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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-15 · Heft 2033 (15.10.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2033 (15.10.1924)
Date
1924-10-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2033 Mm, Mstwo'ch t!t HandelsvertragÄikrhaMnrigen mit der Lschecho-Slowakei. Keine Schwierigkeiten mehr. Die tfchecho-slowakis<hen - Delegierten D v o t a c c f, G Hönbach ititb Dvorak sind Samsteg aus Wien in Prag cingetrofsen, um mit einigen beteiligter! W irisch astsKruPpeu Bestechungen zu pflegen, die mir der Erledigung der letzten Ineritorischen Fragen des tschechisch-österreichischen Handelsvertrages zusammeu'hängen. Die drei Delegierten begäben sich gestern Mieder nach Wien zurück. Wie das „Prager Tagblatt" von kompetenter Stelle erfährt, bestehen nunmehr keine Schwierigkeiten, die den Abschluß des Vertrages verzögern könnten. Es handelt sich nur noch um die technische Frage der Redaktion. Reue Zimmgesetze. Für die am 21. d. beginnende Session des Nütionalrates bereitet die Regierung unter anderem die Einbringung nachfolgender vier Gesetzentwürfe vor r ein Bankendepotg e s e tz, einen Entwurf znm S ch n tz e der Geldeinlagen, ein Gesetz über die Eins ü h r u n n g der Chartered Aceo o'n t a n t s und schließlich das Gesetz betreffend den ll e L e r g a n g zur Schilling- Währung. __ Aotpreis und Saftet.* Abschiebung der Jndexsestsetznng ans morgen. Amtlich wird mitgeteilt: .Die paritätische Kommission, der -ie „Abgabe von Gutachten Wer die Verteuerung oder Verbilligung der Lebenshaltung von Monat zu Monat" obliegt, wurde vom SBitnfbe§ntini'ftct für soziale Verwaltung, wie allmonatlich, für gestern einbcrusen. Da Vt erste Sitzung dieser Kommission heute vormittags ohne Beschluß endete, berief der Minister für nachmittags eine neuerliche Sitzung ein. In dieser erhielt eilt Antrag, heute ein Gutachten zu beschließen, n i ch t d i e Mehrheit. Die Sitzung wurde unterbrochen und soll morgen fortgesetzt werden. Der Stichtag, auf den das Gutachten abzustellen ist, bleibt gemäß der Bestimmung des Gesetzes, daß das Gutachten über die Verteuerung oder Verbilligung der Lebenshaltung „von Monat zu Monat" abzngeiben ist, selbstverständlich der 14. Oktober. Die Vertagung der Jndexfostsetznng ist. daraus zurückzuführen, daß die Höhe des Vrotpreises m der abgelausenen Bemessungsperiode strittig ist. Uobcrdies will man anscheinend den Abschluß der Verhandlungen der Regierung mit den Broterzeugern abwarten. Die Brot fab er kanten beim Bun deskanzler. Die Vertreter der Wiener Brotfabriken erschienen gestern Leim Bundeskanzler Dr. Seipel, der sie in Anwesenheit des Vizekanzlers Dr. F r a n k empfing und einleitend bemerkte, daß er der Deputation gerne Gelegenheit gegeben habe, ihre Wünsche Vorbringen; für Verhandlungen zwischen der Ser verkannte Pattiot. Von I Anatole^ France, s Franleiu- Bevgvvet schwieg und lächelte still vor sich hin, was sonst nicht ihre Gewohnheit ivar. ,Mrvume lachst-du, Zoe?" „Ach, ich dachte an Emil Bvnomt." „Was, Zoe, du denfft an diesen ausgezeichneten -biensichen, den wir so lieb hatten Minib den wir beweinen, und du kannst laichen?" „$dfj lache, weil mir einfrel, wie er früher war, und alte, Evinmeknmgen sind.'immer die stärksten. Du müßtest üibvigens wissen, Lncien, daß nicht jedes Lachen fvondigor Art ist, wie auch' nicht alle Tränen schmerzlich zu sein brauchen. Muß ich altes Mädchen dir das erst