Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2033 (15.10.1924)
- Date
- 1924-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ITTER ATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG* N ummer 30 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 15. Oktober 1924 ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG', WIEN. II., TABORSTRASSE 1-3 Der Schilderer russischer Leibeigenschaft j Saltykow, „Geschichte und Märchen”. Uebersetzt, ein'geleitet und herawssegeben von Artur L ti t h e r. ln „Meyers Kltissikeraus®a«ben”, Bibliographisches Institut, Leipzig. , Oieser große russische Erzähler und Satiriker, den seine Landsleute neben Swift stellen, ist in Deutschland bisher recht unbekannt geblieben, obgleich ein Vornan von ihm bereits in Uebersetzungen vorliegt, „Die Heren Golowliow“. Die große Anzahl seiner kleineren Schriften aber, die erst, wie Luther in seiner interessanten Einleitung ausführt, ein volles Biild dieses reichen Schaffens zu geben vermögen, kannte man bisher in Uebersetzungen nicht. Der Grund liegt darin, weil diese meist allzusehr auf russische Verhältnisse früherer Zeiten zugespitzt und andererseits mit Rücksicht auf die alte russische Zensur in einer Art von Geheimsprache abgefaßt sind, welche Umstände der Verbreitung im fremden . Gewände sehr hinderlich sein mußten. U-m so dankenswerter ist das Unterfangen Luthers, der liier in schönem deutschen Gewände eine Reihe von Erzählungen des Dichters bfefcet, die eine wirkliche Bereiche-«*, rung unserer Bibliothek der Weltliteratur in deutscher Sprache bedeuten. Ohne Kenntnis des Originals ist ein Urteil' über die Treue der Ueberseizung sowie über den Grad der Konservierung des ursprünglichen Kolorits nicht möglich; von dem Buche selbst ist zu sagen, daß es sich mit wahrem Genuß liest und Saltykows Kunst aufs erfreulichste beglaubigt. Eine soziale Note ist es, welche den gemeinsamen stofflichen Grundakkord für «diese Auswahl bildet: die Leibeigen-’ schalt «des alten Rußland, dieses größte soziale Uebel, bhne dessen Berücksichtigung d'ie gesamte neuere russische Entwicklungsgeschichte unverständlich bleiben muß. Saltykow, der von 1826 bis 1889 lebte, hat in diesen Geschichten, «deren Mittelpunkt die Serie „A U.s deni alteii Poschechomien” bildet, vieles von seinen eigenen Juigendeindrücken niedergelegt und von immer neuen Seiten zeigt sich dias Helotentum der dumpfen, unfreien Massen, über denen eine kulturlose# knickerische, nur auf die Ausnützung des Musohiks.be-' 'dachte Gnindbesitzerkasfce mit größerer oder geringe-' rer Grausamkeit die Knute schwingt, was hier viel-' fach wörtlich zu verstehen. Der Dichter, der hier zum Ankläger wird, wirkt durch die bloße Schilderung und seine scheinbare Objektivität wirkt viel kräftiger als es die stärkste Anklage vermöchte. Er sieht scharf j und stellt psychologisch treffend dar und aus ded vielen Farben seiner Palette erhebt sich in vollster Schärfe ein eindrucksvolles Bild einer Gesamtepoche- Es ist die Epopöe des russischen Musohiks jener Tage, die in diesen Blättern uiedergelegt ist. Den Band leitet , eine mit ,feinster Kunstentworfene ergreifende Kindergeschichte. „Misoha und Warna” ein, die man nicht mehr vergißt, wenn man sie einmal gelesen hat und die folgende Landstreicbergüscliich te „Das lustige Leben” erscheint,' wie die Vorwegnahme des besteh Gorki. Den Schluß bildet eine Auswahl aus Saltykows satirischen Märchen, djf den Dichter von einer neuen Seite zeigen und den Vergleich mit Swift verständlich machen. Die gut geschriebene Einleitung Luthers ent4 hält über den .Dichter alles Wissenswerte. - Diese neue Ausgabe des 'bekannten Verlages, welche