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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-14 · Heft 2062 (14.11.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2062 (14.11.1924)
Date
1924-11-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2062 Men, JwRag Imtscher Bruderkrieg beim Wimberger. Schlägereien zwischen Grotzdentschen und Nationalsozialisten. — Vizekanzler Frank auSgepfiffen. Gestern abends kam der in der letztm Zeit immer stärker ihewortretend« Gegensatz zwischen den Großdeu«t!schen und den Nationalsozialisten zu handgreiflichem Ausdruck. Die Großdeutschen hatten gestern ins Restaurant Wimberger eine Versammlung einbernftll, zu der die Nationalsozialisten bereits vor einigen Tagen die Parole a-usgegehen hatten, das; sie für die Haltung der Großdvutschen in „nationalen Belangen" Rechenschaft fordern werden. Noch vor Beginn der Versammlung war der Saal von einem starken Aufgebot jngeMicher NationalsoziEsten bvsetzt, die unter Führung ihres Höivplings G a ttermayer erschienen waren. Der Obmann der großdontfchon Parteileitung, Germane Wotawa, wurde während seiner Erösimngsrede von den „völkischen Mannen" durch stürmische Zwischenrufe unterbrochen. Ms dann Vizekanzler Dr. Frank zu sprechen beginnen wollte, gab es minutenlange Pfuirufe, es wurde gepfiffen und gejohlt, eS gab WiMommvufe wie „Volksverräter" u. dgl. Mt Mche konnte Frank zu Worte kommen. Nach tfym wollte der „maßgebende Politiker" W a b e r von der Post reden, aber seine Rede ging in ohren» betäubenden: Krawall unter. Der N>ation>atlsozialist Gattermeher hielt daun den Großdeutschen ihr völkisches Sündenregister vor, darunter auch ihre Haltung beim Eisenbahnerstrei'k. Als der Waber erwidern wollte, setzte ein neuer Krawall ein und daraus entwickelte sich eine solenne Prügelei. Biergläser flogen ans wuchtigen deutschen Männersänsten und — eine Frau wurde verletzt. Der „Schleuderer" ist in Haft genommen. Das Getümmel wurde noch durch einen echt germanischen Bardenkrisg erhöht, da die Gros.deutschen das Deutschlandlied, die Nationalsozialisten das Hitler-Lied gröhlten. In des Streites hochgehende Wogen mengte sich die wehrhafte Kraft der als Ordner fungierenden Frontkämpfer und man drosch so lange aufeinander los, bis die Wache dm Saal räumte. Der deutsche Heldenmut flammte aber trotz der Kälte auch auf der Straße wieder auf und lange tobte der deutsche Bruderkrieg, bis durch etliche Verhaftungen die Reihen der Recken gelichtet wurden. Zer Bundeslanzler an den PolizeiprWente». Zum 50. Geburtstage Schobers. Bundeskanzler Dr. Seipel hat an den Polizeipräsidenten Schober folgendes Schreiben gerichtet: Sehr geehrter Herr Präsident! Es ist mir ein warm empfundenes Bedürfnis, Ihres 50. Geburtstages zu gedenken, um mich in aufrichtiger Freundschaft dom großen Kreise jener anzulschließen, die Ihnen, schr geehrter Herr Präsident, an diesem festlichen (Gedenktage ihre Anerkennung uwd Dankbarkeit bvkmrden wollen. Es soll nicht meine Aufgabe sein, an dieser Stelle all Ihre großen Leistungen hervorzuhebm, die Sie am verantwortungsvollsten Platze zum Wohl der Oofsentlichkeit vollbracht halben und wovon die allgemeine, in den breitesten Schichten der Bevölkerung einigcwurzelte, auch weit über die Grenzen unseres Vaterlandes reichende Wertschätzung Ihrer Person ein beredtes Zeugnis gibt. Mit weit größerer Befriedigung mag es aber Sie, schr geehrter Herr Präsident erfüllen, daß mit. dieser, Ihren unwandelbaren Verdiensten gezollten Anerkennung auch ein Gefühl treuer Dankbarkeit gepaart ist, welches allseits jenem Manne entgogengebracht wird, der mit größter Pflichttreue und Hingabe das Vaterlaich in jenen schicksalsschweren Tagen mutig geschützt