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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-09 · Heft 2057 (9.11.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2057 (9.11.1924)
Date
1924-11-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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t. 2ö5t Wm, GW1N4 -*--- WMrv MorMMung^ N. November 1924 “ettc 8 50er freredutigtie meines zwingt midt %u immer neuen JSnstrengungen tkinsidfktlidk der tkotken Qualitäten und niederen Preisen XX., VDattensteinstraße 10 X», &avoritensfa- 98 u. 130 V; tfdkön&runneestr. 105 XXL, Hauptstraße hh Sie Budgettritik des GeneralkommiMis. Verkchrsrückgong auf den Bahnen. — Verminderung des Steuerertrages. Nunmehr liegt der 13. Bericht des Generalkommissärs Dr. Zimmer man, der den Zeitraum vom 15. September Ibis 16. Oktober umfaßt, vor. Er befaßt sich sehr ausführlich mit dem Budget pro 1925 und kommt zu dem Schluffe, daß der Voranschlagsentivurf den verschiedenen BestvMNMvgen «der Genfer Beveinbarungen genügt, sich aber niehr formell als materiell au diese Vereinbarungen hält, obwohl die auf die Führung der Staa-tsbetrieibe bezüglichen Grundsätze befolgt worden sind. Der erhebliche Verkehrsrückgang bei den Bundesbahnen lasse befürchten, daß die neuen, zur Entlastung des Bundesbudgets den Betrieben angelasteten Küsten nur durch eine im Wege von Tariferhöhungen herbeigeführte Vermehrung der Einnahmen zu bedecken fern wevden, das heißt durch sine Per m e h r n n g der Lasten, welche auf der Bevölkerung und Volkswirtfchast ruhen. Das wesentlichste Passivum der StaatAbetvilöbe bilden die Theater. Hinsichtlich der EskomptePolitik der NationaDank stellt der Bericht mit Befriedigung fest, daß das Kommerzportefeuille, das Ende Juli noch 3300 Milliarden betrug, am 15. Oktober auf 2652 Milliarden gesunken war. Genevalkmnmissär Dr. Zimmovman urgiert abermals die Fortsetzung -es Beamtenabbaues (70.572 sind schon abgebaut, die vereinbarte Aibbauzisser von 100.000 l)ätte bereits am 1. Juli erreicht werden sollen). Jur Laufe des September ist keine Freigabe aus dem Aickeiherest erfolgt. Die freien Mittel des Bundes haben sich jedoch erheblich verringert, was eine Verminderung des Steuerertrages vermuten läßt. Mit Genugtuung konstatiert schließlich der Bericht sine wesentliche' Be'jsferung der Nußenhändelsbilanz. Das Defizit der Hemdelsibilanz war im August um 10 Millionen AMERICAN TAILORS Brüder Koch Ges.m. b.H. UÄU- 8. Bez„ MariahUferftraße 17 NF?«? Erstklassige Maß-Schneiderei für Herren / Reiche Auswahl in seinen englischen Stoffen / Elegante Ausführung / Billige Preise Tausend» Läuter Echt Maffersdorf. ca. 70 breit, mit Borde. K 31 Echt Maffersdorf. ca. 90 breit, mit Borde. K 45 Teppiche Velours. 2,3. X 93» Velours, (Schafwolle, 2/3.K I 28« Bettvorleger Boucle ..K 35 Maffersdorfer Velours.K 125 Korklinoleum Goldkronen niedriger als das durchschnittliche Defizit in den ersten sechs Monaten, was durch eine Vermehrung der Ausfuhr erreicht worden ist. . V 9er Bundeskanzler über Krise und Streik. Der Finanzminister droht mit der Abstoßung der Bundesbahnen. Gestern nachmittags fand in den Räumen des Bundeskanzleramtes ein Empfang von Vertretern der Presse statt. Bundeskanzler Dr. Seipel erklärte den Erschienenen unter anderem: Die' Demission der Regierung bitte ich als eine durchaus ernste aufzufassen. Wir betrachten den gegenwärtigen Anlaß als ,, durchaus ernst und werden e^iso unsere Entscheidung für die Zukunft nr allem Ernste davon abhängig machen, welchen Eindruck wir selbst von der Sicherheit, das Sanierungswerk zu Ende führen zu können, gewinnen werden. Was uns gezwungen hat, dem Parlament und der gesamten Öffentlichkeit zu sagen, daß wir nicht unter allen Umständen in der Regierung bleiben können, ist der Geist,, der es möglich gemacht hat, daß jetzt der Eisenbahnerstreik zum Ausbruche kam. Der Eindruck, den wir gewonnen haben, ist, daß eine wichtige Gruppe von öffentlichen Angestellten noch nicht gelernt hat, ihre eigenen Angelegenheiten gegenüber denen der Allgemeinheit recht abzuschätzen. Das Sanierüngswerk beruht auf unzähligen Opfern der gesamten Bevölkerung und es geht nicht an, daß irgendeine Gruppe, um ihrerseits eine Erleichterung zu ergingen, nach Mitteln greift, die die Gesamtheit