unsere Kenntnis russischer Dichter in erfreulich^ Weise erweitert, wird wohl dazu beitragen, daß; der Name Saltykow neben den im Westen bereits bekannten Größen der russischen Dichtung genannt wird, __ ’ —eu^— Kleine Schriften zur Kunst Je mehr - sich «die Probleme der Kunst für dsn flachspürenden Forscher komplizieren, mit desto intensiver NeugiCpde greift «man zu den primitiven Darstellungen älterer Epochen, in dienen noch nichts Vön den komplizierten Forderungen der neueren Kunst- ]ii$toriker. Die Erfassung der Form und ihrer Wandlung; innerhalb der Jahrhuniderte, die Zusammenhänge der bildenden Kunst mit der Biologie lind Psychologie, alil diese Elemente, die die Aufgaben der K«mi5tliistoriiker-von heute zu umfassenden Problemen erweitern» liegen keimhaft in den früheren Schriften biographischer oder rein schildernder Natur. Die Frankfurter Verlagsanstalt A.-G. in Franfurt am' Main hat diese Konstellation richtig erfaßt und bringt in einer Serie kleiner Bändchen „Kleine Schriften zur Kunst”, Ausgaben älterer Kunst- und Lebensgeschichte, die als Vorläufer der heutigen Kumtgeschiohtsschreitoung gedient haben, ab eine Art historischen Rückblicks über ein Forschungsgebiet, das gegenwärtig nach durchaus neuen Prinzipien durchschürft wird. Ascanfo C o n d i v i schildert „D a $ Lebend e s Michelangelo Btionarotti”, seines großen Meisters, im Stil einer Legende «und mit einer Wärme, die aus Bewunderung und Soheu «gemischt ist. Von Johann Winkelmanm, dem Begründer der. deutschen Kunstwissenschaft .qnd -einseitigen Betrachter der Antike, liegt die Schrift „VomUrsprungder Kunst” vor, jene Arbeit, die zuerst Lessing, später Goethe zu Grundlagen ihrer Kunstbetrachtung verwendet «haben. Der durch Alfred Lichtwark dem deutschen Kunstleben wiedergegebene Philipp Otto Rung e zeigt sich in seinen „Betrachtungen über Kuh stund L e.ben” als vorausähnender Geist,' der «das Wesen des Lichts und der. Farbe in neuer Auffassung darlegt. Diese kleinen Schriften.zur Kamst sind •lebendiges Material, hauptsächlich für diejenigen, denen persönliche Dokumente schaffender Geister «mehr geben als trockene Tatsachen. o-r. Das ebendiie 1 1 verlangen Sie von f 88 P Sa HELLER fBU&UMr 1881 81 I. Bauernmarkt lllilll kostenlos! mnwn x,«k,**r> imasniMmaoi DER WOCHE STETS Ski Wilhelm Braumüller & Sohn Wien, I. Q r t b e n 21 Ein Buch des Protestes* Ernst S pi t z : »Du gelist vorbei . . Berichte aus österreichischen Gefängnissen. (Maldk-Veriag.) Ein Bericht von der Front des .Elends an die Apathischen des Hinterlandes. Schwer kontrollierbar, schwer anzutasten. wie es «die-Berichte der Kämpfenden für die erschütterten Zuhörer waren. Der leise Zweifel in die Wahrhaftigkeit der Anklagen, der manchmal aufsteigt und sich stellenweise zur Gewißheit verdichtet, hat mit amtlichen, Berichtigungen und Zeitungspolemik nichts zu tun. Ich muß hier auf kurze Zeit aus der Reserve des' Kritikers hervortreten und persönlich werden. Ich kenne die Hölle, die -der Verfasser hier schildert, nicht aus eigener Erfahrung. Zur Steuer der Wahrheit gesagt: lei-der.; Ich kenne die Qualen der Gefangenen aber nicht nur aus unzähligen Besuchen und Besichtigungen in Gefangenen« häusern, die wohl auch heute noch das Odium der Un-, Zuverlässigkeit an sich tragen, sondern, aus zahlloser! Gesprächen mit entlassenen Häftlingen aller Bildungsgrade.' Ich habe ein ganzes Nachrichtennetz ausgespannt, habe Vertrauensleute ausgestellt, die mir Beschwerden. Kost- ’ zettel und Aufzeichnungen Überbringern Die Summe dieser Berichte ist: Die Leiden des.Haftlings sind für den Freien unvorstellbar. Die Wirkung der Haft Jn körperlicher und seelischer Hinsicht