Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2033 (15.10.1924)
- Date
- 1924-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' VM I Wien, Mittwoch .*■ ' -■ ~... . Vielleicht trug an dem Scheitern der NerHand- , Zungen zwischen Zaglul Pascha und Ramsay Mac Dottaflb auch die Nervosität schuld, die in den letzter! Tagen das britische öffentliche Loden beherrscht hat. Die latente parlamentarische Krise hat nun ihr Ende gesunden und England steht wiederum vor Neuwahlen. " Es ist unwahrscheinlich, daß diese Wahlen grundlegende Aenderungen in der' Zusammensetzung des britischen Parlaments und damit in der Führung der britischen Politik bringen werden. Die Lahour Party geht mit gutem Mut in den Wahlkampf, und es steht zu erwarten, daß sie eine Anzahl Sitze gewinnen wird, kaum aber so viel, um über die Majorität im Unterhanse zu verfiigen. Die jüngste Vergangenheit hat aber gelehrt, daß die Politik aller britischen Parteien dem vorderen Orient gegenüber fast identisch ist. Insbesondere ist die Stellung aller drei Parteien dem Palästinas) pMem gegenüber die gleiche. In dem WahRamPf wird sicher di« Räumung Mesopotamiens und vielleicht auch die Räumung Palästinas eine wenn auch durchaus nicht hervorftecheM Rolle spielen. Aber, wie wir schon oben ausgest'chrt haben, wird der Besitz Palästinas immer richtiger. Was Mesopotamien anbelangt, so hat der englische Bevollmächtigtein Genf wiederum erklärt, daß Mesopotamien in spätestens vier Jahren unabhängig werden soll, wenn auch wohl Großbritannien auf eine ähnliche Einflußnahme wie in Aegypten nicht verzichten wird. Die große Linie der britischen Politik im Nahosten ist jetzt festgelegt und wird keine Aenderungen in der nächsten Zeit erfahren. Der Traum eines großen vorderorientischen britischen Emstußgobietes, den Äord Cmrzon und Churchill gehegt haben, ist wohl endgültig, zunichte geworden. Die Absetzung König Husseins war vielleicht der letzte Schlag, der ihm versetzt wurde. Sollte auch eine konservative Regierung wieder die Leitung der Politik übernehmen, so ist ein Zurückgreifen aus die alten ehrgeizigen Plane Churchills nichtzu erwarten. Aber ebensowenig wird die britische Politik von der ruhigen Linie der BÄvahrung eines festen Standpunktes im vorderen Orient abgchen, selbst wenn ein Labour- Ministerium wieder die Regierung übernimmt, und selbst dann, wenn es die-parlamentarische Mehrhrit hinter sich hat. Dies haben die Erfahrungen der letzten Wochen und die Verhandlungen Ramsay Mac Donalds mit Zaglul Pascha deutlich bewiesen' Die Kömpse im Irak. London, 14. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Komm-airsa-nt der englischen Trupipen im Irak hat dstt Besehlshaboc der in Ms Wilchrt Mossul' e-iüIes-allenen türkischen Luppen au-Morvwr, ftürc DtreUrLf-de sosort zu- MSgutziche-n, widrigenfalls er gazwungen wäre, mü b-ewafs. nztzx Hand deren Ans Weisung vouznnehtneii. Einer Meldung aus Angora zufolge hat die türkische Regierung der Kolmuawdant-sir der an der Grenze von-Mossn-'l stehendeic Truppen ernMchtigt, alle Maßnahmen zu-ergreifen, die -ihm drvrch die Lage als geboten erscheinen u»vd -sich .vom militätischen Standpnickt aus rechtfertigen lassen. Der türkische Kviegsnnnistcr für eine diplomatische Regelung. Angora, 14. Oktober. Der .llviegsminister erklärte es für möglich, auf diplomatischem Wege die Frage der Irakgrenze zu l>« reinigen. Die Türkei habe Maßnahmen getroffen, um jeder Eventualität getvachsen zu sein, und werde ihre Pflicht tun, wenn sie angegriffen werde. An der Jrakgrenze herrscht Ruhe. 3wWeu Mekka und Djedda. Djedda». 