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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-12 · Heft 2060 (12.11.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2060 (12.11.1924)
Date
1924-11-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Mlenckv Morgenzeltung. 12. Nodmtlber 1924 Nr. 2060 Betrauung Tr. Seipels mit der Kabinettsbildung. Die Krise des Kabinetts Seipel, für die in keinet der offiziellen und inspirierten Mitteilungen eine einleuchtende Erklärung gegeben, wurde, ist so gut wie beendet. Der unmittelbare Anlaß und der nach außen hin angegebene ErklärungSgrund, der E i f -e n b a h n e r st r e i l, wird voraussichtlich heute bei gelegt werden. Der Kanzler hat den ihm gestern vom Hauptausschuß erteilten Auftrag, eine neue Regierung zu bilden, angenommen und das ganze bisherige Kabinett Seipel wird 'in nngeänderter Zusammensetzung wahrscheinlich schon morgen im Natio-nalrat von den Christlichsozialen' Gvoßdeutschen und Landbündlern wiedergewählt werden. Die Gvoßdeutschen haben allerdings gewisse Vorbehalte gemacht und wollen gelegentlich der Neubildung deS Kabinetts einige parteipolitische Vorteile erringen, welche ihnen im neuen KoalitionSPakt verbrieft werden sollen. Heute wird der Bundeskanzler mit den Landeshauptlemen verhandeln, um sein Reform- und Samernngsprogramm auch gegen die sonderbimdlerischen Bestrebungen der Landesregierungen sicher zu stellen. Man dürft« kaum fehlgehen, wenn man in der Starrsinnigkeit der Landes Hauptlaute, die zu den eigenen Parteigenossen Dr. Seipels zählen, eine der wichtigsten Ursachen des demonstrativen Rücktrittes Dr. Seipels vom Amte sucht. Der Bundeskanzler soll nämlich nach den letzten Genfer Abmachungen die doppelgleisige Vevwabtung in den Ländern beseitigen, was ohne Beschränkung der Länderautouomie kaum möglich sein wird. Außerdem muß ein« zweit« Abgabenteilungsnovelle beschlossen werden, die diesmal noch viel größere Schwierigkeiten verursacht als di« l«tzte, mit der die Herren in den Ländern sich leichter abgefunden hatten, weil durch sie nur die Steuerquellen von Wien beschnitten worden waren. Diesmal sollen auch die Einnahmen der anderen Länder an die Reihe kommen. Bisher haben sich die Landeshauptleute und Landesfinanzreferenten sehr widerborstig gezeigt, und die letzte Länderkonferenz der Christlichsozialen in Salzburg brachte weder in der Frage der Verwaltung und der Verfassungsreform noch bezüglich der Abgabenteilung die von der Zentralvegierung gewünschte einheitliche ^Stellungnahme. Dazu kommt noch, daß die Sozialdemokraten die termingernäße Erledigung der in Genf vereinbarten Ge sitz« von der Annahme der von ihnen vowgefchlagenen Novellierung der Arbeitslosenversicherung abhängig machen und die parlamentarische Arbeit in der letzten Zeit stark «behindert haben. Er wird also auch mit der Opposition verhandeln müssen. Seipels demonstrativer Rücktritt war aber mehr «in« Drohung gegen di« eigenen Parteigenossen in den Ländern und die andere KoalitionSpartei. Dr. Seipel wollte ihnen vor Augen führen, daß daganze von ihm aufgerichtete politische System, daß vor allem dir von ihm eingeleitete Sanierung mit seiner Person steht und fällt. Das scheint ihm auch mit seiner Rücktrittsdvohung gelungen zu sein. Allerdings ist dieser sein Erfolg dem Staat und der Bevölkerung sehr teuer zu stehen gekommen, da seine Plötzlich^De-mission die letzten Fäden zerriß, an denen die Verhandlungen zur Verhütung des ErsenbahnerstreikS hätten wieder angefponnen werden können. Fünf Streiktage auf den Bahnen betragen einen Einnahmenentfall von etwa 90 Milliarden bei den Bundesbahnen. Der geldliche Entgang der ganzen Wirtschaft und der moralische Verlust an Vertrauen, den Oesterreich im Ausland erlitten hat, läßt sich überhaupt nicht abschätzen. Der Nationalrat, 'der für gestern telegraphisch zusammenberufen war, enthielt sich stder Aeußeruug über den Streik und die