katastrophal.. Der ganze Zustand, in dem sich Justiz und Strafvollzug heute', befinden, unhaltbar und beschämend. Das brennende Problem unserer Tage. Und dennoch hat Ernst Spitz In vielem unrecht, Er bringt falsche Daten, falsche Zahlen, deren. Unrichtigkeit ihm jederzeit nachgewiesen werden kann. Er hat tausendmal recht, wenn er über die furchtbaren Wirkungen der Haft spricht,. aber er hält sich nicht streng an die Wahrheit, 'wenn er von der Beschaffenheit des Brotes erzählt. Er hat recht, wenn er den unwürdigen Zustand gewisser hygienischer Maßregeln geißelt, und irrt sich, wenn er von den Geschehnissen bei seiner Aufnahme berichtet,.Man er-, widere nicht, «daß es sich hier um Belangloses handle wo es ums Ganze geht. Dieses Buch ist eine Aneinanderreihung zahlloser Anklagen. Und da muß jede Anklage bestehen können. « Eiin Beispiel: „Den Wächterdienst im Gefangenenspital verrichten geistliche Schwestern. Ich h ö r t e in der Zeit «der Haft merkwürdige Dinge von ihnen. Man erzählte mir, daß Sträflinge, die recht fleißig beten, schon im Dies-' seitS; Seelentrost erhalten. Darüber kann ich aber aus eigener Erfahrung nichts aussagen.“ „Man erzählte“ — „ich hörte.“ Derartige Beschuldigungen darf man aus ..man erzählte“ und „ich hörte“ nicht aiifbauen.. Auf Gerüchten können keine ernsthaften Anklagen aufgebaut werden. Sie verwandeln sich in haltlose, unwürdige Klatschereien und vermindern in ungeahnter Weise die Wirkung der wirklich fundierten, schwerwiegenden Behauptungen. Die Gefangenen, alle, auch die hartgesottensten Sünder und Stammgäste des Grauen Hauses, befinden sich in einem ewigen Kriegszustände mit der - Weltder Freien, ihren Verordnungen üiid Gesetzen. Sie sind in'Aufruhr oder in Lethargie. Weder «der eine noch der andere, Zustand ist «der‘Boden, aut .dein konkrete Anschuldigungen gedeihen. In einer derartigen Erregung wird auch dieses Buch, das ciin Mensch schrieb, der wegen eines lächerlichen Deliktes Uctks $abw Heim bat in den- Kerker geworfen wurde, entstanden sein. Seine Empörung und die seiner Leidensgenossen äst nur., allzu berechtigt. Hier aber ist sie von Uebel, besonders wenn sie sich gegen die Vollstrecker" der Gesetze wendet und nicht gegen die Befehlenden. ' Ueber dieser sachlichen und prinzipiellen Auseinandersetzung aber steht das unantastbare und heilige Recht des Pr ote st.es! Her ist kein Schrei' laut genug. Die schön und beruhigend bemalten Kulissen, vor denen . sich‘das Theater einer Justiz abspielt, verdienen niedergerissen zu werden. Und in diesem. Sinne sei das Buch als ein Anfang willkommen. ' F M. LEBEN IM BUCH Unsterblichkeit des Theaters. Ueber das Theater wind jetzt mehr als je geschrieben, von Männern vom Bau, die man nicht-«lesen kann, weil sie nicht schreiben können, und von ledergewandten Außenseitern, die den Mechanismus des anmutigen Ringelspiels nicht kennen. Gilbt aber . Friedrich R o s.e n th a l, «der Dramaturg und Regisseur des „Deutschen Volkstheaters“, unter dem obenstehenden Titel den Versuch einer Kulturgeschichte der deutschen Bühne,*) so hat man däe Freude, daß ■ einer vom Metier nicht nur schlecht und recht «die Feder führen kann, sondern so schreibt, daß sein Buch, man mag sachlich zustimmen oder nicht, formal ein' Genoß ist. Eine ehrliche Wärme schlägt dem Leser entgegen, mehr, jene Theaterbesessenheit, ohne ,«die: in der Weit der Kulissen nichts Brauchbares zustande: kommt. Für Rosenthal ist das Theater wirklich der Tagtraum des schöpferischen Kunstmenschen,. unerfüllte Liebe läßt ihn pessimistisch von der Gegenwart und optimistisch von «der Zukunft des Theaters reden. In Würdigungen großer Bühnenleiter — aber Sohlenther