13. Oktober. (Reuter.) Die Wahabiteu, die auf Mekka vorrücken, haben eine Stellung quer über der Straße, welche Mekka mit DjeLda verbindet, bezogen und behindern so den Verkehr und die Verproviantierung der Stadt. Aegypten gegen die Hrdschas-Leute. London, 14. Oktober. -Das Rvutersche Bureau meldet aus Aöiro: Die Regierung hat dm Hsdschas-Lmten mit Mcksicht auf die gegenwärtigen Umsbrnde verboten, in Aegypten ans Land zu gehen. Ler BSrgeMeg in W»a. LondM, 14. Oktober. (Del.-Komp.) Nach einer Metldung ans S ch a n g h a i sind die Kiangfutruppen vom Süden her 11 Kilometer an die Stadt herangerückt Die europäische» Freiwilligen si nd m o b i l i sie r t worden. Aus Ranton werben blutige Zusammenstöße gemeldet, in deren Verlauf 15 Manifestanten g e t.ö t e t und eine bedeutende Anzahl verletzt wurden. Die Läden sind geschloffen «nd verriegelt worden. Nach einer Meldung'ans T i e n t s in ist Wu-Pssi-Fn zur Uebernahme der Leitung der militärischen Operationen, mt die Front abtzereist. . Me Radikale» gegen Savidavik. Vor einem Regierungswechsel in Jugoslawien? Belgrad, 14. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeiiung".) An der gestrigen Parteikonferenz der radikalen Abgeordneten, die unter dem Vorsitz des gewesenen Ministerpräsidenten Paste stattfand, wurde auf dessen Antrag der Beschluß gefaßt, daß die radikale Partei alle Verhandlungen über ihre' Teilnahme an der ( Negierung ablehnen werde, solange die Regierung D a v i d o° v i c im Amt sei. « Nach diesem Beschluß der radikalen Partei gilt die Lage deS Kabinetts Davidovic als unhaltbar. Wiener Mornenzeitlmg. -_15. Oktober 1924 „ Nri ÄW Geleitet von dem Bestreben, unsere altehrwiirdige Gemeind« zu erhalten und immer tveiter ausMaueu, haben sich die versimgtenMischen Parftiest ientschloM, ^Wttjeinsaftr'"' in die WahlbeHHnng einzüireteM >' ii r . . Diese Parteietk haben in der letzten RaudatSptzriyde den klaren Beweis erbracht, wie viel ihnen an der ftrhaltnM einer einheitlichen Kultusgemeinde gelegen ist. Aus dieW Grunde hat sich der letzte Vorstand naAwücklich der Sanierung der durch die wirtschaftlichen Nachkriegsverhältnisse zerrütteten Finanzen unserer Gemeinde gewidmet. Die vereinigten jüdischen Parteien treten Mich jetzt in die Wahl ein vüter der Devise „Erhaltung der Gemeinde" als der einzige« Stelle, die in der Lage ist, all« religiösen, kulturellen sowie sonstigen Aufgaben der jüdischen Bevölkerung in ihrem Bereich« zu rrMen und an allen Aktionen der Gesamtfudenheitmklzutvirren, daher auch an dem Wiederaufbau Palästinas.!3>lc vereinigten jüdischen Parteien werden sich stets bemühen,■ daß die KickLusgemeinde als Repräsentantin der jüdischen Bevölkerung für die Wahrung der staatSgrundgesetzlich gewährleisteielt Vellen Vleichberechti« gnug eintreten soll. In religöser Beziehung werden sich die vereinigten jMscheu Parteien im künftigen Kultusvorstande dafür einsehen, daß die Gemeiikd« die religiöse« Jnstitniivnen fördern und die Freiheit der in ihr vorhandenen religiöse« Richtungen bei Festhalten an der hebräischen Sprache in der Liturgie und Erhaltnng der Gemeindeeinheit wahren soll. Ferner soll der zukünftig« Kultusvorstand für die FSrdemng der Erziehung unserer Jugend sorgen und dafür eintreten, daß sie mit jüdischem Geiste und Gemeiuschasisbeimrtztfein erfüllt werde, damit sie tatkräftig an allen Ausgaben deS Judentums Mitarbeiten könne. Wir werden daher für dir Reform des Religionsunterrichtes, Errichtung jüdischer Kindergärten, Talmud-Thora-Schulen und Lehrerbildungsanstalten sowie für die Heranziehung eines geeigneten jüdischen Lehrkörpers eintreten und jene Privatschulen fordern, welche der jüdischen Erziehung dienen. Den» abtretvnden Kultusvorstande ist es gelungen, rin« Reih« '.nichtiger Institutionen zur Linderung der sozialen Not (lvie Jugendsiirsorgeamt. Zentralstelle für jüdisch« Wohlfahrtspflege) zu schassen. Die vereinigten jüdischen Parteien