Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2059 (11.11.1924)
- Date
- 1924-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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VM - Mm , MeEvg Wiener Movftenzeitunft. 11. November 1924 " Nr. 2059 Es ist zu hoffen, daß die für heute angesctzten Verhandlungen des Vahnpräsidenten mit den Streikenden zu einem guten Ende führen werden. Es wird aber aus diesem Ausstand auch die Regierung die Lehre ziehen müssen, daß ein politisches System auf eine haltbarere Basis gestellt werden muß als auf eine vorn Hakenkreuz überschattete Partei. Die neuen Verhandlungen. Hd&cr ©brttofcwmg des Gomnalldivcikdors Dr. Siagnmind der Zsterwichischen Bumdesbcchiren erschienen gestern abends die Vettvoter der drei Gcüoerkschcrsden der Bundeslbahnangcstellten , kt her (SenerjcriFbfrrePtiiOfrt, wo ■ gleich darauf eine TlarAsp rache mit dem Präsidenten Günther sta'ttsind. In dieser Koirserenz erNätte Prüsident Günther, daß er di« GArerMirokticm beauftragen werde, neue Vorschläge für Verhandlungen austznarbeirten, und tu5> die Gewerkschaftsvertreter ein, hurte um 12 Uhr mittags in der Genevalldirettion bchuifs Wiodermssnähme der Lohlwerhandliungen zu erscheinen. Die Gewettschaftsvertreter «Mätten, der Emladung entsprechen ze! wollen. Die gestrige Aussprache des Präsidenten Günther vollzog sich M sehr uwbanen Formen. Der Bundesbahnpräsideltt «brachte zum Ausdruck, daß die GenerM'irewwn von dem Wunsche besiM soi, eine rasche Beendigung des Streiks hevbeijzuführen und daß sie zu diesem Behrsse noch nachts neue Gegenvorschläge cmsarbsiten werde, die für die heutigen Verhandlungen e>me geeignete Undevlage bilden werden. Die Vertreter der Gewerkschaften, die auch nach AuSbruch des Streiks ihre siete BereitwilliMit zu Verhandlungen bekundet hatten, «Matten auch diesmal, daß sie bereit seien, über neue Gegenvorschläge zu; beraten. Die Mennumg der führenden Mitglieder der Eisrnbahnevgewerkschasten geht dahin, daß durch die houtige Aus- Ppnache beim Bemdesbahnpräsidertten eine günstige -Atmosphäre geschaffen wurde. Die Regierung berat mit ihrer Majorität. An den Abendstunden fand gestern im Bundeskanzleramt ,eine Besprechung statt, an der sämtliche Mitglie-!d«r der Regierung und die führenden Mitglieder der Mehrheitsparteien teilnahmen. Die Bei-stnoechung war der Streiklage und den parla men lairischen Aufgaben gewidmet. Der Notverkehr auf den Bahnen. Die GeneraDirektion der Bundesbahnen teilt mit: Auf den Bundesbahnen rollende oder lagernde, leicht deriberMche und lebende Güter werden an die Zielstation!weiterbefördert und den Empfängern ausgefolgt. Neuaufnahmen sind Mr bei Milch- und Hefefendungen! iMssi-g. . > Im Auslände außgegebene kSndrmgen von leichtverderbi Rchem und lebenden Gütern werden in unseren GrenKstationen i Mvc bis Mittrnacht vom 11. auf den 12. d. übernommen. Im! MlÄande archgsgebene Milch- und Hefefeiidungen werden jedoch auch weiterhin ohne EinschränSung übernommen. Letztere zwei Verfügungen beziehen sich jedoch nur auf tue firr das Inland bestimmten Sendungen, s Bon der StreMeitung wurde seiner die Abfuhr der in :deu Rutsche» der Wiener Bahnhöfe lagernden Kohle gegen!di« Zusicherung der Rutschemnieter freigegeben, daß sie eine iPreissteigerung nicht eintreteu lassen werden. Ansuchen um Ausnahme oder Ausfolgung anderer als der > genannten Güter sind an die Generaldirektion der Oestcrreichischen Bundesbahnen, Wien, 1. Bez., Schwarzenbevgplatz Nr. 3, zu richten. Am zweckmäßigsten wären solche Ansuchen schriftlich beim Portier abzugeben und'die Antwort ist hierauf am nächsten Tage telephonisch unter Nr. 75-5-70, Klappe 244, j in der Zeit von 8 bis 6 Uhr