vermag ich trotz Rosenthals Pläidoyer nicht zu diesen zu rechnen —gibt «er; siedii Ideal der Bühnenkunst. das ein unchauvinistisch-natiionales ist, Wenn der erste Leiter der österreichischen Wanderbühne, der wenig Glück beschieden war. sein Kind verteidigt und in der Wanderbühne (ähnlich wie Rudolf Hans Bartsch) überhaupt den Typus der nächsten Zukunft sieht, wer •wollte, auch wenn.er da kühler denkt, mit. dem Enthusiasten darob rechten? Die kräftigen Worte gegen den Kimstyerderb der Vereinigung mehrerer Bühnen in einer Hand, gegen die Ta-peziererdramaturgie, die jetzt in einer Ausstellung zu zeigen vermag, yrie überflüssig, ja. störend, ihr der. Autor des auf zuführ enden Werkes, ist, („Los von der Dichtung!“ könnte als Leitspruch über dem Eingang stehen), der Vergleich Dingelstedts mit Reinhardt, der beide klar beleuchtet, der gut pointierte Satz.: ,Die Gebende ist romanisch, das Wort deutsch“ werden jedenfalls, der Zustimmung nicht weniger begegnen. .Soll, ich sagen, was mir am besten an «dem mit wenig bekannten Porträts ausgestatteten Buche gefallen hat, so nenne ich das schöne Kapitel ’ über Otto Brabm. Schon um desseniwillen verdient-as Werk zahlreiche Leser. . . Ny. In Dur und Moll nennt Heinrich Grünfeld seine im Verlag Gr e t hl ein u. Co. in Leipzig erschienenen „Begegnungen und Erlebnisse aus 50 Jahre n“. Heinrich .Grünfeld ist der Bruder unseres unvergeßlichen M'eisterpianisten, und wie Alfred in Wien auf seinem Flügel, so sang’ sich Heinrich in Berlin auf seinem Cello tief in die Herzen der Hörer. Gleich Alfred ist auch Heinrich, der angehende Siebziger, nicht-nur ein pflichteifriger Künstler, sondern auch ein lebensfroher Genießer und der Liebling von; reich qnd arm. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er mit der naiven Selbstgefälligkeit eines vom Glück begünstigten Künstlers, dem viel, sehr viel Dur und nur wenig Moll’ auf, seinem Lebenswege begegnete, von seinen Beziehungen zu vier Hohenzollern,. er schildert die künstlerische und die gesellschaftliche Fassade Berlins iir der Wilhelminischen A'era, er spricht von seinen Kunstreisen durch die affe und neue Welt und bringt'mehr öder weniger kurzwellige Geschichten und Anekdoten über Kunst und Künstler. Über L’Arronge und Gerhard Hauptrnann, 'über Bülow, Joachim und Brahms, den ..Schimpfoniker“, und sieht, die Dinge durch das heitere Temperament eines Künstlers. des Cello und der Lebensführung. ilb. Emil Felden: „Menschen von morgen.“ Ein Roman aus zukünftigen Tagen. Ernst Oldenburg-Verlag, Leipzig. In diesem guten und ernsten Buch, das .bereits f» 19. Auflage erschienen ist, wird uns in anschaulichen Bildern, die das. wirkliche Leben spiegeln,, die Realisierung eines Wirtschaftsplanes vorgeführt, wie er in Popper- Lynkeus’ großem Werk ..Die allgemeine Nährpfldöht“, mit Berücksichtigung aller Details, und-, mit erschöpfenden statistischen Belegen, dargestellt; wurde. Die Abeätsdienstpfliclvt in der Minimum- oder Nähmmee, in der alle Staatsangehörigen, die Männer vom, 16. bis 30., diie .Frauen vom IS. bis 25. Lebensjahre ihren sozialen Pflichten' zu genügen haben, .wird, zur Grundlage eines geordneten Staatswesens, in dem es dank der planVoll geleiteten Arbeit aller für alle weder Hunger noch Sorge und: auch: keiine Angst vor hereind rechendem Elend geben kann. Konflikte, wie sie das Zusammenleben der Menschen, mit sich bringt» werden auch dann noch bestehen, aber — und .dafür gibt uns Felden einige schöne Beispiele ~ der furchtbare, man möchte sagen, lebensbedrohende Charakter ehelicher oder * München, Gunter Langes, 1924.. BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN. I. ROTENTURMSTRASSE 22