. Sie sah mich traurig', vorwurfsvoll an. „Armer Freiend", flüsterte , sie mit Tranen in den Arrgen. ,/du trinkst auch schon?" Sie tmnk rasch meinen Wein aus und setzte sich zu mir. „Ich kann es nicht zugeben, daß du meinetwegen verkommst. Ich werde auf dich achweben", lispelte sie le-ife. „Ich bleibe 'bei dir, bis ich sehe, daß du von deinem schrecklichen Plan abgelassen hast, dir ein Leid zuzufwen." Erschrocken versichert ich rbr, daß ich von d'esein P^an schon abgelassen hätte. Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln -den Kopf. „Ich'weiß, du möchtest gerne stark erscheinen. Aber ich kenne dich ... Ich gehe nicht eher fort. Haft du noch etwas zum Nachtnnchl?" Nach dem Nachtmahl machte sie es sich bequem und legte sich auf die Ottomane. , „Ja. Ich bleibe hier bei dir. Ich werde dich tröstrir. Ich gehe nicht eher fort, bis du dich nickt in das Unabänderliche gefügt 'hast . . . armer Freund. . Nach drei Monaten fand ich, daß es besser sei, sie zur Frau zu nehmen. Es ist vor allem bequemer. . „Ich nehme dich", sagte sie einfach. „Ich nehme dich, weil ich dich deines edlen, mäunttchen Kummers, wegen deiner ausdauernden unglücklichen Liebe schütze. Ich Wiener Morftenzestung. 15. November 1924 < Nr. J06j3 wm* Nn Hilfernf der rioMifch-sorkalMschrn Parte.. ' Däs Zeutrattonritee der zionist!sch-soziali sti lcke n Pavtc-i in Rußland hat folKndeir Appell aü die jüdischen Arbeitenden.in der ganzen Welt erlassen: Ucberall, in allen Dinkeln der Welt, 4vo es jüdische Arbcitevmassen gibt, lebt der Gedanke und der Wille nach einem großen und erhabenen Ziele: der Organisierung des Weltj uden tN'Ms auf d e m o k r a tische n Ar b e i t §- grün dlage n mit ernenn' Adbeit'szenttu-m in PaMina. Die LchasfttvgsrnerM der.jüdischen Arbeitenden ist auch -in Mieruß^nd nicht abgestorben. Der imperialistische Krie-g u-n>d der Bürgerkrieg, die Blockade, die ökoipmische Politik in der Epoche des militärischen K-om-mnuismus, die verschiedenen Mängel -der jetzigen okordomrschen Politik der Rätomacht, di-e besonders für die jüdische Arbeiisbcvölleru-ng 'schnwrzlich sind — das alles fbchrt die jüdischen Massen Räteruß-lands zu aiper voWommenen! Verarmung, und Dcgenerierurig. Arbcitslosiaikeit. Konkurrenz, untragbare Steuern ustv. drücken mit schwerem Jcch ainf die jüdischen Arbeits- Massen. Biel schlimmer aber ist - die p o l it i sch « La g e der Juden in Rrrßland. Die Rätemacht hat sie vor Pogromen bewahrt, hat aber der jüdischen Arbeitsbevölkeru.na keine Rechte aegsbon, keine Möglichkeit für einen organisierten nationalen Aufbau. Das jüdische 'Leben leiten von oben bcstinmtte Affimklanten, unverantwortliche Bur-eau'kmten, die sich rrur auf die Faust der russischen kommunistischen Partei : stützen. Die Idee der Arbertcvmacht wird verkrüppelt und in den Schmutz gezerrt durch die schändliche Terrorunü Gewaltpolitik. Die finsteren Verbrechen des ZariSm-us sind bestehen geblieben und verderben in der 'Wurzel das neue wachsende revolutionäre Rußland. Verachtung der menschlichen Persönlichkeit und admin-^trat've Willkür öerrscken über alles Ideelle. '> . Man. setzt Leute ins Gefängnis, man verschickt sie in .die iveitesten und wildesten Orte Rußlands nur deshalb, weil si§ den Mut haben, selbständig zu denken und in Uebereinstvnnniung mit 'ihren llöberzeri-gun-gen und ihrem Gewissen zu handeln. Schwer, ungeheuer schwer ist der Kaudpf. Auf einer Seite dir .zermünböen - Kräfte der jüdiscken Arbeitenden, ' die sich nm ihre Partei' gruppieren, auf der anderen der kolossale Apparat des G. P. U. (früher TschM).