anzuspvechen. In besonders dringlichen Fällen bann das! Archuchen auch telephonisch bei der obgencrnnten Stelle und unter der rngsgebenen Telephomrummer eingeb rächt werden. Kerne Jnlandspost. Ern Versuch, den BahnpostveÄehr im Jnlandsdrenst durch AutvLinien zu ersetzen, ist gescheitert, da die P-ostangestellten die Beförderung der Jnlandspost als Streikbruch amsehen «vd sich weigern, diesen Dienst zu versehen. Auslandspost kann.nach wie vor bei allen Aemtern : ausgegeben werden. Dem Haupwerband der Kauifmannschaft ist die Möglichkeit gegeben, während des Streiks Korrespondenz vertrauenswürdigen Personen zur Beförderung mitzugeben. Solche Briefe an die Hauptstationen der Südbahn bis Graz sowie der Westbahnstrecke über Salzburg können bei der Vettchrsstelle, Schwarzenlbergplatz 16, übergeben werden. Auch der Touringklub (Breitegasse 7) übernimmt Auslandspost zur Beförderung durch Kuriere. Die Tscheche-Slowakei rrinrmt keine Wertsendungen nach Oesterreich an. Prag, 10. November (Tschech. Preß-Bur.) Das Post- und TÄegraphenministerium teilt mit, daß infolge des Streiks des österreichischen Eisenibahnperfonals die Annahme von Wettbriefen und Paketsindungerr zur Beförderung mittels Poft nach Oesterreich und über Österreich eingestellt wird. Auto, Schiff und Flugzeug. Für die Beförderung der Reisenden, die Oesterreich verlassen oder noch Oesterreich gelarvgen wollen, sind umfassende Notvorkehrungen getroffen. Von der Oesterreichischen Vettehrsgesellschaft werden vor allem Automobile nach Preßburg zur BevjuigMg gestellt. Der Fahrpreis beträgt 800.000 K. oder pro Person 2 0 0.000 K. Weiter hat die Binnenschiffsverkehrs-A.-G. einen Motorschi ffsverkehr nach Preßburg eingerichtet. Das Motorboot kann 40 Personen attfnehmen, die Fahrt dauert vier Stunden und kostet pro Person 15 0/100 K. Der FluGeugvcttchr mit München wurde verdichtet Der Fahrpreis nach München beträgt 000.600 K., nach Budapest 400.000 K. Weizmann über 7'' _ . Sitte Rede in London aniiißlich der krSsfnung der enMÄen Keren-Haiesiod-Komdagne^ Wie I. T. A. aus London berichtet, hat Präsident Weizmann, der soeben aus Palästina kommt, die Keren- Hajessod-Kampagne in Englanddurch eine groß angelegte Rede eröffnet. Begrüßungen zu diesem Abend sandten Graf B a l f ou r, Sir Allfvcd Mond, der Oberrabbiner von England, Lord Robert Cec.il, Sir Wyndham DeedeS und Lord P arm vor. Dr. Weiznrann führte aus, die Kolonisation an. sich sei schon ein schwieriges Problem; schwerer sei die Kolonisation von Inden; doppelt schwer das Problem der Kolonisation -der Juden in Palästina. Das Land bat unter jahrhundertelangen Bernachläss igungen, unter der Verwüstung der Zeitalter gelitten. Die Malaria wurde heimisch. Und doch siedelten sich Leute an, die keine landwirtschaftliche Tradition hatten. Dr. Weizmann schilderte, wie da's Sumpjiland entwässert, die Malaria ausgemer^t worden ist. Da kristallisierte sich ein menschliches Material, das der Durchführung der mühsamen Pionierarbeit selbst in einem so schwierigen Lande wie Palästina gewachsen war. Die Ansiedlungskosten einer Familie in Palästina betragen heute, ob es sich nun um extensiv« oder intensive Farmbewittschaftung handelt, durchschnittlich etwa tausend Pfund. Dabei wird der Siedler so gestellt, daß er sein Leben selbst aufbauen und sich ohne fremde Unterstützung fortentwickeln kann, so daß er in einem entsprechenden Zeitraum das ihm Vorgeschossene zurückzuzahlsn in der Lage ist. Das Verhältnis ist, mit den Ansiedlnngskcsten in den landwittschaftlichen Distrikten Kanadas oder Kaliforniens verglichen, eingünstiges. Dott betragen die Kosten 1200 bis 1500 Pfund pro Familie. Dr. Weidmann wies auf die schnelle