sagen?" „O nein, Zoe, ich weiß wohl, daß das Lachen der Effekt eines nervösen Reizes sein kann. Ms Frau Euistine von ihrem Gatten Abschied nahm, der von dein revolunionäven GvrichtHvf zmn Tode ve-rurteilt war, wurde sie im Gefängnis von ciatout konvuilsibischen Lachen bc fallen beim Anblick eines Gefangenen, der an ihr vor überg i ng in Dchlasvock und Nachtmütze mit gepudertem Gesicht, einer! Leuchter i>n der Hand." „Ach, du oist w.mderlich, Liueien! Ich habe niemals derartige sondevbave Einfälle. Ich lachte, tveil ich mk n>nfern Freiwild Bineeiüt vorstellte, wie. er im Leben war. Weiter ttichts, und das i'ft am Ende ganz natürlich. Ich trmrre dennoch in meinem Herzen mn ihn, denn wir hatten keinen besseren Freund als ihn." „Ja, Zoe/ ich hatte ihn auch sehr Leb, und gerade wie du möchte ich lachen, wenn ich an ihn denke. Es ist seltsam, ioie in diesem kleinen Körper ein so starker militärischer Geist steckte und daß er trotz seines Puppengesichtes eine so heldenhafte Seele hatte. Sein Leben verlief m der Vorstadt einer Minien Prov-inzstadt sehr ruhig. Er war Büvstenfabvikamt, aber das füllte sein Herz nicht ans. Er war auffallend klein und doch außerordentlich inartialisch, ein eifriger Bürger und begeisterter Kolonist", sagte Herr Beivgeret. „Ja, N'Nid ein guter, rechtschaffener Mensch", pflichtete Zoe bei. „Er hatte den Krieg von 1870 rnitgemacht, Zoe. Damals ivar er 20 Jahre alt und ich war eben zwölf geworden. An einem Tage jenes schrecklichen Jahres kam er mit lautem SäbelgevaM in unser friedliches .Haus, um uns. Lebewohl zu sagen. Er tvug ein Schrecken erregendes Kostüm Sims Freischützen. Aus dem scharlachrvien Güvtel Wiener Morsenzeitnns. ^si n I1 feinste T^misch ungen Regierung uiiö den Brotfabriken bestünde jedoch kein A -n 'l a ß. Bon seiten der Brotfabriken wurde . der Wunsch nach Ausgabe behördlicher Richtlinien für die Kalkulation des B r o t p r e i s e s torgdbvacht, um den Fabriken die Möglichkeit zu gaben, der Steigerung der Mehlpreise Rechnung zu tragen, ohne sich der Gefahr strafgerichtsicher Verfolgung anszusetzeic, die auch bei gewissenhafter Preisfestsetzung bestehe. Die Mitglieder der Regierung verwiesen darauf, daß die freie Preisbildung auch bei der Erstellung des Brotpreises zur Geltung kommen müsse. Die von den Brotfabriken gewünschte Mitwirkung der Regierung . bei der Brotpreisfestsetzung läge weder im Interesse der Erzeuger noch in dem der Verbraucher. Es müsst Loch bei den Brotfabriken als selbstverstäMich vorausgesetzt werden, daß sie in der Lage seien, auch ohne b e h ö r d l i ch e Anleitung eine Preiskalkulation cmfzustellen. Eine Aushebung des Preistrerbereigesetzes sei in Zeiten ansteigender Preisbewegung nicht möglich. . . - Die Vertreter der Brotfabriken erklärten, daß sie am Donnerstag über ihr weiteres Vorgehen beschließen wecken. guckten, die Griffe van zwei alten Pistolen, und tote man NMnchmal noch in tragischen Stunden lachen nmß, hatte die Laune irUend eines obskuren Waffenhändlers ihn in sorgloser UnlwWnhsit cm einen mächtigen Kavalleiriesäbel gehängt. Bitte, Zoe, mache mir keinen Vorwurf aus dieser Mdeblüte, sie stammt nicht von mir, du findest sie in einem Brief van Eioero: „Wer," sagt den Redners „hat meinen Schwiegersohn an diesen Säbel gehängt?" Was mich am meisten in Erstaunen setzte am der Eqniipismng unseres Freundes Vincent, daß war dieser riesige Säbel. In meiner kindlichen Phantasie verband ich damit die Hoffnung auf