werden sich bestreben, die bestehende» Tätigkeitsgebiete und Institutionen.! wie Spitäler, Versorgung--, Waisenhäuser usw., sorgfältig zu pflegen und die soziale Hilfsarbeit werktätig zu fördern. . Um dieses Programm realisiere» zu können, werden sie sich vor allem bemühen, das von ihren bisherig«,: Vertretern in der Kuliusstube eingeleitete Sanierungswerk sortzusetzen «nd die finanzielle Grundlage für die Fortführung der Geschäfte nuferer Gemeinde sichrrzustellen. Den Tempelvereinen, die der Knltusgcmriirde einen Teil der Obsorge für die religiösen Bedürfnisse der Gemelndemit, glieder abnehmen, muß die tunlichste Förderung des Kultus- Vorstandes zuteil werden. Di« vereinigten jüdischen Parteien werden für die größte Sparsamkeit in der Gebarung der Gemeind« eintreten, damit die Geniel,ldemitglieder nur in denk ««umgänglich notwendigen AnSmaße und auf gerechter Basis zur Kultus - stenerleistung herangezogen werden. Sie werden für eine würdig« Ausgestaltuug des Gottesdienstes nnd des Friedhofwesens Sorge tragen. Si« wollen, daß die KnltuSgemsind« ln Fragen der Wohltätigkeit jene des jüdischen Herzens würdige Stellung wieder einnehme, die ihr als einer der erste« und älteste,, jüdischen Gemeinde der Welt gebührt und die sie durch vielt Jahrhuuderte mne hatte. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Folget daher dem Ruse der vereinigten jüdischen Parteien, schließt euch zusammen nnd vereinigt eure Stimme auf ihr« Liste; keine einzig« jüdische Stimme darf verloren gehen; ihr Mmpst für de« Bestand eurer Gemeinde und für eine bessere Zukunft. Wählet daher am h. November die Lifte der vereinigten jiidifchen Parteien. Re Juden und der BSllerbvnd. Unter Äisser Devise fand gestern em Massenm-c etiNH i.u denOlYMpnasä!le« in der RckhMse statt. Der Saal 4var bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und die R-edner, inÄbesonvere Oberra'bMer Dr. Ehajes, wuoden -lebhaft aAlanriert. In seiner Emleitu-ngsvede führte Prästzdent der jüdischen VMerbivMVa, Oberrabbiner Dr. E h ä j e s,. Ms, daß Vas BevhäAn'is der Juden zuin VoKe^buird vorläufig ein rein platcmLsches sei, «da st« bis jetzt viessm fast alle Kiulturna-dtonen umfassenden - Bwnde - noch mcht augehören, obwohl die Beschissenheit des Iudmdu'tns sie >daZn berechtivgew wü'vde.- Die Juden -sind ein inberterritoriales Vovk und «gehen setzt -dara-u, sich ein StMGwesen streng na ch der,- Ideen des BWerbundes EfWbauen. Fragen «wir 4vu.n, tvarum die Juden dem Völkerbünde noch wicht angchören, so Mssen als Antwort daraarf gelben, daß nicht die / Juden für -.den' Böllevbund unreif find, fonrdern daß der Völkerbund noch nicht reif ist, die Juden bei fidj aufMnahnwn. Der Völkerbund, dessen Gedanke jetzt in reale WiMchbeit mugesetzt -wurde, muß mmk-er, wemr er fern« Ziele erreichen will, Kompromisse schließen. Es ist für die Juden und für den Völkerbund gut, daß ein Teil der zivttiftevterr Welt -noch draußen chleiibt, de-r bereit ist, in den -Fragen dex PrmMvsten Menschenrechte keine Kornpromisse zu schließen. Wir Juden sind ein Volk, das von dem Volkevbmch nicht nur aWeEicklichen Nutzen und Befriedig-ungunserer Interessen verlangt. Die Juden gehören nicht dem Bölöerlbunde, sondern nur eim«* rnterncttiomalen Liga an, die vorderhand noch gcvr keine Macht besitzt, also auch keine Kmnpvomisie Ar schließen brMcht. In gewissen Fragen gibt es auch keine Kvmpromisss, so z. B. in der Frage des Krieges. Ebenso steht es mit der Frage des Numerus clausus. In der Frage der EinschrLnkmrg der Wduugsmöglichkeil eines Volkes gibt es kein Kompromiß. Die Juden sind vielleicht schon ettvas A spät irr diese Völkerbundliga erngetreten Md so mußten sie es sich gefallen lassen, daß gerade in der Frage des Numerus clausus ein Kompromiß geschlossen wurde. Wir sollen glücklich sein, schloß Obermbbiner Dr. Chajes, daß Ihme noch nicht dem Völkerbund angehören, sondern nur der Völkerbundliga, die keine tatsächliche Macht besitzt, weil wir -dort ungehindert an der Verwirklichung unserer Ideale arbeiten können. - .Der -Hauptredner des Abends, Herr M.