Entwicklung von Del-Airiw, Haifa, Tiberias und Jerusalem hin sowie auf das st ä n d i g e Steigen der Jmmigrationsziffer vom Oktober 1923 bis zum September 1924. Wenn gefragt wird, ob Palästina fähig ist, 1500 Jmmvgrantm im Monat auiiKicnehmen, so ist es j'tzt noch z u f vü h, u m einer n d g ü bt i g e A n 1 w o r t g e b e n zu können. Die bisherigen Immigranten beißen st 400 bis 2000 Pfund, sie hatten ein Gewerbe, das sie -in P>lä- 'tina ausübeu konnten. Die Immigration der letzten Zeit hatte eine beispiellose industrielle Entwickln n g in Palästina zur Folge, Die politische Lage in. Palästina ist dnrch.ArZ zufriedenstellend; die Bestehungen Milchen Inden und Nichtfuden nehmen in dom Prozeß der Arbeit und d-r Koopewtion taglich^ normalere Formen an. Dornige Probleme sind noch nicht gelöst, aber mit Sorgfalt, Vorsicht und Klugheit vermindern sich allmählich die Schwierigkeiten. Dr. Weizmann erzählte, er habe in den Togen des Resch-Haisichanah und des Jom Kippur in Palästina geweilt^ er habe die Einwohnerschaft ganzer Städte!n -die Synagoge wandern sehen; in den Straßen drängten sich Junge und Me, die für den Fortschritt des neuen und des alten Palästina beten gingen. Nachdem Weizmann geendigt hatte, wurde eine Resolution angenommen, die die gesamte er-glifchr Judn-Hvit auffordett, sich für die Kampagne zugunsten des Keren Hastssod zu sammeln. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Während der Versammlung selbst wurden 3 40 0 Psund aufg ebra cht. Streik« in Berlin. Berlin, 10. November. (Wolff.) Wie die Blätter mel- ' den, hat das Verkehrspersonal der Berliner Untergrund- und Hochbahn sich in einer Urabstimmung für den Streck entschieden. Nochmalige Verhandlungen waren von der Direktion abgelehnt und ein Erlaß be-- kanntHsmacht worden, wonach jeder Angestellte, der streikt, als entlasten betrachtet wird. Die Direktion glaubt genügend arbeitswilliges Personal zur Hand zu haben, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Wie der ,^Zvrwätts" berichtet, hat die Beliqgschaft der Berliner Gasbetriebsgesellschaft (früher Englische Gaswerke) in einer Urabstimmung Freitag beschlossen, in den Streik zu treten. Der Streik wird, voraussichtlich heute nachts beginnen, dr die Direktion den LohnfchiadSfpruch abgelehnt hat. Ser Reichskanzler gegen die voiitische Unvernunft. Osnabrück, 10. November. (Wolff.) Reichskanzler Dr. Marx hielt heute in einer hier abgehaltenen Versammlung der Zentrumspartei eine Rede, in der er unter anderem sagte: Wir können unsere Außenpolitik nicht auf Macht aufbauen. Das Eingeständnis dieser Tatsache ist keine Würdelosigkeit und ich bin überzeugt, daß im Auslande dieser Mut zur Wahrheit mehr imponiert, als die Betonung einer Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit, die wir nicht besitzen, sondern erst wieder erringen müssen. Der Weltkrieg ist für uns verloren und eS ist keine Schande, die Folgen des verlorenen Krieges ohne Klagen zu tragen und dem Vaterland aus seiner Erniedrigung wieder emporzuhelfen. Es ist anscheinend für manche Kreise unseres Volkes immer noch unmöglich, sich vernünftig auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Daß wir auf der Londoner Konferenz etwas erreicht haben, beweist am besten die freundliche Zustimmung in den besetzten Gebieten. Die Besserung der Lage ist ein durchschlagender Beweis für die Richtigkeit der Negierungspolitik, und eS ergibt sich daraus als erstes Ziel deS von uns einzuschlagenden politischen Weges unentwegtes Festhalten an der in diesem Jahre befolgten Linie der Außenpolitik. An dem Gedanken der Verständigungspolitik dürfen wir nicht rütteln lassen. Den Weg zur Freiheit können wir bei