hat, als die Wogen am höchsten gingen und die Augen aller echten Patrioten auf ihn gerichtet waren. Empfangen Sie ufw. * ■ Anläßlich des 50. Geburtstages des Polizeipräsidenten S ch o b e r fand gestern um 12 Uhr mittags im Festsaale der Polizeidirektion eine intime Feier statt, bei welcher alle Kategorien der Beamtenschaft durch mehr als 200 Delegierte vertreten waren. Aulf die durch den Vizepräsidenten Doktor Pamer übermittelten Glückwünsche erwiderte Polizeipräsident Schober: In den Tagen des Zusammenbruches, da das ganze Gefüge des Staates ins Wanken geraten war, hätten sich die Polizisten seiner Führung vertrauensvoll untergeordnet und damit den Ruf unbedingter Verläßlichkeit begründet, der mit dazu beigetragen habe, die Stellung der Polizeidirektion im In- und Auslande zu festigen Sein höchster Triumph sei das Bewußtsein, der Hauptstadt eines Ausamme ngeb ro cheu en Staates eine Pölizeidirelktion erhalten haben, die ihre Pflicht gegenüber der Bevölkerung erfüllte und auch unter den Sichecheitsbchörden der galten Welt eine anerkannte Stellung errungen habe. Präsident Schober dankte schließlich in herzlichen Worten für die ihm ausgedrückten Glückwünsche. Ire geplante Erhöhung der Postgebühren. Protest der Wiener Handelskammer. Die Wiener Haudslskaimner hat die von der General« bii\'<fMott für das Postiwiesen in Aussicht genommenen Erhöhungen der Pest-, Telegramm- und Delephongebühren eingehend beraterr. Sie ist zu «dem Beschluß gelangt, «wegen der gegenwärtigen N o t l a g e der Wirtschaft «gegen diese Maßnahme entschieden zu protestieren. Eine Er-- böhu'ng von Gebühren stünde i in unvereinbaren Widerspruch mit den Genfer Beschlüssen, we'che in der Erkenntnis der a^gu weitgehenden Belastung der wirtschaftlichen Kreise in Oesterreich im Interesse «des San ierungewerkes Steuererleichterungen fordern. Für den Beschluß der Kammer war übevd'es die Höhe der geplanten Gebühren maßgebend, welche von der «V» vldparität nicht wesentlich äbweichen. Die Kammer ist der Anschauung, daß Gebühren in «diesem Ausmaß nur bei voller Gegenleistung durch «entsprechende Verbesserungen und Erweiterungen des Betriebes «in Wiener Movftenzeiturig» 14. November 1924_Seite S Das Lügengebäude Hofrat Wahl über Einer unsersr Mitarbeiter hatte gestern Gelegenheit, den Borlstand des Sicherhsitsbureaus der Wiener Polizeidirektion, Hosrat Dr. Wahl, über die von nationa«llsozia«listischer Seite «botriebene Ausschrotuuig des Falles Grüsch zu befragen. Hofva«t Wahl, dessen Autorität als Kriminalist «anerkannt «ist, äußerte sich über diese Angelegeicheit in folgender Weise: Alles was über diesen Fall geschrieben oder gesagt wird, ist völlig aus der Luift gegriffen und eine bewußte Verdrehung der Tatsachen. Die polizeilichen! Erhebungen rmd di-e gerichMche Obduktion der Leiche halben ein w a n d f r e >i Mgeistellt, daß der Kn>a>be von Hunden zerlfleisch wurde. Der genaue Hergang des UnMcksfalles ist nicht bökcmnt. Jedenfalls wollte Grüsch über den Z«a«u«n klÄ«tem, um im Park des Restaurants zu übernachten. Von Schnittwunden kann keine Rede sein. An der Leiche wurden lediglich Bißwunden festgestellt. Ebenso ist es unwahr, daß zu den UntertfuchwMn kein Tierarzt KugeMAen wurde. Das Lügengebäude vom Ritualmord fällt also durch die Böweisliast der PolHvMchen 'Untws'Uch'Mvg in nichts zusamm«en. - Schulter an Schulter. Monarchisten und Hakenkreuzler. Die Monarchisten halben sich zu einer konlfervaitiiven VoU-spartei mmgvbildet uind wollen, wie ihr Matt pvogvamdes Ritualmordes. den Fa« Grüsch. malisch verkündet, eine wahrhaft christliche, naitionale nn«d s o z i a >l «g e r e ch i e Leben sausfassiumig vertveten«. Welcher di>eser drei Punkte der lbevorzugte