Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2058 (10.11.1924)
- Date
- 1924-11-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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GeKe L Men. Montag Wiener Mor^enzeituntt. 10. November 1924 Nr. 2088 Kcmrfc4££tv\M r-r^'?*^v«auccrssBm»«a fraget bis ■ 90EBnflcafi.nertirv«i 701 5 Schuhe! mit eingebautem ,rBsrsoi1“-Gumm;-Absatz Vermißt! Fn der Großstadt verschwunden. Sin Lastinrts in die Liese gestürzt. Vier Tote, siebzehn Verletzte. Graz, 9. November. Ans der Bundesstraße Graz— Wien ereignete sich heute vormittags südlich von Peggau ein schweres Antomobilunglück. Ein Lastauw, ans dem sich 2 2 Personen aus den Ortschaften Niklasdorf und Prolev bei Leoben zu der Protesiversamiulnng des Dauernbundes nach Graz begeben wollten, ft nrzt e, als es einem Personcnanwmobil answeichen wollte, den steilen, zur Mur führenden A b v a n f hinab, w obei es sich mehrmals üb er sch lug. Der Obmann des Cttirischen Bauernbundes, Bundesrat Lanner, der Besitzer Johann StrauSinger und der Bürgermeister H o ch f e l l n e r aus Proleb wurden getötet, 15 Personen schwer und 3 leicht verletzt. Nur einem Insassen gelang es, sich durch rechtzeitiges Abspringen zu retten. Eine Ambulanz der Rettungsabteilung der Grazer Freiwilligen Feuerwehr mit einem Rüstwagrn begab sich an die Unglücksstelle. Im Grazer Landeskrankenhaus wurden bisher eine Frau und S Männer eingebracht. G r a z, 9. November. Von den bei dem Automobil- Unglück bei Peggau verletzten Personen ist im Landeskrankenhaus eine gestorben. Autounfall eines Wiener Ehepaares bei Mm* Der Wiener Ar;: Dozent Dr. Werner und seine Gattin erbitten auf der Fahrt nach Wien bei Brünn einen Autounfall, wöbe: beide leichtere Verletzungen «litten. Sin neuer Buch Trotzlir. Gegen die leitenden Sowjelmanner. Der „Prager Presse" wird aus Moskau geschrieben: De Sowjetdiskuffi-on in der russischen kommunistische.!: Partei, die am 13. Kongreß abgesührt raurde und in welcher Trotzki eine bedeutsame Rolle spielte, zeigt «och immer hie und da ihre Folgen. Trotzki h<vt sich zwar dem Beschlüsse des Parteitongresses unterworfen und wurde auch in den Zentrabausschuß des politischen Bureaus gewählt, aber er steht seit lener Zeit denn doch imr abseits und tritt von Zeit zu Zeit in Versammlungen auf, keinesfalls aber in offiziellem Charakter, sondern eher als Typ zweiten Ranges. Zugleich ist Trotzki stark literarisch tätig; er arbeitet gleichzeitig an verschiedenen Werken, die vorwiegend historische Färbung tragen. So gibt er ein mehrbändiges Werk heraus unter dem Titel „Wie die Revolution abgerüstet wurde", er veröffentlicht« eine Sammlung Studien über Lenin, hie er durch neue Beobachtungen zu erweitern gedenkt, und dieser Tage erschien ein neues Buch „1917", das den aus dem b'o lschewikischen Oktoberumsturz erstießenden Lehren gewidmet ist. Dieses mit einem umfangreichen Vorwort versehene Buch ist sichtlich gegen jene heute leitenden Faktoren gerichtet, die sowohl im Exekutivausschusse der kommunistischen Partei wie auch in der Exekutive der kommunistischen International« sitzen, und die seine^eit wahrend des Oktoberaufftandes einigermaßen und für kurtze Zeit von der Linie des damaligen Ze-ntra'lausschuffes abwichen. Gemeint sindhauptsächlich S i n o w j e w und Kamenew. Das Buch hat allerdings in kommunistischen Kreisen große Aufmerksamkeit hervorgerufen, denn Trotzki urteilt darin etwa folgendermaßen: Im Oktober 1917 war es moAich, ein erfolgreiches Rsvolutionswerk nur gegen den damaligen Zentralausschuß durchzufnhren, denn auch Lenin hat sich in gewissen Momenten gegen ihn gestellt. Ist