-Z. A b e rfo-hn, der Vertreter der jüdischen Delegation beim Völkerbund in Genf, besprach die Wirksamkeit des- BAkeribu>ndes. Er führte aus, daß es für jeden em Eck geümsen sei, an der letzten Session des Völkerbundes in Genf teitzunehnren, um zn sehen, welche ungeheure Fortschritte diese Friedens-inMution macht, die letzten. Endes, doch eine Emanation jüdischen Geistes unter den unsäglichen Schmerzen des Weltkrieges geboren. In ideeller Md materieller Hinsicht 'haben die Juden am Ausbau des Völkerbundes gearbeitet und ihr trägisches Schicksal ist es, jetzt nicht an der Tafel des VÄkerbundes sitzen zu dürfen. Redner mißt die Schuld daran einzig und allem dem Umstande zu, daß das Iudeniünr kein souveränes Volk ist. Natt'arrf dem Wege der Sonverän'M über fein eigenes Land könne das Irl-dentum Gleichberechtigung im Rate der Völker erlangen. Herr Abevsohn schilderte sodann das Vorgehen des Wlkorbu,ndes in der Frage des Minovitätenschutzes, der wohl durch verschiedene Gamntievertväge und Mesolutionen von allen Mächten anerkrMt sei; dennoch versuchen es viele Staaten, -durch engherzige tzluslegung^ auf adminiftrativem Wege die Beftümnmngen des Minoritätenschutzes zu. mngehen, worunter gerade die 'Juden am meisten -M leiden haben, ^herr Abersohn schlug eiste große in-ternatiouale Bewegung zur Pro- Pagierung des MnoritäteHchutzes vor, denn -nur so könne eine wi Eiche PaMikation der Welt evsolgen. Die interessanten Darlegu-ngen, sciwohl des Oberrabbiners Dr. Ehajes als auch des Herm Tbersohn wurden mit lebhaftem Beifall aufgenolnlnen!. Wegen der vorgerückten Stunde konnte Dr. Margulies seinen Bericht über die Mlkevbundtagmrg in Lyon Mcht mehr erstatten und wird dies in der nächsten Versammlung lw-'bhvlen. 8I«e neue Uoaferenz der »achfolgestaatev: Ende dieses Jahres in Rom. Rom, 18. Oktober. Die „Agenzia di Roma" kündigt ao, daß die neue Konferenz der Nachfolgestaaten, welche über Vorschlag Italiens gegen Ende dieses Jahres in Rom stattsinden wird, die technischen, juristischen, finanziellen und VerwalluttgSangelegenheiten behandeln wird, die a u ß e rh a l b der c r ft c « Rom-Konferenz geblieben sind. Eine jugoslawisch-rumönWe Militiirkonventkon. Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad» 14. Oktober. Die Negierung unterschrieb heut« eine Militarkonvention mit Rumänien. Sie ««Mische MvM» verMt das Parlament. Als Demonstratio« gegen die Geschästsordmrngsrefornl. Wgendiewst vor „Wiener MorgsuzeiidMg".) Budapest» 14. Oktober. In der heutigen Sitzung bet Nationalversammlung verteidigte I ustiz minister Pesthv das „Ansehen" der unabhängigen Gerichte gegen die letzten Angriffe und erklärte, er müsse jeden Angriff auf diese „e h rb a r e" nnd „verdiente" Körperschaft zurückweisen. Nunmehr sollte die Wahl einer Ausschusses zur Vorbereitung der GeschaftSordnungsrevi/ion vorgenommen werden; dazu ergriffeir jedoch die Abgeorduetrn Vinzenz N a g y (Koffuth-Partei), Stefan Farkas und P r o p p e r (Sozialdemokratmj ba8 Wort, um gegen jede Geschäftsordnungsreform zu Protest i e r e n. Abgeordneter P r o p p e r kündigte deir schärfsten Kampf gegen die geplante Reform an. Hierauf verließ die gesamte Opposition den S a a l, um erst n a ch d e r W a h l des Geschäftso r d n u n g S a u s s ch n s s e s in den Saal z n r ü ck z ukehren. Sodann wurde die Generaldebatte über die N e nr e g e l u n g der h 4 u p t st ä d t i s ch e n G e m e i n b evertretung fortgesetzt.