und damit schließlich auch die eigene Gruppe nur schädigen können. Das darf nicht sein und wir hoffen zuversichtlich, daß diese paar unruhigen Tage des Streiks zugleich zu einer Gewissenserforschung aller, nicht nur der Eisenbahner führen und alle anderen Gruppen — ich denke da an die Bundesangestellten im engeren Sinne und überhaupt an alle — neuerdings sich klar machen werden, daß die Einzelinteressen noch eine Zeitlang stark zurückgestellt und unter die der Allgemeinheit untergeordnet werden müssen. Das allgemeine Interesse, das wir haben, ist, baß das Werk der Sanierung zeitgerecht, das heißt rasch zriMnde geführt wird.. Die in Genf vereinbarten Budgetziffern könnten wir absolut nicht einhalten, wenn nicht Präsident Günther imstande gewesen' wäre, das Reformwerk bei den Bundesbahnen so weit zu fördern, daß er schon für das nach sie Budget kei ne Z u s ch ü s s e vom Bunde mehr in Anspruch zu nehmen braucht. Für uns hängt also das ganze große Sanierungswerk an dieser Sache. Präsident Dr. Günther hob hervor, daß er bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen sei. Die ganze Differenz betrug schließlich nur mehr 3 Prozent, wegen einer solchen Kleinigkeit wäre es früher niemals zu einem Streik gekommen. Finanzminister Dr. Kienböck drohte mit der Abstoßung der Bahnen, wenn das gegenwärtige Regime der Bundesbahnen infolge der Forderungen des Personals nicht ihre Sanierung herbeiführen könne.. ' , \ Auf eine Anfrage bemerkte Dr. Seipel, daß eine Wiederwahl der Negierung nur in Betracht kommen könne, wenn sie den Eindruck gewonnen , hätte, daß die Sanierung nicht weiter bedroht sti. Vizekanzler Dr. Frank entschuldigte die Großdeutschen, daß sie die Deutsche Verkehrsgewerkschaft nicht vom Streik zurückhalten konnten, mit der Erklärung, daß die Verkehrsgewerkschaftler Nationalsozialisten seien. I. OPERNRING 3 KLEIDER * KOSTÜME * MÄNTEL Ct CG ANT 462 SOLID Herbstgedanken. Eine Jeschiwah-Erinnerung. Von Jakob Krausz. ' Der Schinr, der Vortrag, war zu Ende. Er hatte länger gedauert als sonst. Die Mittagsstunde war längst vorüber, die Hörer drängten zur Tür des Beth-Hamidrasch in den hellen, von den wohlig wärmenden Strahlen einer Spätherbstsonne begünstigten Tag hinaus. Draußen vor dem Eingang zur Lehrstube, die durch einen schmalen Gang mit der Wohnung des Rabbiners verbunden war, wartete schon Chane gröhlend, weil der Rabbi so lange auf sich warten lasse, während unterdessen das Mittagmahl zugrunde ginge. „Gewiß habt ihr wieder den Rebbe gerade um die Mittagsstunde in einen Pilpul, einen Disput, verwickelt, nur um mich und die Rebbezin zu ärgern," schalt Chane die Bachurim, die mit diesem alten Hausrat des Rabbiners gerne anbanden. „Man Plagt sich, schindet sjch und schwitzt sich an so einem Vormittag am Herd ab, damit der Rebbe — leben soll er hundertnndzwanzig Jahr — gesund und stark bleiben soll. Man kostet jede Speise acht- und zehnmal, bis man den richtigen Geschmack trifft, und dann kommt die Zeit zum Essen, der Rebbe kommt nicht, der Rebbe ist "nicht da, das Essen verdorrt, der Saft — Chane leckt bei dem Gedanken an den feinen Saft ihre Lippen ab — trocknet ein und das königliche Mahl wird — ich soll mich nicht — ein förmlicher Hundefraß . . An anderen Tagen pflegten die Bachurim den Redeschwall Chanes als willkommenen Anlaß zu ausgelassenen Hänseleien mit ihr zu begrüßen und sie in einen Streit zu ziehen, bis die Rebbezin ihre bittende Stimme ertönen ließ: „Chane, Chane, wo steckst du denn, der Rebbe soll leben, hat schon Moze gemacht, den Segensspruch über das Mot. gesagt!" Diesesmal jedoch herrschte unter den jungen Talmudschülern keine Neigung zu solchen Scherzen. Auf ihren Gesichtern lag ein selten beobachteter Ernst, eine Gedrücktheit, auf manchen auch eine geistige Ermüdung. Drinnen innerhalb der vier Wände des Beth-Hamidrasch hatte es heute einen schweren Schinr gegeben mit einer heißen Debatte, die von Perez Preßburger heraufbeschworen und dann auch zum größten Teil bestritten worden war. Der Rebbe hatte sich auf das Gebiet der Philosophie verloren, * sprach von der Größe und der Macht der Vorsehung, stellte ihr die Kleinheit und Ohnmacht der Lebewesen, vor allem des Menschen entgegen und begründete die Notwendigkeit und Folgerichtigkeit der Ungleichheit der