nicht auch heute eine ähnliche Situation eingetreten? Wo ist die Garantie, daß die jetzige Leitung richtig sein wird, wenn die Führerrolle dieselben Leute spielen, denn gegenüber damals Lenin und Trotzki austreten mutzten? Ist die Führung heute überhaupt richtig? Denn als einzige Kontrolle kann heute nur der Oktober 1917 dienen. Kann man denen vertrauen, die unter dieser Kontrolle bei der Prüfung durchgefallen sind? Hat die „Komintern" nicht dank dieser Führung die Niederlage in Bulgarien und Deutschland erlebt? Ist es nicht notwendig, den Oktober 1917 in einer Art zu studieren, damit gerade diese Fragen definitiv beantwortet werden? Auf diesen Komplex von Fragen, die ätzend sind wie Scheidewasfer, antwortet die kommunistische Partei mit einer umfassenden Analyse in ihrem Zeniralorgan. Die Analyse trägt keine Unterschrift, trotzdem sie sicherlich ans maßgebenden Kreisen der Partei und selbst der Komintern stammt und trägt den Titel „Wie es nicht notwendig ist. die Historie des Oktobers 1917 zu Fast täglich liest man kn den Zeitungen von Vermißten, die sich zur gewohnten Stunde von ihrer Wohnung oder Arbeitsstätte mit oder ohne Angabe ihres Zieles entfernten und seither spurlos verschwunden sind. Die nächsten Angehörigen sind verzweifelt und va-tl-os, aber auch die nicht unmittelbar Beteiligten fragen sich, wie eS denn möglich sein kann, daß ein Mensch, ohne auch Nur den geringste:: Anhaltspunkt für fein Verbleiben zu geben, durch die engen Maschen des Netzes, das die Großstadt umfpanrll, einfach verschwinden kann. Meist handelt es sich um junge Leiste und da werden immer und immer wieder die Kombinationen Mädchenhändler oder Fremdenlegion laut. Einer unserer Mitarbeiter hatte nun Gelegeichort, mit dem Chef der Abteilung zur Aufsuchung von V e r m ißten im Sicherheitsbureau eine Unterredung zu haben und sich über diese Frage geimuer zu orientieren. Wie arbeitet die Polizei, wenn ihr eine solche Anzeige übermittelt wird? Sie läßt sich eine genaue PersonSbeschreibung des Abgängigen geben und fragt nach etwaigen Anhaltspunkten über sein Verbleiben. Der erste Schritt ist nun eine Anfrage beim Zw n t r al Meldung Sam t, oL die betreffende Person sich nicht mittlerweile rrgenst.no ordnungsgemäß gemeldet hat, so daß ihr Aufenthaltsort in diesem Falle sofort eruierbar ist. Ist die Person nicht gemeldet, .so wird ein Zirkular mit Personslbefchrelbnng an alle Wachzimmer in Wien erlasien. Zeigt sich nach drei oder vier Tagen noch immer keine Spur, dann wird die Person in den amtlichen „Spähblättern" knrrendiert, daS heißt, der Fall wird nicht mvr in ganz Österreich, sondern auch im gesäurten Ausland, das mit Oesterreich in Polizeiverkehr steht, publik gemacht und bleibt solange anf dieser Liste, bis sich irgend ein« Spur ergeben hat. Zur Ausforschung eines Vermißten spielt der ganze Palizeiapparat. Gendarmerie und Wachstuben werden verständigt und jene Orte und Lokale, an denen sich der Vermißte mutmaßlich aufhalten könnte, werden durchforscht. Wird vermutet, daß sich der Vermißte in die Donau gestürzt hat, so werden alle Stationen bis Budapest und manchmal noch weiter verständigt, um bei einer eventuellen Anschwemmung die Leiche sofort agnoszieren zu können. Erhält die Polizei von dem BeMeib deS Gesuchten irgend eine Nachricht, so »werden die Anzeiger sofort verständigt. Minderjährige werden aufgegriffen, in Schutzhast genommen und über Wunsch der Angehörigen zwangsweise zurückgebrvcht. Meist aber werden diese kleinen Ausreißer selbst abgeholt. Die Spesen, die der Polizei beim Fahnden nach einem Vermißten erwachsen, haben die Angehörigen, wenn sie zahlungsfähig sind, selbst zu begleichen. Es kommt auch vor, da.