unserer offenkundigen Schwäche nicht durch Drohungen erzwingen. Fungdentsche LemvelschSnder. Frankfurt, 10. November. (Del. her „Mener Movgettzeittrng".) In Hersfeld sind in der Nacht auf Scvmstcvg juinigideubsche HakenlreUizler in d-ie Syna-goge emgedMngen. Sie brachen die B u n d e s l a d e <l u f und rissen den Vorhang ab, denn sie bmmt ins Wasser warfen. Die Täter w>uirlden eru>iert. Es sind ein Ingenieur, ein Bankbeamter und ein Kaufmann. . AMERICAN TAILORS B rü d er Koch Ges. m. L. H, 8. Bez., Mariahilferstratze 17 Erstklassige Maß-Schneiderei für Herren / Reiche Auswahl in seine« eualischen Stofsen / Eleaante Ausmüruna / Billige Preise Sie Geschichte des Sinowietv-BriefeS' Paris, 10. November. (Tol.-Ko>mp.) Das in ttlssischer Sprache in' Paris erscheinende Organ „M i ljuLo w" bringt nähere Angaben über die Vorgeschichte des Sinowjew-Briefes. Danach hat in Moskau schon feit längerer Zeit ein englischer Spion gelebt, der als überzeugter Kommunist galt und der sich bri dm russischen Machthabern so großes Vertrauen erworben hatte, daß er in die ^meisten Ministerien Zuttitt hatte. Es gelang ihm, bei seinen Besuchen eine Reihe von Dokumenten aus den Mnisterien und auch ans dem Arbeitszimmer Trotzkhs zu entwenden. Hiebei gelangte er in den Besitzder Kopie des bekannten Brieses Sinowjew^ an die englischen Kommünlsten. Mit diesem Brief reiste er unbehelligt nach England ab.' Erst nach seiner Abveife entdeckte man in Rußland, daß man es urit einem Spion za tun gehabt hatte. Einige ihm nachgesandte russische Geheim polisiften erreichten ihn in Berlin, als er gerade ein. Fluazeug zur Fahrt nach London bestieg. Sie ressten ihm nach London nach, um die entwendeten Dokumente wieder zu erlangen. Der englische Spion hatte aber den Brief bereits an die Partorkeitung der konservativen Partei vettauft, dje ihn auch, als die Sowjetregievilng ferne Auswessuna beantragte, in Sicherheit bmchte. Der Handel am da« Kalifat. London, 10. November. „Daily Telegraph" meldet aus Kolnstantinopel, daß der vormalige Scheich der S e n u s f i nach Mekka abgevsist fei, irvo er auf einer Konferenz, deren Zwsammentvitt die >'m Mekka befindlichen Wahabiten gestatten, wahrscheinlich zum Kalifen gewählt werden würde. Der Scheich ist ein eifriger Anha-ngsr der tüttischen Regievung. Nach einer Mekdutng desselben Mattes aus Kairo habe König Ali dem Scheich der Senussi die Durchreiise durch Dschidda und Medina nach Mekka verweigert, da er in ihm einen Ageniten der Angowregiorung erblicke. Gegen Kemal Pascha. London, 10. November. Das R e u t c r s ch e Bureau meldet aus Konstantinopel: 180 Abgeordnete haben ihren Austritt aus der Regierungspartei aügemokdet und beabsi-chtigen, eine republikanische Partei zu gründen. Die Führer der neue>n Pattei, die die Unterstützung von etwa 50 Abgeordneten erwartet, fordern, daß das Recht des Präsidenten, gegen die Auslösung der Nationalersan'mli'.ling sein Veto einzulegen, abgeschafft werde. Dies ist fre erste offene Zwiespalt in der türkischen Innenpolitik seit dem Bestehen der kemalistsschen Bewegung. Vorspiel z«m Vombeawerserproreß. Budapest, 10. November. (Tel.-Komp.) Am 18. November 'beginnt die H a u p t v e r h a n d l u n g im Prozeß gegen den Bombenattentäter Marffy und Genossin. Wie „A Reggel" berichtet, erhielten sämtliche an der Verhandlung bete-ilöigten Gevichtsfnnkti-onäre täglich D. r o h- H r i e f e, m denen ihnen bei Todes st rase n-ih-egolegt wird, ihre Funktionen in dem Pwzeß niederzulegen. Dem öffentlichen Ankläger in dem Prozeß Marffy, Staatsairwailssubstituten Dr. D o r o t s ch i a k, wurde ein solcher Drohbief swährend einer Verhandlung ans seinen Tisch gelegt. 98^302