Kabinettskrise. In Erwartung einer großen Sensation hatten sich viele hundert Personen auf den Galerien eingeftmden. Sie kamen aber nicht auf ihre Rechnung. Die Sitzung dauert« nur wenige Minuten. Der Ersatzmann des monarchistischen Abgeordneten Wense» der bekanntlich sein Mandat niedergelegi hat. Naiionalrat Waneura, und der Nachfolger des verstoübenen Abgeordneten Wiedenhofer, dem der Präsident einen sehr feierlichen Nachruf hielt. Abgeordneter Hohenberg, leisteten di>e Angelodnng. Präsident M ikla 8 machte hierauf Mitteilung von der Demission der Gesamt reg ievung und ihrer Betrauung mit der vorläufigen Wetterführung der Geschäft« und erklär^: Ich berufe nunmehr den Hauptansschuß für heute, eine halb« Stunde nach Schluß der HauSsioung, em, damit er der oe> fassunsismäßigen Pflicht entspreche. Da es parlamentarisckie Hebung ist, daß da» HauS.^während sich die Regierung im StaluS demissionis befindet, von meriwrischen Verhandlungen absieht. so wäre ich nicht m der Lag«, schm jetzt die nächste Sitzung anzu>berau.men, Einem Wunsche der Parteien entsprechend, schlage ich aber doch die nächste Sitzung für Donnerstag, 3 Uhr nachmittags, vor, mit der Tagesordnung: Bericht des HauplauSschusstS. Dr. Danneberg teilte mit, daß die Sozialdemokraten die Absicht gehabt hätten» die Vorgänge auf den Bundesbahnen. an denen der Regierung ein schweres Verschulden zukommt, im Wege einet dringlichen Anfrage hier zur Sprache m bringen. Mit Rücksicht auf di« Bertha indlnngen, die haute mittags begonnen haben, haben wir dies haut« unterlassen. Es ist ober notwendig, daß das Haus Gelegenheit behält, fo rasch als möglich über diese Angelegenheit öffentlich zu sprechen. Ich beantrag« daher, die Sitzung am Donnerstag bereits um 11 Uhr vormittags beginnen zu lassen. Der Vorschlag deS Präsidenten wird mit dem MbänderungSantrag des Abgeordneten Dr. Danneberg ang«-. nomm en. Die Designierung Dr. Seipels. Im Hauptansschuß, der noch der Haussitzung zusammenirat, bracht« Präsident Miklas abermals das Schreiben betreffend die Demission der Regierung zur Verlesung. Abg. Fink bedntvagt«. den Abg. Dr. Seipel zum Bundeskanzler zu designieren und mit der Bildung der Regievung zu betrauen. Der Antrag Fink wurde mit 8 gegen 6 Stimmen a »go> nommen. Dr. Seipel danktie der Mehrheit des Ausschusses, weil sie durch ihr Beschälten gezeigt habe, daß sie eine möglichst rasche Beendigung der Krise herbelsühren wolle. Um hierbei mitzuhelfen, fei er bereit. den Auftrag zur Bildung der Regierung zu übernehmen, müsse Mach zugleich den Ha.lptaus-schuß aufmerksam machen, daß er nicht in der Lage sei. schon in dieser Sitzung einen Vorschlag über di« Zusammensetzung der künftigen Regierung zu erstatten. Daran hindere ihn nicht ein Zweifel in bezug aus die Personen, die wiedvr in die Regierung zu berufen wären, sondern der Umstand, daß die Mitglieder der bisherigen Regierung entschlossen sind, sich zu der Frage, ob st« ihr Amt wiedvr übernehmen können, erst dann zu außerm wenn gewisse Voraussetzungen geschaffen sind. Es fei bekannt, daß innerhalb des selbständigen Mrt» schaftÄiörpers der Bundesbahnen zu dieser Stunde Verhandlungen geführt werden, die zeigen müssen, ob auch die Bunvesbahnangestellten di« Grenzen «inmchalten verstehen, die den,, Wünschen und Forderungen einzelner Gruppen durch das alv> gemeine Wohl gezogen sind. ES handle sich aber nicht nur um die Beilegung deS Streiks, sonder« um die größevs Frage, ob die SaniermigSpolM. deren Träger dir bisheria« Regierung fei, Hre Fortsetzung finden solle, und zwar mit jener Zielsetzung auch der Zeit nach, oie sich auS den Verhandlungen der jüngsten Vergangenhekt ergibt, oder ob durch ein Nachgeben gegenüber den Wünschen von Einzebgruppen über jene Grenze, die durch das Budget des Bundes und natürlich auch selbständig gestellter Betriebe gezogen ist, ein« Verlängerung der UebergangSzeit bis «rr Vollendung des SanievungSwerbeS herbei