ß sich bei solchen vermißten Personen nachträglich ein kriminelles Moment hevausstellt, so daß sich das Verschwinden als eme Flucht vor den behördlichen Organen qualifiziert. Solche Leute werden natürlich nicht mehr in der Liste der Vermuten geführt, sondern als Flüchtige steckbrieflich verfolgt. Im Siche-vheitsbureau lausen täglich zehn bis zwölfAbgängigkeitsanzeigen e'm. Don dieser durchschnittlich gerechneten Zahl kommen rund 90 Prozent von selbst wieder zurück. Wirkliche Selbstmörder oder Opfer von Verbrechen sind höchstens A.rwi Prozent und etwa derselbe Prozentsatz ergibt sich für solche, di« spurlos verschwinden. In diesem Falle muß man unaufgeklärte Verbrochen, Unfälle.oder Selbstmord amicTwn, ohne daß die Leiche gefunden wird. Die glücklicherweise sehr hohe Zahl derer, de:veu das Vermißtem nicht allzu behaglich erscheint, beweist» daß die Gerüchte über das n:assrnlaste spurlose Verschwinden vo-n Menschen sehr übertrieben sind. Nickst übertrieben aber ist, daß von den 90 Prozent, die von selbst zurückkommen, 80 Prozent es unterlassen, die Polizei von ihrem Erscheinen auf der Bildstäche zu verständigen, was als bewußte Irreführung der Behörde« gewertet und bestraft werden soll. Ein solches Verhalten bsdeutet eine absichtliche Schädtgmrg des Staates und der wirklich Vermißten. Wenn die Polizei keine Verständigung vo-n dem Austanchen dös Gesuchten erhall, so recherchiert sie weiter, kurrendiert die Abgängigen, fetzt den ganzen Apparat in -Bewegung und schlägt viel Lärm um nichts. Mädchenhandel kommt wohl vereinzelt vor, abe: würde man allen weinenden Müttern Glauben schenken, so müßte sich hier in Wien ein Amschlageplatz für derlei „Waren" befinden, der den Bedarf der ganzen Welt doppelt und dreifach decken könnte. Dem ist doch aber wahrhaftig nicht so. Das Fräulein Tochter oder Nichte hat meist wegen eines Liebhabers einen hätrslichen Zwist, erklärt davonzulaufen oder Selbstmord zu verübeni Im Abschiedsürief steht gewöhnlich: „forscht nicht «ad) mir, ihr «werdet mich nie wieder sehen". In St. Pölten oder Wels überkommt sie gewöhnlich schon die Reu« oder ihr und dom Liebhaber geht da§ Gell: aus und sie kehrt zur Mutter zurück. In ihrem Glücke vergißt diese, die Polizei von dom Wiedersehen zu verständigen und läßt sie ruhig weiter suchen. Bei Knaben ist V:e Sache ähnlich. Die Fremdenlegion müßte die stärkste Armee der Welt sein, würden alle vermißten jungen Leute unter ihrer Fahne diorven. Ist so ein abenteuerlustiger Junge allein, dann kommt er gewöhnlich nickst weit. Sind es aber ihrer zwei, dann gelangen sie oft bis zur Grenze und von dort werden sie, wann sie minderjährig sind, nach -Halste befördert. Mso auch hier wird wieder mit Kanonen nach Spatzen geschossen. z Ein anderer Fall: Eine Reist ins Ausland. Die Verwandten oder Bekannten warten vmr Bahnsteig auf die Ank:mft des Zuges, doch der Avisierte ist nicht drin. Er kommt auch mit dem nächsten Zug nicht. Es ivird sofort nach Wien telegraphiert und von da kommt die Antwort, daß er pvogrammgomäß abgereist ist. Sofort wird die Polizei verständigt, die diese Fälle schon kennt. Es handelt sich nämlich meist um Paßbeanstandignngen tot der Grenze, wo der nicht genügend Legitimierte oft ein bis Ire: Tag< angehalten wird. Nach dieser kleinen Verzögerung trifft er in seinem Bestimmungsort oder, wenn er die Grenze nicht passieren darf, wieder in Wien ein. Die Polizei kann aber bis in den jüngsten Dag suchen, denn niemand findet es -der Mühe wert, sie von dem Eintreffen des Vermißten zu benachrichtigen. Oft ist auch die Post daran