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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-11 · Heft 2059 (11.11.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2059 (11.11.1924)
Date
1924-11-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. säuay JüSten, ^.tenskig Karoltzi-Süter. Budapest, 10. November. (Tel.-Komp.), Morgen beginnt vor «der königlichen Kurie die Bernfnugsveleih a n dIu ng im Prozeß der Beschllagnahme des gräflich Michael Karolhischen FidoikonunisseZ durch den n-ngraischen Staat. Die Vevtreter des Grafen Karolyi werden vor der Kurie den prozessualen Einwa.nd erheben, daß der Artikel 70 des Bertraaes von T r i a n o n die Berfolgimg von politischen Verbrechen verbietet, die int der Zeit vor d cm Friedens s ch l u ß begangen worden sind. Mar Donalds Außenpolitik wird fortgesetzt. London. 10. November. (Neuter.) Auf dem heute vom Lord-Major verailstalteten Bankett hielt der Premier Baldwin eine Rede, in der er unter anderem ansführte, 'der Hauptgegenstand der auswärtigen Politik der Regierung werde die Stabilität und die Kontinuität mit dem Werke der voran-gegangenen Reg-iernug fein. Wir wevden, sagte Baldwin, an den Friedellsverträgen festhalten und auf Grund dieser Verträge gute Beziehungen zu allen Völkern pflegen. Wüters erklärte Baldwin, die Regierung werde eine fortschrittliche innere Politik zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse verfolgen. Sie werde energisch gegen die Wohnungsnot ankämpfen und intensiv die gegenwärtigen hohen Preise der Lebensbedürfnisfe im Auge »bchakten. Dar Unterschied 'der Lcbensmittelpreise im Groß- und im Kleinhandel müsse beseitigt werden. Weitere MiLgliedei: des Kabinetts Baldwin. London, 10. Novemlber. (Wolfs.) Lord C e c i l ist zum Kanzler des Herzogtums Lancaster, Lord Peel zum Ersten Kommissär für öffentliche Arbeiten ernannt loordeu. Die Neuwahlen ln Jugoslawien. Die Skupschtina aufgelöst. Belgrad, 10. November. (Avala.) Heute vormittags ist die Skupschtina durch königlichen Ukas aufgelöst worden. Die Neuwahlen wurden für den 8. Februar ausgeschrieben und das neue Parlarnen-t flir den 7. März einberufen. Der letzten Sitzung wohnten außer den Abgeordneten der beiden Regiernngsparteien mir drei serbische Agrarier und der sozialistische Abgeordnete Divae bei. Der Führer der Agrarier Laste und Abgeordneter D i v a c protestierten gegen die vorzeitige Auflösung des arbeitsfähigen Parlaments und erklärten, daß die Regierung ein illegales Ko mmissariat sei. Die Abgeordneten der Regievungsparteivn brachen bei der Verlesung des königlichen Ukas in Hochrufe auf den König aus. H Werbet Ubouuenteusürdie 4 ' Wiener MgrgenzertMg" I Wiener MoegenzeUung. Tagesbericht. 11. November 1924 Seite 3 ♦ Der veMwundene Nadir. Belgrad, 10. November. Der Aufenthaltsort Ra die' ist noch immer unbekannt. „Wveme" brachte in der Sountagsnmmmer die Meldung, daß die Regierung beschlossen habe, gegen Radic 'wegen Hochverrats und Ma jeftatsbel eidigu -rrg die Anklage zu erheben sowie gegen ihn einen Steckbrief zu erlassen. Die Gemeindewahlen in Plößnitz. Proßnitz, 10. November. (Tel. 'der „Wiener Morgenzeitung".) Bei der Kowstituiern'ng ibtcr neuen Stadtver-. trebung wurden mit je 24 Stimmen (sozialdemokraKscher Block und Iüdischrlatioualle) der bisherige Bürgermeister Stan-Much.i>rt (Sozialdemokrat) zum Bürgermeister uud Sekretär Pokorny (Nationalsozialist) zum zweiten Vize bürgermeifter gewählt. Bei der Wahl in den Stadtrat er hielten die Jüdischlnvtionalen ein Mandat; wurde Herr Dr. Robert Somlenmark. Bor dem Ende der spanische» Diktatur? Paris, 10. November. Gin spanischer revolutionärer Führer aus Barcelona erklärt im ,M.atrn", die spanischen Flüchtlinge in Frankreich erwarten alle eine B-ew eg nng großen S t ils gegen die Diktatur des Generals Primo de Ribera. In Barcelona und in der Umgebung feien etwa tausend Revolutionäre konzentriert. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag habe dort eine regelrechte Schlacht stattgefnuden. Die Gewaltmaßnahmen des Diktators. Barcelona, 10. November. (Havas.) Die zwei Personen, die wegen Teilnahme an den Zusammenstößen am Donnerstag vom Kriegsgericht zum Tod verurteilt worden waren, sind heute vormittags hingerichtet worden. In Marokko wird weiter geräumt. Paris, 10. November. „Petit Pa Asien" meldet aus Madrid, nach dreimonatigem Kampf gegen Abd el 5t r i nr habe das spanische Oberkommando eine Strecke in einer Ausdehnung von fünfzig Kilometer längs der Küste und drei -weitere Landstriche vonl Laufluß bis östlich von Tetuan sowie Akexera, Toros eil K>sar und Larasch sowie die Straßen zwischen Larasch, Arsila und Tetuan, insgesamt ein Grebiet von rund 2 0 0 0 Q u a d r a t f 11 omcter, geräumt. PoltzeivrMdeM Ar. Hans Amber. Zu seinem 60. Geburtstag. Hellte begeht der PolizeiPräsident Dr. Hans Schober seinen 50. Geburtstag. Mir Ausnahme des kriminellen und politischen „Volks der Ilnterwelt", das jede Ordnung als ein Hemmnis dunkler Geschäfte empfindet, wird es kann: jemanden in Wien und im ganzen Bundesstaat, aber auch -im weiten Ausland, der d'-ie bisherige Laufbahn Doktor Schobers zu verfolgen Gelegenheit hatte, geben, der diesen bedingungslosen Hüter der öffentlichen Ordnung nicht die anfvicht-igsten besten Wünsche entgegenbrächte. Dr. Schober ist'ein nicht nur bei uns seltenes Beispiel dafür, wie sich rücksichtsloses Pflichtgefühl, vereinigt mit Energie und gemildert durch Takt, gegen jede Strömung durchzusetzen vermag. Es hat wohl noch selten ein Mann im öffentlichen Dienst, und ein Pöligeimann schon gar nicht, in verhältnismäßig so jungen Jahren die Karriere zurückgelegt und einen f-o überrageklden Einfluß auf die öffentlichen Vorgänge im Staat zu erringen vermocht wie Dr. Hans Schober. Man hält es dem Polizeipräsidenten so gerne zugute, daß er nach dem Zusammenbruch in den kritischesten Augenblicken Wien und damit auch den gangen Staat vor den katastrophalen Folgen des Umsturzes zu retten verstanden hat. Diese nach außen hin sichtbare Tat Schobers wird jedoch nur dann richtig eingeschätzt, wenn man sie nicht als ei'Nen Akt momentanen Mutes und augenblicklicher Eingebung wertet. Dieser Rettungsakt lag in dem von langer Hand vorbereiteten und mit tiefer Kenntnis der Psychologie des Volkes im allgemeinen und des Wieners im besonderen durchdachten System, an dessen Ausbau Schober schon zur Zeit, ails er das staatspolizeiliche Departement in der Polizeidirektion leitete, zu arbeiten begann. Man kann sagen, daß es kaum einen Meilen Mann in Oesterreich gab. der vom Zusammenbruch der Monarchie so wenig überrascht war wie Schober, und -daß er dementsprechend der einzige Mann in diesem Lande war, der in der höchsten Gefahr des Umsturzes allein die Ruhe bewahrte. Denn Haus Schober zeichnet sich durch eine Ruhe aus, die auch in den kritischesten Momenten nicht versagt. Und diese Eigenschaft auf die gesamte Bevölkerung, zunächst vor allem auf seinen eigenen Apparat zu übertragen, allerorten das Gefühl unerschütterlicher Sicherheit M erwecken, darin liegt das große Geheimnis der unschätzbaren Kraft Dr. Schobers. Gr ist so fest überzeugt und so tief durchdrungen von -der Notwendigkeit seines ruhigen Arbeitens für den gesamten Staat, daß er selbst, als er für einige Zeit auch die Geschäfte des Staates übernehmen mußte, das Polizeipräsidium keinem anderen anvertrauen mochte. Der Bundeskanzler Schober wußte es am besten, daß er sein schweres Amt nur dann zu führen vermag, wenn im Polizeipräsidium der Geist des Polizeipräsidenten Schober waltet. Wenn man von der Rettung Wiens vor einem linksradikalen Putsch spricht, so dürfen wir wohl auch darauf