geführt werden dürfe. Ehe er dem HauptauSschuß einen Vorschlag .bezüalich bet Bildung vor neuen Regierung machen könne, müsse er Gelegenheit haben, durch Aussprache mit den Parteien deS Hauses, aber auch durch Beobachtungen außerhalb dieses Kreises dieS gelte insbesondere vom Ansgang deS Etsenbahnerstreiks — erst die Ueberzeugung zu gewinnen, daß er die Berantwortung für die weiter« Führung der StaatSgeschäft« übernehmen könne. Diese Mitteilung wurde ohne Debatte zur Kenntnis genommen. ©effc S Men, MiMvo'ch AMERICAN TAILOR3 Brüder Koch Ges. m. b. H. Z>"-k 6. Bez.. Mariahilferstraße 17 «,,'İ.Ä Erstklassige Maß - Schneiderei für Herren / Reiche Auswahl in feinen englischen Stoben / Elegante AuSsübning / Billtae Preise >y*,p Volkes sieht nicht mehr mit der alten Ehrfurcht und Verehrung auf diese Institute, sondern betrachtet sie nur als privilegierte Ranfbuden, die autonom sind und von der Polizei nicht betreten werden dürfen. Derselben Wertschätzung begegnet man rm Ausland, und die in letzter Zeit so sensationell cm spo saunten Klagereden einiger Professoren entsprangen im Grunde nur der Konstatierung des gesunkenen Ansehens, das gleichzeitig auch die materiellen Einkünfte schmälert. Es kommen keine zahlungskräftigen Patienten nach Wien, und der abtretende Rektor befaßte sich gestern mit der überraschenden Verminderung der Hörerzahl, die er euphemistisch mitden erschwerten Aufnahmsbedingungen erklärt. Sie sind allerdings sehr schwer. Die Ausländer, die in Wien studieren wollen, sind in der übergroßen Mehrzahl Juden und als solche Gegenstand süjwerer Bedingungen. Sie werden hoch besteuert und geprügelt, von vielen Lehrern verhöhnt und vexiert. Es ist kein Wunder, daß sie diese Gastlichkeit nicht lieben, sie nicht verfclMigen und daß sie den Staub dieser Stätte sehr rasch von den Füßen schütteln. Es gibt auch andere Universitäten, die die Strebsamkeit, den ernsten Sinn und den Idealismus dieser jüdischen Jugend besser zu schätzen wissen und ihnen die Arbeit nicht zu erschweren trachten. An diesen ausländischen Schulen weiß man nichts vom politischen Rassengeschrei. Dort ist es unnötig, daß der Rektor, wenn er sein Amt antrttt, in der Hülle seines Jnaugurationsvortrages politische ErziehungÄehren vortragen muß. Herr Professor Sperl hat gestern zu dieser Form greifen müssen. Seine Rede über das „internationale Recht" liest sich so, als wäre sie gerade für das im Festsacrl versammelte Auditorium ausgearbeiiet. „Genießt das Volk als solches auch nur halbwegs einen. Ehrenschutz? Ein Recht auf Wahrheit gegenüber wider die nationale Ehre gerichteten grvben, bösartig erfundenen Beschiuldigungen? Gibt es ein internatiouales Ehrengericht, das in lebenswichttgen Fällen angerufen werden könnte, um auszusprechen, 06 ein gegen ein Volk erhobene Beschuldigung wahr ist? Welcher mächtige Schutz -wäre das gegen gewissenlose Verleumdung und die dadurch bewirke Vergiftung des Verhältnisses zwischen den Völkern!" Der Rektor exemplifiziert natürlich aus das deutsche Volk, gegen das in den Jahren des Krieges die feindliche Propaganda allerlei niedrige Lügen ausgeheckt hat. Aber im Auditorium fasten die Profefforen, die die Konkurrenz des jüdischen Lehrers stirchten und auf ihn die Hakenkreuzler hetzen, die da die geistige und moralische Minderwertigkeit des Judentums lehren und die deutsche Jugend zu Haß und Rache erziehen, statt sie für das Leben zu bilden.' Die Studenten nehmen das, was sie zu hören bekommen, dem Sinne und dem Buchstaben nach in sich aus und wenden es praktisch an. Das ist die Ursache der Klagen des gewesenen Rektors über die Verödung der Hochschule. Gleichzeitig aber auch der tatsächliche Inhalt'dessen, was der neue Rektor vorgetragen hat. Es gibt in Oesterreich an den deutschen Bildungsanstalten keinen Ehrenschutz. Es wird unter dem Schutz der akademischen Würde gelogen und verleumdet. Wir wünschen m-it Professor Sperl ein internationales