schuld, daß Briefe von Vermißten ihr Ziel nie erreichen und Angehörige und Polizei suchen nach Personen, d:e es sich irgend wo recht gut gehen lasten und sich nicht erklären können, daß sie von ihren A-ngohörigen keine Nachricht erhalten. Alle diese Fäll«, in denen die Polizei unnötige Arbeit leistet, kosten Geld und Zeit, kostbare Zeit, in der sie wertvollere und nutzbringendere Arbeit leisten könnte, uw wirklich Verschollene aufzufiuden. R. S. schreiben". Es ist dies ein stltener Fall der Anonymität in der kommunistischen Praxis und eben deshalb ist di« Analyse als Meinung der Partei als Ganges anzusthen. Diese Meinung ist für Trotzki verurteilend und endet mit folgendem Schlußsatz: „Zn diesem Komplex der Probleme und dringenden Fragen bringt Trotzki, dem im Vorjahr der frontale Angriff nicht gelang, den unbefangenen Leser. Aber Genosse Trotzki 'kann vollkommen sicher sein, daß die Partei zur Zeit diese [teile Wühlarbeit zu werten wissen wird. Die Partei wünscht zu arbeiten, sie wünscht aber keine neuen Diskussion e>m. Die Partei verlangt eine tatsächliche bolschewikifche Einheit." Es ist sicher, daß die Dinge ernst sind und daß dieses neue Zusammenstößen zweier Strömungen in der kommunistischen Partei noch seine Folgen haben wird. BuLoHÄna einen bedeutenden Tlustchwung genommen. Der hebräische Landesschulverband Sasa Jbriah hat -im ganzen Laude ein reichverzwe-lg-tes hebräisches Schulnetz, das" aul Kindergärten und Volksschulen besteht. Dar Zentrum der hebräischen Bewegung ist Ezernowrtz. wo neben einer Hebraichen Schule und' oinigen Kindergärten ein Pädagogium zur Heranbildung von hebräischen Kindergärtnerinnen besteht, ln der Spitze des Bukowinaer Tarbu'th steht Dr. Josef Vierer, em aller Vorkämpfer der hebräischen Sprache. Infolge der verschiedenen Verordnungen der rimraNischen Regierung bezüglich der Minoritäten sch ulen sah sich die Bukowinaer Iudenschast veranlaßt, eigene Schulten zu bauen. Unter ^Beteiligung einer großen Volksmenge, die nach Tausenden zählte, und unter Anteilnahme sämtlicher jüdischer Organisationen wurde am 5. d, in der Judengasse der Stadt Czernowitz in der Nähe de» Theod or-He rzl- P lh eS der Grunvstchn für den Ban einer hebräischen Volksschule gelegt. Es ist dies nach Dorna Watra die zweite Schule in der Bukowina mit ausschließlicher hebräischer Unterrichtssprache. Die Staatssprache wir» allobligater Gegenstand unterrichtet werden. Die Uhr im Ministerium. Eine. amüsante Geschichte aus einem der wichtigsten französischen Ministerien, die bisher die Geschichte zum besten gibt, „hängt eine kostbare Uhr auS dem 18. Jahrhundert, ein wahres Wunderwerk, auf das die Sammler und Liebhaber schon lange versessen sind. Eines Abends erschienen nach Schluß der Dienstzeit am Portal des Ministeriums zwei Arbeiter mit einem Handwagen. Sie stiegen zum vierten Stockwerk empor und erklärten dem Schließer: „Wir kommen wegen der Uhr?" — „Wegen der Uhr?" — „Der Meister hat uns geschickt. Sie soll repariert werden und wir sollen sie abholon. Hier ist der Zettel " Der Türfch'icf-cbelah sich das Papier, auf dem" die Uhr, ihre Größe und ihr Stil genau beschrieben waren. Dann sagte er: „Kommen Sie mit," und er führte sie in das Zimmer, in dem das Wunderwerk hing. „Dawitd sie wohl fern." — „Jedenfalls." Und die zwei sl^eiter rückten den Tisch an die Wand, stiegen vorsichtig herauf, nahmen die Uhr liclbevoll und sachgemäß ab. kamen wieder herunter, wünschten einen „Gutem Abend" mid verschwanden aus Nimmerwiedevschen. * Tanzinstitut Hermann Bravn, 14. Bez., Neindorsgasse 4L (Entgeltlich.) reine Seide 88 cm breit ÄE WM M.I^AOt.6R«ASJM '**tfe«Nt762Jilk