Sieg. Du, Zoe, schienst den Stiefeln mehr Beachtung zu schenken, denn dn sagtest:. „Siehe da, der giostieselte Kater!" „Hab' ich >da's gesagt? Der arme Vincent'." „Mache dir keinen Vorwurf darans, Zoe. Uärda^ne d'Abrantes erzählt in ihren Memorren, daß m kleines Mädchen auch einnml zu denr jungen mageren Bvnaparte „zestie stlie r Kater" gesagt habe, als sie ihn eines Tages' in sein-wn lächerlichen Aufpige als General der RspMÄ sah. Bonaparte hat es ihr nie verziehen. Unser Fvennd war großzügiger und nahm es nicht weiter übel. Emil B-iiNveut' kam mit feiner Kmnpagnie zu 'einem General, der'die Freischützen nicht leiden konnte und der zn ihm sagte: Es genügt nicht, sich in Mwkerade zu werfen, man umß sich auch schlagen."' Unser Freund Vincent avahm diese höhnische Bomer-! kuurig ruhig hin. Er benahm sich bewüridemngswürdrg während des MMN Feldzuges. Eines Tages sah man. wie «r auf die foi'Ndlichen Vorposten losging, mit der Mr-tst eines Helden, kurzsichtig, ivie er war, konnte er"kauin drei Schritte weit schen, aber nichts hätte ihn bvw>egen können, umznkchrerr. , Während der dreißig Jahre, die er noch lebte, dachte n, während er seine Bürsten fabrizierte, unablässig an diese Monate im Felde. Er las alle militärischen Zeitnngrn,. präsidierte, bei den Zusammenkünften mit seinen früheren Wilsscnbrudern und lvar bdi allen Denkillaisent- -hüllnngen, die den Kr-iegern von 1L70 bis 1871 galten, dabei. Er hielt dann flammende patriotische Redelt, nüd! hierbei muß ich an eine Szene menschlicher .Komödie . rühren, deren trübseli-ge Possenhaftstkeit man später einmal begreifen wird. Nämlich im Laufe der Dreysns- Afsäre hatte Vincent gesagt, daß Esterhazy ein Schuft und ein Verräter sei. Er sagte es, weil er es wußte und Mil " - r iS. OAvVer 192^ Solle 3 Äüesüettcht. fas Sirde der „Libre Parole". Das antisemitische Sudelblatt Frankreichs eingegangen Ans Paris wird uns geschrieben: Das Ereignis de- Tages ist der totale Zusammenbruch des einziger! antisemitischen Hetzblattes in Frankreich, der ,/Libre Pa^ rote". Dreißig Jahre fristete dieses Blatt ein allerdings recht erbärmliches Dasein in Paris, und wenn es unfangt auch einen Leserkreis erivarb, tvas der loiderrschaftlichev Tonart Edouard D r u m o n t $ zuzuschreiben war, schwanden doch von Jahr zu Jahr die Leser und nun, da dar Blatt einging, schreiben die Zeitungen, daß es zum Schiltsgar keine Abonnenten mehr hatte. Drnmont, der Gründer dieser Zoitnitg, hatte seinerzeit mit seinen Buch: „La France Juive" Attssehen hervorgerufen. In diesem Machwerk wurden zahlreiche Persönlichkeiten der Pariser Gesellschaft beschimpft; — mtb dergleichen lockt immer Leser, allerdings bloß moralisch ticsstehende an. Charakteristisch oder eigentlich selbstverstäichlich war, daß Dvnmont seinetl Wohltäter P e r e i r e, eitlem berühmten jüdischen Bankier, in nichtswürdigertveise angriff, und zj.nar aus dem' Grunde, weil dieser ihn nicht zum Eheftedaktonr der liberal-radikalell Zeiillilg „L a Lrberte" machen wollte. Me die meisten Antisemiten nn-d Reaktionäre, verließ alich Drnmont das Lager des Freisinns, weil er gl'aubte, durch seinen Gesinlmngswechsel ein besseres Geschäft zu machen. Ohne Skrupel — wie alle Leute seiner Art — versuchte er durch AnschMigmlgen und Verdächtigungen die Leidenschaft e it der Menge aufzustacheln. Seine Intrigen und Lügen konnten Wohl dem Antisemitismus in Frankreich keinerlei Bedeutung im politischen oder sozialen Scöen