- Es ist' nicht einmal K» schätzen, wieviele mutige Kämpfer de-ll Reihen der jüdischen Arsbeitendsn entrissen worden sind., Hlluderte unserer genossen , und unparteiischen Arbeit-* sitzen monatelang in den Gefängnissen ohne jede Gerichtsverhandlung. lieberall und besonders in -den Pvopinzgefäingnissen rächt mm\ sich an ihnen in der gvaissaimstey Weise. Das emsige Mittel unserer verhafteten Genossen rm Kämpfe für ihre Ehre ist 'der Hungerstreik, der bjs zu acht bis zwölf Tage idauert. Ohne Ger;chts-veEaM.u-ng. einfach auf dem' Wege der adnttnistra-tiven Willkür, wird die große Mehrheit der Verhafteten in die, weitesten und verborgensten Winkel Ru-ßlands verschickt. Man wird uns aber nickt Abschrecken. Wir. werden ,-ittü nicht ergeben, niemals wird man uns ersticken können, Jwiil Tag für Tag in unsere Reihen neue junge Kräfte treten. Es wächst eine mächtige Jugendbewegung, di« jüdischon Arbeitenden organisieren-sich.. Wir dürfen aber nicht zulassen, daß die Verbannten und V-evha-fteten infolge von Kranlkheit und Not in den wildesten Ecken Rußlands und in den Konzentrationslagern zngrundegehen. Wir düren nicht zulassen, daß die Frauen und. K i n. der unserer Gbnosseu und die anderen Opfer der Willkür der Tscheka, die" .in -den Gesiingniss-en schnmchten und für die Befreiung der Mischen Arbeitenden leiden, vor Hunger sterben. Die russische Iudenheit ist fetzt ökoue>rn>i-sch Mlniert -u-nd nicht in der Lage, auch weiter Hilfe zu getvä-hren. Die jüdischen Arbettenden, die aiußerha-lh -der Grenzen Rät-erußlands w-chnen, dürfen nicht g'-e-ichZültig bleiben beim - Befreiungskampf der iüdischcn Arbebcndcuin .Rußland, bei ihrem Bestreben, /sich zum Kauipfe derganzen allwoMchen jüdischen Arbeiterklasse zu vereinigen. Ke-in ehrlicher n-nd stGsibewußter Mensch kann gleichgültig bleiben bei den Leiden, die alle diejeni-ieu erdulden, die für di« Befreiung der Arbeitenden in Rußland iänchfen. - Die Odessaer Häuptsvnagoqe von den Behörden geschlossen. Riga, 5. November. (I. T. A.) Laut.einer hier eingeiroffenen Nachricht -ist die Hauptsyna^oge in Odessa von den Behörden, geschlossen worden. Für diese Maßnahme lvaren Politische Gründe nraßgebend. , sind Dr, Horfbauep» Entr«t3ungstabletten von bester Wirkung, angenehmem Qeschmack, vollständig un«chSdlich. Die Tabletten stellen eine schlanke, graziöse Figur her, ohne Dlätzvvang oder Aenderung der Lebensweise, prdmpte Oewichtsabnahmen Keine SebüddrUse! Kein Abführmittel! Depot: Apothfek« „zum rötnlechen Kaiser“ V. Wien, |. Wollselle lir. 13 703 J nohme dich, mrd wenn ich dich auch nicht lieben Aann, werde ich dich achten wie meinen arsr'cht'gst.'-n Freund." Nach unserem vierten Kinde fragte ich sie einmal vorsichtig: t . „Höre, mein süßes Leben, ich kann es^wirkl'ch nicht mit ansehen, daß du so neben mir verblühst; ich habe das Gefühl, daß ich jetzt, meinen Schmer; schon ertragen ilönnte. Ich mochte dich also bloß fragen: Weiß dieser Swatosch 2, daß du in ihn toerlteit bist?" ,?Was denkst du", rief sie entrüstet.. „Für toeu ihältst du mich? Er hat nie von mir gehört, und et wird auch nie erfahren, daß ich ihn liebe!" Wenn ich nur wenigstens wüßte, woher ich nveine - Frau kenne! (U-ebertragen von Maurus M e z e i.) Wiedererrichtung der Aaron Hirsch-Schulen, Durch die polnische Regierung^ * Aus