Ehrengericht, das in lebenswichtigen Fällen anzurufen wäre. Solche Fälle sind darin gegeben, daß die Professoren und die Studenten gemeinsam Verleumdungen und Beleidigungen des Judentums ersinnen und verbreiten, lehren, hören und erzählen, daß sie dieses Tun und Treiben als einen Dienst ftir das verleumdete deutsche Volk ausgeben und daß sie ihr Amt im Predigen von Mord und Raub erblicken. Gegen sie gibt es noch keinen Ehrenschutz. Die Rebellion gegen EiibütiSsoifi. (CigLndien-st der ,-Wiener Morgenzsitmrg".) Berlin, 11. November. In der letzten Versammlung der scgenannten Großdeutfchen Bolksge-meinschast hatte Dr. Artur Dinier eine mehr als einhändige Rede gegen Lu de n d o r ff gehalten. Er sagte unter runderem: Der Kamps aller gegen alle hat eingesetzt. Die Führerschaft Liudendorffs führte zum Chaos. Mit Erbitteru'Nlg sah Hitler, daß Ludendorsf sich als Führer der parlamentarischen Fraktion hat wählen lassen. Infolge Verlkennmng 'bet Tatsachen wurde von Lndendorsf der F r o n t b a n n gegründet. Er sah ni-cht, daß durch den 9. November 1923 die alten Methoden nicht mehr ziehen konmten -und dH sich von da ab nur auf Grand versassungsmäß'iger Rechte Aufklärung betreiben läßt. Dadurch »wurde das Vertrauen zur Führerschaft aufs schwerste erischüttert. In die Fraktion wurden Zuchthäusler und Konzession s a r b ei t e r gewählt. Wo sind die Arbeiter in der Reichstagssraktion? Di> sitzen nur Generale, M ajore und andere Offiziere. Das sind keine Leute, die m Ärbeiiertreisen werben können. Ludendorss. ha-t alle Eba.neen als unbeeinflustbarer Führer verloren.' Bubi-Kostüme reine Schafwolle, Ia Qualität K 490.000 Feinste Seidenflor-Damenstrünipfe früher K 58.000 / Jetzt K 43.000 nur I.Trattnerhof2 (Graben) Von der Grazer Technik. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Graz, 11. November. Die in der Vorwoche verschobenen Krawalle der HMnEröu>zkammer gegen den Professor Dr. Leon haben gestern stattgeifunden. Leon wurde cmsgepfiffen und am Lesen verhindert. Die vom PvofessovenkollegiulM der Technik gegen Leon erhobene Beschiwerde -ist vom Unterrtchtsministeviutn nach monatelanger Prüfung abgelehnt worden. Nur m einem Punkt« erhielt Dr. Leon eiine Rüge. Das llnterrichtsminiisteriulM hat beschlossen, beiden Te'ilen nahezu legen, von einer 'weiteren Verfolgung des Streites a b z u s e h e n. Von dieser Entscheidung ist merkwürdigerweise die | mer der deutschen Studenten, nicht aber Professor Leo« , verständigt worden. Sie Hitler-Armee in Wien. Schlagetter- und Ludendorfs-Kompagnien. Irn Saale des Hotels ,^um Auge Gottes" fand vorgestern eine nationalsozialisttsche Gedenkfeier für den Hitber-Pittsch statt. Evn Hanptmann K u g l e r teilte mit, daß die Nationcvbsozia'liiften nicht ilänger untätig bleiben , wollen. Zu der Feier waren zwei Halbkompagnien National sozial i st en iw ihren neuen Uniformen mit Stahlhelmen und Fahne aufmarschiert. Die Uniformen bestehen in Mililärbkisen nach deutschem Schnitt mit Litzen und Achselspangen in roter, grüner und blauer Farbe, auf welchen die Buchstaben der einzelnen Formationen stchen, wie: H (Hitler), S (S ch I a g e t t e r, L (L u d e n d o r f f). Die Kompagniefühver >haben silberne oder goldgeränderte Achselspangen. Alis Kopfbedeckung dient eine Kappe nach dem Schnitt der altösterveichischen Feldkappen, Aus dvm Stahlhelm und 'den Kappen ist das Hakenkreuz angebra'cht. Lord (keil Vertreter im Völkerbund. London, 10. November. (Wolff.) Lord Robert C e c N wird voraussichtlich zum Vertreter Großbritanniens im Völkerbund ernannt werden. In diesem .Zusammenhänge verweist „Evening Standard* auf die Tatsache, daß Lord Robert C e c i l stets für die Ratifizierung des Genfer Protokolls eingetreten fei, während die neue konservative Regierung, soweit man hört, von dem Genset Abrüstungs- und SchiedSgerichtSabkommeu nichts wissen will.

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