Menschen. Perez Preßburger wagte einen Widerspruch. Besonders gegen die Notwendigkeit der Ungleichheit der Menschen und die vom Rabbi aufgestellte Behauptung, daß nicht die Vorsehung, sondern die Menschen selbst die Ungleichheiten herbeigeführt hätten. Der Disput wurde von Minute zu Minute heftiger, der Rebbe ereiferte sich, zog alle ihm zu Gebote stehenden Ansichten der älteren und der neueren Literatur für seinen Standpunkt heran, worauf Perez Preßburger mit ebenso vielen Gegenansichten anstürmte und sich letzten Endes nicht darüber beruhigen lassen wollte, daß die Menschen ungleich sein und ungleich bleiben müssen. „Gott hat die Menschen nach seinem Ebenbilds geschaffen — schrie förmlich Perez —, Gott selbst ist aber doch einig, einzig und bleibt sich immer gleich. Warum nicht auch die Menschen?! . . Im Beth-Hamidrasch herrschte Schwüle. Die niederen Jahrgänge unter den Talmudjüngern stierten mit'geröteten Gesichtern, unwissend, neugierig in die Lust, bloß ahnend, daß Perez Preßburger etwas Großes, Unerhörtes gewagt hat. Die älteren Semester bewunderten Perez. Während aber der eine der Frechheit, mit der er dem berühmten Rabbi entgegentrat, Bewunderung zollte, staunten die anderen sein großes Wissen, sein tiefes Denken an, wobei sie im stillen dem Rebbe gern eine Niederlage gönnten, wie selbst der loyalste Bürger es gerne sieht, wenn die Autorität bisweilen daran gemahnt wird, daß auch ihre Macht Grenzen haben müsse. Die große Schlacht im Beth-Hamidrasch wurde unentschieden abgebrochen. Sei es, daß der Rebbe sich plötzlich der häuslichen Szenen erinnerte, die ihm Chane und die Rebbezin. wegen Mißachtung des Hausregiments bereiten würden, sei es, daß ihn die fieberhaft geröteten Gesichter seiner Hörer an die Erschütterungen gemahnten, die durch diesen Disput in ihrem Inneren hervorgerufen wurden: der Rebbe schlug den Folianten zu, erhob sich und verschwand in dem Gang, der zu seiner Wohnung führte. Nerez Preßburger hatte an diesem Tag keine Lust, seinen „Kosttag" aufzusuchsn. Die Mittagszeit war längst vorüber und überdies zitterte in ihm noch dieinnere Erregung nach, in die ihn die Disputation mit dem Rebbe .verseht hatte. Als er aus dem Hof schritt, wichen die Kollegen scheu aus, nur sein guter Studienkamerad, Elias Frankfurter, schloß sich ihm wie immer an. Es war ein herrlicher Herbsttag. Die beiden Bachurim gingen, die Vorfälle beim heutigen Schinr besprechend und die Debatte fortspinnend, durch die lange Hauptstraße, die zu den Gärten und Feldern, von denen das Städtchen umgeben ist, führte. „Es ist jammerscha z", begann Perez, als sie den eigenartigen Kontrast, den ihnen der Rundblick darbot, genossen, „daß wir Bachurim und die meisten Menschen überhaupt, unsere Lebensphilosophie und' unsere Morallehre bloß aus den Büchern schöpfen und nicht auch zur freien Natur in die Schule gehen. Blick' um dich, Elias! Gibt es in lausend Büchern der Weisen aller Völker auch nur ein Blatt, einen Satz, der dich der Frage von der Gleichheit oder Ungleichheit im Leben näherbringen würde als sin solcher Rundblick an einem Herbsttag? Alles liegt grau und schwarz vor dir. Die kleine Parzelle des kleinsten Häuslers » ist heute „ ebenso braun und schmutzig, wie die große Tafel des Großbauern oder die endlosen Felder des Grafen oder Großpächiers. Alle Grenzen sind verschwunden. Selbst wir, die wir hier oft im Sommer lustwandelten und jedes Blättchen genau kennen, von jedem Stückchen Erde wissen, wem es eignet, selbst wir vermöchten heute kaum anzugeben, welcher Boden dem armen Bauernknecht gehört und welcher zu den Besitztümern des Gutsherrn zählt. Vor wenigen Wochen noch konntest du es genau unterscheiden. Das kleine Kartoffelfeld des blinden einäugigen Stephan war wie eingeschnürt mitten drin in-den g^nau abgegrenzten unübersehbaren Getreide- und Kukuruzfeldern des Grafen, der sein Gut vom jüdischen Pachter bebauen läßt. , Wenn ich im Frühling und im Sommer aufs Feld gehe und' mich an der Farbenpracht und an dem aufschießenden Segen ergötzen will, da kann ich ein Gefühl von Weh nicht unterdrücken, daß diese Felder so ungleich geteilt sind. Ich denke dabei an die herrliche Verheißung unserer Propheten, die es als das höchste Glück unseres Volkes

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