Warschau melde kJ. T. A.: Inr polnischen Unierrichtsminister-ium fand dieser Tage eine Sitzung des Kuratoriums des Baron H ir-sch-Schulfo-nds statt. Beka-nntlich hat Baron Hirsch diesen Fonds für Erhaltung jüdischer Schulen in Galizien und der Bukowina gestiftet. Das Kuratorium hatte bis jetzt seinen Sitz in Wien. Nach einer Debatte, an der sich der Direktor des Kultusdepartenreuts Dr. P i e k a r s k h und der gewesone Uvtervichtsminister Dr. Civiklinsky beteiligten, wurde beschlossen, die Tätigkeit des Fonds wieder ' auszu-nehmen, das Vermögen von Wien nach Warschau zu überführen, den früheren Beschluß über den Verkauf der Schulgebäude zu amrullieven und die verwüsteten Gebärrde wieder aufzubauen; ferner mit der, rumänischen Regierung wegen ihres Anteils am Fonds' (da die Bukowiu-.;- - V-. w Rumänien gehört) in Unterhandlungen zu treten. - - Es wurde eine Sonderkommission eingesetzt, welcher die Herren Stanislaw N a t a n s o h n (Marschau), Doktor ° Raphael Landau (Krakau), Dr. Emil P a r n e s (Lemberg) und Dr. Ascher (Wien) angehören. Die jüdische Presse bemängelt es, daß sich das' Kura, tovium aus Assiimilanten zusammensetzt und daß die offizielle Vertretung der poetischen Iudenheit, . die De-ptttievton und Senatoren, nicht zugezogen wurden- Zer ßungerflrelk der Nurwaoderer. In den Baracken von Cherbourg. Wir haben am 5. d. eine Hovas-Meldung besprochen, derzufolge eine russische Auswanderertruppe in Cherbourg in den Huvgerstreik getreten war, da sich niemand ihrer annahm. Die Vermuttmg, daß diese Russen Juden seien, lag nahe.'Wir hoben sie aber nicht ausgesprochen, well das Elend der Auswanderer eine internationale Krankheit ist. Wir haben in Paris an zuständiger Stelle Erkundigungen eingezogcn, und die uns zugehende Auskunft lautet: , Die'fKanzösische Rcgietüng.hat .a'üf eine Meldung' des Häsenkommissars von Cherbourg m Angelegenheit der Lll5 russischen Juden eingegriffcn. Sie hat angcordnet. daß die Schiffahrtsgesellschaft den Auswanderern sofort die für die lleberfahrt nach New-N0rk bereits) erlegten Eelder -stlrüclzuersiatten hat. Die- Eniigranten befinden sich in den- Baracken der Schiffahrtsgesellschaft. — Sie körmen ihre Jrrfal)'-. durch die Welt wieder aufnehmen. BUiLU'.'- - - ■ - . : Wiener Morseuzeitvng M t ♦ Sie ßrfoloe d« Mischen Stattanalfonds. 172.000 ägyptische Pfund im abgelaufeneu Jahr (6683). Im a-bgelaustMu Jahr 5683, das mit dem 1. Oktober 1924 abgeschlossen hat, erreichten die Etttgällge des Jüdischen Natioualsonds die Summe von mtglischeu 17 2.000 Pfund, das sind um 10.600 Psirnd mehr als im Jahve 1920, das bisher als Rekordjahr galt. Eine erfve-ttl-iche Erscheinung ist es, daß die Eingäitge von Monat zu Monat ständig steigen. Der August 1924 ergab über 19.000 ägyptische Pfuud, der Se-ptember 1924 29 000 ägyptische' Pfund. In diesem Rosnltat zeigt sich schon die Wirlkung der Tournee U s s i s ch k i n s. Sttne Fovdevting: 500.600 Pfund vonr 1. Juli 1924 bis 31. Oktober 1925 tvivd, wenn die Steigerung der Monatseinnahmen sich in diesem Te>mpo entwickelt, sicher erfüllt werden. Die Eingänge vom 1. August bis 30. Septeutöer 1924 — in zwei Mona'en — sind zrtsanunen höhe*- als jene, welche d:r Jüdische Nationalfmtds in .Von ersten vier Jahren fti-nes Bestandes (1902—1905) zusammengeuommen erricht hat. Noch,im ganzen Jahr 1912 hatte der Jüdische Nationalfonds nicht soviel oingenonmvm als in j dem ÄM>n> Monat Septemlbvr 1924- ♦ „