ist, wissen wir «wicht. Er läßt sich ial6ct ahnen, wann man die «folgende, aus Seite 4 abgedvuckt« Notiz liest: Mysteriöses zum Fall Grüsch. Die wahre Todesursache deS kleinen Grüsch ist noch immer nicht eiinwandsrei sesdgestellt. Die Zweifel, ob der Knabe sein Loben «unter den Zährven der Wachtlhunde am Tivoli gelassen hat, verdichten sich immer mehr. Die Gerüchte, daß der Ltviue Gvusch nicht mit durchd iissener, sondern mit durchschnittener Kehle aus« gefunden wurde, wollen nicht verstummen rmd werden m Meidling -immer mehr Gomeingut der öiffenÄichen Mein'lmg. Sache der Bchörden ist es, so rasch wie möglich mit aller Gründlichkeit M:d Rücksichtslosigkeit die Wahrheit zu suchen und den Schleier zu zerreißen, der noch immer über den Tod des Knaben Grüsch gebreitet ist. » Dies ist eine unbodingte Notwendig^ Kur Beruhigung der Bev'Menmg. Diese Mvnarchisteu sind nicht nur perfid, sie sind auch feig. Sie halben bei den HakenkvouiMw von Riduakmord ge- ■tcfjen und schließen sich sofort «begeistert an. Aber sie sogen das nicht so offen heraus. „Mit durchschnitztenier Kehle," ,Mysteriöses", „RücksichtÄostgksit", ,-den Schleier zerreißen" — mierffift im was? Und haben wir was gesvgt? Wir haben gar nichts gesagt. Reich zu werden ist heutzutage leichter als früher Was geht an den Wiener Mittel schulen Var? Das letzte Geheimnis des F.rhüges der Milliardäre, der sicherste Wegweiser zu Reichtum, Macht und Ansehen ist die Energie Dazu bedarf es stählerner Nerven, einer widerstandsfähigen und widerstandskräftigen Konstitution und einer kampffreudigen Ausdauer. Wer von Kindheit auf DIANA Franzbranntwein mit Menthol gebraucht, stählt seine Nerven, macht die Konstitution widerstandsfähig, kraftvoll und schafft eine kampffreudige Ausdauer Ue&eiraH erftäg&fch Diana -FröiÄil^ProMoii - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstraße 169 Lieben, Drahobelfeva 1073 Frage tarnen können. Fn budgetärer Hinsicht «wurde von der Kamimer verlangt, «daß dem in der Selbständigkeit «der Post-, Tellegva«m«mu«nd Telephonanstalt gelegenen Prinzip der vollkom«menen Trennung dieses staatlichen WivtschaMörPers von der Bundesverwaltung oh«ne jede Einschränkuuz Rechnung getvaMn werden muß. Sie .hat für die Möglichkeit erhöhter Eingänge und sohin geringerer GMhrenerhöhun«gen in Dnrchfühvung dieses Pringips unter anderem geltend gemacht, daß ein Abbau der Portofreiheit restlos und nicht, wie in Aussicht genommen, nur tellweise durch die Belassu.ng portofreier Kvrrespe«ndentz der staatlichen Dienststellen -durckMsühren ist. Der zionistische Jelegiertentag Garteitag). Das ZionistischeLanbeskomitee teilt mitr Der diesjährige Delegierten tag (Parteitag) findet am 30. d. statt. Im Sinne der Statuten fordern wir die Bezirkssektionen, Sonderverbände und Ortsgruppen auf, spätestens biSzum 2 3. d. die Delegiertenwahlen durchzuführen. Nach §7unsererS tat uten wählenjede Bezirkssektion,OrtSgrnppeundSonder- Vereinigung s o w i e die dem Landesverbände an geschlossenen Föderationen aufje2 0 0Mitglieder einen Delegierten zum Delegiertentag (Parteitag). Ortsgruppen mit mindestens 8V Mitgliedern haben auch schondasRechtaufeinenDeleg irrten, Ortsgruppen mit weniger als 80 Mitgliedern können zwecksWahl zum Parteitag zusammen gelegt werdem Wir fordern alle Bezirkssektionen auf, uns bis znm 16. d. die noch ausständigen Parteisteuerbeiträge einznzahlen sowie die M i t g l i e d e r l i st e n einzuschicken. Der Termin der vorzunehmenden Wahlen ist dem Landeskomitee rechtzeitig bekanntzngeben. Der Selbstmord des Gymnasiasten Thomas Schwarz hat den Anstoß zu einer fieberhaften Agitation unter der Schuljugend gegeben. Gestern, am schulfreien Staatsstiertag, zogen Kmder mit