Hinweisen, «daß derselbe Schobersche Geist Wien bisher auch vor katastrophalen rechtsradikalen Putschen bewahrt hat. Es hat auch hierbei kein PoEtisches Motiv -mitgespielt, denn Schober war und ist im landläufigen, Partei mäßigen Sinne immer wünschen auch nichts e-rhaltung der Ordnung und um die Sicherung der Gin- Haltung der Gesetze handelt, Politiker die Zügel führen. Schober ist der unparteiischeste und deshalb der der läßlichste Hüt-er der Ordnung und der Gesetze. Ohne feine menschliche Güte wäre Schober undenkbar. Änd diese feine Güte, feine Herzlichkeit jedem Hilfesuchenden gegenüber, bringt ihn uns, obgleich er der oberste Polizist ist, menschlich näher. Deshalb verehren und lieben ihn auch die Mitgieder seiner großen Familie, wie er die Mitglieder des großen mächtigen Polizeiapparates zu nennen Pflogt. In diesem Vertrauen der Untergebenen zu ihrem obersten Chef liegt gleichfalls eine Beruhigung für die GesamtbevUkerung. Mag vielleicht der eine ober der andere im PolizeiaPParat im geheimen Gesinnungen hegen, deren Ausbruch der öffentlichen Ordnung nicht zuträglich wäre, — aber das Bewußtsein, daß er unter der obersten Führung eines Mannes steht, der solche. Ausbrüche Glicht ungeahndet läßt, hat cs bisher verhindert, daß 'in den Aktionen der Polizei, nicht die geheimen Wünsche des einzelnen, sondern der Friedensgeist des Präsidenten zur Geltung kam Deshalb wurde die Wiener Polizei ein Musterbild für -das Ausland. Deshalb widmen die denkenden Elemente der verschiedenen Parteien dem Polizeipräsidenten Schober die ihm gebührende Anerkennung und Verehrung, deshalb macht sich stets eine nervöse Unruhe in der Bevölkerung bemerkbar, so oft Gerüchte von einer Amtsmüdigkeit Schobers ausstattern, und deshalb sind all die guten Wünsche, die 'dem Jubilar Schober heute aus allen ordnungslieben den Schichten der Bevölkerung entgegengebracht worden, ehrlich und aufrichtig gemeint. Ci« Protest der Direktors Feher. Gegen die Filmschere. Wir erhaltm die folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich habe acht Monate gearbeitet, untt ein Filmwevk ja schaffen, das restlos die Intentionen eines Dichters, der zu den prominentesten Erscheinungen der Weltliteratur zählt, zu erfüllen bcniüht war. Ich habe Artzibaschews Vorstellungswott in „Ssanin" ins Visuelle umzusetzen versucht, habe mit ehrlicher Begeisterung oas Prestige eines großen Dichters zu wahren getrachtet. Wer einen Blick ins Atelier getan hat, wer in der Gluthitze eines solche Glashauses verwoilt hat, weiß, tvas es heißt, darin acht Monate in rastloser,, nervenaufreibender Arbeit zu veribringen. Dieser Film, den ich in einer Rohbearbeitung eurem internen Publikum vorgesührt hatte, wurde von zufällig anwesenden Referenten der „Wi en er Morgen zeitung" und der „Oosterroichischen Volks-zeitung" auf das begeistertste arrfgenommen und als vollwertige Nachschöpfung einer äußerst wertvollen Rom-andicht-ungs arrgesprochen. Ich habe diesen Film heute, anläßlich seines Erscheinens im Repertoire der Wiener Kinochoater, goschon und ich bin empört, in welch unverantwortlicher, brutaler und getvissenloser Weise das Resultat von acht Monaten rastleser Arbeit vergewaltigt und verstümmelt wurde. Artzibaschews' Dichtung wurde zu einer Farce Verschnittei:. Es bleibt mir kein anderer Weg als die Flucht in die Oesfentlichkeit, Ml dieses Treiben gewissenloser Geld- Verdiener, für deren vandalische Tätigkoit es eine Unzahl PräzedenIsälle gibt, zu brandmarken. Ich werde «in Urteil zu erwirken trachten, das die sofortige Inhibierung der Vorführung in sämtliichen Wiener Kinos zur Folge haben wird; vorerst will ich aber die Oeffentlichkeit über diese unerhörte, existonzjbedröhliche Vergewaltigung eines künstlerischen Willens unterrichtet wissen. Ich fordere die gesamte Publizistik aus, mit allen Mitteln