verschaffen, denn alle Politiker wandten sich mit Ekel von diesem Treiben ab, doch den Tod zweier Ehrenmänner habe er ans dem Gewissen, die seine Insulten rmd Gemeirlheiten sich leider allzu sehr zu Herzen nahmen. Trumont starb im Elend und nun stirbt ihm sein Blatt nach. Nnatole Frame. Aus Paris wird gemeldet: Heute wurde von dem Antlitz des toten Dichters Änttole F x anct ein Gipsa b d r u ck abgenommen und der Setrfimmt sodann e i nb a l s a m i e r t * Heute abends wird die Leiche ein g e s a r g t. Die Beisetzung erfolgt Freitag in.o r g e n s in Tours. Ne Verteilung des deutsche« Friedenspreises. Aus Berlin wird gemeldet: Das Preisgericht des deutschen Friedenspreises hat llunmehr sämtliche Preise festgesetzt. Es wurden verteilte Z w e i h a l b e e r st e P r e i s e zu je 2500 Dollar cm das Mitglied des deutschen Reichstages Dr. E. D a v i d nud Dr. W. Ri e tner (Solln); der z w e it e P r e i s im er viel zu chrbich war, unr aus der Wahrheit ein Hehl zu. machen. Aber von diesein Tage an betrachtete inan ihn als einen Feind des Vaterlandes und der Armee. Er wurde a-ls Verräter lrnd Ausländer behandelt, Der Kummer darüber beschleunigte sein Herzleidelt. Als ich ihn das letziemal sah, sprach er voll der Strategie rlnd Taktik. Das war sein Lieblingsthema. Obgleich er in dem Feldzug von 1870 His 1871 die größte Unordnung und Berwirvung erlebt hatte, war er doch davon überzeugt, daß die Kriegskunst erha-ben sei über alle anderen Künste. Und ich fürchte,, ich habe ihn erzürnt und immer Ansch-mung, daß es eigentlich, richtig genommen, gar keine Kriegskunst gibt, daß man vielmehr während des Krieges alle Friedenskünste anwendet: die Bäckerkunft, die Hnsschuriedekunst, die Polizei, die Chemie usw." ,/Warum sagst du auch so etwas, Lucien?" „Aus UeberMgnng, Zoe. Was mau Strategie nennt, ist im Grunde die Kunst, welche die Agentiur Cook <*11*511*. üben pflogt. Sie ^besteht in der Hauptsache darin, über die Flüsse mittels der Brücken, p. gelangen unS> über die Borge vermittels der Gipfel. Was die Regeln -der Taitik anbelangt, so sind sie gefährlich. Die großen Heerführer richten sich nicht danach. Ohne es einzugestehen, überlassen sie vieles dom Zufall. Ihre Kunst besteht darin, Bovurtei-w zu schaffen, die! ihnen günstig sein können.! Es ist nicht lei^chtes zu siegen, wenn man.für n-nbosieg- I bar gehalten wird. \ Nur auf der Karte lM eine 'Schlacht ein goregelies j Aussehen und.wird von einem höheren Willen beeinstnßt."! „Der arme Bineent," seufzte Zoe. „Er vergötterte das Militär. Und ich bin überzou-gt wie du, daß er seist darunter gelitten hat, als die Leute von der Armee ihn als Feind betrachteten.-Die Generalin Carrier hat ihn sehr schroff behandelt, obwohl sie wußte, daß er sehr freigebig wir bei militärischen Liebes werken. Aber als sie hörte, daß wr Estevhazh einen. Schmlen genannt hatte, brach sie alle Beziehungen mit ihm ab, und zwar schommgslos. Als er sie näuAch besuchte, trat sie ganz nahe an die Tür des Zimmers, in tvelchenr er ivartete. und ries: „Sagen Sie, ich wäre nicht zu Hanfe!" U nd >dabei ist sie MMulich keine Wechte Frau." „Nein,, sicher nicht," cvwidevte Herr Bergeret. „Sie hau- ,beite ans einem Gefühl heiliger Einfalt, von beim es zu früherer Zciit noch ganz andere bswundevuingswürdige Beispiele gab. Wir besitzen nur noch höchst mitebmäßige Tugenden. Und der arme Emil ist tatsächlich aus Kummer gestorben."

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