Büscheln roter Nelken durch dir Straßen nnd holen sie den Passanten zivm Kaust an und in den Schulen wurden Flugzettek verteilt, deren Text lautet: Kameraden an allen Mittelschulen! Wir danken euch, daß ihr unserem Rufs so zahlreich gefolgt seid, und versprechen, eure Sache mit aller Energie und aller Umsicht zu vertreten. Aber wir brauchen eure aktive Mithilfe in den Schulen selbst. Mr wollen in eivgstem Kontakt mit euch allen unseren Kampf führen. Unsere Forderungen sind: 1. Das gesamte Disz i p l i n a r w e s e n ist den einzelnen Lchrern und den Lchrvrkonferenzen zu entziehen und restlos an Institutionen der Schulgesamthert zu übergeben. - 2. Es ist ein Zentralausschuß der Wiener Schulgemein- -den einzubevuifen, der in allen Dingen, die in die Kompetenz der Schulgemeinde fallen, deren übergeordnete Instanz ist und der von allen Schulbehörden als Konsulent in allen Mittelschulanigelegenhe'iten anzuerkenMN ist. Da im Zentvalausschuß zunächst auch kleinere Schülergrnppen Vertveten sein werden, die für dre Schule arbeiten wollen, müßt ihr intensiv Gr unsere Forderungen eintreten, damit, wenn wir von «den Bchörden pt Sekbstvertretung gerufen werden, es an allen Schulen mindestens einige gibt, die wissen, was sie wollen. Wer von euch Mitarbeiten will, möge sich in unserem Sekretariat, im Journalistenvevein Die Scholle. Diauabadge'bäude, täglich zwischen 4 und 7 Uhr melden. Alle aber sind eingeladeu, Freitag den 14. November um 7 Uhr in die Postgasse 7 zu kommen Dort werden wir Bericht erstatten über unsere Verhandlungen mit den Behörden und üoer unsere Arbeit in dieser Woche. Jede Schule soll mindestens SS1«* tre-ter entsenden. Die Veremigung sozialistischer Mrttelschüler. Unter den Verkäufern und ZettelvertHilern bildeten zehn- bis zwölfjährige Jungen und Mädchen die Mehrzahl, Kinder, welche weder den Sinn des Parteiabzeichens der ' Klassenikämpfer noch auch den Inhalt des im schwülstigen^ Feldherrnstil gehaltenen „Manifestes" erfassen können. Wer sind die Leute, welche die Dmhte ziehen, au denen «diese Büblein und Mägdlein zappeln? Wer sind die Leute/ welche es Gr gut finden, den Tod des Thomas Schwarz auszuwerten? Es bleibt jedem, der Lust und Kraft dafür besitzt, «unbenommen, unter der Jugend zu «wirken. Ader er darf nicht anonym bleiben. Die Oeffentlichstit hat ein Recht auf Kontrolle. Sie braucht und darf sich nicht mit leeren Redewendungen, mit ,Mr" und „Ihr", mit der nichtssaigenden Firma ,Mveinlgung sotzialistischer Mittelschüler" abspeisen lassen. Auch sozialistische Mittelschüler sind mit zwölf bis sechzehn Jahren weder Organisatoren noch perfekte Unterhändler bei Behörden, Sekretäre ufw. Entweder befinden sich in dieser Vereinigung «ganz ausgewachsene Menschen, dann ist der Titel /^Verernigung sozialistischer Mittelschüler" eine JrreGhvung. Oder die Dirigenten stehen außerhalb der Verenigung und borgen von den Jungen einfach die Firina> dann ist die Täuschung noch verwerflicher. Ein ganz besonderes Interesse an restloser Aufklärung 'hat die jüdische Oeffentlichkeit, denn der Anteil der jüdischen I u g e n'd an diesen Demonstrationen und Manifestationen ist ein unverhältnismäßig starker. Wer sind die Fü«hrer, welche zu unserer Jugend sprechen, und wohin soll sie geführt werden? Hier muß Aufklärung geschaffen werden und die jüdischen Eltern und die jüdischen Lehrer sind verpflichtet, dabei zu helfen. Verbote und Drohungen sind uMngebmcht. Aber jeder Vater, jede Mutter und jeder Lehrer soll sich bei den Kindern selbst Auskunft darüber holen, wer und wie man zu ihnen spricht. Das Geheimnis muß gelüftet werden. Dann wich die Gefahr unendlich kleiner sein.

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