gogeir diese vandalische Bergetraltigung Protest einzulegen! Ich fordere das zahlende Publikum auf, sich nicht länger diesen Betrug gefallen zu lasserr und gegen Zlmrntungen dieser Art energisch zu protestieren! Cs gilt zu beweisen, daß die Urteils l o s i g k e i t des Publikums nur in der Phantasie dieser unwissenden Provisionsagenten besteht. Ihr Friedrich Feher. Eröffnung des Kriminalistischen Instituts der Polizeidirektion. Ohne besondere Feierlichkeit wurden gestern abends die Knose des neu geschaffenen Krimittalistischen Instituts der Polizeidirektion im Gebäude an der Rossancrlände eröffnet. Das Institut, das der Ittitiative des Polizeipräsidenten Schober seino Entstehung verdankt, bezweckt in erster Linie die wissenschaftliche Aus- und Fortbildung der im österreichischen Polizeidienste stehenden Akademiker in hochschu-lmäßigen fachlichen Kursen und die Vernültlung dieser Kenntirisse an andere, bevnflich interessierte, akodonvisch gebildete Kreise. Der Klub der Hossnnng. Ein pazifistischer Streich in London. Aus London wird uns berichtet: In hiesigen PöMs schen und diplomatischen Kreisen wird jetzt ein peinlicher Zwischenfall viel besprochen. Bor einigien Taigen erhielten die Minister, GeM'dten, Diplomaten und sonstige Würdenträger eivne <mf feiknstem Büttenpapier gedruckte Ei-ntadmig, die folgenden Wortlaut hatte: „Zur Erinnerung a>n die tapferen Menschen sämtlicher Nationen! Wir beehren Ms, Sie §u dent am Sonntag den 2. d. in der Kathedrale zu St. Panl abzuhaltenden Festgottesdienst höflichst einFU'ladsn. Eingang beim Mlüchon Tor. Punkt 3 Uhr." Aus dem Text der Einladu'Ng ging, wie man sieht, nicht klar hervor, daß es sich um einen pazififtischen nahnves Publikum der Cin'ladllng Folge leistete. So hatten sich unter artderen auch die Gesandten von Ameriika und Deutschland, der italienische Mil>itärttack)ee und viele andere Mitglieder des dipl-omatifchen Korps eingefunden. Allerdings waren sie einigermaßen übermscht. als sie das südliche Tor der Kathedra-le geschlossen fanden. Ter dort postierte PoliAsimann erklärte, daß ihm von -der a^igek-ündigten Veranstaltung nichts bekannt fei. Da sie nun einural «da waren, betraten sie die Kirche durch eine andere Tür. In der Kathedrale hielt der als Hochkonservativer >vekannte Dekan Ing« eine Predigt, die «frct in gar keinem Zusammenhang zu dem ,/Andenken an die tapferen Menschen aller Rationen" ftawb. Nun war es klar, daß es sich hier um einen argen Aufsitzer handelte. Nach de-r Predigt kam -die Aufklärreng. In der Kirche befand sich a-u.ch e>ine der pazifistischen Führerinnen, Miß Sandys! die nach der Predigt dem Altar Znfchvitt und dort einen Riesenkranz nie-derlegte. Aus dm Blättern des Kranzes lva-ren die Namen fämtllicher am Weltkrieg beteiligten Nationen verzeichnet. Für jede Nation ein Blatt. Nun erzählte Miß Sandys: Bor eini-geitr Monaten gründeten wir den pazifistischen Verein, den ,Mub der Hoffnung" mit dem Zweck, die Völker aller Nationen in Fwundfchaft ei-rrander näher zu bringen. Unsere avste Veranstaltung sollte eben ein Gottesdienst zu Ehren sämtlicher im Krieg gefallenen Männer werden. Aber sonderbarerweise hat sich kein einziger Geistlicher gefunden, der bereit gewesen wäre, für sämtliche Tote ein Gebet zu verrichten. Wir mußten daher zu der Finte greifen, alle politischen und diplonra-tischen NotabMtäten irr die Kirche zu St. Paul einzuladen. Dem Dekan Inge sagten wir natürlich nichts davon. Wir sind überzeugt, daß der liebe Gott diesen frommen Betrirg uns vergeben und u,-n s e r Gebet erhören wird. Mir wünschen -daß die verschiedenen Nationen sich so eng aneinander schließen mögen, wie diese Blätter im Äls wollte Dekan Inge die Mehrende Haltung der GeiMchbsit in die -Augen springend bestätigen, -befahl er

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